Der Schatten der Nähe
Roman
von
Markus Vinzent
Anika-Zyklus Band 5
Part I
Wieder zu spät
23. November 2024.
Wären da nicht die ersten beiden Verspätungen gewesen, hätte Veronica weder das Boarding in Washington noch den knappen Anschlussflug in New York geschafft, und auch nicht den Weg durch den Irrgarten Frankfurter Flughafen. Schließlich lief sie doch in das Unvermeidliche: das geschlossene Gate ihres Flugs nach München. Es wunderte sie nicht. In letzter Zeit schien ihr Leben nur zwei Tempi zu kennen: zu spät oder zu früh, niemals den richtigen Moment.
Sie hatte schon den Verkehr aus Washington unterschätzt. Selbst mit Ethan, ihrem Mann, am Steuer, der mit stiller Dringlichkeit durch die verstopften Adern der Stadt manövrierte, schien die Fahrt von Beginn an wie ein verlorenes Unterfangen. Ethan lenkte. Sie klammerte sich an den Rückspiegel, als könnte Feeny – wider alles Wissen – noch einmal auftauchen.
Anhalten.
Anfahren.
Wieder anhalten.
Der Tag schleppte sich, als sträube er sich gegen jeden Schritt, der vor ihm lag.
Veronica war schon bereit, aufzugeben und umzukehren, aber Ethan fuhr weiter. Manchmal wusste er eher, was in ihr vorging, bevor sie es sich selbst gestand. Sie hatte ihm erzählt, wie wichtig es ihr war, was sie auf der anderen Seite erwartete, doch er hatte gespürt, dass sie es ebenso fürchtete wie sie es ersehnte: ihre Schwestern und Anika, die Fast-Schwester aus einem Leben, das nun, fünf Jahre seit der letzten Begegnung, wie das einer völlig anderen Person schien.
Auf dem Weg ins Terminal wurde Veronica wieder gegenwärtig, wie die Fahrt begonnen hatte – nicht im Auto. Sie auf ihrem Koffer, wartend, während die Passanten die Straßenseite wechselten, um sie nicht fragen zu müssen. Ethan kam, entgegen ihrer Planung, nicht rechtzeitig. Ein Anruf: sein Chef, eine Cyberattacke, er könne nichts sagen, nur so viel – „Es betrifft auch dich.“ Und sie musste warten. Wie so oft. Es kränkte sie, dort zu sitzen wie ein herrenloses Gepäckstück, abgestellt und vergessen. Und dann dieses beinahe selbstzufriedene Lächeln von Ethan, als auf dem ausgewaschenen Blau des Terminal-Schildes aufleuchtete: „Flug verspätet“.
„Darum kam ich nicht vom Dienst los“, setzte Ethan hinzu. „Ein Alarm an mehreren Flughäfen.“
Trotz der Erklärung trug sie die Kränkung mit sich, auch als sie Ethan zum Abschied am Flughafen umarmte – wortlos, ohne Drama, am Bordstein. Die Flughafenmitarbeiter winkten ihn weiter, gleichgültig.
Bevor sie sich sammeln konnte, war er schon verschwunden.
Sie setzte sich in Bewegung. Mit dem Gefühl, etwas Altes gehe ihr voraus, nicht hinterher.
Dann trat sie durch die Glastüren, die Sicherheitskontrolle, durch das namenlose Gewimmel, bewegte sich und lernte wieder, dass sich Zeit nicht verhandeln ließ.
Das Handy summte.
Neue Zeiten.
Neue Flüge.
Ein neuer Plan.
Vielleicht hatte Ethan doch recht, und sie war nur zu ungeduldig, auch ihm gegenüber. Feeny hätte über diese Pannen gelacht, denn für sie war jede Verspätung nur ein anderes Wort für Schicksal.
Veronica schrieb ihren Schwestern. Valerie antwortete binnen Sekunden: Wir warten. Wir haben immer gewartet. Warten hatte inzwischen einen anderen Klang – weniger Hoffnung, mehr Lücke.
Vor dem Café Jasmin standen Valerie und Anika. In Gelb und Violett – Farben, die gegen die graue Straße rebellierten. Feenys letzter Wunsch: kein Schwarz. Keine Trauer ohne Farbe. Ein kleiner Akt des Widerstands, wie Feeny ihn verlangt hätte.
Hier, in München, lebte Feenys Name weiter – eingenäht in Seide, eingewebt in Wolle, hineingeflüstert in die Nähte von jungen Frauen, die einst in ihrem Atelier an Werkbänken Entwürfe umsetzten, während Feeny sich an dem begeisterte, was unter ihren Händen entstand. Die alten Fotografien hingen noch immer in der Werkstatt: Feenys letzte Schau, ihre letzten Models, ihre letzte, kühne, unvollendete Vision. Und daneben ein Aquarell von Hulda Mannheimer: jüdische Immigrantin, eingewanderte Bildhauerin und Galeristin, verschwommen und leuchtend, ein Porträt von Durchhaltekraft, Verlust und Leben, das sich dennoch behauptete.
Feenys Ikone für Anika.
Für Anika war all das weniger Erinnerung als ein fortgesetztes Nachhallen von Feenys Ausstrahlung – über die Zeit hinaus.
Als Valerie Anika sah, wusste sie sofort, dass fünf Jahre nur wie eine dünne Oberfläche wirkten. Darunter schien alles verwobener, vager, auch größer. Anika verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen, als müsste sie sich gegen die Erinnerungen erden. Fünf Jahre seit Feenys Tod – fünf Jahre des Versuchs und Scheiterns, den Raum zu füllen, den Feeny hinterlassen hatte. Nicht einmal Valerie neben ihr mochte sie von diesem Verlust befreien.
Die Tage hatte sie nicht gezählt. Sie wehrte sich zunächst dagegen, Jahrestage zu notieren, merkte sich nicht die unzähligen Besuche an Feenys Grab – erst jede Woche, dann jeden Monat, später an Weggabelungen des Lebens, wenn Entscheidungen anstanden und die Abwesenheit zu schwer zu tragen war. Die Zahl „fünf“ bedeutete nichts. Zeit veränderte nichts Wesentliches, sie hatte es noch nie. Dieser Verlust schrieb eine eigene Chronologie, jenseits jeder Kalenderlogik. Er ließ nicht nach; er veränderte nur die Orte, an denen er schmerzte, kroch tiefer in den Körper und durch diesen in ihr Inneres, suchte sich neue Hohlräume, bohrte tiefer als sie es ertragen konnte.
Feeny gehörte zu ihrer Lebensgeschichte, die Zeit davor ohne sie war, wie wenn sie selbst nicht gewesen wäre. Fast vierzig Jahre, seit sie sich getroffen hatten; zwei Fremde, die dieselben Fotos bei einer Ausstellung, Night Shadows, betrachten wollten. Sie war dreißig, Feeny kaum zweiundzwanzig – brillant, stürmisch. An jenem Abend hatte Feeny sie angesehen, als wüsste sie schon, dass aus einer flüchtigen Begegnung ganze Leben wachsen würden. Feeny verlangte keine Versprechen, sie verlangte Wirkung, Präsenz, Intensität.
Die Glasscheibe des Cafés, durch die Anika in den Innenraum sah, konfrontierte sie mit ihrem und Valeries Spiegelbild. Es schien ihr fremd.
Drinnen klingelte eine kleine Glocke. Das Leben ging weiter. Immer weiter. Auch gegen den Willen derer, die es bewegte. In ihm gibt es kein freiwilliges Zurück.
Anika legte die Hand an die Scheibe, die Kälte erreichte ihre Haut. Sie flüsterte den geheimen Wunsch, dem sie sich nicht enthalten konnte: Feeny bleib. Bleib bei mir. Valerie schien ihre Gedanken zu lesen, fuhr mit der Hand sanft durch ihre Haare.
Feeny war gegangen. Am Abend ihrer Beerdigung auf dem Münchner Waldfriedhof hatte sich der engere Freundeskreis der Verstorbenen im Haus von René, ihrem Mann, zusammengefunden. Unter den Anwesenden waren Valerie und ihre beiden Schwestern, Veronica und Victoria. René hatte auf ihren Wunsch hin reichlich Prosecco, einen Châteauneuf-du-Pape und eine ordentliche Auswahl von Whiskys für die englischen Freundinnen besorgt.
Der Abend entwickelte sich zu einer denkwürdigen Nacht, ganz im Sinn von Feeny. Korken knallten, Whisky wanderte von Hand zu Hand, Feeny lebte in lustigen und peinlichen Geschichten auf.
Das Gedenktreffen sollte Feenys Gegenwart wachrufen und zugleich die Freundschaft zwischen Anika und den Drillingen, vor allem Valerie, fortführen. Immer noch Anikas zaghafter Versuch, Zukunft zu bauen. Stillstand war keine Option. Die Vergangenheit kam sowieso. Stieg manchmal auf wie eine wilde Welle, riss sie um – beim Einkaufen, beim Wäschefalten, beim stillen Teetrinken. Sie hatte so viele Jahre gegen die falschen Uhren ihres Lebens angekämpft. Die Trauer kannte keine Uhr.
Der Novemberwind biss ihr in die Wangen.
Morgen, am 24., würde sich der Tag jähren, an dem sie Feeny verabschiedet hatten. Doch Feeny hatte sich noch enger um Anikas Rippen geschlungen, war in eine ihrer Herzkammern gekrochen. Dort schlug sie mit ihr. Manchmal auch gegen sie.
Die frühen Tage der Trauer waren brutal gewesen. Eine Brutalität, die sie bis auf die Haut freilegte, die jede beiläufige Grausamkeit und jede versehentliche Freundlichkeit unerträglich machte. Anika hatte in derselben Zeit auch ihren langjährigen Partner verloren – zwei Abschiede, die sie nicht gewählt hatte, doppelt entwurzelt, doppelt einsam.
Feeny hatte ihren Kampf gekämpft. Doch die Zurückgebliebenen mussten weiterstolpern – über unsichtbare Steine, durch dunkle Wälder, in dichte Schattenlandschaften ohne Weg. Aus Trauer klettert niemand heraus; man sinkt in sie hinein, vielleicht hindurch. Wenn man nicht kämpft, und selbst dann… es war ein inneres Fallen, ohne Ausweg in Sicht.
Zuerst kroch Anika. Später lernte sie: Der einzige Weg war mitten durch. Sie musste das Ungeheuer direkt ansehen. Sie musste sich entscheiden zu leben – nicht trotz der Vergangenheit, sondern wegen ihr.
Sie blickte in die Auslage des Cafés, in das sich am düsteren Morgen wild bewegende Strauchwerk. Dahinter tauchte der dunkle Rand des Münchner Waldes auf. Wie sie damals mit Valerie dagestanden hatte. Stille. Schweigen. Valerie hatte den Arm um sie gelegt, Feeny war zwischen ihnen. Die sie trennte und verband. Frauen, die miteinander rangen, sich nicht gehen lassen wollten.
Über dreißig Jahre waren seit Cambridge vergangen, seit jenem Tag, an dem die Drillinge in Anikas Leben gestürmt waren: golden, chaotisch, unzertrennlich.
Auch an diesem Morgen – hier, in München.

2. Victoria und Veronica in München
Aus dem Morgengrau trat eine große, blonde Dame, den Mantel halb offen. Ein verhaltenes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie Anika und ihre Schwester Valerie sah. Anika tippte auf Veronica, wurde aber gleich korrigiert.
