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         Anika-Zyklus Band 4-1

Nicht alle Tage 

Roman in zwei Teilen

von

Markus Vinzent

Teil I:  Nein

 

 

 

 

Nicht alle Tage nennet die schönsten der, 

Der sich zurücksehnt unter die Freuden, wo

Ihn Freunde liebten, wo die Menschen

Über dem Jüngling mit Gunst verweilten.

            - Friedrich Hölderlin

 

 

Kapitel 1 Anika

Anika und Feeny

 

Anika schaute auf ihren Kalender, Freitag, 12. Februar 1988 – das Wochenende stand vor der Tür, für heute hatte sie sich den Nachmittag freigehalten, Meetings standen keine an, keine Treffen mit Studierenden. Das Einzige, was sie sich für diesen Tag eingetragen hatte, war der Besuch bei der Modekünstlerin Feeny Achner. Sie hatte Feeny angesprochen, weil sie Fotos von ihr als Model gesehen hatte. Feeny meinte am Telefon, sie habe einige neuere Werke in ihrem Massagesalon hängen und Anika eingeladen, sie zu betrachten. Anika plante eine Ausstellung, bei denen nicht nur die Fotografen, sondern auch die Models im Mittelpunkt stehen sollten.

               Die Fotos hingen im Flur und in den beiden Räumen des Salons, meist Schwarz-Weiß-Akte von Feeny. Von Bild zu Bild erklärte Feeny die Posen, was diese für sie bedeuteten, und war gespannt, von Anika zu erfahren, wie eine Kunsthistorikern die Werke betrachtete und erläuterte. Anika hatte Mühe, sich zu entscheiden, wohin sie schauen sollte, auf das Model in den Fotos oder auf die Erscheinung, die neben ihr in einem weiten, hauchdünnen und durchsichtigen Oberteil stand, das ihr knapp über die Hüfte reichte.

               „Sieh, hier eine Studie mit einem Voilekleidchen, das ich entworfen und genäht habe und heute für dich trage, es wurde für Katalogaufnahmen abgelichtet!“

               Feeny zeigte auf Kleid und Körper, drehte sich um und ging durch den Flur wie ein Model auf dem Catwalk. Anika verfolgte ihren Gang, wie sie lang, gleichmäßig und fließend Fuß vor Fuß setzte, diese leicht überquerte wie entlang einer unsichtbaren Linie. Ihre Arme schwangen locker, natürlich, eher unmerklich. Mit einer Pose kehrte sie um, schritt auf Anika zu und schaute ihr geradewegs entgegen, auffordernd und entwaffnend zugleich. Anika wusste nicht, wie ihr geschah. Selbstbewusst kam Feeny auf sie zu, drückte sie an sich und fragte:

               „Darf ich Dir auch meinen Massageraum zeigen und dich verwöhnen? Ich lebe nicht nur von meinen Stoffen, Kleidern und den Bildern.“

               Bevor Anika überlegt und geantwortet hatte, führte Feeny sie in eine Umkleide, während sie sich im Nebenraum fertig machte. Anika atmete durch, ihr blitzte kurz die Frage auf, ob es ok sei, sich auf Feenys Einladung einzulassen. Warum nicht, dachte sie dann, sie würde nicht nur Feeny als Modekünstlerin engagieren, sondern in ihrer ganzen Person – und eine Massage, Zeit für sich zu haben, ja warum nicht, dachte sie. Noch etwas unsicher, entkleidete sie sich, duschte und legte sich auf die bereitstehende breite Massagematratze.

               Feeny trat zu ihr, strich mit ihren zarten Händen über ihren Rücken, um sich mit einem festen Griff in die ausgeprägten Schultermuskeln ihrer Patientin zu graben. Mit kräftigen Kreisbewegungen massierte sie diese hin zum Hals und vom Hals zurück zu ihrer Schulter. Anika stöhnte leicht, Feeny stretchte Haut und Muskeln, knetete sie mit beiden Fäusten entlang des Rückgrates, schob das lange, blonde Haar von Anika zur Seite, grub sich tiefer in ihren Körper ein. Anika spürte jede einzelne ihrer Wirbel. Feenys Finger tasteten,  arbeiteten sich durch die dazwischenliegenden Hügel in die Tiefen, sie schienen durch die Haut hindurch bis in ihr Innerstes zu dringen und versetzten Anika in Trance, ihr wurde heiß und kalt, als sie meinte, Feenys Brustspitzen spüren zu können, die ihren Rücken rythmisch streiften.

               Während Feeny Anika mit ihren Händen und Fingern walkte, erzählte sie von ihren Erlebnissen aus der vergangenen Woche, von den Schwierigkeiten, ihren Massagesalon als Alleinunternehmerin zu erhalten. Anika versuchte sich zu konzentrieren, ihr zu lauschen. Feeny berichtete, dass sie Tage zuvor beim Brötchenholen an der Straßenkreuzung gegenüber der Bäckerei eine dunkle Gestalt stehen sah, von der sie sich beobachtet fühlte. Kaum sei sie mit der Brötchentüte in der Hand auf ihrem Heimweg gewesen, habe sie bemerkt, dass ihr eine stämmige Person zu folgen begann.

               „Unaufhaltsam beschleunigte sich mein Schritt, aus einem entspannten Gehen wurde ein Wettlauf, doch der Mann blieb mir auf den Fersen. Hätte ich doch nur Hassia, den Schäferhund meiner Nachbarin, mitgenommen, den ich sonst die Woche ausführe“, sagte sie.

Völliger außer Atem habe sie ihre Haustür erreicht, von der mysteriösen Gestalt in ihrem Schatten keine Spur

               „Erleichtert verschloss ich die Tür hinter mir. Doch kaum hatte ich die Brötchen auf den Tisch gelegt, läutete die Türglocke. Plötzlich panikte ich, hatte nicht den Eindruck, einen neuen Kunden vor der Tür zu haben. Schließlich trat ich zur Haustür und frage: ‚Was wollen Sie?‘ Der Unbekannte, dessen Umrisse ich durch das trübe Milchglas nur schleierhaft ausmachte, antwortete mit drohender Stimme: ‚Es geht um deinen Schutz – dein Geschäft ist krass gefährlich. Und wenn du willst, dass dir nichts passiert, mach die verdammte Tür auf – dann sag ich dir, was du tun sollst.‘ ‚Ich brauche keinen Schutz - scheren Sie sich davon!‘ war meine Antwort.“

               Verächtlich lachte Feeny auf, als sie Anika diese Konfrontation erzählte.

               „Als ob ich mich von irgendjemand Dahergelaufenem einschüchtern ließe!“

               Anika hatte nicht den Details folgen können, sie war eingenommen von den zunehmend heftiger werdenden Massagebewegungen, die sich mit Feenys Erregung steigerten. Sie ahnte aber, welchen Herausforderungen Feeny ausgesetzt war, als alleinstehende Zweiundzwanzigjährige in der Vorstadt von München einen Massage-Salon zu betreiben.

               „Er war nicht der einzige Typ und auch nicht der letzte, der mich bedrohte. Es sind diese Outlaw Motorradgangs, dreckige Blutsauger – ich hatte bald herausgefunden, dass er zu den Bad Angels gehörte. Sie waren sicher von meiner Konkurrenz auf mich aufmerksam gemacht worden und wollten mich entweder auspressen oder vom Markt fegen. Doch sie haben nicht mit mir gerechnet.“

               Feeny, obwohl eher klein und von feiner Statur, war von zähem Charakter. Sie hatte sich zu Beginn ihres Modedesign-Studiums bei der Münchner Stadtverwaltung für einen Studierendenjob beworben und die ihr angebotene Arbeit als Nachtportierin in einem der städtischen Asylbewerberheime angenommen. Interessiert hatte sie nicht nur die Arbeitszeit: vier Nächte pro Woche, um elf am Abend hatte sie sich dort einzufinden, um sieben am Morgen war Schichtende. Gefallen hatte ihr auch die Aussicht, mit Menschen anderer Kulturen in Kontakt zu kommen – begeistert von Kleidung, Naturstoffen und Wohnungsinterieurs, die aus Nordafrika stammten.

               Von ihrer Nachtarbeit fuhr sie in der Regel direkt in die Fachhochschule, verbrachte die erste Stunde in der Bibliothek und besuchte dann ihre Vorlesungen. Am Nachmittag legte sie sich für ein paar Stunden Schlafen. Schnell hatte sie sich an die Routine gewöhnt, wollte jedoch irgendwann aus dem Zweibettzimmer im Studierendenwohnheim ausziehen. Obwohl sie sich mit ihrer Mitbewohnerin bestens verstand, träumte sie schon lange von der Freiheit ihrer ersten eigenen Wohnung. Doch es fehlt ihr an dem nötigen Kleingeld. Auf der Suche nach einem weiteren Job wurde sie schließlich am schwarzen Brett ihrer Universität fündig – ein unscheinbarer Abreißzettel winkte ihr entgegen: “Masseuse gesucht  – mit der Möglichkeit, angelernt zu werden, flexible Zeiten“. Das schien ihr passend, weil sie an zwei weiteren Tagen, an denen sie keine Nachtschicht hatte, vom Nachmittag bis in die Nacht dort arbeiten konnte, so dass sie ihre Vorlesungen am Morgen nicht verpasste.

               „Weißt du, Anika, am Anfang waren mir die Arbeitszeiten des Salons schon etwas seltsam vorgekommen, auch wenn sie genau zu meinem Lebens- und Arbeitsrhythmus passten. Doch nachdem ich feststellte, dass das Team lediglich aus Frauen bestand, die Mehrzahl der Kunden Männer waren und die Massage mehr als nur Wellness bedeutete, dämmerte es mir. In den ersten Tagen gaben sie mir nur Kundinnen, auch wenn ich schnell verstanden hatte, dass diese nicht nur für eine medizinische oder kosmetische Anwendung kamen, sondern sinnliche und intime Massagen wollten. Vielleicht hätte ich mir diese Arbeit gar nicht zugetraut, wären nicht meine Kolleginnen gewesen und hätten sie mir den Start nicht derart erleichtert. Die Bezahlung für die zwei Tage Arbeit war erheblich höher als der Lohn, den ich von der Stadt für meinen ersten Job bekam – und, wenn ich vergleiche, herausfordernder und gefährlicher war dieser auch nicht. Außerdem rechnete ich mir aus, dass ich auf diese Weise bald die Nachtschichten reduzieren und damit konzentrierter studieren könne.“

               Anika hörte ihr kommentarlos zu und ergab sich ihren mal zarten, mal heftigeren Handgriffen.

               „Dreh dich bitte um“, bat Feeny. Sie begann, die Stirn, das Gesicht, den Hals und den Brustkörper ihrer Kundin zu lockern. Je tiefer sie kam, desto angespannter fühlte sich Anika. Nachdem Feeny ihr die Füße, die Unter- und Oberschenkel hin und her geknetet hatte, legte Feeny das seidene, vorne offene Kleid ab. Beherzt setzte sie sich auf ihre Oberbeine, ihre Knie rechts und links von Anika.

               Aus den Massagegriffen wurde ein liebevolles und verspieltes Streicheln –  nicht nur mit den Händen. Feenys Arme, Beine, Haare und Brüste, ihr gesamter Körper schmiegte sich an Anika. Etwas ungewohnt, feucht und anregend spürte sie Feenys Zunge sachte entlang ihres Schlüsselbeins hin und herstreifen, bis sie sich entlang ihres Halses zu ihrem Ohrläppchen hin bewegte. Leise machte Anika Feenys Atem an ihrem Ohr aus – im Rythmus ihrer Massagegriffe.

               „Darf ich dich streicheln?“ fragte Anika schüchtern.

               Feeny nickte, griff Anikas Hand, führte sie entlang ihrer Beine, hinauf zur Taille, und zögerlich, aber ohne Halt weiter über ihren Unterbauch hinab. Der Tag wurde zur Nacht, die Nacht zum Traumflug. Anika entkam sich selbst und all dem, worin sie sich gefangen fühlte.

Feeny lag noch eine Zeitlang neben ihr, strich über ihre Haut. Mit ihren goldbraunen Haarspitzen kitzelte sie ihre Brüste. Anika kostete die Zeit.

               Schließlich gab Feeny ihr einen Kuss, erhob sich und verabschiedete sich ins Bad. Anika blieb auf dem Rücken liegen, bis Feeny halb angezogen zurückkam und sie selbst das Bad aufsuchte. Mit einer herzlichen Geste wollte sie sich von ihr verabschieden:

               „Ob ich dich nochmals besuchen kann?“

               „Gerne, wenn dir meine Massage gefallen hat? Heute warst Du eingeladen, Massage auf Probe!“

               „Du bist wunderhübsch! Ich liebe deine Fingerspitzen, deine sanfte und deine raue Seite, du hast mich von mir selbst entführt – ja, bitte, auch wenn ich noch nicht weiß, wann wir uns wieder sehen können. Jetzt zum Semesterende habe ich viel zu tun, muss noch einige Prüfungen korrigieren, Examensarbeiten lesen und etliches Administratives für den Professor tun, bei dem ich meine Doktorarbeit beginnen werde.“

               Vor Anikas Augen blitzte ihr Kalender der nächsten Wochen auf, der sie abrupt in ihre Realität zurückholte. Sie hatte ein paar Tage Urlaub zu zweit in Teneriffa gebucht, die sie zusammen mit ihrem Freund Bruno verbringen wollte. Doch auch diese freien Tage sollten nicht von den Nachwehen des auslaufenden Semesters unberührt bleiben. Auch eine sich direkt an den Urlaub anschließende Exkursion zu verschiedenen Orten der Erinnerung in Deutschland und Polen an, die sie als Hilfskraft am Lehrstuhl zusammen mit Studierenden im Auftrag ihres Professors geplant hatte, stand ihr noch bevor.

               Sie war in ihrem Universitätsinstitut im Bereich Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts tätig. Das Institut wurde von zwei Lehrstuhlinhabern geleitet – natürlich männliche Professoren –, wobei erstmals ein junger Professor aus den USA berufen worden war, aktuelle Themen zu bewegen. Zu sehr schien ihr das Institut in seiner langen Geschichte traditioneller Herangehensweise an Kunst und Kunstgeschichte Verfangen zu sein. Dennoch genoss es weltweite Bekanntheit.