„Nein, ich bin Victoria, Veronica hängt noch in Frankfurt.“
Anika schämte sich über die alte Verwechslung.
„Ein ehrenwerter Versuch – aber du weißt, ich bin Veronica noch ähnlicher als Valerie.“
Anika schaute erleichtert.
„Ihr habt auf mich gewartet?“
„Ja. Gut, dass du schon da bist.“ Anika deutete auf den Tisch am Fenster. „Seit ich das Café kenne, ist es morgens voll. Aber heute haben wir Glück.“
Sie traten in das Café, und Anika sah nochmals kurz ihr Spiegelbild; immer noch verschwommen, allerdings weicher an den Rändern. Valerie küsste sie auf die Wange.
Sie setzten sich an einen der winzigen Tische.
Tee dampfte, Kaffee wurde gebracht.
Erst Sekunden Stille.
Die Bestellung wurde aufgenommen.
Lachs und Avocado mit Chili. Eggs Benedict. Ein exotisches Rührei im Bananenblatt.
„Auch Feeny hätte das gemocht“, meinte Valerie. „Sie hätte das Schärfste genommen.“
„Ganz sicher.“ Victoria hob die Augenbrauen. Sie lachten, und es war, als säße Feeny wieder bei ihnen. Es war dieser winzige Moment, bevor die Erinnerung sich die Bühne zurückholte.
Das Gespräch glitt zurück nach Cambridge.
„Ihr habt mich am ersten Abend absichtlich scheitern lassen“, erinnerte sich Anika. „Valerie, Victoria, Veronica – drei Namen, und ich war verloren.“
„Natürlich“, lachte Valerie. „Wir haben uns einen Spaß gemacht.“
„Bis Veronica Ethan traf“, warf Victoria ein.
Stille, für einen Moment.
Anika empfand die Spannung und lenkte das Gespräch. „Wie ist es euch seit damals ergangen?“
Valerie rückte ihre Tasse zurecht. „Beruflich? Mehr Verantwortung, weniger Freiheit. 2011 meine Professur im King’s, London, inzwischen Head of School. Viel Administration, aber auch neue Freundschaften. Eleanor – sie leitet Social Science & Politics –, eine scharfe Kritikerin Putins. Ihr Buch über den Widerstand in Russland müsst ihr lesen. Das nächste heißt Defying the White House. Ich ahne schon die Fetzen, die dann wieder fliegen.“
Victoria schüttelte den Kopf. „Du und deine Politik. Aber beeindruckend, was du erreicht hast.“
Anika lächelte, hörte zu – und dann stockte ihre Stimme. „Ich habe es schon angedeutet: Kurz vor Feenys Tod zerbrach meine Beziehung. Lang. Vertraut. Und trotzdem brüchig wie schlecht gefrorenes Eis…“. Sie strich über den Rand ihrer Tasse. „Er war narzisstisch veranlagt – gefährlich narzisstisch. Katholischer Geistlicher. Ich wollte es nicht sehen. Blind für die blinkenden Warnlichter, die immer häufiger standen.“
Valerie runzelte die Stirn. „Und du hast ihm wirklich vertraut?“
„Wie ich meinem Mann David“, gab Victoria klein bei.
„Bis zuletzt. Selbst nach seiner Verurteilung. Ich redete mir ein, es sei ein Missverständnis. Bis René mir erzählte, was geschah.“
Valerie legte die Hand an den Mund: „Unfassbar.“
„Das war der Bruch.“ Anika sah ins Nichts. „Einen Tag später starb Feeny. Alles kam zusammen.“
Victoria atmete tief: „Wie hast du das überstanden?“
„Mit Mühe. Eine Freundin nahm mich auf. René bot Hilfe, aber ich wollte ihn nicht belasten. Schließlich zog ich weg – nach Teneriffa.“
„Teneriffa?“ Valerie hob die Augenbrauen.
„Ja. Zufall – und doch nicht. Ich hatte dort Tage mit Feeny verbracht. Erinnerungen, aber andere als in München. Hier hielt ich es nicht aus. Es war wie Spießrutenlauf. An jeder Ecke sah ich entweder Anima oder Femme fatale, und wenn ich in die U-Bahn stieg, meinte ich, Feeny erkennen zu können. Ich beschloss, München zu verlassen, gab meine Stelle auf und zog weit, weit weg.“
Sie schwiegen kurz. Dann fragte Valerie: „Und deine Arbeit?“
„Sie hat mich gehalten. Erst kleine Schritte – Tagebücher, Nachlässe. Später Bücher über Kunstaustausch, Queer-Kunst, Black Art in Großbritannien. Ich wollte eine andere Geschichte Europas schreiben, eine weibliche.“
Valerie nickte langsam. „Oh nein – zwei Menschen zugleich verlieren …“.
„Verlieren – und im Verlust sich selbst verlieren“, sagte Anika leise.
Victoria legte die Hand auf Anikas Arm. „Das klingt nicht nach Lamentieren. Eher nach Überleben.“
„Ja und nein. Je nach Tag und Stunde.“ Anika schaute auf: „Wie du sagtest – nicht lamentieren, ich bin bis hierher gekommen. Lasst uns auf unsere Freundschaft anstoßen!“
Die Türglocke schlug. Veronica trat ein, Koffer im Schlepptau, erschöpft, aber lachend.
„Hi – ihr seid schon gut drauf!“
„Warten ja schon eine Weile“, meinte Valerie.
„Ich dachte, wir kommen zu einem Trauergedächtnis.“
„Nicht nur“, entgegnete Victoria. „Feeny hätte Prosecco bestellt. Nicht Wasser.“
„Dann auch für mich einen Prosecco!“, rief Veronica der Bedienung zu und bewies, dass sie ihr Deutsch nicht verlernt hatte.
Die perlenden Gläser klangen aneinander. Sie riefen eine Zeit auf, in der sie zwanzig waren.
„Wisst ihr noch – der Mayball von St. John’s?“, warf Valerie ein.
Ein breites Schmunzeln ging über die Lippen aller am Tisch im Münchner Café.
„Der nigerianische Stripper, den Feeny ein-...“
„und ausgekleidet hat!“
„Sie war natürlich die Erste, die auf den Tisch stieg.“
„Ihr hättet sie als junge Studentin kennenlernen müssen“, fügte Anika hinzu.
„Wir mussten auf euch reichlich naiv gewirkt haben.“
Während die Drillinge ihre Erinnerungen austauschten, glitt Anikas Blick hinaus auf die Straße, ein wenig verlegen. Ein Lieferwagen hupte, jemand balancierte ein Tablett Croissants ins Café. Sie sah das alte Pflaster von Cambridge vor sich, das Grün der College-Höfe, und es war, als hätten sich die Jahrzehnte überblendet. Die Gegenwart lag über den alten Szenen wie eine hauchdünne Folie.
„Wir kommen aus einem englischen Haus, wohlbehütet, unerfahren. Bevor wir von Richmond nach Oxford ins Grundstudium kamen, waren wir noch nie auf eigene Faust mit Bus oder Bahn gefahren, nicht nach Oxford, geschweige denn nach London.“
„Als mich mein Vater später zu einem Bewerbungsgespräch für einen Master-Studienplatz nach London fuhr, brachte er mich mit dem Wagen bis vor die Universität. Er wartete am Steuer, ich weiß nicht, wie lange, jedenfalls, bis das Interview zu Ende war, und fuhr mich sogleich wieder nach Hause.“
„Aber ihr hattet doch eure Bachelor-Jahre in Oxford verbracht.“
„Ein riesiger Sprung: erstmals von zu Hause weg. Binge-Trinken, Partys in den Schlafgemächern des Colleges – als drei Verwechselbare.“
„Und dann Promotion in Cambridge“, sagte Anika.
„Wo Veronica Ethan kennenlernte.“
„Ich vergesse nicht unsere Diskussionen, auch mit Ethan.“
Valerie lachte. „Das empfand ich immer als unsere Stärke. Wir konnten zur Kunst der Antike einer Meinung sein, dann aber ging es heiß her, wenn es ums Heute ging.“
„Wie konntest du Ethan heiraten? Einen Demokraten, Unterstützer von Biden, von Harris? Als Freundin der Frau von Boris Johnson?“
„Lasst das Wortfechten!“, griff Veronica ein, warf die Jacke über die Stuhllehne und gab eine ernste Miene vor. „Erzählt lieber. Was habt ihr in den letzten Jahren getrieben?“
Valerie lachte. „Ich habe eben berichtet: bin befördert worden, habe aber mehr Sitzungen als Seminare.“ Sie zwinkerte.
Victoria schob ihre Tasse zur Seite. „Aber Respekt, Val. Du hast dich durchgesetzt. Mehr, als unser Vater uns je zugetraut hätte.“
Valerie nickte, hatte die Andeutung verstanden, schwieg aber.
Anika rückte sich zurecht. „Ich war dran, als du kamst, Veronica. Auch hier die Kurzfassung: Beziehung in Scherben, nach dem Verlust von Feeny hatte ich München nicht mehr ertragen – und bin nach Teneriffa gezogen. Dort schreibe ich, recherchiere, halte mich an meiner Arbeit fest.“
„Teneriffa?“ Veronica schien überrascht: „Sonne, ja – aber begann dort unten Exil?“
„Beides“, sagte Anika schlicht.
Stille am Tisch. Nach einer Weile stellte Valerie ihr Glas ab. „Es ist verrückt. Wir sitzen hier, und ich denke, gleich platzt Feeny zur Tür herein – laut, ungeduldig, hungrig.“
Anika, ernst. „Sie fehlt mir. Doch dann höre ich ihre Stimme: ,Mehr Mut, weniger Rückzug.‘“
Das Frühstück kam, dampfend und farbenfroh. Sie verstrickten sich erneut in Politik und stichelten sich gegenseitig.
Anika strich über die Tischdecke, als wollte sie eine unsichtbare Falte glätten, bevor sie das Gespräch wieder aufnahm. „Ich habe euch eingeladen, bitte, seid meine Gäste.“
3. Annäherungen
Vom Hotel traten Anika und Valerie hinaus in den kühlen Novemberabend, der über den grauen Tag sank. Der Asphalt glänzte, Wagen warfen flache Wasserfahnen, und die Luft roch nach Laub, Erde, Metall. Sie schwiegen. Doch zwischen ihren Schritten ging etwas mit – formlos, schwer, wach.
Anika sprach von der Münchner Avantgarde: Dada gegen München, München gegen Dada – Sprache gegen Sprache, Sinn gegen Unsinn. Ihre Stimme ruhig, beinahe dozierend, als wolle sie die aufkommende Spannung überblenden. Auf Valerie lastete ein dünner Druck unter dem Brustbein.
An einer Ecke blieb Anika stehen, wies auf eine Gaststätte: „Krambambuli“.
„Valerie – das ist unser Ort. Typisch Münchner Küche.“
Drinnen: junge Gesichter, Weißbier, ein paar ältere Männer im hinteren Eck. Tapete wie gestapeltes Holz.
„Und der Hund an der Wand?“, fragte Valerie.
„Krambambuli. Ein Hund, der sich zwischen zwei Herren zerreißt – und an beiden zugrunde geht.“
Valerie: „Groteskes Symbol für ein Wirtshaus.“
Anika: „Oder für das, was dich längst drängt.“
Valerie sah in den Raum zwischen ihnen. Sollte sie gehen? Anika hatte sie und ihre Schwestern nicht nur zum Gedenktag geladen. Sie wollte offenkundig Nähe. Aber Valerie wusste: Feeny war nicht bloß Freundin gewesen – etwas Tieferes, in das sie selbst nicht hatte vordringen können.
Dann Valerie, leise, präzise: „Ich ringe mit dem Anfang.“
„Wegen deiner Mutter?“
„Nein. Mein Vater sagte, ihr Tod habe ihn nicht aus der Spur geworfen. Darauf habe er sich vorbereiten können. Aber er glaubte: Er fühle sich bedroht.“
Das Wort lag zwischen ihnen, kalt.
„Bedroht? Wie meinst du das?“
„Er sprach von Lebensgefahr. Keine Details. Nur dieses Wort – und ein Blick, den ich nicht verstand.“
Eine kurze Pause.
„Und ein paar Monate später war er tot. Offiziell Herzinfarkt.“
Anika verzog skeptisch den Mund.
„Vital war er – es passte nicht.“ Valerie schüttelte kaum merklich den Kopf. „Ich glaubte trotzdem an die Erklärung. Bis ich in sein Haus kam.“
Sie hielt kurz inne. „Ich hatte den Ersatzschlüssel – wie jede von uns. Der Leichnam war fort, die Räume gespenstig leer. Keine Spur von Unordnung – aber sein Arbeitszimmer. Die Eichenschubladen standen offen – leer. Papiere lagen über den Boden verstreut.“
Die Sätze weckten Verdacht.
Anika: „Ich wäre außer mir gewesen, hätte die Polizei angerufen, das ganze Haus auf den Kopf gestellt.“
„ Ich stand nur da“, entgegnete Valerie. „Dann klingelte es. Die Nachbarin: blass, atemlos, erleichtert, als hätte sie gewartet. ‚Komm. Sofort‘, meinte sie. In ihrer Stube fügte sie noch einen Satz hinzu: ‚Er hat mir etwas anvertraut – für Victoria.‘ Auf dem Dachboden warteten sieben schwere Kisten.“
„Kisten?“, wiederholte Anika – mehr als Echo denn als Frage.
„Sie verschwand und brachte sie nacheinander herunter – bis alle Ungetüme vor mir standen.“
Valerie fuhr sich mit dem Daumen über die Fingerknöchel; auf ihnen lastete Gewicht.
„Ich hätte sie einfach Victoria bringen sollen – aber etwas in mir sperrte sich. Denn die Nachbarin hatte erzählt, mein Vater sei in den letzten Monaten merkwürdig geworden. Etwa eine Woche vor seinem Tod habe er unbedingt in eine der Kisten schauen wollen. Er bat sie, den Raum zu verlassen. Sie habe aber durch den Türspalt geschaut und ein Emblem erkannt: eine Flasche, aus der Wein in ein Glas tropfte, blutroter Wein.“
„Seltsam – aber nicht wirklich gefährlich.“
„Dachte ich auch. Doch das Haus wirkte, als wäre jemand eingebrochen.“
Anika sagte nichts; man hörte nur das Klirren eines Bestecks von einem anderen Tisch.
„Im Auto kam mir der Gedanke: Vielleicht ist mein Vater nicht an einem Herzinfarkt gestorben. Vielleicht war das der zweite Schritt, nicht der erste. Ich brachte Vaters Sachen nach London, in mein Büro am King’s. Dann, am Wochenende, konnte ich hineinschauen.“
Anika regte sich nicht. Es war die Art von Schweigen, die das Gegenüber nicht entlastet, sondern trägt.
„Die erste Kiste: Vorträge, Skizzen, Notizen zu Inschriften. Schwarz-Weiß-Fotos von Grabmälern. Auch die zweite – ähnlich. Da dachte ich schon, ich bilde mir alles ein. Doch dann – die dritte.“
„Was war in der dritten?“
Der Raum schien an dieser Stelle enger zu werden, ohne dass jemand sich bewegte.
„Die dritte bremste mich. Schon beim Öffnen. Zwischen den üblichen Papieren lagen zwei Bündel, eines dunkelrot verschnürt; Confidential, seine Handschrift. Das zweite mit Bast umbunden, darauf nur ein einziger Buchstabe: K. Und das Emblem, von dem die Nachbarin gesprochen hatte. Das war nicht mehr seine Arbeit, sondern der Eintritt in ein fremdes Leben.“
„Du hast sie geöffnet?“
„Zuerst das rote Bündel. Darin Briefe – alle auf diesem geheimnisvollen Papier mit dem typischen Zeichen. Absender: The Disciples. Adresse: King’s College London.“
Der Name wirkte nicht verstaubt, sondern gegenwärtig – als schrieb er weiter.
Anika hielt den Atem an.
„The Disciples?“
„Ein Geheimbund. Jeder kennt den Namen, niemand die aktuellen Mitglieder. Über hundertfünfzig Jahre alt.“
„Und wer gehörte früher dazu?“
„Einige – sehr Berüchtigte sogar.“
„Der einzige Geheimclub, den ich kenne, ist der in Cambridge.“
„Die Apostel – berüchtigter als berühmt“, sagte Valerie, „während des Krieges Doppelagenten unter ihnen, Mathematiker in Bletchley, die Briten und Russen zugleich fütterten. Das nannte man dann wohl ‚intellektuelle Loyalität‘.“
Anika: „Unglaublich. Und so etwas existiert bis heute?“
„Der Club schon. Aber heute gilt er als gezähmt – mehr ein elitärer Debattierzirkel als eine Untergrundbewegung. Trotzdem: Namen tauchen auf, verschwinden wieder. In Cambridge wird geflüstert, in Oxford geprahlt. Hier gibt es den Bullingdon mit Mitgliedern wie Cameron, Johnson – wer weiß, wie viele Pubs sie demoliert haben. Fenster, Lampen, Geschirr – alles zerschlagen. Und am selben Abend bar bezahlt. Gesetz des Clubs.“
„Das klingt nach einer Mischung aus Dekadenz und Machtspiel. Und im King’s?“
„Bei uns in London – die Disciples. Mindestens ebenso undurchsichtig. Und miteinander vernetzt. Die alten Fäden reißen nicht – nur die Farben ändern sich.“
Man musste nicht wissen, wer zog, um zu wissen, dass gezogen wurde.
„Mein Vater war keiner von denen – dachte ich jedenfalls. Aber zu den Disciples muss er gehört haben. Anders lässt sich das Briefpapier nicht erklären.“
Anika schüttelte ungläubig den Kopf.
„Soweit man weiß, sind auch die Disciples inzwischen zu einem Debattierclub mutiert. Seit den 80er-Jahren sollen sogar Frauen Aufnahme gefunden haben, zumal es im King’s nicht nur 12, sondern 70 Mitglieder gibt.“
„Aber nochmals – wie passt eine Geheimgesellschaft zum King’s?“
„Umso weniger, als King’s College London ein von der anglikanischen Kirche gegründetes Anti-College war. Es sollte der 1829 von der Stadt geschaffenen säkularen London University gegenüberstehen.“
„Nun, der Kirche traue ich solche Geheimniskrämerei schon zu.“
„Ja, schon, aber King’s wurde bald Teil gerade dieser London University, um dennoch den konfessionellen und exklusiven Universitäten von Oxford und Cambridge zu trotzen und für progressive Bildungsideen und Frauenförderung zu kämpfen.“
„Und dann eine jahrzehntelange machohafte Institution als Ku-Klux-Klan-Ersatz in seiner Mitte?“
„Du hast natürlich recht – Männer unter sich, wenigstens jahrzehntelang und gewiss mit mehr Konservativen als Progressiven.“
„Leute mit Einfluss?“
„Und wie – undurchsichtig und dubios. In Berufungskommissionen habe ich einmal einen unerwarteten Stimmungsumschwung erlebt, und ein Kandidat wurde entgegen allen Erwartungen berufen. Cambridge, Oxford, London und die Ehemaligen, die Angels, von allen Clubs – dieselbe Handschrift: Macht, Loyalität und unsaubere Fäden. An ihnen kommst du in England nicht vorbei.“
„In dem Land der Demokratie?“
„Tja, ich wurde selbst einmal von einer Historikerin unterstützt – Claudia Capella.“
„Nie gehört.“
„Eine ungewöhnliche Erscheinung. Du hättest nie geglaubt, dass sie Professorin für Frühmoderne war.“
„Du meinst wie diese Fernsehhistorikerinnen?“
„Ja – nur radikaler.“
„Ist das möglich?“
Valerie zog eine Geste durch die Haare. „Strähniges Haar, abgewetzte Kleider, Sandalen. Vor der Kamera – fast kultisch verehrt. Für viele unnahbar. Für mich nicht.“
Valerie lächelte kurz bei der Erinnerung.
„Unsere Supervisionen endeten oft spät in der Nacht – Gespräche, Streit, Gelächter, diese rauschhafte Intensität.“
„Hat sie zu den Apostles gehört?“
„Möglich. Ich weiß es nicht. Aber sie hatte diese Art, plötzlich zu prüfen, wo man wirklich steht.“
„Wie das?“
„Eines Abends blickte sie auf meinen geöffneten Mantelkragen, als hätte sie etwas entdeckt, und fragte trocken: ‚Woher hast du deine Unterwäsche?‘ So direkt war ich nie gefragt worden. Ich nannte den Namen – Feeny.“
„Oh“, machte Anika pikiert.
„Bei unserem nächsten Treffen erschien sie in einem neuen Negligé, schwarz, scharf geschnitten. Unverkennbar Feenys Handschrift. Sie sagte nichts dazu, sie zeigte es einfach. Als Zeichen. Da begriff ich, welche Fäden zwischen ihr, mir und Feeny längst liefen, und warum Feeny bald darauf den Zuschlag für die Kostümausstattung des nächsten Mayball von St. John’s erhielt. Nicht Protektion – Resonanz.“
„So schnell funktionieren die Strippen hinter den Bühnen“, meinte Anika und wollte es immer noch nicht glauben: „Und dein Vater gehörte wirklich zu den Disciples?“
„Offenbar. Und ehrlich gesagt – es beunruhigt mich weniger, dass er dort Mitglied war, als die Briefe selbst.“
„Was stand drin?“
„Lass uns erst noch bestellen – ich brauche einen Drink, bevor ich weitererzähle, zumal es nicht nur dunkel, sondern noch düsterer werden wird.“
„Dann bestelle ich einen Black Ukrainian. Wodka und Kaffeelikör könnten gut zusammen schmecken. Wofür entscheidest du dich?“, fragte Anika.
„Nicht das noch“, gab Valerie zur Antwort und schüttelte den Kopf, „also ich nehme stattdessen einen Dark´ n Stormy – der Spritzer von Limette mit dunklem Rum, Ginger Beer und Krimsekt, das wird mich hoffentlich aufmuntern.“
Tatsächlich wirkte Valerie etwas mitgenommen von ihrer Geschichte, in der sie vom Tod ihres Vaters erzählt hatte und den damit verbundenen Undurchsichtigkeiten bis hin zur Entdeckung und Beschäftigung mit den Funden.