               In den Vorlesungen saßen in den ersten Reihen vor allem ergraute Häupter, meist weiße Männer. Sie waren die ersten, die ihre Hände hoben und Fragen stellten, bevor die jüngeren Studierenden sich zu äußern wagten. In ihren eigenen Proseminaren rief Anika gewöhnlich abwechselnd Stimmen aus den verschiedenen Altersgruppen auf, um auch die Jüngeren zu Wort kommen zu lassen. Die älteren Teilnehmer reagierten mit Ungeduld und Unmut. Sie wusste, dass sie mit ihren langen, offenen, hellen Haaren von diesen als jung und unerfahren betrachtet wurde, die weniger Autorität ausstrahlte als ihre gleichaltrigen professoralen und gesetzten älteren Kollegen. Diesen hatte sie allerdings voraus, dass sie nicht nur in Deutschland, sondern auch in Cambridge studiert hatte. Sie konnte Veranstaltungen in Englisch halten und hatte eine internationale Hörerschaft. Weil sie keinen Wert darauf legte, mit ihrem Nachnamen angesprochen zu werden, durften Studierende sie unkonventionell per Du anreden.

               Nicht selten diskutierte sie den Umgang mit Studierenden kontrovers mit Bruno. Auch er war an derselben Universität, war ihr einige Jahre voraus und bereits Assistent am Lehrstuhl für Ethik. Anders als Anika legte er Wert darauf, den, wie er sagte, „akademischen Abstand“ zu wahren und Ansprüche an die Studierenden zu stellen, wie sie ihm zu begegnen hatten – eine Vorstellung, die Anika negativ an ihre Studienzeit in Deutschland erinnerte.

               Als sie sich im kunsthistorischen Institut derselben Universität, an der sie jetzt zu promovieren begann, als junge Studentin für die Teilnahme an einem Hauptseminar bewarb, erhielt sie keinen Bescheid. Auf Nachfrage wurde sie am Abend von dem Professor ins Institut bestellt, hatte über eine Stunde mit Kommilitoninnen auf der Bank im Flur vor seinem Büro gewartet, bis sie als letzte bei ihm eintreten durfte. Da saß der berühmte, alte Herr, gedankenversunken hinter seinem schweren Schreibtisch in einem weiten, holzvertäfelten Studienraum, in der Mitte ein großer Tisch mit den jüngsten Publikationen von Hans Belting und rundherum Regale mit schweren Bildbänden und Büchern.

               Er bot ihr keinen Stuhl an.

               Sie stand vor ihm und war sich nicht gewiss, ob sie seine Aufmerksamkeit eher durch ihre langen Beine als durch ihr Anliegen, an seinem Hauptseminar teilnehmen zu wollen, gewann. So hatte er sich nicht nach ihren Interessen, ihren Vorkenntnissen, ihren Anliegen erkundigt, sondern eine vielleicht wohlgemeinte Bemerkung zu ihrer Erscheinung gemacht und gefragt, ob sie Kunstgeschichte im Hauptfach studiere und gewillt sei, bei der Exkursion im Sommer mitzukommen. Nachdem sie beides verneinte, weil sie ihr Geld für das Studium im Sommer verdienen müsse, außerdem Germanistik im Hauptfach und Philosophie und Kunstgeschichte nur im Nebenfach belegt habe, beendete er das Gespräch und verwies sie an seine Sekretärin, um sich um Nachrückplätze für das Seminar zu erkundigen. Ganz anders hatte sie den Umgang in Cambridge erfahren, wo sie selbst als Studentin von den Lehrenden den Eindruck vermittelt bekam, ein vollwertiges Mitglied der akademischen Welt zu sein. Sie hatte verstanden, dass es Bruno weniger um sich und die eigene Position ging, sondern darum, wie er meinte, seinen Gegenüber Selbständigkeit und Achtung entgegenzubringen und entsprechend selbstbewusstes Auftreten zu vermitteln.

               Feeny saß neben Anika auf der Bettkante und wartete. Anika bemerkte, dass sie allmählich zurück in den Alltag gefunden hatte:

               „Sollen wir uns in sechs bis acht Wochen sehen?“, fragte Anika.

               „Wann immer du willst“, antwortete Feeny, „aber mir geht es ähnlich wie dir. Ich habe für einige Abschlusstestate zu lernen und muss neben einigen Seminararbeiten einen eigenen Modeentwurf erstellen und mit den entsprechenden Stoffen die Entwürfe umzusetzen, die ich für meine Bachelorarbeit brauche. Dürfte ich dich für ein paar kunsthistorische Fragen dazu zwischendurch mal anrufen?“

               „Selbstverständlich“, sagte Anika, „immer für dich da, du hast meine Nummer.“

               Weil Anika wusste, dass Feeny Studentin war, hatte sie ein wenig Bedenken, was ihre Beziehung zu ihr betraf. Feeny studierte zwar an einer anderen Hochschule in München und sie war eine erwachsene Frau, die so über ihr Leben befinden konnte wie Anika mit ihren 29 Jahren, aber sie wollte ihre Vorbehalte nicht länger für sich behalten.

               Bei dem ersten Telefonat, in welchem Feeny auf ihre kunsthistorische Expertise zusprechen kam, hatte Anika sie auf eine mögliche Komplikation wegen ihrer beruflichen Stellung angesprochen. Feeny reagierte einfühlsam, verstand die Besorgnis, verdeutlichte Anika aber, sie sei professionell genug zu wissen, was sie mache. Außerdem sei sie nicht nur verschwiegen, sondern es gäbe eine Reihe von Anikas Kolleginnen und Kollegen – ja bis hinauf in die höheren Leitungsfunktionen ihrer Universität –, die ihre Dienste oder die ihrer Kolleginnen wahrnähmen, wie sie noch aus dem Salon wisse, in welchem sie gelernt hatte. Anika brauche also keine Bedenken zu haben. Außerdem, so hatte sie hinzugefügt, sei Anika ihr ja fachlich und finanziell behilflich, ihr Studium besser voranzubringen. Sie habe inzwischen sogar den Massagesalon verlassen können, in welchem sie angestellt war. Wenngleich mit manchen Hürden, auch als Selbständige funktioniere das Geschäft, wenn auch, wie sie wisse, nicht ohne Anfangshürden.

               Anika plagte die andere Frage, ob es recht von ihr war, Feenys Nähe in Anspruch genommen zu haben.  Hätte sie nicht die Distanz wahren sollen? Sie hatte die Ethikdiskussion mit Bruno vor Augen, der solch eine Dienstleistung als Erniedrigung einer Frau empfand und dem oder der Zahlenden Dominanz zuschrieb. Anika hatte ihm entgegengehalten, dass sie ein einvernehmliches Verhältnis jeder intransparenten Abhängigkeit vorzog und erwähnte Missbrauchsverhältnisse, die es etwa auch in der Universität gab. Außerdem hatte sie bei einem weiteren Besuch mit Feeny darüber gesprochen, wie sie das Verhältnis empfinde. Feeny hatte ihr mit Nachdruck versichert, sie wolle sich weder durch Frauen noch durch Männer definieren oder bevormunden lassen, schon gar nicht durch Modevorstellungen, die ihr erklärten, was eine Frau sei und wie sie sich zu verhalten habe. Ihre Arbeit im Asylbewerberheim sei oft viel härter als die Arbeit als Masseuse. Im Heim erlebe sie öfters gefährliche Situationen ohne Schutz durch die Stadtverwaltung oder die Polizei. Wenn sie bei Konflikten im Heim die Streife rufe, kämen die zwar, aber meist reichlich spät. Dennoch habe sie sich auch im Asylbewerberheim ihre Rolle erkämpft. Sie trage keine andere Kleidung als die, in der sie sich sonst wohlfühle, und Anika konnte sich vorstellen, dass sie auch dort halbdurchsichtige Seidenshirts ohne BHs trug, dazu die von ihr geliebten kurzen Stretch-Röcke und gemusterte Netzstrümpfe.

               „Natürlich“, sagte sie, „schauen die Männer mir nach, aber sie achten mich, achten auch auf mich – wozu studiere ich sonst Modedesign und produziere modische Outfits? Die Frauen aus den Asylländern sind eher verstohlen, eifersüchtig auf Männer, die nach mir schauen. Ob auch sie nach mir schauen, lässt sich an ihren Augen kaum ablesen. Es freut mich, dass ich ihnen und sie mir vertrauter werden, je länger ich dort arbeite. Meines Auftretens wegen hat sich noch keine oder keiner an mich herangewagt, ganz im Gegenteil!“

               Rau ginge es vielmehr dann zu, wenn es unter den Bewohnerinnen und Bewohnern verschiedener Länder und Ethnien Hierarchiegerangel gäbe. Wenn Eifersucht oder auch Übergriffe zwischen diesen viel zu eng aufeinander lebenden Menschen entstanden und einzelne oder auch Gruppen aneinandergerieten, meist, weil Leute betrunken waren. Sie müsse gelegentlich zwischen Streithähne treten, weibliche wie männliche. Bei den Männern sei es für sie leichter, da helfe ihr das couragierte und selbstbewusste Auftreten.

               Anika konnte sich eine solche Auseinandersetzung mit Feeny in der Mitte zwischen zwei Streithähnen zwar nicht recht vorstellen, leitete aber von Feenys Erzählung und ihrem Auftreten ihr gegenüber ab, wie sie kritische Situationen meistere. Offenkundig war Feeny zugleich eine nicht nur sensible, sondern auch intelligente und redegewandte Frau, die ihr Studium und die praktischen Arbeiten trotz beruflicher Belastungen glänzend gestaltete. Anika wünschte sich, solche Studentinnen vor sich zu haben. Dass Feeny zupacken konnte, spürte sie in jenen Momenten, wenn sich ihre Hände in ihren Muskeln verloren. Stolz hatte sie ihr auch in ihrer Wohnung den Werktisch gezeigt, auf dem sie Stoffe verschiedener Art angehäuft hatte. Daneben stand ihre Singer-Maschine, die sie von ihrer Mutter, die von Beruf Näherin war, geerbt hatte und an der Wand hingen verschiedenste Designentwürfe und Schnitte, darunter auch ein paar vergilbte, die wie die ihrer Mutter aussahen.

               „Würdest du mir den Gefallen tun, dieses rote Satin-Outfit anzuprobieren“, hatte Feeny sie gefragt, nachdem sie von der Bettkante aufgestanden war. Sie zeigte auf ihr jüngstes Produkt, „auch wenn es am Rand erst mit Nadeln zusammengesteckt ist, du musst also noch ein bisschen aufpassen, dass du dich nicht aufspießt.“

               „Was für ein großartiges Angebot!“, antwortete Anika, und bewegte sich auf das leuchtende Kleidchen zu, das mit passenden Netzstrümpfen und schwarzen Armstulpen auf einer der vielen Kleiderstangen im Flur hing.

               Feenys Augen leuchteten. Vorsichtig nahm sie das Kleid herunter und reichte es Anika, die sich wieder auszog und es direkt auf ihren nackten Körper streifte. Während Feeny selten beim Anblick ihrer Kundinnen in innere Bewegung geriet, bewegte sie der Anblick Anikas in ihrem Kleid. Vielleicht, weil sie dieses Kleid in ihren Nächten erträumt, dann entworfen, schließlich genäht und jetzt zum ersten Mal getragen vor sich sah. Vielleicht aber auch, weil sie Anika gegenüber empfand als gegenüber anderen Kundinnen.

               Feeny näherte sich Anika vorsichtig, zog noch ein wenig hier und da am Kleid, achtete darauf, dass die Nadeln nach außen zeigten und sie sich nicht in Anikas Haut verfingen. Sie überlegte sich, an welchen Stellen sie den Stoff noch etwas raffen müsse, doch über diese Gedanken verfiel sie der Anziehungskraft ihres eigenen Geschöpfes. Sie begann, Anikas Schulter zu streicheln, fuhr mit ihren Händen weiter über ihren Rücken nach unten, legte ihren Kopf in ihre Haare, beide begannen sich miteinander zu bewegen, fanden einen gemeinsamen Rhythmus, tanzten, drehten sich weg voneinander, wieder aufeinander zu. Feenys Hände glitten zu dem langen Schlitz, den sie auf der Seite offengelassen hatte. Ihre Hände bewegten sich entlang dieser Öffnung, mit ihren Fingerspitzen kroch sie hinein, und beide Körper sanken sachte zurück aufs Bett, von welchem sich Anika nicht lange zuvor erhoben hatten. Was folgte, war außerhalb jeder Planung. Feeny fühlte sich umfangen und Anika schwand der Sinn dessen, wo sie war und wie es ihr erging. Zeit war Musik und Raum war Rhythmus, die Welt schien unendlich.

               Beiden war entgangen, wie lange sie da miteinander gelegen waren, für- und miteinander geträumt hatten. Und das, obwohl Anika sich schon längst verabschiedet hatte. Doch ihr Blick, der langsam wieder fester wurde, war verzaubert von den verschiedenen Ständern, auf denen halbfertige Kleidungsstücke, Blusen, Tücher, Röcke und Kleider leuchteten. Sie stellte sich die Momente vor, in denen diese Kleider so lebendig wie das rote Outfit würden.

               „Kreierst du auch Stücke für Männer? Ich bin derzeit mit jemandem befreundet, den ich mit etwas Ausgefallenem überraschen könnte.”

               „Gerne“ sagte Feeny, „auch wenn ich lieber Frauenkleidung gestalte. Zugegeben sind diese einfacher – für Männer etwas Besonderes zu produzieren ist viel herausfordernder. Ich stelle mir meinen Freund vor und frage mich, ob er das Stück tragen würde. Nun, er ist nicht konservativ, aber auch nicht gerade der Avantgardist.“

               „Mir geht es nicht anders: Der Mann, mit dem ich zusammen bin, teilt einige meiner Neigungen, etwa die für sinnliche Kleidung, er interessiert sich auch für einige meiner Themen, mit denen ich mich beschäftige, ist aber zugleich zurückhaltend, wenn es um ihn selbst geht, ob du etwas hättest, womit ich ihn zu seinem Geburtstag verblüffen könnte?  Es darf ruhig frech sein, denn ich möchte ihn herausfordern.“

               „Willst du wirklich etwas Freches für ihn?“

               Die Frage traf Anika, weil sie Bruno gegenüber ab und zu skeptisch war. Er liebte es, wenn sie aufreizend gekleidet mit ihm ausging, was sie selbst anregend fand, kurze Röcke, durchsichtige Satinoberteile im Restaurant oder beim Tanzen trug, doch er selbst gab sich bieder, was sie verunsicherte und ihr manchmal sogar peinlich erschien. Anders empfand sie die Begegnung mit Feeny , die sich im selben Maß für sie öffnete, wie sie sich ihr gegenüber geöffnet hatte. Bei ihr hatte sie den Gleichklang empfunden, den sie sich mit Bruno wünschte, indem der eigene Körper mit dem anderen Körper harmonierte und nicht als Objekt äußerer Begierde betrachtet wurde, wie sie das zuhause in der Familie bis in ihre Pubertät erlebt hatte. Sie bewunderte Feeny auch als Rollenmodell, wie man selbst entgegen allen gesellschaftlichen und moralischen Zwängen zu leben vermochte.

               Zugegebenermaßen, so empfand Anika, musste auch sie sich als Person mit Intellekt und in ihrer physischen Befindlichkeit verkaufen. Seit Studienzeiten hatte sie sich innerhalb der akademischen Institution feilbieten müssen. Bei jeder Vorlesung und vor allem bei jedem institutionellen Meeting empfand sich Anika vorgeführt. Sie gestand, dass sie sich stärker verbogen und angepasst fühlte, als Feeny zu sein schien. Darum vielleicht ihre Rückenbeschwerden, die Schmerzen, die sie manchmal nachts nicht schlafen ließen und morgens beim Aufstehen plagten. Andere Menschen befanden über ihre Lebensweise, hatten Ansprüche ihr gegenüber, bestimmten ihre Kleidung. Wie hätte sie je in diesem roten Outfit von Feeny eine Vorlesung halten können? Diktiert wurde ihr der Terminkalender durch die Vorgaben der Hochschule, die Anweisungen des Dekans und den meist männlichen Kollegen, ihr Umgang wurde bestimmt, bis hinein in ihre Privatsphäre und in ihr Schlafzimmer. Dürften diese von ihrem Besuch bei Feeny wissen? Was würden sie sagen, wenn bekannt würde, dass sie mit einer Frau, zumal noch einer, die soviel jünger war als sie, ins Bett ging und daneben einen älteren Freund besaß? Sie gestand sich ein, in vielerlei Weise weniger souverän aufgetreten zu sein und auftreten zu können, als Feeny auf sie wirkte. Anika ertappte sich bei dem Gedanken, dass es ihr unangenehm sein könne, wenn Feeny ihr in der Stadt, in einer der Mensen oder der Staatsbibliothek begegnete. Termine in ihrem Massagestudio am wenig belebten Stadtrand – warum nicht, hier war ihr ein geschützter Raum geboten, aber könnte sie sich vorstellen, Feeny zum Essen in ein Restaurant einzuladen?

               Als Anika später an diese Gedanken anknüpfte, erinnerte sie sich an einen gemeinsamen Spaziergang im Anschluss an eine Massagesitzung. Feeny hatte Anika gefragt:

               „Hast du Lust, Hassia mit mir auszuführen?“

               Etwas überrascht hatte sie geantwortet: „Warum nicht? Dann muss ich dich nicht gleich verlassen.“

               Feeny hatte Hassia an die Leine genommen, der vor lauter Freude und Erwartung bellte und an Feeny und Anika hochsprang, taumelte und vorwärtsdrängte.

               Kaum vor der Tür angekommen, fragte Feeny: „Ist es ok, wenn ich mich bei dir einhänge?“

               Anika war etwas perplex, was würde passieren, wenn ihnen eine ihrer Studentinnen oder ein Student begegnen würde. Doch wünschte sie sich Feenys Nähe, ihren Griff, die Wärme ihres Körpers. Sie nickte und sie umarmten sich. Feenys Hand fügte sich in ihren Rücken mit einem nicht weniger festen Griff als mit dem, mit welchem sie Anika massiert hatte. Feeny schaute sie an, und sie hatte das Gefühl, sie wollte sichergehen, dass sich Anika wohl und sicher fühlte.

               Feeny gab sich Mühe – sie musste Anikas Unsicherheit gespürt haben, dachte Anika, denn sie fasste sie noch fester und lud sie ein, auch ihren Arm um ihre Hüfte zu legen. Anika folgte der Einladung, war sich zunächst unsicher, aber fühlte, dass das Unwohlsein mit jedem Schritt und Tritt nachließ. Sie lehnte sich an Feeny und wusste sich getragen, ein Gefühl, das sie selten überkommen hatte.

               „Hey, Anika“, rief plötzlich eine Stimme.

               Vor ihnen standen zwei ihrer Kollegen, die offensichtlich mit einer Gruppe von Studierenden unterwegs waren. Anika ertappte sich, wie sie, wie vom Blitz getroffen, ihre Hand von Feenys Hüfte zurückzog und sich bloßgestellt fühlte, Feenys Hand weiterhin an ihrer Seite zu spüren. Im Nu hatte Feeny die mögliche Peinlichkeit empfunden und schneller als sie reagiert.

               Kaum waren die Kollegen gegangen, lachte Feeny ihr lieb und ein wenig verlegen ins Gesicht:

               „Entschuldige Anika, ich wollte dich nicht kompromittieren!“

               „Hast du nicht – ich war nur erschrocken, du weißt, aber Hassia hat die Situation gerettet, mit seinem Sprung hatte er wohl die Aufmerksamkeit aller gefangen.“

               „Ich weiß, dass du vorsichtig sein musst – und offensichtlich ist selbst eine Großstadt wie München ein kleines Fleckchen, kleiner als ein Dorf.“

               Anika atmete auf und war dankbar, wie bemüht und rücksichtsvoll Feeny war, jemand, die sie in ihrer Situation zu verstehen und mit ihr zu empfinden versuchte. Solches Feingefühl war ihr aus der eigenen Institution fremd.

               Anika war allerdings über ihre eigene Reaktion erschrocken. Warum konnte sie nicht zu Feeny und damit zu sich selbst stehen, warum zog sie ihre Hand, ihren Arm zurück, stand nicht zu der Beziehung, die sie mit Feeny hatte? Es war nicht der Altersunterschied, es war die Situation, in die sie sich in den vergangenen Jahren hineinmanövriert hatte.

               War die Frage nicht schon ein Ausweis dafür, in welcher Zwangslage sie sich befand?

Feeny hatte Anika dazu ermuntert, ihrem Freund Bruno von ihr zu erzählen, zumal sie sich selbst in einer festen Beziehung befand, auf die sie stolz war. Natürlich nur, wenn Anika es wünschte. Anika hatte tatsächlich Bruno von Feeny berichtet, warum sie sich mit ihr traf, was und wieviel sie ihr bedeutete, und warum das Verhältnis zu Feeny ihre Liebe zu ihm nicht minderte. Ihr war eine offene Kommunikation wichtig.

               Trotz spontaner Eifersucht hatte Bruno ihr Verhältnis zu Feeny akzeptiert, weil er wusste, welches Vertrauen Anika ihm gegenüber hatte, so transparent von ihrer Beziehung zu Feeny zu sprechen. Er hatte auch Anikas Problem des Gefälles zwischen ihnen verstanden, sich über sein neues Outfit gefreut, das er zu seinem Geburtstag von ihr erhalten hatte, und es noch am selben Abend angezogen und mit ihr zusammen ausgeführt. Doch wenn es dazu kam, Fotoaufnahmen zu machen, blieb er der Fotograf, während Anika posierte, sei es für romantische Bilder bei einer ihrer Wanderungen in den Alpen, sei es im Urlaub für erotische Aufnahmen, bei der es einige Fotos gab, in denen sich Anika ausgezogen und nuttig fühlte.

Bruno spürte den Freiraum, den Anika ihm einräumte. Ohne irgendeine Klage ihrerseits konnte er sich beruflich entwickeln, wochenlang dienstlich abwesend sein, konnte selbst Beziehungen eingehen, ohne von einem schlechten Gewissen gegenüber Anika geplagt zu werden, und sich in manchen Nächten Kurzpartnerinnen und Freunde suchen, mit denen er intim sein konnte, ohne ihr etwas beichten oder auch nur davon erzählen zu müssen. Andeutungen provozierten bei ihr keine kritischen Rückfragen, sondern eher umsorgendes Werben um ihn, was es ihm manchmal ermöglichte, auch Details solch gelungener oder weniger erfreulicher Erfahrungen zu offenbaren.

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Urlaub in Kreta

 

Für Bruno hätte sie so manches Gespräch auf sich genommen. Auch noch nach den über zehn Jahren, seit sie sich kannten. Ihre Beziehung hatte an Intensität zugenommen und sie waren sich nahe, wenn auch nicht so nahe, dass sie sich nur als Paar sahen. Er bot ihr die Nähe, die sie brauchte, den Landeplatz und ab und zu den Halt, auf den sie zurückfallen konnte, wenn ihr die Arbeit und die damit verbundenen Reisen und Risiken zu groß zu werden schienen. Andererseits war er ein Mann, von dem sie nicht den Eindruck hatte, dass er sie liebte, weil er sie brauchte, sondern schlicht, weil er sie liebte. Er lebte sein eigenes Leben, und sie hatte das Gespür, dass er dieses weiterleben würde, auch wenn sie von einer ihrer Reisen nicht zurückkehren würde. Er liebte sie. Punkt. Kein Grund. Kein Weil und kein Warum.

               Er konnte romantisch sein, holte sie vom Flugplatz ab und hatte zuerst ein Ohr für sie, ohne gleich mit seinen Erlebnissen loszupreschen – und wenn sie am Wochenende Zeit füreinander fanden, war er es, der das Wochenende für sie geplant hatte, sei es eine ausführliche Bergwanderung mit einem sich anschließenden Abendessen, einem Schachabend und einer Übernachtung in einem ökologischen Gasthof, sei es ein Abend mit jungen Schriftstellerinnen, die sich einem kritischen Publikum stellten oder ein Jazzabend in einer der Kellerkneipen am Stadtrand. Sie durfte ausgepowert bei ihm ankommen und wusste, dass sie sich fallen lassen konnte, ohne groß erzählen zu müssen, umgekehrt konnte sie heiß auf ihn sein, und er würde sich auf das wildeste Spiel mit ihr einlassen. Dann wieder drängte er sie zu nichts, ließ sie kommen, auch gewähren, und war unendlich geduldig, wenn sie das Bedürfnis hatte, von dem zu berichten, was sie erlebt hatte, oder auch nur an seinem Arm vorm Fernseher nach wenigen Minuten einzuschlafen.

               Andererseits stellte sie der Anfang ihrer Freundschaft vor Bewährungsproben, etwa ihr erster Urlaub, den sie gemeinsam im Jahr 1991 in Kreta zusammen mit einem Paar verbracht hatten. Bruno hatte von Anikas Beziehung zu Feeny gewusst. Über die Jahre empfand sich Anika nicht mehr nur als Kundin bei Feeny, und sie hatte das Gefühl, dass auch Feeny ähnlich wie sie empfand. Auch mit der größeren Bindung zu Feeny konnte Bruno umgehen, ja sogar mitgehen, wenn sie ihm von Feeny erzählte. Schwieriger war es, mit Bruno zusammen in Gesellschaft mit anderen aufzutreten. Anika hatte das Empfinden, er mied solche Gelegenheiten und war am liebsten mit ihr allein zusammen. Es war eine Zweisamkeit, die sie oft mochte, aber sie war auch gerne im größeren Kreis mit Freunden zusammen, in dem sich Bruno eher unwohl fühlte, wie er ihr sagte. Ob er sich auf eine kleine, traute Runde einlassen würde? Die Einladung an Feeny und ihren Partner René war Anikas Versuch, ihr Bedürfnis mit dem von Bruno zu harmonisieren, ein Zusammensein zu Dritt und zu Viert auzuprobieren und gemeinsam Nähe und Ferne auszutarieren.

               Anikas Anfrage bei Feeny, mit ihren Partnern zusammen einen Urlaub zu unternehmen, hatte diese zunächst verwirrt. Bisher hatte Feeny streng zwischen Kundinnen oder Kunden und ihrem Privatleben getrennt. Auch nach drei oder vier Jahren, in denen Anika ihren Salon aufsuchte, wäre es ihr trotz freundschaftlicher Empfindungen zu ihr nicht in den Sinn gekommen, diese professionelle Nähe über diese Ebene hinauszuführen. Sie konnte sich Anika wie auch ihren anderen Kundinnen und Kunden widmen, auf sie eingehen, oft auch nur zuhören und mitfühlen, weil der Abstand gegeben und mit der Bezahlung die Grenze gezogen war. Anika war nicht die einzige Regelmäßige, wenn auch eine der wenigen weiblichen, während die Zahl der männlichen größer war. Dafür waren diese gewöhnlich erheblich älter. Anika war, das gestand sich Feeny ein, in verschiedener Hinsicht eine Ausnahme. Aber sollte sie die Differenz zwischen Dienst und Privat im Fall von Anika aufgeben? Mit ihrem Freund René wollte sie ihr Problem nicht besprechen, sie empfand, dass der Salon ihr Business war, den sie aus ihrer Partnerbeziehung heraushalten wollte. Es war ihr Unternehmen – gewiss kleiner und weniger angesehen als die Unternehmungen, in denen René unterwegs war, aber es war das ihre. Sie hatte es von der Pike aufgebaut, sie investierte sich, und sie generierte aus ihm die Freiheiten und Möglichkeiten, mit denen sie ihr Modegeschäft wachsen lassen und aus eigenen Mitteln ab und zu René eine Freude bereiten konnte, und wenn es eine Einladung in ein schönes Restaurant war.

               Warum wollte Anika sie zu einem Urlaub einladen? Zudem mit ihrem Freund? Und sie sollte den ihren mit dazu bringen? Sie schwankte hin und her – wobei die Tatsache, dass Anika nicht nur mit ihr allein, sondern mit beiden ihrer Freunde reisen wollte, ihr die Sache weniger problematisch erscheinen ließ. Sie musste sich eingestehen, dass sich die Nähe zu Anika anders anfühlte als die zu den meisten ihrer anderen Kundinnen und Kunden, außerdem, überlegte sie, könnte Anika ihr zu Kunst, Literatur und Lebensgewohnheiten der Inselbewohner Auskunft geben, eine Möglichkeit, Inspirationen für neue Kollektionsstücke zu gewinnen.

               Die Reise hatte mit der getrennten Anreise begonnen. Bruno war zusammen mit René angereist. Die beiden Männer waren von Frankfurt geflogen, während Anika zusammen mit Feeny von München aus eine Maschine gebucht hatte, die eine Stunde später Heraklion erreichte.