„Die Briefe waren nach Datum geordnet. Der Oberste: nur wenige Tage vor seinem Tod. Unterzeichnet mit Lucius, adressiert an Aurelius – das war der Deckname für Cedric Sinclair, meinen Vater.“
„Und Lucius?“
„Wer dahinter steht, weiß ich nicht. Noch nicht. Lucius schrieb, das Leben von Aurelius sei in Gefahr.“
Anika fuhr auf. „Wie bitte? Eine Drohung?“
„Vielleicht. Oder eine Warnung. Jedenfalls drängte er, alle Dokumente außer Haus zu schaffen und sicher verwahren zu lassen.“
„Und dein Vater?“
„Antwortete noch am selben Tag. Die Abschrift davon lag auch bei den Papieren. Er machte von allen Briefen Kopien für sich. Ich erkannte sofort seine Handschrift, auch wenn er mit ‚Aurelius‘ unterschrieb. Die Dokumente seien in Sicherheit. Weiter solle Lucius ihn nicht drängen.“
Doch welches Archiv ist sicher?
Anika legte die Stirn in Falten. „Das klingt alles andere als nach einem natürlichen Tod.“
„Genau deshalb habe ich das ganze Wochenende gesucht, wollte verstehen. Ich las stundenlang. Die Korrespondenz zog sich über Jahre – kein Zweifel: Mein Vater und Lucius verband mehr als Freundschaft.“
„Du meinst…?“
Valerie schwieg. Dann: „Ja. Eine Beziehung. Homosexuell. Heimlich.“
„Und du bist die Einzige, die davon weiß?“
„Jedenfalls hatten wir noch nie das Thema unter uns Schwestern berührt.“ Dann, nach kurzer Pause: „Sie sollen unseren Vater so in Erinnerung behalten, wie sie ihn kannten. Deshalb erzähle ich es nur dir.“
„Und deine Mutter? Wusste sie etwas davon?“
„Ich glaube nicht – vielleicht hätte sie sogar damit umgehen können. Immerhin duldete sie meine Beziehungen. Unsere Familie – ein kompliziertes Geflecht aus Etikette, Schweigen, Rücksichtnahme.“
„Fast unvorstellbar.“
Valerie lächelte schmal. „Du bist direkter. Ich wünschte, ich könnte auch so sein.“
„Dafür hast du gelernt, dich zu benehmen.“
„Stimmt. Nach meiner Trennung von meiner Partnerin kam ich meinem Vater näher. Er verteidigte mich sogar vor meinen Schwestern. Das war neu. Dabei war er der konservativste Mensch, den man sich vorstellen kann, Highchurch Anglikaner eben.“
„Konservativ – und zugleich…“.
„Ja. Leben ist kompliziert. Führt nicht immer geradeaus.“
Sie bestellten eine neue Runde. Der Kellner brachte die Cocktails, bewegte sich, wie wenn er sich vor Krambambuli verneige.
Sie hoben die Gläser, grüßten ebenfalls den hin- und hergerissenen übertreuen Gefährten an der Wand.
„Auf das Leben – und seine Verschlingungen“, sagte Anika.
Ein Schluck später setzte Valerie erneut an. „Obenauf lag ein Zeitungsausschnitt: ‚Die Statue – Experte gegangen!‘“
„Eine Schlagzeile?“
„Ja. Ich erinnerte mich dunkel. Damals hieß es in der Familie, mein Vater habe sich bei einer Expertise geirrt. Eine spätantike Skulptur aus der Nähe von Aquileia hielt er für eine Kopie. Sie wurde aber als Original verkauft – für eine Million. Das kostete ihn seine Gutachtertätigkeit.“
Anika wusste nicht, was antworten.
„Jetzt sehe ich: Es war vielschichtiger. Mein Vater hatte Unterlagen gesammelt, Artikel, Skizzen von Pirro Ligorio, dem Antiquar des Papstes Paul IV. im 16. Jahrhundert. Er wollte beweisen, dass die Basis, die Ligorio fand, ursprünglich nicht zu einer weiblichen, sondern einer männlichen Figur gehörte, weshalb sie Ligorio später zu einer Männerfigur, einem Petrus, ergänzte. Die Gegner meines Vaters widersprachen ihm: Aus Ligorios Skizze gehe klar hervor, es sei ursprünglich eine Frau auf dem Podest gestanden, was weder dem Papst noch meinem Vater gefallen hatte.“
Anika runzelte die Stirn. „Wenn die Gegner deines Vaters recht hätten, wäre der Kirchenlehrer Hippolytus als Frau dargestellt worden?“
„Genau. Nicht nur als Frau – als Frau mit einer nackten Brust, als Amazone! Hippolytus ist natürlich dafür bekannt, Frauen hochzuschätzen – nennt sie sogar ‚Apostel der Apostel‘. Aber stelle dir vor, das Papsttum hätte ein halbnackt weiblich dargestelltes Aushängeschild gehabt.“
Valeries Stimme klang, als spräche sie nicht zu Anika, sondern gegen etwas, das zwischen ihr und ihrem Vater stand.
„Das wäre ein Argument für Frauen in den höchsten Ämtern dieser Institution – Sprengstoff. Kein Wunder, wenn sich Kollegen daran stießen.“
„Manche warfen ihm vor, er habe die Statue absichtlich klein geredet, um sie selbst zu ersteigern. Er bot tatsächlich mit – über einen Mittelsmann. Und behauptete, er habe verhindern wollen, dass sie öffentlich gezeigt würde.“
„Kriminell, vielleicht auch naiv.“
„Oder umgekehrt. Seine Karriere war vorbei, aber weder er noch seine Gegner gaben Ruhe. Er zog Vergleiche mit der Abercius-Inschrift – der sogenannten ‚Königin der christlichen Inschriften‘. Beides, Hippolytus und Abercius, seien die frühesten monumentalen Zeugnisse des Christentums. Und sie erklärten einander. Immer nur Männer.“
„Das klingt fast so, als hätte er gegen eine ganze Front gekämpft, Kunsthistorikerinnen, kirchliche Autoritäten und deren Kritiker, Auktionshäuser, Investoren.“
„Hat er. Und vielleicht hat ihn einer dieser Kämpfe am Ende das Leben gekostet.“
Was immer dahinterstand – er hatte nicht klein beigegeben.
Anika hob ihr Glas. „Dann trinken wir auf seinen Mut – und auf deine Kraft, das alles zu ertragen.“
Valerie nickte. „Und darauf, dass ich eines Tages verstehe, was wirklich geschehen ist.“
Nach Essen und Aussprache gingen sie schweigend, Seite an Seite, die Hände verschränkt, durch die nächtliche Stadt. „Sollen wir ins Hotel”, fragte Anika, „oder darf ich dich noch zu einem Digestif in eine ganz besondere Bar einladen, die mit Feeny zu tun hat?”
Valerie nahm sie an sich, drückte sie verhalten.
Nach ein paar weiteren Schritten wies Anika auf eine gegenübergelegene Anzeige: The Silver Bar.
Sie traten ein und steuerten auf eine der freien Sitzgruppen zu. Valerie war überwältigt von dem Eindruck und der eleganten Atmosphäre. München überraschte sie erneut: kultiviert, nobel – und, nach einem Blick auf die Getränkeliste, günstiger als sie es aus England gewohnt war. Sie lehnte sich in einen dunklen Ledersessel zurück.
„Gefällt es dir hier? Man kann bis tief in die Nacht bleiben. Offiziell ist um zwei Schluss, doch das heißt nur: Türen zu, keine neuen mehr rein. Rausgeworfen wurde ich hier noch nie.“
Valerie lächelte mit einem leicht kritischen Zug. „Und das nennt sich The Silver Bar, obwohl innen alles Schwarz und Gold glänzt?“
„Genau das ist der Witz am Konzept. Die Uniformen stammen von Feeny – schwarz mit goldenen Knöpfen, gefertigt in ihrer Werkstatt. An den Wänden hängen Bilder, die sie mit dem Kunstfotografen Chris Gartland erarbeitet hat. Es gibt ein Büchlein dazu, käuflich an der Bar, genauso wie ein Cocktailbuch mit den Drinks von hier. Jede Kreation mit Blattgold.“
„Wie nah ihr euch in euren Vorstellungen standet, Feeny und du. Erst hier wird mir das deutlich.“
Anika wagte es, näher an sie zu rücken, legte den Arm um Valeries Schulter. „Haben wir je über unsere Nähe gesprochen?“
„Nicht wirklich.“ Valerie sah sie direkt an.
„Darf ich dich fragen? Wie geht es dir mit der Trennung von deiner Partnerin?“, fragte Anika vorsichtig.
„Bestellen wir erst. Ich nehme einen Angel’s Kiss.“
„Dann wage ich den Knickerbocker. Klingt abenteuerlich – aber passt.“
„Was für eine Retrobar“, meinte Valerie, „in der man Cocktails findet, die, wie die Karte schreibt, im Jahr 1923 kreiert wurden!“
„Lass uns probieren, bevor wir urteilen.“
Die Drinks kamen, bunt und funkelnd. Sie stießen an.
Valerie hob ihr Glas gegen das Licht, das Blattgold glühte darin.
„Zehn Jahre war ich mit Elaine zusammen. Dann ging sie – ohne Gespräch, ohne Erklärung.“
„Wie das? Hat sie eure Beziehung als einseitig empfunden?“
„Mag sein. Ich hatte nicht bemerkt, dass sie sich eine Partnerin wünschte, die verfügbar war, wenn sie sie brauchte. Hier musste ich fehlen. Ich kann Partnerschaft nicht auf Abruf leben. Ich will mein Leben selbst gestalten können, bevor ich Ansprüche stelle oder einlöse.“
„Aber bist du da nicht zu streng? Ist es nicht schön, wenn deine Partnerin dir zeigt, dass du ihr etwas ganz Wesentliches gibst?“
„Natürlich. Wir versuchten es. Wenn sie vom Flugplatz kam, hatte ich die Wohnung gerichtet, den Tisch gedeckt. Auf der Treppe von der Haustür zum Wohnzimmer stellte ich Teekerzen auf – jede Kerze auf einer kleinen Karte mit einem Gruß oder einer Frage zu ihrer Reise, auch einer Andeutung von Intimität. Ich hatte fein gekocht.“
„Du Romantikerin!“
„Als die Tür aufging, beachtete sie nichts davon. Ignorierte Kerzen und Karten. Ging in unser Schlafzimmer, packte ihre Kleider, und wenige Minuten später – ich dachte, sie sei im Bad – stand sie an der Tür, schloss sie hinter sich. Und war verschwunden.“
„Du hattest keine Chance, mit ihr zu reden? Nicht damals, nicht später?“
„Nein. Sie blockte mich auf allen Kanälen. Ging – und war gegangen.“
„Das hast du verwunden?“
„Nur schwer. Aber ich begriff: Nicht nur sie hatte entschieden. Auch ich. Meine Unfähigkeit, mich wirklich zu binden. Doch mein Wert hängt nicht vom Du ab. Heute mit dir spüre ich etwas anderes. Kein Ziehen, keinen Druck – eher ein stilles Brennen.“
Sie schwieg, begann nach einer Pause nochmals: „Wenn ich ihr morgen zufällig auf der Straße begegnen würde, hätte ich zwar Fragen an sie, aber ich würde ihr den Abschied nicht verübeln. Ja, verletzt und gekränkt war ich, ich ärgerte mich auch – aber nicht minder über mich als über sie.“
Anika stellte ihren Cocktail auf den Tisch zurück. Die Kellnerinnen hielten respektvolle Distanz, die Nachbartische waren weit genug entfernt. Sie griff nach Valeries Hand, strich über die von Erfahrung und Zeit gezeichneten Furchen, die Knorpel und die zarten Stellen, tastete sich hin zu ihren Fingern, ihnen entlang zu ihren feinen Kuppen, grub sich zwischen ihre Finger ein, verschränkte sie mit den ihren. Ein Beben durchfuhr sie. Valerie stellte ihr Glas ebenfalls ab, rückte näher, öffnete, ohne den Blick abzuwenden, die zitronenfarbenen Knöpfe von Anikas Bluse, berührte ihre Haut, sah sie an und lächelte. Ihre Lippen fanden sich.