               Am Tag zuvor hatte sie noch einen Termin mit Feeny, der sie, wie so oft, aus ihrer eigenen Welt der Wissenschaft herauskatapultiert hatte, nur um bei sich selbst in der Nähe von Feeny anzukommen. Bruno war auf Dienstreise, aber ohne Rückfragen am Telefon einverstanden.

               Anika war nicht überrascht gewesen, als sie Bruno in der Ankunftshalle warten sah, während René vor dem Flughafengebäude in einem offenen, weißen Jeep saß. Der war allerdings viel zu klein, um die zwei Riesenreisekoffer der beiden Frauen aufzunehmen. Also musste ein Koffer auf den Rücksitz, weshalb sich Anika nach vorne zu René, der fuhr, setzte, während Feeny sich auf Brunos Schoß drängte.

               Die Fahrt war atemberaubend, zunächst entlang der Küste, weg von Heraklion, dann zunehmend romantisch, mitten durchs Gebirge. Es war ein Erlebnis der Natur, doch nicht nur. Auch im Fahrzeug ging es wild zu. Anika hatte weder Zeit noch Gelegenheit, rückwärtszuschauen, was sich auf dem Rücksitz abspielte, denn während von hinten lautes Juchzen nach vorne drang, fuchtelte René zwischen Anikas Beinen, als suche er nach einer verloren gegangenen Handbremse. Er grapschte stattdessen die Whiskeyflasche und trank aus ihr, während er fuhr. Anika überlegte, was klüger sei, aus dem Auto zu springen, die Beine zu öffnen, oder René die Flasche zu entreißen und selbst daran zu nippen, bis sie leer sein würde.

Die Strecke von Heraklion führt nach einigen Kilometern auf solch schmalen und gewundenen Wegen durch die Berge, dass sie alle Aufmerksamkeit des Fahrers auf Straße, Löcher und Kurven erfordert. Nicht ohne Grund.

               Bruno und René hatten die beiden Ladies nicht nur mit einer prächtigen Laune empfangen, sondern auch mit einem Dunst, der aus der geöffneten Jamesonflasche kroch, die die Jungs vom Duty-free-Shop beim Abflug mitgenommen hatten. Offenkundig hatten sie die Flasche bereits während des Flugs geöffnet.

               Anika dachte, es sei nicht mehr als verantwortlich, dafür zu sorgen, dass der Fahrer nicht noch mehr von diesem Alkohol zu sich nähme, und hatte deshalb gleich beim Einsteigen selbst einen kräftigen Schluck genommen. Feeny tat es ihr nach, und beide verfielen schnell in ein gemeinsames Gigglen, mit dem sie es den Männern gleichtaten.

               Es gibt wenig Komischeres, als wenn Männer albern werden und man selbst nüchtern ist. Zugleich erleichterte der Alkoholgenuss das Arrangement des Partnertauschs im Jeep – zumal sich Anika vorne offensichtlich nicht schlechter mit René verstand als Feeny mit Bruno auf dem Rücksitz, zumindest klang es von der Rückbank nach reichlich Spaß und Lust. Die Flasche wanderte. Während die Straße mit jeder Kurve enger und gewundener wurde, öffneten sich Anikas Beine weiter. Die Bottle kreiste weiter. Kreta erschloss sich den Vieren auf eigene Weise.

               Anika bemühte sich, die Konzentration des Fahrers zu erhöhen, indem sie sich ihm intensiver widmete, auf ihn zugriff und sich bei stürmischen Manövern nicht nur an seinem rechten Bein, seinem Arm und an seine Schulter klammerte, sondern ihn auch zu ankern versuchte, was René ganz offensichtlich und blitzschnell aufmerksam und wieder wach werden ließ.

               Der heiße Sommerwind strich durch ihre Haare, über ihren betonten Busen und über ihre Haut, dass sie den Pullover und das Hemdchen, das sie darunter anhatte, auszog und nur mehr in ihrem lockeren T-Shirt an seiner Seite lehnte. Die lange Hose streifte sie von sich, und zog anstelle der Unterwäsche die Tangabadehose an. René wurde sichtlich wacher und vergnügter, auch wenn er sich deshalb nicht stärker auf die Straßenkurven konzentrieren konnte, sondern auf andere Weise noch weiter abgelenkt wurde. Von der Rückbank wanderte ab und zu die Flasche nach vorne, ansonsten gab es herzliches Gestöhne, und wieder die Freude daran, wild durch die südliche Sommerwärme zu brausen.

               Irgendwie hatte sich mit dem Raum auch die Zeit verloren – und über eine fröhliche Stimmung neigte sich die Sonne, warf ihre letzten Strahlen auf die mediterranen Hügel, die Berge mit ihrem struppigen Bewuchs, die Szenerie eröffnete den Blick auf die dunkelblaue See, die fast gespenstig ruhig dalag. Irgendwann, die Nacht war längst über das fahrende Ungeheuer hereingebrochen, kamen sie am Stadtrand von Sitia an, dem Ort, in welchem sie ihr Quartier gebucht hatten. Doch, bevor sie zu diesem in die Hügel abbiegen sollten, riss René das Lenkrad nach links, dirigierte den Jeep unter eine Zypresse und machte einen gewagten Sprung in den weichen Sand des Strandes. Anika wusste nicht mehr genau, ob sie nach rechts oder links aussteigen sollte, streifte lediglich das Hemdchen von sich und rannte oben ohne hinter René her – Bruno konnte kaum noch jemand von ihnen wahrnehmen, so dunkel war es bereits geworden. Vielleicht, so bildete er sich ein, war er derjenige von den Vieren, der noch am nüchternsten war, und, da er die Felsen am Ufer erahnte, die aus dem Strand herauszuragen schienen, überkam ihn die Sorge, dass sich Anika und René an diesen verletzen könnten, da sie sich kopfüber in die Fluten stürzten. Doch hatte er kaum Zeit nachzudenken, denn schon hatte Feeny sich auch ihrer Unterwäsche entledigt und war den beiden anderen nachgerannt.            

               Schließlich warf auch Bruno all seine Bedenken über Bord und, von seinen Kleidern befreit, stürzte er sich auf Feeny, den Wellen entgegen, griff nach ihr und freute sich, dass sie ihm ihre Hand entgegenhielt und ihn zu sich zog. Das Meerwasser war frisch, nicht kalt, aber Feeny wärmte ihn durch und durch, indem sie ihn umarmte und eng an sich drückte. Obwohl beide von dem schäumenden Nass hin und hergeworfen wurden und der Whiskey das seine zu den Turbulenzen hinzutat, spürten sie, wie sie zueinander fanden. Sie küssten sich, spritzten mit Meerwasser gegen die Nacht und hatten Mühe sich voneinander zu lösen, um den beiden anderen entgegenschwimmen zu können, die sich offenkundig nicht weniger amüsierten.

               Der Abend brach abrupt ab, zumindest hatte die Erinnerung einen Filmabriss. Als Bruno am nächsten Morgen wach wurde, im Bett und in den Armen von Feeny, ahnte er, dass sie nicht an dem vorgesehenen Ort und nicht an dem von ihnen geplanten Platz angekommen waren. Wie sich beim Frühstück herausstellte, waren sie in einer anderen Ferienwohnung als der von ihnen gebuchten gelandet, aber wenigstens waren sie alle Vier in derselben Unterkunft, und auch ihr Jeep stand halbwegs ordentlich geparkt unter den Olivenbäumen auf dem Hof. Die Unterkunft musste in der Nacht offen gewesen sein, und sie hatten offensichtlich freie Betten und Zimmer gefunden. Dass die Behausung alles andere als unbewohnt war, zeigte sich an den Gästen, die schon auf der Terrasse frühstückten. Die lustigen, jetzt etwas zerknitterten Vier waren also nicht die Einzigen im Gebäude, das mehrere Ferienwohnungen hatte. Sie hatten bald begriffen, dass es auch nicht die war, in der sie absteigen wollten und sollten.

               Bruno rieb sich seine Augen, Feeny atmete noch selig, und auch Anika, die eng an René geschmiegt auf der Couch gegenüber lag, schlief noch fest. Bruno versuchte, den Abend zu rekonstruieren und herauszufinden, wo sie gelandet waren. Ohne großen Erfolg. Doch der Duft von frisch gebackenem Brot hatte ihn aufgeweckt. Tatsächlich drangen Stimmen zu ihm entgegen. Er blickte auf und sah vor dem Fenster Gestalten, die sich gut gelaunt unterhielten und frühstückten. Feeny wurde unruhig, griff nach Bruno und blinzelte ein wenig, mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. Sie fuhr ihm durch die lockigen Haare und streichelte mit ihnen Brunos Wangen. Bruno, noch erschöpft von der Gewalttour des Vorabends, ließ sich in sie sinken, tauchte ab und wärmte sich an Feenys Körper.

               „Ob du weißt, wo es einen Kaffee gibt?“

               „Keine Ahnung, aber da draußen scheinen Leute zu frühstücken – ich schau mal.“

               Bruno kroch von dem fremden Sofa, lugte aus dem Fenster und fragte nach draußen – in Englisch, weil er meinte, englische Wortfetzen gehört zu haben:

               „Do you think we can get a coffee around here?”

               „Just join us”, war die Antwort.

               Mit einer liebevollen Geste löste er sich von Feeny und stach leise nach draußen. Nur wenige Minuten später kam er zurück mit vier Tassen in seiner Hand, die nach schwerem, griechischem Kaffee rochen. Er stellte sie an der Couch und am Bettrand gegenüber ab, gab Anika einen Kuss, die gerade ihre schweren Augenlider ein wenig blinzeln ließ, und ging nochmals nach draußen. Bald darauf kam er wieder zurück, mit vier Tellern und frisch duftendem Pitabrot. Er kannte Anika bereits so weit, dass er vermutete, sie würde bei Kaffee und Brotgeruch wach werden. Und tatsächlich öffnete sie, etwas geblendet, die Augen. Sie sah zwar etwas zerknittert und zerschlagen aus, lächelte ihn aber zuversichtlich an.

               „Danke, du bist so lieb“, setzte sie hinzu. René machte nicht den Anschein, dass ihn Kaffee oder Stimmen wecken könnten.

               Anika setzte sich im Bett auf, schob das Bettlaken zur Seite, mit dem sie sich zugedeckt hatte, denn die Morgensonne hatte den Raum bereits deutlich gewärmt. Mit der Tasse in der Hand, unbedeckt und unbekleidet, prostete sie Feeny und Bruno zu.

               „Was für eine Fahrt! Und was für eine Landschaft!“

               Bruno hatte eher sagen wollen: „Glücklich, dass wir gut angekommen sind“, doch die Stimmung der beiden Ladies nahm ihn mit, und er schlug vor, gleich nach dem Frühstück an den Strand zu gehen, um sich zu betrachten, wo sie in der Nacht ihre Schutzengel ausprobiert hatten.

               Auch René kam allmählich zu sich – suchte erst seine Brille, blickte um sich und war zufrieden, die drei Freunde um sich zu sehen. Er schien sich sichtlich orientieren und sortieren zu müssen. Anika lag bei ihm, glücklich, dass Bruno sich offenkundig in diesem Kreis amüsierte, und, die Tasse Kaffee in der Hand, reichte sie René einen Schluck and bedankte sich bei ihm für die Fahrt durch die Nacht. Er erfreute sich ihrer Nähe, schaute aber auch nach Feeny, die ihm gegenüber auf dem Sofa mit Bruno lag. Bruno war schon halbwegs angezogen, auch er mit einer Tasse Kaffee und dem halben Brot in der Hand.

               „Ihr seid schon früh unterwegs“, war Renés Kommentar. „Danke für den Kaffee, ein echt griechischer Trunk, der weckt jeden Langschläfer auf.“

               Bruno reichte ihm auf einem Teller griechische Oliven, Tomatenscheiben und Schafskäse, die er von draußen organisiert hatte.

               Die Idee, gleich zum Strand zu gehen, um bei Tage zu sehen, wo sie sich in der Nacht zuvor im Meer abgekühlt hatten, fand er gut. Kurz danach waren sie eher erschrocken und wunderten sich, wie sie ohne Blessuren den nächtlichen Mut überstanden hatten. Über Trunkene wacht das Schicksal, dachte René.

               Später am Nachmittag hatten sie ihr gebuchtes Quartier gefunden, eher eine Strandhütte als eine Ferienwohnung, dafür aber mit genügend Platz für vier Personen. Beide Pärchen hatten ihren Bereich, dazu gab es eine kleine gemeinsame Küche mit einem rustikalen Tisch in der Mitte. Die Hütte lag einige hundert Meter vom Strand entfernt auf einer Anhöhe inmitten von Olivenbäumen. Die Nacht war bald hereingebrochen, beide Pärchen hatten sich in ihre Bereiche zurückgezogen, Anika und Bruno lagen nah beieinander, waren erschöpft vom Vortag oder vielmehr vom Vorabend und der Vornacht und versuchten einzuschlafen, doch ein konstantes Klopfen und Ächzen störte, sie schauten sich fragend an – denn von draußen drang ein intensives, sich steigerndes Klappern, Rasseln und Stöhnen, und es war kaum zu fassen, die Geräusche wollten nicht abbrechen, wiederholten sich, es war, als ob sie Stunden anhielten.

Beim Kaffee am folgenden Morgen und mit heftigem Gelächter erzählten sich beide Pärchen ihre Nachterfahrung. Keines von beiden konnte glauben, wie ausdauernd das jeweils andere in der Nacht gewesen war, bis sie gemeinsam herausfanden, dass nicht sie, sondern der stürmische Wind vom Meer her es war, der die Fensterläden und das Holzhäuschen zum Stöhnen und Krächzen gebracht hatte, während die vier von dem Nachtexzess des Vorabends erschöpften Menschen ein wenig mit Neid die Ausdauer der anderen bewundert und vergeblich die eigene Nachtruhe gesucht hatten.

               Für Anika und Bruno war es ihre erste, längere gemeinsame Zeit zusammen. Sie waren so stark in ihre beruflichen Verpflichtungen eingebunden, dass ihnen in den vergangenen Jahren Zeit für ein solcher Urlaub geblieben wäre. Nach dem Frühstück hatten sich Feeny und René, die sich offensichtlich auch schon länger kannten, mit Badetüchern ausgestattet zum Strand begeben. Anika schaute Bruno fragend an.

               „Hättest du etwas dagegen, wenn ich den Morgen für mich verbrächte?“

               Bruno nickte, nicht unwillig, denn der Gedanke, dass Anika den Morgen getrennt von ihm und den Freunden gestalten wollte, entsprach ganz seinem eigenen Wunsch, dass die vierzehn Tage, die sie sich als Ferienzeit gönnen wollten, nicht ausschließlich gemeinsam und nicht unbedingt gänzlich am Strand verbracht werden sollten. Er selbst hatte sich die Zeit freigeräumt, doch in seinem Nacken lastete die Abfassung seiner Habilitationsschrift, welche die Voraussetzung bildete, sich für Professorenstellen bewerben zu können. Auch wenn er diese vierzehn Tage bei seinem engen Terminplan hatte verkraften können und sich darauf gefreut hatte, sich von seiner Arbeit gedanklich freizumachen, empfand er Anikas Anfrage als Befreiung seiner selbst. Ob sie nur gefragt hatte, um ihm den Freiraum zu gewähren, vielleicht weil sie den Druck auf ihm gespürt hatte und sie diesen von ihm nehmen wollte, oder war es ihr eigener Wunsch? Er würde erst später lernen, dass Anika verstört, ja sogar ungenießbar wurde, wenn sie sich eingeengt fühlte und, etwa, nicht ihren eigenen Lebensraum und eine von ihr selbst zu bestimmende Zeit hatte. Bruno packte seine Sachen aus dem Koffer aus und richtete sich an dem Küchentisch mit seinem Computer ein. Zugleich packte Anika ihre Reisetasche aus, in die sie die Kleider fein, knitterfrei eingerollt hatte. Sie wählte einen Tanga, darüber einen knapp reichenden Minirock, als Top wählte sie ein T-Shirt, das an den Ärmeln weit ausgeschnitten war, so dass die Meerbriese durchwehen konnte. Sie gab Bruno eine feste Umarmung, presste ihren Busen an seine Brust:

               „Bis später – ich liebe dich.“

               Bruno war über diese Liebeserklärung überrascht, zumal sie der Abschied für die nächsten Stunden war, die ersten gemeinsamen Stunden, die sie am Tag ihres ersten wirklichen Urlaubs miteinander verbrachten. Es war eine Vorausschau auf das, was sie als Zusammensein miteinander definieren wollten. Bruno schaute ihr nach, wie sie selbstbewusst durch die Olivenfelder von ihm ging und sich in den Hain verlor.

               Sollte er ihr folgen, hatte sie ihn einladen wollen, sich auf sie einzulassen? Oder hatte sie es ernst gemeint, dass sie den Morgen, den ersten Morgen hier in Kreta, allein verbringen wollte? Fast hätte er sich ertappt, ihr nachzulaufen, sie einzuholen und sie lachend zu umgarnen. Vielleicht hätte sie genau diese Zuneigung und Anhänglichkeit herausfordern wollen. Doch sowohl der eigene Wunsch, den Freiraum, der ihm von Anika zugestanden wurde, zu nutzen, hielt ihn zurück wie auch der Respekt vor ihrem Eigenraum. Sollte sie eine Freundin sein, die sich nicht über ihn definiert, sondern sich selbst zu leben vermochte, und gleichzeitig ihm ermöglichte, sowohl Urlaub als auch Wissenschaft unter einen Hut zu bringen? Bisher hatte er nur Beziehungen erlebt, die auf Ausschließlichkeit drängten und seine persönliche Situation samt seiner Passion für seine Arbeit nicht respektieren konnten. Anika schien anders – zugleich stellte sie erstmals eine Herausforderung für Bruno dar, der sich eigentlich diese vierzehn Tage für sie reserviert hatte, eine Vorstellung, die Anika bereits am ersten Morgen über den Haufen geworfen hatte. Fast verstimmt und etwas dröge öffnete Bruno seinen Laptop, legte sich die wenigen mitgebrachten Bücher zurecht und begann, sich in den Text zu vertiefen, mit dem er den Laptop glücklich, in Urlaub fahren zu können, zuhause zugeschlagen hatte.

               Anders als sonst, brauchte er eine geraume Zeit, bis er sich wieder in seine Gedanken eingefunden hatte, die griechischen Texte zu verstehen begann und seinen Kommentar zu Denken und Ethik des christlichen Neuplatonikers Apolinarius und dessen Beziehung zu dem mittelalterlichen Mystiker Meister Eckhart zu schreiben. Doch er blieb unkonzentriert, hörte wieder das Stöhnen der Fenster, schaute nach draußen, ob jemand auftauchte und seinen Kopf hereinstrecken würde. Außer Grillen, die von draußen zirpten, dem spätsommerlichen Wind und dem Gebell von Hunden aus der Ferne drang nichts an sein Ohr. Die Tür öffnete sich nicht. Weder René oder Feeny noch Anika trat über die Schwelle. Aus Ungeduld bereitete sich Bruno einen grünen Tee, den er mitgebracht hatte, eines der Stimulanzien, mit denen er zuhause am Schreibtisch den Einstieg in die Arbeit zelebrierte. Doch auch das heiße, sonst wohltuende nach frischem Gras riechende Gebräu konnte ihn an diesem Morgen nicht zur Einkehr bringen. Stattdessen sah er weiter Anika in ihrem Outfit vor sich, ihre Körperkontur ließ ihn nicht los. Ihr Schritt. Ihre Bestimmtheit. Ihre Nähe in der Nacht, und noch mehr, ihr Weggehen, ohne dass sie zurückgeblickt hätte.

               Es war Nachmittag geworden – Bruno war irgendwann zu seinem Trott gekommen, hatte Kreta und die Welt um sich vergessen, war in seinen griechischen, neuplatonisch-stoischen Texten und hatte versucht, den Weg durch deren Dickicht zu weiten, als die Tür zur Küche aufschlug. In ihr stand Anika, strahlte und warf schon das T-Shirt von sich, zog sich den Bikini an:

               „Gehst du mit zum Strand – entschuldige, dass es etwas später geworden war, als ich geplant hatte.“

               Bruno blickte auf, hatte gar nicht wahrgenommen, dass die Sonne schon weit über den Zenit war und sich bereits zu senken begann. Irgendwie fand er sich herausgerissen, wollte sich aber dennoch auf Anika einlassen. Sein Blick schien jedoch nicht gerade begeistert zu sein, jedenfalls empfand er, dass er nicht aufmerksam genug war. Überrascht und getroffen, aber auch berührt war er, als Anika ihn darauf ansprach:

               „Bruno, entschuldige, dass ich so bei dir hereinplatze – wenn du noch ein paar Minuten brauchst, lass dir Zeit. Ich gehe schon mal zu Feeny und René zum Strand, komm einfach nach, wenn und wann es bei dir passt.“

               Sie drehte sich auf der Achse, warf ihm noch einen lieben Blick zu und verschwand so schnell, wie sie in die Tür getreten war.

Bruno war sprachlos. Über seine eigene Inkompetenz, Anikas Eintreten, ihre Anwesenheit, und dass er ihre klare Ansage wie ihren Abgang nicht recht wahrgenommen hatte. Er ertappte sich dabei, sich wie ein Statist auf der Bühne benommen zu haben, der gerade seinen marginalen Einsatz verpasst hatte. Und das, ohne dass der Regisseur einen Einwand hatte oder die Szene nochmals üben wollte. Zugleich spürte er, dass die Szene an ihm vorbeizugehen schien, wenn er sich nicht selbst seiner Rolle bewusst werden würde. Noch nie hatte er den Laptop so schnell zusammengeklappt. Erstmals, ohne die Arbeit der vorangegangenen Stunden ausdrücklich zu speichern. Plötzlich war ihm das Geleistete keinen Deut wert. Er zog seine Badehose an, griff sich ein Badetuch und suchte die Freunde am Strand.

               Anika hatte, auch wenn es Bruno nicht bemerkt zu haben schien, mehrmals zur Ferienbehausung geschaut. Sie wollte die Coole spielen, ihm schon gar nicht zeigen, dass sie auf ihn wartete, und doch hatte sie Sehnsucht nach ihm. Der Morgen war zwar ganz nach ihrem Wunsch verlaufen, sie konnte sich leben, aber wohl darum war sie desto heißer auf ihn. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen, weil sie den Eindruck hatte, dass er ihr die Zeit nicht nur leidlich zugestanden hatte, sondern in seine eigene Passion versunken war.

               Es war dieses Ringen um ihn, was sie schon im Augenblick elektrisierte, als sie in die Tür getreten war, wobei er sie offenkundig gar nicht bemerkt hatte. Desto mehr hatte sie sich angestrengt. Schon am Morgen. Sie hatte sich nicht für die alten Männer, die an ihren Tischen in einem der Cafés saßen, reizend angezogen, sondern sie wollte Bruno zeigen, worauf er an diesem Morgen zu verzichten hatte. Nicht umsonst hatte sie das Kürzeste und Knappste ausgesucht, was sie mitgenommen hatte. Andererseits hatte sie es nicht wenig genossen, als sie die Blicke auf dem Weg durch das Städtchen auf ihr spürte. Sie waren weniger unangenehm als die Erfahrung, die sie im Bus in Rom gemacht hatte. Dort warf ihr sogar der Busfahrer eine Bemerkung zu ihren Beinen und ihrer Kleidung entgegen, noch bevor er ihr das Ticket verkauft hatte – ihre Freundin, die zwischen den sieben Hügeln einen mehrwöchigen Sprachkurs absolvierte, hatte ihr Erstaunen beobachtet und sie später daraufhin angesprochen. Es sei völlig normal, ja, Italienerinnen mokierten sich sogar darüber, wenn Busfahrer oder Polizisten ihren Auftritt nicht mit Bemerkungen versähen. Dennoch war und blieb es für Anika befremdlich. Der Umgang hier in Kreta war anders, mit Respekt gefüllt. Männer wie Frauen grüßten sie auf Griechisch, worauf sie zwar nicht antworten konnte, doch nickte sie ihnen freundlich zu.

               Unmittelbar am Hafen hatte sie ein Café gefunden, bei dem die meisten Gäste keine Touristen, sondern einheimische Bewohner zu sein schienen. Anika dachte sich, hier müsse es den besten Kaffee am Platz geben. Und tatsächlich – man offerierte ihr ein Gläschen mit goldenem Rand und einer tiefschwarzen Flüssigkeit, ungefiltert, stärker als Espresso, mit feinem Kaffeestaub, der sich langsam auf dem Boden des Glases abzusetzen begann. Dazu reichte man ihr reichlich Zucker und zugleich ein kleines Schälchen mit Ziegenkäse und verschiedenen Oliven.

               Ein älterer Mann wies ihr einen Tisch an, nahm seinen Stuhl und setzte sich zu Seinesgleichen an den Nachbartisch und überließ ihr den eigenen Tisch. In gebührender Distanz saßen die Männer und rauchten. Sie waren bald wieder in ihr Portes vertieft, tranken Kaffee, manche auch Tee, andere bereits Rotwein oder Ouzo. Anders als bei Backgammon oder selbst bei der griechischen Variante Tavli, spürte sie, dass die Portes spielenden Männer schon während dieser frühen Tageszeit erregt und hitzig beim Spiel zugange waren. Sie selbst hatte noch etwas Mühe, weil sie noch leichte Kopfschmerzen von ihrer wilden Tour durch die Berge Kretas verspürte. Irgendwie konnte sie sich nicht mehr recht an die Anreise erinnern, sie wusste nur noch, dass sie immer lustiger wurden, sie und René am Steuer, den sie nur durch Hörensagen von Feeny kannte und als Entertainer und zugleich Philosophen und Literaten auf dieser Fahrt kennenlernen durfte, auch noch in anderen Eigenschaften. René hatte wohl von Bruno im Flugzeug erfahren, dass Anika außer Germanistik und Philosophie auch Kunstgeschichte hatte, und, soweit der Whiskeykonsum noch klare Gedanken zugelassen hatte, diskutierten sie über Nikos Kazantzakis. René sah ihn zu sehr in die orthodoxe Welt verfangen – sie bewunderte Kazantzakis, den von vielen seiner Zeitgenossen heftig kritisierten aber inzwischen berühmtesten kretischen und griechischen Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts. Seine atheistische Position sprach Anika aus dem Herz.

               Sie öffnete am Tisch im Café ihren mitgebrachten Laptop, suchte erfolgreich eine Steckdose und machte sich an ihre Arbeit. Sie arbeitete an ihrer Doktorarbeit, in der sie Leben und Werk von Künstlerinnen und Künstler, die zur Nazizeit emigrierten, untersuchte. Seit ihren ersten Anfängen im Studium hatte sie sich für die Verbindung zwischen westlicher und nichtwestlicher zeitgenössischer Kunst interessiert und sich die Frage gestellt, wie die westliche Moderne Einfluss genommen hatte, etwa auf Großbritannien und wie die Exilierung gerade der Avantgarde auf Afrika, auf Asien sich ausgewirkt hatte und umgekehrt, wie sich die Kunstvorstellungen in der westlichen Welt durch die Begegnung in diesen Kontinenten auch im Westen, in Amerika und nach dem Krieg auch in Deutschland grundlegend verändert hatten. Ihr war schon lange bewusst geworden, dass Menschen schneller Kleider wechseln konnten als etwa Essgewohnheiten, aber traf dies auch für die Denkstile, Bedürfnisse der Ästhetik zu? In welchen Gebäuden wollten Menschen leben? Mit welcher Kunst wollten sie diese ausstatten, womit sich auseinandersetzen. Wie würden Frauen diese gestalten, wie sich selbst repräsentieren? Gerade in patriarchal orientierten Gesellschaften, wozu sie auch die meisten europäischen zählte und noch stärker manche derjenigen, in welche die Künstlerinnen emigrierten, waren Fragen der Geschlechtsvorstellungen als Wunschvorstellungen zentral.