Am Morgen lagen sie noch eng aneinander. Valerie hatte Anikas Hand in der Nacht auf ihrer Brust behalten. Näher waren sie sich nicht gekommen, auch wenn Valerie bereit dafür gewesen wäre. Aber sie hatte Anikas Zurückhaltung gespürt, wollte nicht drängen und war einfach glücklich, ihre Wärme und Nähe zu spüren.
„Noch ein bisschen liegen?“, fragte Anika sanft.
„Schön, dass du fragst. Ich muss mich erst daran gewöhnen.“
„Gewöhnen? Kein Privileg – nur eine Ausnahme.“
Anika lachte leise, schmiegte sich an sie.
Unter der Dusche sang sie zum ersten Mal seit Jahren: „She may be the song that summer sings … A trace of pleasure or regret …“.
Während das Wasser über ihr Haar rann, flüsterte sie: „Feeny, was gäbe ich, wenn du hier sein könntest und ich mit dir teilen könnte, was ich gerade erlebe.“
Sie fragte sich, ob es Loyalität war oder Flucht – nur ahnte sie, dass es stärker war als sie.
Nachdem sie sich abgetrocknet und leicht geschminkt hatte, trat sie zurück ins Zimmer – und blieb stehen.
Frühstück auf dem Tablett. Weißwürste, Brezeln, Senf.
Und Valerie, splitterfasernackt.
Anika ließ den Bademantel fallen. Das Tablett – vergessen.
5. Zu fünft – Feenys Atem
Am nächsten Tag betraten Anika und die Drillinge den Münchner Waldfriedhof. Licht fiel durch hohe Bäume, braune Eichhörnchen sprangen über den Weg. Ein Ort, an dem Trauer und spielerische Stille ineinanderliefen – Wald mit Gräbern, nicht ein Friedhof mit Bäumen. Valeries Erinnerungen an Feenys Beerdigung waren überschattet von ihrem Abschiedsschmerz.
Nun bewegten sie sich zwischen der Welt pulsierenden Lebens, ausgesetzt den Grabsteinen, die mit weniger Worten als in Geschichten, mit noch weniger als in Gedichten zu sprechen schienen. Still und gesprächslos schritten sie nebeneinander.
In einer Lichtung entdeckten sie das Buchgrab von Michael Ende. Sie hätten die Stelle fast übersehen, wäre da nicht das winzige Häuschen mit den Briefen gewesen. Victoria kniete sich davor und las mühsam die schimmernde Inschrift: von Indicavia aus Endes Legende vom Wegweiser, der zum Tor der Welt der wahren Wunder führen wollte. Anika zeigte auf die kleine Schildkröte mit der Gravur: „Habe keine Angst.“
„Der Spruch erinnert mich an das Grab des kretischen Schriftstellers Nikos Kazantzakis, das ich mit Feeny in Heraklion besucht hatte. Dort steht: ‚Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei‘. Dieser Satz hatte sich mir eingebrannt. Feeny hatte ihn wie ein eigenes Bekenntnis vorgetragen.“
„Hat sie auch Ende gemocht?“, fragte Valerie.
„Ja, sie verband ihn mit Meister Eckhart. Beide hatten das Geheimnis der Zeit zu erforschen versucht“, fügte Anika hinzu.
Victoria beugte sich erneut zum Stein, fuhr mit den Fingern die vermoosten Schriftrillen nach und las im Unterton von Oxfordenglisch: „Noch einmal rappelte er sich vom Boden auf, trat ein paar Schritte vor und fragte: ‚Wer bist du?‘ … ‚Ich‘, antwortete das Licht, ‚bin du und nun komm.‘ Da verbeugte sich Indicavia und trat über die Schwelle.“
„Diese Kraft, das Unsichtbare sichtbar zu machen“, fuhr Anika fort, „teilte Michael Ende mit seinem Vater, dem berühmten Surrealisten. Er erzählte, sein Vater habe seine Werke in einer Dunkelkammer skizziert, mit einem Lichtstift. Erst wenn die Skizze über ihn hinausgegangen war, setzte er sie um in ein Bild.“
„Ein Grab ist kein Schlusspunkt“, meinte Valerie, „eher ein Fragezeichen.“
Sie gingen weiter, vom Alten zum Neuen Friedhof, bis sie vor Feenys Grab standen: ein schlichter Sandstein, das Sterbedatum vor dem Geburtsdatum. Alles beginnt im Jetzt.
Wortlos legten sie Rosen nieder.
„Danke“ – Feenys Lieblingswort – klang in ihnen.
„In ihrer letzten Woche sagte sie: Ich werde mit dir atmen. Jetzt atmen wir zu fünft“, sagte Anika.
Sanft hob und senkte sich ihre Brust mit Nähe und Ferne, ihr Blut pulsierte, das sich wegbewegen musste, um sie tiefer in ihr Herz zurückzuholen.
Abschied? Wie soll man sich trennen von der, die das eigene Leben bewegt?
Nach einer Weile Stille sagte sie: „Ich sehe sie noch, wie sie vom Grab einer Freundin kam, die zwei Jahre vor ihr starb. Mit dem Strauß in der Hand, den sie ihr bringen wollte – und verloren, weil sie im Friedenswald keine Blumen niederlegen durfte. In diesem Moment, sagte sie, habe sie ihre Freundin endgültig verloren.“
Mit einem Seufzer blickte Anika auf die Drillinge. „Wir wären nicht an Feenys Grab, wenn wir nicht auf sie ein Glas Prosecco heben würden“, sagte sie aufmunternd. „Kommt, wir gehen in eine nahegelegene Waldschänke.“
Dort wurden Erinnerungen an Feenys und Renés Hochzeit am Starnberger See lebendig: Holzvertäfelt, Hirschgeweihe, Schwarz-Weiß-Bilder. In der Ecke ein grüner Kachelofen, darunter Buchenholz, das den Raum nach Wald duften ließ. Die Tische waren cremefarben gedeckt.
Doch anders als in dieser traditionellen Stube hatte Feeny bei ihrer Hochzeit mit Tischkunst überrascht: Jedes Gedeck war anders – Messer und Löffel zu kleinen Skulpturen balanciert, Servietten in Dada-Gebilden gefaltet. Feenys Tischkunst: verspielt, avantgardistisch – und gerade deshalb so verblüffend im traditionellen Raum.
Anika schaute auf die Uhr. René hatte zugesagt, in der Waldschänke beim Friedhof zu ihnen zu stoßen. Er kam, schlanker als früher, gelöst. Umarmte die Schwestern, zuletzt Anika.
„Lange nicht gesehen.“
Sie erzählten von Jahren, Arbeit, Politik, vom Krieg, von Verlusten und Neuanfängen.
Anika knapp: „Manchester bekommt dir.“
René lachte: „Spanien dir auch – kein graues Haar in Sicht.“
„Alles Fake“, platzte es aus Anika heraus. „Ohne meine Haarkünstlerin wäre ich weiß wie du.“
„Ein bisschen Retusche im Leben – das gönnen wir uns doch alle.“
Dann nahm er Anika in die Arme. „Wir haben uns lange nicht gesehen“, sagte er ihr leise und wie eine kleine Liebeserklärung ins Ohr.
„Kein Wunder bei dem Programm in deinem und meinem Leben“, fuhr Anika fort.
„Du bist ja auch weit genug von mir weggezogen.“
„Selbst daran schuld“, verteidigte sich Anika, fügte dann aber liebevoll hinzu: „Hast du dich wieder in England beheimatet?“
„Hier und da hängen in der neuen Wohnung noch Glühbirnen ohne Lampenschirme, mir fehlt die künstlerische Hand!“
„Da bin ich die falsche Ansprechpartnerin“, meinte Anika süffisant.
„Und wie lässt es sich in deiner neuen Insel-Heimat an, kannst du schon die Landessprache?“
„Erinnere mich nicht an Spanisch“, meinte Anika, „ich habe den Eindruck, ich wäre einige Jahre zurückversetzt, als ich im englischen Sprachmeer zu ertrinken glaubte; jetzt fühle ich mich wieder ähnlich. Allerdings merke ich hier und da ein paar kleine Sprachinseln. Im Taxi zum Flugplatz konnte ich mich erstmals auf der zugegebenermaßen kurzen Strecke mit dem Fahrer in seiner Sprache unterhalten.“
„Kein kleiner Schritt! Herzlichen Glückwunsch!“, gratulierte René.
Die Drillinge lauschten eifrig, weil sie wissen wollten, wie sich Anika und René inzwischen auf eigenen Füßen bewegten.
„Ich darf nicht klagen“, meinte Anika, „jeder Neuanfang ist nicht leicht, aber jedes Mal, wenn ich im Flieger nach Teneriffa sitze, entspanne ich mich und freue mich auf die Insel!“
„Mir geht es nicht viel anders, wenn ich nach Manchester komme. Es ist der Abstand zur Vergangenheit, der hilft.“
„Wie bist du gerade auf Spanien, auf Teneriffa, gekommen?“, fragte Veronica und fügte gleich hinzu: „Du hättest doch, wie wir, noch ein paar Jahre Arbeit vor dir gehabt.“
„Wohl richtig – aber selbst im Ruhestand bin ich alles andere als arbeitslos. Ganz im Gegenteil, ich habe das Gefühl, erst jetzt richtig loslegen zu können.“
„Und warum auf der Insel?“
„Lustigerweise“, sagte Anika, „hat das etwas mit René zu tun. Doch erzähl du, René, wenn du möchtest!“
„Gern – um Trauer und Einsamkeit zu entgehen, verbrachte ich ein paar Tage in Malaga und hatte Anika gefragt, ob sie mitkommen wolle.“
„Und du bist mitgeflogen?“, fragte Valerie mit leicht eifersüchtigem Unterton.
„Zugegeben, ich war erst etwas zurückhaltend, weil wir nach Feenys Tod kaum Kontakt hatten. Aber ich wollte René einen Gefallen tun.“
„Also verbrachten wir eine Woche in Malaga“, fuhr René fort, „die Stadt hält an Kunst und Kulinarischem, was sie in ihrer Bekanntheit verspricht. Nur das Wetter machte uns einen Strich durch die Planung. Zumindest wurde meine Vorstellung einer südspanischen Stadt korrigiert. Als wir den Caminito del Rey durchwanderten, es war an meinem Geburtstag, bot er nicht nur eine leichte Wanderung, wie im Reiseführer stand, sondern gestaltete sich als Kampf gegen die Natur. Gleich beim Eintritt in die tiefe Schlucht mit dem vielfach engen Pfad, der an den Felsen klebt, hatte sich der Himmel eingeschwärzt. Dann begann es zu regnen. Nicht englisch – biblisch. Der Caminito wurde zur Wasserschlacht. Am Ende hatte ich genug.“
„Und dann?“
„Wir flogen von Malaga nach Teneriffa. Blauer Himmel, Sonne. Warm. Die Insel gefiel uns beiden so sehr – ich blieb.“
„Was für eine atemberaubende Entscheidung“, staunte Veronica.