Sie war nicht überrascht, dass sie etwa in dem spanischen Teneriffa, der kanarischen Insel, die sie seit langem liebte, in Hotels abstieg, die auf ihren Dächern indische Formelemente führten und speziell für indische Golfgäste aufgestellt waren. In diesen Hotels gab es täglich mindestens ein Hauptgericht aus der indischen Küche. Noch nach Jahren, ja nach Generationen blieben Menschen, auch wenn sie nicht in Familien und Traditionen eingebunden waren, bei den Gerichten und insbesondere Gewürzen, die sie von zuhause und von Kindesbeinen an kennen, schmecken und riechen gelernt hatten. Sie besuchten einschlägige Restaurants, kauften in Spezialgeschäften, bezahlten überhöhte Importpreise, nur, um die kulinarische Tradition ihrer Kindheit und Jugend oder gar die ihrer Eltern und Großeltern fortzuführen. Ganz anders war es mit Kleidung. Schnell hatte man den Saroual und die Gandoura in den Schrank gehängt, das Kopftuch abgelegt, und sich mit Rock und Kleid oder die Männer mit Anzug und Krawatte ausgestattet. Aber am Mittagstisch mit Freunden oder beim Abendessen mit der Familie wollte niemand auf die marokkanische Tajine oder Pastilla, die ägyptische Mulukhiyah und Shawerma verzichten, der aus diesen Gegenden kam oder Eltern und Großeltern von dort hatten. Auch wenn man tagsüber im Büro in München wie alle anderen Kolleginnen und Kollegen gekleidet war, war das heimische Gericht ein Stück Erdung. Was machte Ästhetik, speziell kulinarische Erfahrung, so transversal? Hing dies daran, dass Liebe und Verbundenheit durch den Magen gingen, man Kleider und alles Äußere aber abends und nachts auf den Bügel hing und sich nicht wirklich damit identifizierte? Andererseits ist es gerade die Erscheinung einer Person, die wie ein Magnet Wünsche nach außen zu projizieren ermöglicht, Feuer entzünden kann, Aufmerksamkeiten erreicht, welche sich Gerüche und Geschmack auf viel subtilere Weise erst erkämpfen müssen und meist nur Eingeweihte erreicht. Es waren Fragen, die sie bei ihrer nächsten Begegnung Feeny stellen wollte.

               Anikas Gedanken liefen noch nach rechts und links, sie war noch mit ihrer Gliederung unzufrieden. Erstmal Abstand, dachte sie – weit weg von der Uni, Menschen betrachten, sehen, was ihnen wichtig ist und vor allem, warum es ihnen wichtig ist, was ihnen wichtig erscheint. Hier im Café schien Portes wichtiger zu sein als alles andere. Frauen schienen in diesen vier Wänden jedenfalls keine Rolle zu spielen.

               Doch vielleicht war gerade die Abwesenheit der Weiblichkeit deren Präsenz, eine Präsenz, die sie selbst in diesem Augenblick unterlief. 

               Vielleicht schaute sie in die falsche Richtung, indem sie die zur religiösen Kultfigur erhobene Frauendarstellungen auf öffentlichen Plätzen betrachten wollte.

               Vielleicht sollte sie vielmehr nach der Absenz von Frauen in der Öffentlichkeit suchen und nach dem, was an deren Stelle an Ersatzverehrung geschaffen wurde – Männerfußball, Militärparaden, Waffen, die wie verlängerte Penisse aussahen, Gewehre, Kanonen, Panzer – Männerspiele, bei denen Frauen bestenfalls als Randfiguren, die zum Klatschen bestellt wurden, anwesend waren.

               Vielleicht auf die Getränke achten, die das Weiblich ersetzen sollten, Rauchen, eine andere Penisversion mit Ersatz für Wärme, Feuchtigkeit und Saugen, die weniger gefährlich schienen, als sich mit dem Weiblichen einzulassen.

               Vielleicht waren es auch nur Trott und Gewohnheit.

               Die Männer wirkten eher nachlässig, vielleicht sogar vernachlässigt, zumindest was ihr Äußeres betraf. Der Kellner, vielleicht der Sohn des Inhabers, trug gewöhnliche Jeans, zwar mit Marke versehen, doch eines der Nachahmerprodukte, offensichtlich genug, um sich von den alten Männern und den wenigen Dorfjugendlichen abzuheben, die das Café betraten. Frauen schienen im Café nicht tätig zu sein, andere Touristen waren noch kaum um diese Morgenstunde unterwegs, und die wenigen, die Anika sah, saßen an den Tischen unter den Sonnenschirmen draußen.

               Sie war die einzige weibliche Person im Raum. Das Tageslicht im Freien war zu grell, sie hätte ihren Monitor nicht lesen können und hatte deshalb den Innenraum vorgezogen. Doch auch die Männer schienen das Dunkel wegen der heißen Luft draußen gewählt zu haben, weshalb die Mehrzahl von ihnen um Tische im Schankraum saß.

               Auch wenn Anikas Auftreten am Anfang etwas erstaunte Blicke provoziert hatte, schien sie völlig unbehelligt an ihrem Laptop arbeiten zu können. Selbst die junge Bedienung kam nur zu ihr, wenn ihr Teeglas fast leer war. Dabei bemühte sich der junge Mann in Jeans, seine deutschen Worte zusammenzusuchen und an ihr vorbeizuschauen, um ihr nicht zu nahe zu treten.

               Nachdem Bruno ausgestattet mit Badetuch beim Strand angekommen war, stürzte er sich sogleich in die Wellen, Feeny sprang ebenfalls auf, Anika und René hinterher, und bald tobten die Vier im Schaum der Meerwogen. Sie lachten über die Bergreise mit dem Wagen, keiner konnte sich mehr an Einzelheiten erinnern und alle wunderten sich, dass sie überhaupt heil über die schlangengewundenen, engen Straßen zu ihrem Ziel gelangt waren.

               Zurück am Strand fragte René Anika, woran sie im Café gearbeitet habe. Sie erzählte von ihren Exilkünstlerinnen und der Spur einer Künstlerin, die sie besonders beschäftige, eine begabte Jüdin, die über den Umweg Großbritannien nach Kenia emigriert sei, aber sie müsse erst noch mehr Details herausfinden, um ihnen mehr von ihrer Reise, ihren Erfahrungen und dem Einfluss derselben auf ihr Werk beschreiben zu können. Bruno war es gewohnt, dass solche Ausführungen schnell zu Vorlesungen führten, die zeigten, wie sehr Anika für ihr Fach und ihre Forschungen brannte.

               Nach einer weiteren Abkühlung im Wasser zogen sich die Vier unter ihre beiden mitgebrachten Sonnenschirme zurück.

               Anika kramte ihre mitgebrachte Lektüre aus der Tasche, schlug einen dicken hellroten Wälzer auf, Kazantzakis Odyssee in deutscher Übersetzung, die sie den Freunden vorzulesen begann, während Bruno dem Text in seiner dunkelroten Ausgabe in Neugriechisch folgte.

               Unvorstellbare dreiunddreißigtausenddreihundertunddreiunddreißig Hexameter hatte der kretische Verfasser geschaffen, unerschöpflich – Anika hatte sich nicht vorgenommen, mehr als kleine Ausschnitte aus diesem Riesenwerk vorzustellen. Doch hier am Strand seiner Heimat reichten die Klänge von Kazantzakis Verse noch tiefer in die Geschichte zurück und riefen zugleich die Gegenwart hervor, ein Land, das zwischen Moderne und Vergangenheit eingespannt nach seiner Zukunft rang, eingeklemmt zwischen Reibungsflächen von Alt und Jung, säkularer und traditioneller Religion, europäisch und globaler Ausrichtung. Zugleich war die Skepsis gegenüber dem türkischen Nachbar in der griechischen Geschichte des 20. Jahrhunderts präsent, selbst wenn Kreta näher an Afrika liegt als an Zypern. Sie spiegelte sich angesichts der Teilung Zyperns mit der damit verbundenen antitürkischen und antiislamischen Haltung, der Kazantzakis in diesem Werk entgegentrat. Im Rückgriff auf die Reise des Odysseus entwickelte das Buch eine Erkundungsfahrt in die unergründlichen spirituellen Fragen der menschlichen Existenz, bei der die Götter zu Metaphern des ungreifbaren Abgrunds wurden.

Geschichte von sich schütteln


„Warum arbeitest du über Schriftstellerinnen und Künstlerinnen, die zur Nazizeit emigrieren mussten?“ fragte Bruno sie, indem er sich seine Haare krauste, nachdem er Anika von seiner eigenen nicht unbelasteten Familiengeschichte erzählt hatte.

              „Als ich meine Doktorarbeit zur Schriftstellerin Irina Kaun geschrieben hatte, war ich zunächst froh, diese Zeit der düsteren 20er Jahre Berlins hinter mir zu lassen, auch Kauns Flucht vor den Nazis in die Niederlande, ihre Rückkehr mithilfe eines SS-Mannes und ihr Leben in der Illegalität in Köln - ich wollte mich neuen Themen widmen, aber verschiedene Schicksale hatten mich nicht losgelassen. Überdies war es Zufall gewesen, dass ich überhaupt zu diesem Themenfeld gekommen war, bis es mich ganz persönlich eingeholt hatte.“

              „Was willst du damit sagen? “

              „Der Professor, bei dem ich meine Doktorarbeit begonnen hatte, war nicht nur Kunsthistoriker, sondern auch Literaturwissenschaftler und an Politikgeschichte interessiert, überhaupt liebt er das interdisziplinäre Gespräch. Er forschte und forscht weiterhin über den Einfluss existentieller Herausforderungen auf die Ausprägung und Veränderung der eigenen Identität wie etwa Migration von Menschen. Ich musste ihm wohl einmal nach einer der Seminarsitzungen von meiner eigenen Familie erzählt haben. Wahrscheinlich bei einer der Einladungen in ein Café. Denn er lud gewöhnlich Studierende zu einem Kaffee ein, um ungezwungen nochmals einigen Gedanken aus der Vorlesung oder einem Seminar nachzuhängen. Dabei hatte ich ihm von den persönlichen Auseinandersetzungen, die mich mit dem Umgang mit der Geschichte der Nazizeit beschäftigen, berichtet. Ich vermute, dies hatte ihn zu dem Vorschlag provoziert, ich solle meine Erfahrungen, das Wissen, das ich von zuhause mitbringe, und auch die Belastungen, die sie für mich bedeuten, thematisieren, ihnen auf den Grund gehen und darüber meine Doktorarbeit schreiben. Er meinte, nichts sei wichtiger, als dass ein Thema persönlich herausfordert – wichtiger als jede intellektuelle Anstrengung. Es müsse mich packen, auch, weil ich mich durch die Bearbeitung davon distanzieren könne. Mir war zunächst mulmig zumute. Ich wusste nicht, ob ich meine wissenschaftliche Zukunft damit beginnen und auch beschweren sollte, dass ich ausgerechnet mich mit meiner eigenen Familie und damit mit meiner eigenen Geschichte auseinandersetzen sollte.“

              „Entschuldige, bitte, ich wusste nicht, in welches Wespennest ich mit meiner unschuldigen Frage gestoßen habe!“

              Bruno griff zur Rotweinflasche, einem schönen Châteauneuf-du-Pape, den er zur Feier des Abends bestellt hatte, und schenkte Anika und sich selbst ein wenig nach – eher aus Verlegenheit. Er wollte Anika an diesem Abend umgarnen, nachdem sie sich einige Tage seit ihrem Kreta Urlaub nicht gesehen hatten. Und Bruno hatte noch ein schlechtes Gewissen, weil er das Gefühl hatte, Anika habe sich zu sehr auf ihn einstellen müssen, und er habe sich mehr um seine Forschung als um sie gekümmert.

              „Gar nicht“, gab Anika zu verstehen, „du hast eigentlich nur angesprochen, was mich über Wochen, ja Monate und Jahre beschäftigt – und wohl selbst über meine Doktorarbeit und Habilitationsschrift, wenn diese denn jemals fertig werden wird, und über diese Studien hinaus immer wieder beschäftigen wird. Wie konnte es sein, dass ich in eine Familie geboren wurde, die, aus Kassel stammend, zutiefst reformatorisch geprägt war und zugleich Teil der dunkelsten Seiten der deutschen Geschichte war. Ich war mir nicht bewusst, in welcher Familie ich groß wurde, wer oder wie meine Eltern waren. Als Kind und als Jugendliche hatte ich nie einen Ton von all dem erfahren?“

              Bruno wollte sie zwar nicht stoppen, doch eigentlich hatte er sich von diesem Abend, an dem er Anika in eines der ausgewählten französischen Restaurants in München eingeladen hatte, ein romantisches Dinner erwartet, keinen politikgeschichtlichen Rückblick in traurige Zeiten. Andererseits hatte ihn Anika neugierig gemacht, war ihm diese grässliche Vergangenheit doch aufgrund der eigenen Historie nicht fremd. Offenkundig hatte er, indem er Anika von seinen eigenen familiären Verwundungen erzählte, das Vertrauen gegeben, dass auch sie von den ihren zu erzählen bereit war. Eine andere Art der Stimmung entstand, wenn auch keine rosa Romantik, eher eine braune Dramatik, und doch rückte das Gespräch sie näher.

              „Wie das? Wenn nicht als Jugendliche – wie bist du auf dieses Geheimnis deiner Familie gestoßen?“

              „Ich hätte es schon als junges Mädchen, und spätestens als Jugendliche wissen müssen“, sagte sie, und stöhnte. Sie griff zum neugefüllten Glas mit dem tiefroten Wein.

              „Lass uns erst anstoßen, Bruno, ich möchte dir sagen, wie sehr ich dich liebe!“

              Die Gläser klangen zwar ohne große Harmonie, weil sie noch zu gefüllt waren, doch das sollte sich ändern. Beide nahmen einen guten Schluck, achteten, wie der andere den Wein gutierte, und Anika meinte zu spüren, sie könne und solle sich weiter öffnen.

              „Du musst wissen, meine Familie mütterlicherseits stammt aus Bremen, aus religiöser pietistischer Tradition, spinnefeind den laxen Lutheranern gegenüber, die es natürlich auch in der freien Hansestadt gab und gibt. Und dann hatte meine Mutter diesen viel älteren reformierten Soldaten kennengelernt, der erst 1949 aus russischer Gefangenschaft heimgekehrt war. Er hätte ihr Vater sein können. Doch sie hatte mir öfter erwähnt, dass es in der Nachkriegszeit für junge Mädchen nicht einfach war, einen Mann zu finden. Männer waren Mangelware, die jungen waren im Krieg geblieben, viele vermisst oder gestorben, und diejenigen, die etwas älter waren, oft weit hinter der Front agiert und auch in der Kriegsgefangenschaft überlebt hatten, kamen nicht gleich nach dem Krieg in Freiheit.           Allerdings – das machte mich schon stutzig, als mir Mama diese Begründung gab, wieso hatte sie sich schon vor Beginn des Krieges in diesen älteren Mann verliebt?“

              Kaum hatte sie angehoben, wurde die Vorspeise geliefert. Äpfel, die wie Bienenwaben eingeritzt waren, die Ritzen gefüllt mit Leberpastete und der gedünstete Apfel mit Honig karamellisiert. Der Apfel glich einem Bienenstock.

              Bruno schnitt durch den Seinen, reichte Anika ein Stückchen auf seinem Löffel und streichelte mit seinen Fingern über ihren Arm. Sie bewegte ihren Mund zu ihm, nahm den Löffel mit dem Apfelstück, führte ihn auf ihre Zunge, öffnete ihren Mund und ließ auch ihn ein Bisschen von dem Apfel schmecken.

              „Das Vertrauen, das du mir schenkst, indem du von deiner Geschichte erzählst, berührt mich, und lässt mich dich noch besser verstehen“, sagte Bruno mit Empathie.

              „Danke, Bruno, es fällt mir nicht leicht, davon zu berichten, und, was die intimeren Dinge betrifft, bist du der erste, dem ich sie überhaupt erzähle.“

              „Bitte, soweit du willst und bereit bist“, unterstrich Bruno, ohne ihr das Gefühl von Neugierde oder Unwille zu geben.

              „Nachdem ich die einzige Tochter im Haus war bei drei älteren Brüdern, war ich das Nesthäkchen, vor allem, weil der jüngste von ihnen neun Jahre älter als ich ist. Ich bin also eine Nachzüglerin, und meine Mutter hatte mir mehr als einmal verdeutlicht, dass sie mich nicht wirklich bekommen wollte und auch nicht hätte bekommen sollen – ihr waren der Haushalt, das Finanzielle und ihre vier Männer über den Kopf gewachsen.“

              „Hatte sie sich dann nicht wenigstens gefreut, als sie mit dir endlich ein Mädchen bekommen hatte“, wandte Bruno ein.

              „Müsste man meinen – aber mein Gefühl aus Kindheit und Jugend war eher, dass ich von ihr beneidet wurde. Mein Vater, der mein Großvater hätte sein können, hatte immer ein Auge auf mich – so sehr, dass ich mich oft unwohl fühlte. Weißt du, nicht, dass etwas zwischen uns geschehen wäre, aber in Träumen hatte ich mir oft vorgestellt, es wäre etwas gewesen, es war so ein Grauschleier, ja es gibt ihn noch, der sich über diese Erinnerungen gebreitet hatte und schwer auf ihnen liegt. Mehr noch …“

              „Du musst nicht weitererzählen“, bemerkte Bruno, weil er spürte, dass Anika Tränen emporstiegen und sie nicht recht weitererzählen konnte.

              „Doch, doch, irgendwann muss es doch raus – und wenn nicht bei dir, bei wem sonst?“

Bruno rückte ein Stück näher zu ihr, ohne sie zu berühren, nur um ihr zu signalisieren, dass er versuchen wollte, mit ihr zu ertragen und sie zu tragen, auch wenn in ihm das Bedenken aufstieg, warum sie sich so früh in ihrer Beziehung bereits so weit öffnen und ausbreiten wollte. Oder musste sie es, um sich überhaupt auf ihn einlassen zu können? Sie schaute ihn an, nicht mehr unsicher wie kurz zuvor, sondern ihn fest fixierend, als ob sie ihm keinen Ausweg gewähren wollte, ihm nicht und sich selbst nicht.

              „Beide, Mama und Papa, mussten es gewusst haben, dass mein mittlerer Bruder sich mir genähert hatte, oder, eigentlich müsste ich sagen, mich missbrauchte, ich weiß nicht mehr genau, von welchem Alter an. Keine Ahnung, vielleicht war ich sechs oder sieben. Er erzählte mir Gutenachtgeschichten, weil Mama und Papa sich nicht um mein Zubettgehen kümmerten. Sie waren mit sich beschäftigt, oder hatten auch einfach zusammen Fernsehen wollen. Das Zubettgehen von mir hatte mein Bruder freiwillig und gerne übernommen. Er kam, und er kam zu mir, mir nahe und näher – widerlich – er griff nach mir, in meine innersten Teile, und er rieb die Seinen an ihnen. Auch wenn ich damals nicht recht wusste, was geschah, machte er mir klar, ich solle niemandem davon erzählen, es sei unser Geheimnis, ein Teil der Vorlesegeschichten. Doch ich erinnere mich, dass eines Abends, als es mit der Geschichte zu lange dauerte, Papa ins Zimmer kam – er musste mitbekommen haben, was vor sich ging. Doch er machte einfach das Licht aus, sagte zu meinem Bruder, er solle jetzt in sein Zimmer gehen. Das war alles! Er hat ihn nicht zur Rede gestellt. Nicht damals, und niemals später. Nicht anders habe ich meine Mutter erlebt – auch sie wusste es, wenn nicht von Papa, dann musste sie es von diesen ausführlichen Leseabenden erahnt haben, sie musste meine Angst erspürt haben, wenn ich in mein Zimmer ging, mein Bruder hinterher, wenn sie in mein Zimmer kam und wollte, dass wir beide schlafen gingen.“

              „Du erzählst das zum ersten Mal – und keinem in deiner Familie konntest du dich anvertrauen?“

              „Wem sollte ich? Mama war mit sich beschäftigt und sie hätte mich am liebsten aus dieser Welt gehabt, mein jüngerer und mein älterer Bruder hatten meinen mittleren Bruder geschätzt, er war die Seele der Familie, nachdem beide Eltern diesbezüglich ausgefallen waren. Und ich selbst hatte Jahre gebraucht, um mir überhaupt dessen bewusst zu werden, was ich jahrelang zu erdulden hatte. Ich werde nicht vergessen, noch als ich gerade Abitur gemacht hatte – also mit 18 – lud mich mein mittlerer Bruder ein, zusammen mit den beiden anderen Brüdern in die Alpen Skifahren zu gehen. Ich dachte mir, wenn die beiden anderen dabei sind, dürfte ich ok sein. Erst als wir in seinem Wagen saßen, teilte er mir mit, dass die beiden anderen kurzfristig abgesagt hätten. War es eine Ausrede, gelogen, hatte er es von vornherein so geplant? Was hätte ich tun sollen? Einerseits hatte ich mich auf das Skifahren gefreut – Geld hatte ich kaum, um mir so etwas allein zu ermöglichen, und dann dachte ich, vielleicht war alles nicht so, wie ich es in meiner Erinnerung hatte, und inzwischen war ich ja einige Monate außer Haus in meinem freiwilligen sozialen Jahr. Er war ein erwachsener Mann, kein Teenager mehr, ich war eine junge Frau. Also schluckte ich, und wir fuhren los. Doch du wirst es nicht glauben, kaum hatten wir in der Pension südlich von Innsbruck unser Quartier bezogen, ein Zimmer mit zwei getrennten Betten, hatten uns für die Nacht fertig gemacht, saß er auf der Bettkannte, als ich aus dem Bad kam, onanierte und fragte mich, ob ich ihn mit meinem Mund befriedigen wollte. Ich war sprachlos, stand wie erschlagen in der Badtür, wusste, dass ich weder umdrehen noch fliehen konnte, war aber auch unfähig, irgendwie darauf zu reagieren. Ich hatte es nicht einmal gewagt, ihn zu fragen, wie er auf diese Unverschämtheit gekommen sei. Ohnmacht kam über mich, die Chimären vergangener Nachtträume stellten sich als real heraus, und ich weiß bis heute nicht, wie ich die Nacht und diese Skiwoche überstanden hatte.“

              Bruno spürte, wie es aus ihr herausbrach. Mehr betroffen als wütend, mehr verängstigt als ärgerlich. Er selbst schien machtlos angesichts dessen, was er gerade gehört hatte.

              „Du weißt, so was ist kriminell, hattest du nie daran gedacht, wenn nicht zu den Eltern, den Brüdern, dann zur Polizei zu gehen?“

              „Bruno, ich komme aus einer mittelgroßen Stadt – trotz ihrer Größe kennt in Kassel jeder jeden und jede – und, mein Vater war Gymnasiallehrer. Das wäre das Ende der Familie, auch das Ende von mir gewesen. Und alle schätzen meine Eltern aufs Höchste. Zudem war Papa lange Jahre führend im Heimatverein tätig als Heimatforscher, ja sogar Ehrenmitglied in ihm. Er war als Autorität anerkannt. Jeder kannte ihn von seinen hunderten von Beiträgen, die er zur Geschichte der Stadt und der Gegend in den Kassler Nachrichten veröffentlicht hatte. Außerdem war er Mitglied des Stadtrates als Vertreter der Unabhängigen Wählergemeinschaft. Wie hätte ich da einen Schatten auf ihn, auf Mama und auf meine Brüder werfen können? Ich dachte, ich könne durch Distanz das Problem beseitigen. Doch ich lernte, dass weder Zeit noch räumliche Entfernung die Vergangenheit beseitigen kann, also beschloss ich, meinen mittleren Bruder auf absehbare Zeit nicht mehr zu sehen, schon gar nicht allein. Das war meine Fluchtstrategie.“

              „Entschuldige“, setzte sie hinzu, „ich wollte nicht unser Date ruinieren. Es kam einfach so über mich. Dabei wollte ich dir eigentlich nur von meinem Papa erzählen – eine Geschichte, die ich nicht minder dramatisch empfand und empfinde.“

              Oh Gott, dachte Bruno – noch eine gruselige Erfahrung, was muss Anika durchgemacht haben?

              „Ja, eigentlich wollte ich gar nicht von meinen Geschwistern berichten, sondern von ihm erzählen, um auf deine Frage zu antworten, wie ich zu meiner Forschung kam.“

Wenigstens, dachte Bruno, schien sie sich so weit gefangen zu haben, dass sie weitererzählen wollte und konnte.

              „Papa war zwar keine Seele von Mensch, aber er hatte etwas Großväterliches an sich. Außerdem war er sehr belesen. Er hatte einen Doktor gemacht, was mir sehr imponiert hatte – und er galt in der Familie als der große Weise. Ich hatte damals den Eindruck, er wisse alles, habe die Welt bereist und viel Lebenserfahrung gesammelt. Er war auf dem berühmten Wilhelmsgymnasium, wo er vor dem Krieg sein Abitur gemacht hatte, war dann zum Studium in die berühmten intellektuellen Orte Marburg, Berlin und Göttingen gegangen. Wie er mir bescheiden erzählte, habe er neben Germanistik, seinem Lieblingsfach, auch Geschichte, ein wenig Philosophie und nebenher auch evangelische Theologie studiert. All das habe er gebraucht, weil sein Herz für die Mediävistik zu schlagen begonnen hatte. Und er war wirklich ein begnadeter Historiker des Mittelalters. Auch wenn er sich sonst nicht so sehr mit mir zu beschäftigen wusste – aber ich werde nie die Spaziergänge und Wanderungen mit ihm vergessen, wenn er mich an die geschichtsträchtigen römischen und mehr noch germanischen Stätten rund um Kassel führte und heimatgeschichtliche Vorträge hielt. Ab und zu, als ich etwas älter geworden war, hatte er mich auch zum Heimatverein mitgenommen, wo er regelmäßig Vorträge mit Dias hielt. Ich kannte ihn eigentlich fast immer nur am Schreibtisch sitzend, sobald er vom Gymnasium am Nachmittag zurückkehrte, wo er Geschichte, Deutsch und Religion unterrichtet hatte.“

              „Und worüber hatte er seine Doktorarbeit geschrieben?“ fragte Bruno, sie unterbrechend und zeigte sich interessiert.

              „Ich kann mich nicht mehr an den genauen Titel erinnern, er hatte es mir bestimmt mehrfach erzählt, doch ich weiß, dass sie über Meister Eckhart ging – das konnte ich mir gut merken, weil mein ältester Bruder Eckhart heißt und weil du mir schon von diesem Eckhart erzählt hast.“

              Brunos Augen begannen zu leuchten – Anika musste es sogleich gespürt haben – denn sie freute sich mit ihm.

              „Wie bist du eigentlich auf Eckhart gekommen?“, fragte sie ihn.

              „Das ist eine kleine Geschichte meinerseits – eigentlich war er mir in meinem Studium von Philosophie, Ethik und Theologie nie begegnet. Doch, am Ende meines Studiums gab es ein Funkkolleg „Religion“, eine Art Vorlesungsreihe über das Radio, bei dem man sich anmelden konnte, was ich tat. Es war eine gute Gelegenheit, etwas Geld zu verdienen und zugleich Erfahrung im Unterrichten zu gewinnen.

              Anika schmunzelte – und sie schien auch irgendwie das Traumatische, nachdem sie es aussprechen konnte, beiseite geparkt zu haben. Sie stießen miteinander an. Inzwischen kam auch das Chateaubriand – blutrot selbstverständlich – das sie beide miteinander goutierten. Anika hatte noch nie ein so zartes Fleisch gegessen. Überhaupt fühlte sie sich etwas überwältigt. Überrascht war sie, wie Bruno die Frage des Kellners am Anfang nach der Weinauswahl beantwortete. Er nannte dem Ober, der reichlich steif dastand und nicht wie eine gewöhnliche Bedienung wirken wollte, keinen bestimmten Wein, sondern wünschte einen trockenen französischen Rotwein, worauf der Ober mit zwei Gläsern kam, und Bruno probieren ließ. Der Ober fragte ihn, ob ihm eines der beiden Gläser mundete. Bruno hatte einen kleinen Schluck vom ersten genommen, dazwischen ein Stückchen Baguette gegessen, dann den anderen Wein probiert, dann nochmals an beiden Gläsern gerochen, und sich schließlich für eines der beiden Gläser entschieden. Etwas herausfordernd wurde er gefragt, ob er denn erraten könne, aus welcher Richtung der Wein käme, den er gewählt hat. Ohne Zögern hatte Bruno geantwortet, dass der erste vermutlich nicht weit von Châteauneuf-du-Pape gewachsen sei. Es war der Wein, den er ausgewählt hatte. Und, als der Ober die Flasche brachte und einschenkte, stand tatsächlich auf der Flasche: Châteauneuf-du-Pape.