„Bewundernswert“, meinte Valerie, „dass du solchen Mut hast.“
„Manchmal darf man nicht lange überlegen“, erwiderte Anika.
„Der Neuanfang nach den anstrengenden und dramatischen Jahren in Deutschland. Dazu die Möglichkeit, Föhn und Wechselwetter mit einem sonnigen und relaxten Umfeld einzutauschen, hat tatsächlich gutgetan und tut weiterhin gut. Aber sorry, dass ich so viel von mir erzähle.“
„Gar nicht“, meinte Valerie, „darum sind wir deiner Einladung gefolgt, zusammengekommen, um mit Erinnerungen die Brücke zu bauen, die uns Feenys Grab ermöglicht hat.“
„Entschuldigt, ich wäre gerne schon am Morgen mit bei euch gewesen“, sagte René, „war aber noch geschäftlich unterwegs. Danke, dass du, Anika, das Treffen zu Feenys fünftem Jahrestag organisiert hast, und ihr alle die Reise unternommen habt! Ihr wart für Feeny und mich eine wichtige Stütze, und ihr seid es noch!“
Sie hatten inzwischen bestellt und teilten sich Kirschdatschi und Apfelstrudel mit Vanillesauce.
Es wäre kein Treffen mit den Drillingen, hätten nicht auch wieder politische Themen zwischen ihnen aufflammen müssen.
„Seit Putins Angriff auf die Ukraine arbeitet Ethan fast rund um die Uhr“, fügte Veronica leise hinzu. „Er erzählt mir kaum Details, aber er kämpft gegen Fakenews und russische Propaganda. Das zerrt – auch an unserer Ehe.“
Valerie runzelte die Stirn. „Ich frage mich manchmal, ob Putin glaubte, eine Wahl zu haben. Aber dann – sieh dir an, was er erreicht hat: Finnland und Schweden sind jetzt NATO-Mitglieder. Das wollte er sicher nicht.“
Veronica nickte ernst. „Für mich bleibt er ein Aggressor. Ich sehe nur Krieg. Die Bomben, die Toten. Und dann Ethan, der Tag und Nacht versucht, die digitale Front zu halten.“
Victoria legte ihre Gabel ab. „Für mich zählt, wer geholfen hat. Johnson war einer der Ersten in Kiew. Das hat mich stolz gemacht, Britin zu sein.“
Anika sah die drei Schwestern schweigend an. „Unglaublich, wie so ein Krieg bis in eure Familie reicht.“
Veronica seufzte. „Ja. Selbst meine Mutter und mein Vater stritten sich seit dem Überfall auf die Krim, obwohl meine Mutter schon schwach war. Für sie war es persönlich – sie war in Petersburg geboren, ihre Mutter Ukrainerin, ihr Vater aus Ossetien. Diese Mischung hat sie nie losgelassen.“
„Lasst uns nicht den ganzen Tag in diesen Gräben verharren“, schlug Victoria versöhnlich vor. „Wir sind hier, um Feeny zu gedenken.“
„Schon recht“, meinte Valerie, „aber Feeny war Pazifistin. Ich frage mich oft, was sie uns in dieser Situation gesagt hätte.“
Am Ende erhoben sie die Gläser.
„Auf Feeny“, sagte Anika.
„Auf Feeny“, antworteten die drei.
5. Ausklang
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich in diesem Jahr noch ein zweites Mal nach Europa kommen würde“, sagte Veronica und lehnte sich gegen das Kopfteil des Hotelbetts, wo sie und Victoria unter der warmen Decke lagen wie in einer längst vergangenen Zeit.
„Desto schöner, dass wir uns hier wiedersehen“, erwiderte Victoria. „Auch wenn wir uns nur wegen Grabmälern zusammenfinden.“
Sie lächelten müde. Der Tag hing ihnen wie Nebel an. Jahre waren es her, dass sie ein Zimmer geteilt hatten. Veronica merkte noch die Zeitverschiebung. Victoria war am Tag zuvor früh von Birmingham aufgebrochen, weil sie bereits kurz nach sechs Uhr von Stansted hatte fliegen müssen. Am Abend davor noch eine Veranstaltung im Barber Institute, dann die nächtliche Fahrt, der frühe Flug, der Friedhofsgang – kein Wunder, dass die Müdigkeit sie überrollte.
Nach einer Weile fragte Victoria: „Und? Wie hast du Anika und René empfunden? Und Valerie?“
Veronica zuckte die Schultern.
„Nähe. Und Brüche. Und irgendetwas zwischen beiden.“
Sie tranken ihren Tee aus. Die Müdigkeit kroch ihnen in die Glieder, aber der Schlaf kam nicht. Zu viel Vergangenes lag zwischen ihnen, zu viel Unausgesprochenes unter der Decke.
Victoria fragte nach Ethan und den Zwillingen. Veronica erzählte kurz – Abby Cybersecurity, Emily Creative Writing –, ohne in die feinen Risse der Ehe zu gehen. Victoria berichtete von Sarahs Baby, von Liam, diesem „Sweety“, der ihr Herz an den richtigen Tagen rettete.
Doch zwischen den Worten lag der Schatten Davids, Dean von Christ Church Oxford.
Der Mann, der sie verlassen hatte mit einer seiner Studentinnen, eher halb verließ.
Der Mann, mit dem sie dennoch Ferien machte.
Der Mann, den Veronica nie verstanden hatte.
„Ich hätte das nicht ertragen“, sagte Veronica. „Ich hätte Ethan rausgeworfen, innerhalb einer Stunde.“
Victoria schwieg lange, als müsse sie nach einem Wort suchen, das nicht strafte. „Ich weiß. Du bist anders.“
Veronica schluckte. „Ich verstehe es bis heute nicht. Wie du ihn so nah an dich und die Kinder lässt, obwohl er –“
„Weil ich ihn noch liebe“, unterbrach Victoria. Kein Pathos, nur eine Wahrheit. „Und weil die Kinder ihn lieben. Und weil er…“ – sie setzte an, hielt inne – „weil er ein Teil meines Lebens ist, ob ich will oder nicht.“
Veronica ließ das Schweigen stehen. Und nahm plötzlich wahr, wie tief der Schnitt ging, den ihre Schwester jahrelang nicht gezeigt hatte.
„Alle Achtung“, meinte Victoria, „eure Zwillinge leben schon im Studium weiter voneinander entfernt als wir damals!“
„Das schadet nicht. Sie sind verschieden, jeder bestrebt, sich selbst zu sein – ganz anders, als wir uns damals empfanden. Und wohl immer noch empfinden.“
Victoria schwieg kurz, dann sagte sie: „Das ist unser größtes Problem. Ich fühle mich dir oder Valerie oft so nahe, dass ich mich selbst infrage stelle. Was du erlebst, erlebe ich in mir mit. Was du ertragen musst, belastet mich. Ich kann den Moment nicht vergessen, als du uns erzählt hast, wie das Treffen mit Ethan war, an dem ihr euch füreinander entschieden hattet …“.
Sie malte den Abend aus, eine jener Verkostungen in Cambridge – Chardonnay, Port, Käse –, bei denen alle blind probierten und die billigste Flasche gewann. Ethan hatte geglänzt, charmant, klug, belesen. Dass er Veronica gefiel, wunderte niemanden. Aber Victoria empfand damals den Druck auf ihre Schwester: Doktorarbeit in Cambridge – oder mit Ethan in die USA.
„Es war mir, als hätte ich die Entscheidung treffen müssen.“
„Das sagst du mir nach all den Jahren“, antwortete Veronica. „Ich fühlte euren Druck mehr als meinen eigenen. In mir rebellierte alles, weniger weil ich zwischen Amerika und England, zwischen einem Leben mit Ethan und meinem Doktorat schwankte. Ich wollte euch die Last nehmen. Und doch glaube ich heute: Es war die richtige Entscheidung. Glücklicher hätte ich nicht werden können als mit Ethan und den Kindern.“
Victoria drückte ihre Hand, legte den Arm um sie. Zustimmung – und das Eingeständnis, dass Veronica jahrelang darunter gelitten hatte, dass sie ihre Schwestern in England und die Universität zurückgelassen hatte. Es war auch eine Trennung von Vater und Mutter, die in genau dieser Wissenschaftswelt zuhause waren.
Doch Victorias eigenes Leben war kein leichteres: zurück ins Elternhaus, von David verlassen. Eine Demütigung. Wenn auch von ihren Eltern gehalten. Sie kümmerten sich um die Kinder, mussten sich kümmern, sie stützten, sie förderten, weil Victoria sich um ihren Beruf, ihre wissenschaftliche Karriere und um den Verdienst für die Kinder bemühte. Veronica verfolgte es mit einem ambivalenten Gefühl – für sie war ihre Schwester zu nah an David, ihr Bemühen, den Kindern ihren Vater zu lassen, zu sehr ein Festklammern an ihn.
Victoria aber verteidigte ihn. Nicht, dass sie die Trennung je akzeptiert hätte. Sie hatte die Trennung durchgemacht und darunter gelitten, aber in ihren Kindern begegnete ihr täglich ihr Mann. Zu sehr ähnelten sie ihrem Vater. Beide hatten seinen Tonfall, seine Bewegungen. Sie liebte ihn noch. Gegen jede Vernunft – wie keinen zuvor. Ja, dass sie ihn noch immer liebte, auch wenn sie zu akzeptieren hatte, dass er auch eine andere liebte, die er mehr liebte als sie, bei der er sich zu leben entschieden und mit der er längst eine eigene Familie gegründet hatte. Mehr noch: Sie konnte sogar verstehen, warum seine neue Frau ihn liebte.
Ihre Liebe zu David, so wurde sie sich im Laufe der Zeit immer stärker bewusst, nahm nicht ab. Zeit mag Wunden heilen, doch sie reduziert nicht das Empfinden zu dem Geliebten. Das Gegenteil war wahr. Die kleinen Missverständnisse und sogar die großen Verletzungen der Vergangenheit verblichen, und die Ausnahmezeiten, die sie miteinander und mit den Kindern erleben durften, wurden ihr desto wichtiger.
Für die Eltern aber war er der Inbegriff von Selbstbezogenheit. Sie konnten es nicht ertragen, wie sehr ihre Tochter an ihm hing. Und sie mochten ihn nicht, nicht den anglikanischen Geistlichen, nicht den Gelehrten, nicht den Dean. Je mehr ihre Tochter von ihm schwärmte und nichts Schlechtes an ihm fand, desto stärker lehnten sie ihn ab. Sie dachten, dass er ihre Tochter weiter an sich band, um leichten Zugang zu den Kindern zu haben, aber ohne sich um Victoria und die täglichen Bedürfnisse der Kinder wirklich bemühen und kümmern zu müssen. Diese Last hatte er auf sie, die Großeltern, abgeschoben. Er war ein Grund, warum Cedric nicht nur auf die anglikanische Kirche schimpfte, sondern eisern die katholische Kirche und den Zölibat ihrer Priester verteidigte.
Für Victoria bildete David andererseits die unsichtbare Wand, mit der sie sich mit ihren Kindern von ihren Eltern distanzieren konnte. Ihre Eltern ahnten dies. Und hassten David desto mehr. Am liebsten sahen sie ihn aus dem Haus gehen, seit jenem Tag, als er Victoria und die Kinder verlassen hatte. Das spornte Victoria an, unmittelbar nach ihrem Ruf auf die Professur für Kunstgeschichte der Antike und des Mittelalters an der University of Birmingham nach einem Haus zu suchen.
In Birmingham fand sie ihr eigenes Leben: Professur, Haus in Moseley, Parks, Cafés, Geräusche von Zügen. Tolkien-Spuren für die Kinder. Ein Haus mit zu viel Raum und zu viel Stille. Sie richtete es als Galerie und Seminarort ein, legte ein kleines Schwimmbecken an. Ein eigenes Reich – gebaut aus Verletzung und Trotz, und aus dem Willen, den Kindern zu zeigen, dass Zerbrechen nicht das Ende war.
Bei einem Ausflug ins nördlichere Black Country besuchten sie das Industriemuseum, wo an Wochenenden ein ganzes Städtchen wieder zum Leben erwachte. Die Kinder probierten altmodische Süßigkeiten, saßen in einer Schulbank, schrieben mit Kreide das Alphabet. Auf der Straße liefen Spiele, wie zur Eröffnung des Worcester-Kanals vor zwei Jahrhunderten. Dann eine Fahrt mit einer dampfenden Kohleeisenbahn, das Rattern, der Ruß, Kellner in weißen Livrees.
Für Victoria war es ein Trost: Vergangenheit konnte Spiel sein, nicht nur Last. Und Zukunft entstand nicht aus Siegerwegen, sondern aus Lärm und kleinen, klebrigen Kinderhänden, die die der Mutter suchten.
Der Tee war längst getrunken, das Licht gedimmt. Ihre Haare berührten sich auf dem Kissen. Die Müdigkeit war da, aber stärker war das alte Gefühl von Nähe – und von Vorsicht.
Zwei Schwestern, wach in derselben Dunkelheit, jede in ihrer eigenen Unsicherheit.
„Du brauchst mich nicht zu bemitleiden“, sagte Victoria. „Mir geht es gut. Sehr gut.“
Victoria genoss das eigentlich überdimensionierte Haus mit den Kindern. Die dekorativen Inkrustationswände des Wohnzimmers hatte sie wieder hervorholen lassen, ebenfalls die Empfangshalle mit ihrem rechteckigen Lichtdome rekonstruiert. Der Esstisch verwandelte sich nach Abnahme der Tischplatten in einen Billardtisch, an den Wänden hingen die Queues in ihrem Rack, darunter die Kreide.
Obwohl sie von ihrem Heim in Birmingham schwärmte, ließ Veronica nicht locker. Und wurde selbst erstmals offen und ehrlich, wollte ihre Schwester ermutigen, auch selbst von sich, ihren Ängsten, Sorgen, ihren Verletzungen sprechen zu können. Sie erwähnte Ethan, benannte die Spannungen zwischen ihnen – das amerikanische Leben, ihre unterschiedlichen Auffassungen von Politik, Körper, Intimität. Sie gestand, wie sehr sie sich nach Zärtlichkeit sehnte, nach Herausforderung, und wie fremd ihr Ethans Weichheit geworden war.
„Ich brauche einen Partner, der sich mir aktiv gegenüber verhält, mich herausfordert, mir nicht immer vorangehen will, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen versucht.“
„Das würde mich auch abstoßen.“
„Verwundert es dich, dass er bei den Demokraten ist?“ Sie lächelte ironisch. „Der Name ist verräterisch. Bei uns zuhause in UK wären sie die Linksaußen von Labour oder Kommunisten.“
„Dann gehört er zu dem Club der unverbesserlichen Weltverbesserer, nicht anders als David in seiner Kirche.“
„Weltverbesserer schon, aber wenn es um das Alltägliche, die Kinder, unsere Ehe geht – sieht er weder Hürden noch Aufgaben.“
„Dabei werden die Republikaner, nicht die Demokraten, in unseren Fernsehnachrichten als Frauenfeinde verschrien. Gezeigt ohne Respekt oder Achtung vor Frauen.“
„Meine Erfahrung ist eine andere. Sie sind zumindest richtige Männer, haben auch selbstbewusste Frauen. Es passiert etwas und, wer die Sozialprobleme in den USA kennt, die nur angepackt werden können, wenn Menschen wieder zur Eigeninitiative gebracht und nicht, wie in England oder anderen Ländern auf diesem Kontinent, sozial gefüttert werden, müsste mir zustimmen: Nur so kann sich die Gesellschaft ändern.“
Victoria, die den Auffassungen ihrer Schwester nahestand, nickte und ermunterte Veronica noch erregter von sich zu berichten:
„Nimm Ethan – er setzte sich für Biden, Harris und all die Sozialschmarotzer ein, hält mich für eine blinde rechtslastige, fundamentalistische Patriotin, die die Tradition seines Landes infrage stellt. Er bombardiert mich aufgrund seiner täglichen Erfahrungen mit dem, was angeblich an Falschinformationen das Land überschwemmt und womit von dort die demokratischen Kräfte bei uns untergraben werden sollen, sodass diese den Republikanern in die Hände spielen. Sie seien ernsthaft bemüht, die Demokratie abzuschaffen.“
„Glaubt er das selbst? Auch andere aus Eurem Freundeskreis?“
„In dieser Hinsicht ist Ethan vernarrt, hat natürlich auch seine Parteifreunde, auch auf Arbeit. Auch wenn ich es für unsinnige, linke Propaganda halte.“
„Oder er ist geprägt von seiner Tätigkeit.“
„Mag sein, er sieht dort nur die eine Seite, den Cyberkampf im Pentagon.“
„Ich bin froh, dass du zu dir stehst und zu dem, was du zuhause gelernt hast. Es ist leicht, so etwas über den Haufen zu werden.“
„Und, je älter ich werde, desto mehr sehe ich, wie wichtig es ist, was wir von den Eltern mitbekommen haben.“
Victoria hörte, legte den Arm um sie. „Vielleicht besteht das Leben darin, dass wir mit Umständen leben, weil wir uns selbst nicht kompromittieren wollen.“
Sie rückte näher, ihre Haare mischten sich auf dem Kissen.
Vaters Verdikte dröhnten in Victoria nach: David nimmt dich nicht ernst. Er hat dich verworfen. Er ist selbstverliebt, selbstverliebt, selbstverliebt! Sie hasste ihren Vater. Auch wenn er recht hätte. David war ihr David. Nicht ganz allein ihr, aber doch auch ihr.
Fast beiläufig sagte Victoria: „Darf ich dir etwas erzählen, bevor der Mut wieder verschwindet?“
Sie wartete nicht auf Zustimmung.
„Es war in Cambridge. Mit Claudia Capella.“
Ein Bild flackerte auf – Pints im Eagle, Stimmen, der leise Geruch von Büchern. Victoria erzählte von jener Nacht: „Sie sah mich an. Ihr Blick durchbohrte mich. Ich wich nicht aus. Ich wusste: Etwas hatte ich begonnen. Ihre Hand auf meiner – fest, ungeduldig: ‚Hör auf, Rollen zu spielen. Sei du.‘ Ich ging nicht zurück ins College. Ich folgte ihr in diese Wohnung – Bücher, Gläser, Unordnung. Und gab mich hin, fühlte mich gesehen und aufgelöst zugleich. Geschichte war plötzlich nicht mehr nur Papier, sondern Haut, ihre, meine.“
Sie stockte. „Ich glaubte jahrelang, David sei der Erste gewesen, der brach. Aber ich war es. Und ich weiß nicht, ob es Schuld war – oder Freiheit.“
Veronica fühlte Stich und Trost. Alles in ihr wollte die Schwester schützen, und zugleich verstand sie plötzlich etwas, das sie nie begriffen hatte, nicht einmal sehen wollte: dass Victorias Liebe zu David keine Schwäche war, sondern ein Versuch, einen alten Riss zu schließen.
„Ich erzähle dir jetzt etwas von mir“, sagte Veronica. „Wenn du noch kannst.“
Victoria setzte sich etwas auf.
Veronica versuchte sich zu entspannen: „Ganz hatte ich in den USA unser Fach nicht aufgegeben, schrieb noch hier und da kleine Beiträge, und in den ersten Jahren besuchte ich die Londoner Tagung der Kunsthistoriker-Vereinigung. Schon beim Betreten des neogotischen Portals von St. Mary, vorbei am alten jüdischen Friedhof, hatte ich das Gefühl, in eine andere Zeit einzutreten, nicht Amerika, nicht Familie, nur ich, so wie früher. Gegenüber stand der Chairman, Professor Gabriel Lenoir, aufmerksam, liebenswürdig, beinahe durchdringend.
‚Frau Dr. Ashcroft?‘, sprach er mich an und ich erschrak: ‚Ihre Rezension meines letzten Buches – ich danke Ihnen. Vornehm, präzise, sorgfältiger, als ich selbst bei den Korrekturen war. Sie haben mir geholfen, die These zu schärfen.‘
Ich wusste nicht, wohin mit mir. Sollte er sich an meine Zeilen erinnern?
Erst als sein Mitarbeiter mir den Zimmerschlüssel in die Hand drückte, wagte ich, mir den Professor näher zu betrachten. Kaum älter als Anfang vierzig – ich war damals etliche Jahre jünger als er mit seinem krausen Haar, wachen, ernsten Augen, Haut von der Sonne Italiens gebräunt. Ein Hemd, knapp geschnitten, offen getragen, darüber ein Jackett.
Der Mitarbeiter im blauen Anzug, wie vom College. Er nahm meinen Koffer, als wäre er ein Portier.
‚Ich helfe bei der Logistik‘, sagte er leise. ‚Aber mein Thema ist ein anderes. Ich schreibe über die ikonischen Leerräume der Spätantike.‘
Ich schaute ihn fragend an.
‚Mich interessiert‘, fuhr er fort, ‚wo das Bild versagt. Wo der Künstler nichts zeigt, obwohl es etwas zu zeigen gäbe. Ich glaube, die Leerstelle spricht lauter als das, was sichtbar ist.‘
Seine Stimme ließ mich ankommen, machte mir das fremd gewordene Umfeld vertrauter. Trotz formaler Kleidung hatte er nicht die Pose eines Ehrgeizigen, ließ eher die Unsicherheit eines Mannes durchscheinen, der nicht wusste, ob sein Denken Resonanz finden würde. Ich fand mich verstanden. Über die Treppe verschwand er mit meinem Gepäck.
Professor Lenoir nahm den Faden auf. Denn er trat aus einem Kreis von Leuten heraus, die ihn umringten, und schritt auf mich zu.
‚Und du?‘, fragte er in dem informellen Ton, den man beim zweiten Gespräch erwartete, ‚dein Thema kenne ich aus dem Programm, worum geht es dir?‘
Mir sank mein Herz eine Etage tiefer, aber ich kratzte meinen ganzen Mut zusammen.
‚Ich frage, wie Kunst das Unsichtbare lebendig macht, unseren Blick auf das Abwesende lenkt, um uns eine andere Präsenz zu eröffnen.‘
Er schien jedes Wort aufzunehmen, abzuwägen, sah meine Leidenschaft. Während wir sprachen, begleitete er mich. Die Stufen knarrten im Treppenhaus, der Geruch nach Wachs und Politur hing in der Luft. Vor der Tür meines Zimmers blieben wir stehen.
‚Für deinen Ansatz sind Räume, ist Zeit nicht vorhanden, sie treten durch Kunst erst hervor‘, sagte er, ‚verstehe ich es recht?‘
Seine Worte trafen mich. Er hatte den Punkt meines Vortrags getroffen. Aber es lag mehr in seiner Stimme, ein inneres Echo, auch Spiel, er sah mich – nicht nur als Kollegin.“
Victoria hörte auf, ließ Veronica einwenden: „Du verschlägst mir den Atem. Hattest du nicht in diesem Augenblick gewusst, dass er mehr von dir wollte, dich zu etwas bewegen, woran du nicht gedacht, was du nicht gewollt hattest?“
„Gabriel meinte zu mir an der Tür: ‚Wollen wir später darüber reden – morgen, nach Beginn der Tagung, sind Gespräche eher kurz getaktet.‘
Ich war beruhigt. Gabriel wollte nicht mein Zimmer betreten. Mehr als er sagen wollte, kam bei mir an. Geschmeichelt, mutig und auch etwas frech antwortete ich: ‚Sagen wir… neun Uhr?‘ Dabei ertappte ich mich, dass ich ihm gerade anbot, wovor ich noch vor einer Sekunde Angst hatte und zurückgeschreckt war. Aber, du siehst, nicht er drängte, ich war diejenige, die ihm die Lunte legte, die ihm das Feuer in die Hand gab und die Explosion offerierte. Ich wollte gesehen werden, nicht als Mutter, nicht als Ehefrau – sondern als ich.
Ich fand mich allein im Zimmer. Schlicht: Schreibtisch, Regal, schmales Bett. Ich legte mich erstmal hin, starrte an die Decke und überlegte, was gerade geschehen war. Noch bevor ich meinen Mantel ausgezogen hatte, wusste ich: Ich würde meinen Vortrag umschreiben müssen. An Raum ja, aber an Zeit hatte ich überhaupt nicht gedacht.“
„Kamen dir in diesem Augenblick nicht Ethan, die Kinder, in den Sinn?“
„Kaum. Nicht in diesem Moment. Ich suchte Nähe. Eine andere Art. Herausforderung, Intensität, Gegenhalt. Ethan war gut. Zu viel Güte kann erdrücken. Gabriel war nicht viel älter als Ethan, aber sein Auftreten, seine Sätze weckten, was mir bisher im Leben gefehlt hatte: gefordert sein. Eindringlichkeit. Nachdrücklichkeit. Mitdenken und Einfühlen. Das, was ich einst bei unserem Vater gesehen – und gleichzeitig verachtet hatte, erlebe ich mit Ethan. Obwohl ich in Ethans Nachgiebigkeit den Gegensatz unseres Vaters gesucht hatte. Ethan ist liebenswert, zu liebenswert. Mir fehlt Klarheit, Anstößigkeit. Unsere Eltern mochten Ethan, ihr findet ihn einen wunderbaren Schwager, der an euch, an die Geburtstage deiner Kinder denkt. Aber, ich, ich empfand ihn zunehmend desinteressiert, sehe nicht seine Bereitschaft, mit mir, auch gegen mich und darum auch nicht für mich zu kämpfen, sich in das zu vertiefen, was mich fesselt, und mir etwas entgegenzuhalten.
Gabriels Idee von den werdenden Leerräumen, die über das zu sprechen vermögen, was oberflächlich verschwiegen wird, was Untergründiges erst hervorbringt. War es diese Provokation, die mich anzog? Dass Unsichtbares nicht zu fürchten, sondern zu leben und zu lieben ist?
Am Abend, beim Empfang, sah ich ihn wieder. Ein Ober mit weißem Tablett trat hinzu, reichte ihm und mir ein Glas mit Wein. Wir standen uns plötzlich gegenüber, prosteten uns zu. ‚Danke‘, sagte er, leise, fast verschwörerisch, ‚danke‘, erwiderte ich, ‚auch für die Anregung. Ich habe meinen Vortrag noch einmal überarbeitet.‘
Seine Augen funkelten fragend, fast schelmisch. ‚Um neun‘, bestätigte ich. Er nickte kaum merklich.
Und ich wusste: Dies war kein Zufall, kein bloßer Abend einer Konferenz. Es war ein Schnitt. Ein Spalt. Eine Leerstelle, die lauter sprach als jedes Bild.“
„Was hat die Nacht bedeutet, für die Zeit danach?“
„Und die deine?“
Victoria nickte nur und legte ihren Kopf zu ihr, schloss die Augen.
Doch der Schlaf kam nicht.
Nicht für Victoria.
Nicht für Veronica.
Victoria sank irgendwann in einen Traum, in dem römische Vasen, Fragmente und ein Speditionswagen auftauchten, der Container um Container verschlang – die Nacht, in der ihre Familie aus dem alten Haus ausziehen musste. Ihr Vater, gebeugt, wortkarg, eigenwillig. Die Mutter, die Erinnerungen statt Bücher verstaut hatte. Und sie selbst, ein Mädchen, das dachte, der Boden unter den Füßen bräche weg.
Wenige Tage später, nachdem ihr Vater seine „Nebenbeschäftigung“ im Auktionsbetrieb verloren hatte, rollte ein riesiger Speditionswagen vor. Am Abend zuvor hatten Arbeiter sieben Container in die Einfahrt gesetzt. Nun räumten Mutter und Vater Speicher, Annexe, Hinterhaus und Garage leer. Kiste um Kiste trugen sie hinaus, als würden sie ihr Leben Stück für Stück zu Grabe tragen. Mutter schaute traurig, Vater verbissen, als er das Arbeitszimmer leerte, den schweren Bücherschrank hinter seinem Schreibtischstuhl, den er einst in Bremen erworben hatte. Sie fragte ihn, wie er ohne seine Bücher leben könne, er antwortete phlegmatisch, die wichtigen Werke stünden in der Unibibliothek. Das neue Haus, in das sie ziehen würden, habe zwar nur zwei anstelle von fünf Schlafzimmern, diese reichten aber völlig aus, eines für sie, die Eltern, und eines für die Mädchen, und das könnten sie mit ihrer beider Universitätsgehälter bezahlen.
Soweit sie zurückdenken konnte, hatten sie um die Ecke von Abbey Road im Zentrum Londons gewohnt; das neue Heim sollte weiter im Norden, außerhalb des Stadtzentrums in einer Wohngegend von Watford liegen. Wie ihr Vater sagte, sei diese Gegend erschwinglicher und gerade für Heranwachsende passender mit den Kanälen und all dem Grün – doch Geld war in ihrem Leben zuvor noch nie ein Thema bei Tisch gewesen. Also half sie mit, die Container zu füllen, die die Gräber ihrer Vergangenheit waren. Nur weniges brachten sie in den Speditionswagen.
Sie fuhr hoch.
Wieso kam ihr in diesem Augenblick diese Szene in Erinnerung, warum jetzt? Produzierte die Ablehnung von David durch ihre Eltern diese negativen Vergangenheitsbilder? Weil dieser voraus ging, dass sie ihren Vater als denjenigen erlebt hatte, der das Familienleben in Gefahr gebracht hatte? Ihre Mutter hatte David abgelehnt, auch ihre beiden Geschwister mochten ihn nicht, aber ihr Vater fand am wenigsten von allen ein gutes Wort für ihn. Bis in diese Nacht hinein hatte niemand aus der Familie sie verstehen wollen, vielleicht nicht verstehen können. Ihr Vater hatte eine feste Vorstellung vom Leben, zumindest schien er diese nach außen zu tragen. Zwischendurch gab es Momente, wo sie an seiner Auffassung zweifelte, auch an seinem Patriotismus, seiner konservativen Einstellung, seiner religiösen Verstocktheit. Dann wiederum sah sie seine Erdung, sein Fundament, das ihn trotz des beruflichen Einbruchs und des Umzugs nicht verzagen ließ. Jedes Buch, das er vom Regal nahm, wog er in seinen Händen, schlug es auf, roch manchmal an dem Papier, und man konnte an den Bewegungen seines Kopfes ablesen, mit welchem Gewicht er die meisten Bücher in die Särge legte, ab und zu ein besonders kostbares in die kleine Kiste senkte, die für das neue Haus bestimmt war, vorsichtig, wie wenn er ein rohes Ei in weiches Stroh bettete, und an allem schwer trug.
Seit mit dem Hausverkauf eine fundamentale Umstellung der Lebensumstände einherging, hatte sie weitere Veränderungen festgestellt – ob ihr bereits zuvor Zweifel gekommen waren, konnte sie nicht mit Bestimmtheit sagen, aber ihr war aufgefallen, dass Vater bei Exkursionen grundsätzlich ohne ihre Mutter reiste, und das, obwohl auch Mutter als Byzantinistin zu Ländern des Ostens forschte. Berufsbedingt führten Vaters Studienreisen, Workshops und Konferenzen ihn meist in südliche Länder, nach Italien, Spanien, Kroatien, Griechenland, auch nach Bulgarien, Rumänien, Polen, in die Ukraine und nach Russland. In Georgien verbrachte er regelmäßig Wochen im Sommer, dann auch in Armenien, wo er in der berühmten Bibliothek von Eriwan, dem Matenadaran, alte Manuskripte studierte. Wenn er von diesen Reisen berichtete, auch wenn er kein Mann großer Worte war, erzählte er meist von Kollegen, mit denen er unterwegs war. Ihre Mutter gehörte nicht zu diesem Kreis. Als Tochter und Frau hatte Victoria das Gefühl, dass sich ihr Vater in einer Männerwelt zu bewegen schien, in der er sich wohl fühlte, und je erwachsener sie wurde, desto bewusster wurde ihr diese andere Welt ihres Vaters – doch desto unerklärlicher war ihr, warum er gerade David, ihrem ehemaligen Mann, so feindselig gegenübertrat. War es, weil seine eigene Frau ihn zurückwies und nichts mit ihm zu tun haben wollte? War sie enttäuscht von seinem Missgeschick, dem Verlust ihrer Heimstätte? So unterstützend Vater ihr und den Kindern gegenüber war, desto befremdlicher wirkte seine Ablehnung von David auf sie.
Sie grub sich tief in ihr Kopfkissen.
Die Dunkelheit des Zimmers war dicht.
Veronica schlief schwer.
Und ein Gedanke durchbohrte sie wie ein Lichtstrahl: Nicht der Fall ihres Vaters hatte sie verletzt. Sondern, dass sie ihn nicht halten konnte. Und dass dieselbe Angst sie an David band.
Sie legte die Stirn gegen das Kissen, atmete.
Langsam.
Schmerzhaft.
Ihr Vater stand plötzlich wieder vor ihr – unnachgiebig, konservativ, rätselhaft. Und die Erkenntnis, die sie jahrelang vermieden hatte, formte sich:
Sie hatte nie gelernt, jemanden loszulassen, der sie enttäuscht hatte. Und nie gelernt, jemanden zu halten, ohne sich selbst zu verlieren.
Sie sah zu ihrer Schwester hinüber. Eine ruhende Gestalt, die ihr so nah war wie niemand sonst. Und sie wusste:
Diese Nacht war keine Beichte. Sie war der Anfang eines neuen, gefährlicheren Kapitels. Ein Kapitel, das nur Schwestern tragen konnten.