              Es war nicht das letzte Mal, dass Bruno sie beeindruckte, auch wenn sie nicht das Gefühl hatte, dass dies seine Absicht war. Viel zu natürlich kam es über seine Lippen, und es schwang vielmehr die Verliebtheit in ein Hobby mit, ein inneres Feuer, das sie auch noch später immer wieder genießen durfte. Umgekehrt war er ganz Ohr, wenn sie von sich erzählte. Nicht nur, dass er sich an Details erinnerte, er fragte auch nach und gab zu,  wenn er etwas nicht verstand, was sie ihm sagen wollte. Hierin empfand sie, glichen sie sich beide. Auch sie war nicht neugierig, aber interessiert und wollte wissen, mit wem sie am Tisch saß. Also ermunterte sie ihn, weiter zu erzählen.

              „Ich hatte gute Grundkenntnisse, kein schlechtes Diplom im Studium in Eichstätt gemacht, also bewarb ich mich – und erhielt den Job. Und fortan, nach Start des Kollegs, begleitete ich eine Gesprächsgruppe von etwa 20 Personen, die alle das Kolleg am Radio verfolgten und mit denen ich mich einmal im Monat traf, um die Inhalte nachzuarbeiten und sie auf die Endprüfung vorzubereiten. Ich selbst hatte nicht nur den Vorteil, dass ich auch die Lehrervorbereitungsmaterialien erhielt mit allen Fragen und Antworten, ich machte bereits damals die Erfahrung, dass man das am besten lernt, was man lehrt. Und so war es kein Zufall, dass ich am Ende eine erste gute Einführung in die Religionswissenschaft bekommen hatte, außerdem war ich riesig glücklich und stolz, dass auch die Mehrzahl meiner Studiengruppe vorzüglich abschloss. Doch darüber wollte ich eigentlich gar nicht reden! Du hattest mich wegen Meister Eckhart gefragt. Tatsächlich behandelte eine Lehreinheit „Religion und Mystik“, und in ihr bin ich zum ersten Mal Größen der Mystik Geschichte begegnet, die ich im Studium nie gehört hatte: Johannes vom Kreuz, Teresa von Avila, Friedrich Hölderlin, Sri Aurobindo, Jean Gebser, Edith Stein und – dem ältesten von diesen, Meister Eckhart, der im 14. Jahrhundert lebte. Als die Gruppe dann nach der Prüfung wieder zusammentraf, um miteinander zu feiern, wurde der Wunsch geäußert, die regelmäßigen Treffen weiterzuführen. In gewisser Weise war es mir nicht ungelegen – ich hatte mich nach dem Studium entschieden, in die praktische Ausbildung für Priester der Diözese Speyer zu gehen. Das Volksbildungswerk hatte die Fortsetzung des Funkkollegstudienkreises in ihr Programm aufgenommen und mir nicht nur die Fahrtkostenerstattung zugesagt, sondern auch einen Bildungsauftrag erteilt, so dass ich meine Praxisausbildung und die Reisen zur Familie ein Stück weit durch die Dozententätigkeit finanzieren konnte. Aus all den Themen, die im Funkkolleg behandelt worden waren, wählte die Gruppe einstimmig, dass sie sich weiter vertiefen wollte in die Schriften und Gedanken von Meister Eckhart. Das war meine Einführung in Eckhart. Also lasen wir in den kommenden zwei Jahren einmal im Monat Texte von Eckhart, die ich vorzubereiten und dann im Gespräch zu begleiten hatte. Nach zwei Jahren wechselten wir dann zu den Schriften Jean Gebsers, auf welche die von Sri Aurobindo und die von Edith Stein folgten. Du siehst, ich habe mich also nach meinem eigentlichen Studium quasi nebenher und außerhalb dessen, was ich unterrichtet worden war, selbst in die Geschichte der Mystik eingelesen, oder vielleicht sogar besser: eingelehrt, und die Habil, die ich jetzt am Schreiben bin, beleuchtet den Weg der Ethik von der Spätantike zu Eckhart.“

              Anika lächelte Bruno genüsslich zu.

              „Ich finde dich unterstützend“, sagte sie, „denn in meinem Studium scheine ich mir auch das meiste selbstintuitiv beigebracht zu haben. Selbstverständlich habe ich viel von meinen Professorinnen und Lehrern gelernt, aber viel intensiver blieb bei mir hängen, was ich mit Mitstudierenden las, diskutietre und womit ich mich selbst auseinandersetzte. Ich finde es bis heute superspannend, wie heute Abend mit dir, Dinge auszukundschaften, von denen ich keine Ahnung habe. Dass du dann auch noch eine intellektuelle Verbindung zu meinem Papa hast, finde ich besonders spannend. Allerdings musst du mir erklären, wieso du und die Studiengruppe gerade an Eckhart hängen geblieben bist. Mir war Eckhart später im Leben mehr als suspekt geworden. Gibt es nicht eine direkte oder indirekte Verbindung zwischen seinen Lehren und der nationalsozialistischen Ideologie?“

              Bruno war über diese Frage nicht überrascht, weil ihm die Rezeption Eckharts im Nationalsozialismus nicht fremd war, hatte er doch selbst bei seiner Beschäftigung mit Eckhart die gängigste Übersetzung seiner Schriften benutzt, publiziert nach dem Krieg von dem berühmten Eckhartforscher, Herausgeber und Übersetzer Josef Quint.

              „Dies bringt ein Stück weitere persönliche Geschichte in unsere Beziehung“, setzte Bruno wieder an, „denn, als ich meinem Vater, der an der Universität des Saarlandes Bibliothekar war, von meinem Lektürekreis erzählte, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen – nein, sagte er, ausgerechnet Eckhart – dann wirst du wahrscheinlich auch Quints Übersetzung dieser Texte lesen. Ja, sagte ich, es ist die einzig texttreue Übertragung.

              „Treu“, antwortete mein Vater, der eher unideologisch und ein Mensch leiser Worte war, „das war er – doch er war sogar nach dem Krieg noch eine der braunen Gestalten, auch an unserer Universität. Bereits vor dem Krieg war er Mitglied der NSDAP geworden und gehörte etlichen der nationalsozialistischen Parteiverbände an, sogar als förderndes Mitglied der SS. Er scheint das alles nicht nur auf sich genommen zu haben, um die Arbeit an Meister Eckhart machen zu können, sondern er sah Eckhart als Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie und Propaganda, und in dieser Haltung stand er nicht allein. Weißt du“, fuhr mein Vater fort, „der nach dem Krieg hingerichtete Chefideologe des Regimes, Alfred Rosenberg, hatte in seinem berühmt-berüchtigten Buch, ‚Der Mythus des 20. Jahrhunderts‘ von 1930 Eckhart als Vorläufer, Schöpfer und Kronzeugen für die neue germanische Religion genommen, sein Buch beginnt mit einem Zitat aus Eckhart! Quint hatte seine Arbeit damals unter diesem Schirm begonnen, er hatte sie geleistet, um das Deutschtum groß zu machen, und nach dem Krieg führte er sie fort, als hätte der Holocaust nicht stattgefunden und das totalitäre Regime die Welt nicht in das größte Unglück des 20. Jahrhunderts gestürzt. Bald nachdem er aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, gab es zwar in einem der akademischen Prüfungsausschüsse Bedenken dagegen, dass er wieder in der Universität lehren dürfe, doch gelang es ihm, dass man ihn trotz seiner Geschichte als entlastet einstufte, und so kam er an unsere Universität des Saarlandes, wohin auch das Eckhart-Institut überführt wurde. Als jugendlicher Bibliothekar, der sich um Geschichte zu kümmern hatte, war ich immer wieder den Aggressionen dieser braunen Socke ausgesetzt, bis er endlich nach Köln berufen wurde.“

Anika hörte mit gespitzten Ohren zu.

              „Ich war selbst erstaunt, sogar erschrocken, als ich meinen Vater das Wort von der braunen Socke in den Mund nehmen hörte, denn mein Vater war für gewöhnlich selten emotional, nie beleidigend und schon gar nicht aufbrausend, aber in diesem Fall spürte ich einen jahrelangen Groll und einen inneren Stachel, den ich sonst nicht an ihm kannte.“

              „Gut, von dir diese Seite der Geschichte zu hören“, sagte Anika, „denn ich habe auch meinen Teil der Familienerfahrung zu dem, was du erlebt hast, aber, ich habe ein doppelt schlechtes Gewissen, denn ich wollte dich weder in solch düstere Gedanken, was mich betraf, noch in dunkle Zeiten deiner Geschichte stürzen, lass uns doch für heute einfach unsere Geschichten mitsamt der Geschichte von uns schütteln, und uns daran freuen, dass wir uns gefunden haben und miteinander hier sitzen dürfen.“

              Bruno war erleichtert, er hätte sich gerne noch mehr auf Anika eingelassen, aber offenkundig hatte sie gespürt, wie sehr er sich um sie bemüht hatte, mit der Auswahl des Restaurants, indem er sie schon vom Bahnhof mit dem Taxi abholen ließ, das Hotel, das er für sie ausgewählt hatte, und in welchem sie sich vor dem Restaurantbesuch füreinander ankleiden konnten, und auch mit dem Ausblick, dass sie nach dem Essen noch in einer Bar miteinander den Abend ausklingen lassen wollten.

              Anika legte ihren Finger auf seinen Mund, öffnete den ihren, und die Geschichte versank in sich selbst.

Lichtschatten über Anika

 

Anika streckte sich genüsslich im Liegestuhl aus, den Blick auf das pulsierende Meer gerichtet. Auch wenn Bruno neben ihr lag, der, gut eingeölt, die Sonne und den Wind auf seiner Haut spürte, drehten sich ihre Gedanken um Feeny. Sie ging in ihrer Bildergalerie am Handy zurück, blätterte vom Jahr 2010 die Jahresreiter hinab zum Jahr 2000, dann zum Jahr 1995 und schließlich zu 1991 und 1988, als sie sie erstmals aufgesucht hatte, scrollte zurück zum Jahr 1991 und suchte innerhalb dieses Jahres nach Aufnahmen von Feeny, die sie von ihr in Kreta aufgenommen hatte. Da tauchte sie auf, Feeny im Sand mit ihr, Meerschaum, der sie überspülte. Unterm Sonnenschirm, ein Selfie zu Viert.

              Sie erinnerte sich, wie sie Feeny vier, fünf Jahre zuvor eher zufällig bei einer Fotoausstellungseröffnung im kunsthistorischen Institut ihrer damaligen Universität kennengelernt hatte. Feeny hatte gerade erst an der Uni in München mit ihrem Studium begonnen, vielleicht war sie neunzehn. Sie schaute sich einige der Exponate näher an, die sie damals von ihr bei dieser Ausstellung gemacht hatte – ja, sie war gewiss nicht älter als neunzehn!

Sie selbst war damals siebenundzwanzig, stand als Assistentin neben ihrer Kollegin Pauline, mit der sie ihre Doktorarbeit begonnen hatte. Auch der Name der Ausstellung selbst war ihr noch haften geblieben: „Nachtschatten“ prangte es auf den Schwarz-Weiß-Plakaten, auf denen man die Konturen eines Aktes sehen konnte. Gezeigt wurden Fotografien, die in ihrem Institut entstanden waren. Eigentlich ging sie damals zu dieser Veranstaltung, weil sie mit dem Assistenten am Lehrstuhl für zeitgenössische Kunst und Medien befreundet war. Er hatte sie auf die Ausstellung aufmerksam gemacht, da er wusste, dass sie wissenschaftlich an zeitgenössischer Fotografie interessiert war. Überhaupt gehörten Kunst und philosophische Ästhetik zu ihren Interessensgebieten, die zentral für ihre Forschung waren, und es war ein Gesprächsbereich, der sich mit den Themen von Bruno berührte, gerade wegen den disziplinenübergreifenden Themen zu ethischen Fragen, die Bruno beschäftigten.

War es die Einladung des befreundeten Kollegen zur Ausstellung oder war es nicht eher die Möglichkeit, mit ihm einen der vielen anregenden Abende in einer der verführerischen bayrischen Wirtshäuser zu verbringen, wobei beides gleich attraktiv für sie war. Sie liebte Kunst und Literatur, auch Geschichte und Philosophie, doch von allen Interessensgebieten hatte sie Kunstgeschichte zu ihrem Lebenszentrum gemacht. Sie war keine Kostverächterin, liebte gute Restaurants, aber auch rauchige Luft um Bierzelte auf der Wiesn und bedauerte ein wenig, dass diese Mischung zwischen Malz, Gerste und Nikotin aus den Wirtshäusern verschwunden war. Schon stiegen vor ihr die Gerüche aus der Küche des Weißbierhauses auf, die sie betörten, auch wenn sie den süßen Dunst vermisste. In ihren Gedanken sah sie eine gebräunte Ente mit Klos und Rotkraut auf, daneben das dunkle Weizen.

              „Señora, kann ich ihnen und ihrem Mann etwas bringen?“ fragte die Bedienung.

Aufgewacht aus ihren Gedanken, drehte Anika den Kopf, nahm die Bedienung wahr, die die Feriengäste des Hotels auf der Terrasse bediente.

              „Gerne, einen Mojito für mich“, und, zu Bruno gewandt, fragte sie: „Möchtest du auch ein Getränk?“ Er war noch etwas abwesend, nickte aber und sagte etwas schläfrig:

              „Ja, bitte, ich schließe mich dir an.“

              Gewöhnlich tranken sie am Morgen Virgin Mojito, doch an diesem wollte sie den Anbruch des letzten Urlaubstages mit Bruno feiern, bestellte und fügte hinzu:

              „Bitte bringen Sie uns noch ein paar Nüsse und Oliven.“

              „Sehr gerne“, sagte die attraktive Spanierin in tadellosem Deutsch, bestätigte die Bestellung und bewegte sich zu den Gästen am Hotelpool.

              Keine schlechte Figur, dachte Bruno, überhaupt liebte er die Direktheit der Frauen in diesem Land, die ihm gleich am Flugplatz aufgefallen war.

              Anikas Gedanken wanderten zurück nach München, sie spürte, wie ihr das Wasser im Mund zusammenlief, während sie zu jenem Abend eilten. Doch es war nicht das Abendessen, nicht einmal das köstliche Nass im Weißbierhaus und die Diskussion über die Ausstellung danach, sondern die Begegnung zuvor, die sie diesen Tag kaum vergessen ließ. Sie war mit Bruno zu der Veranstaltung gegangen. An diesem Abend waren sie wie vereinbart, beim Eingang zum Institut zusammengetroffen, und hatten sich im Foyer zu einem Begrüßungssekt eingefunden.

              Während ihr Blick über das Meer streifte, verwob sich die Szene der Ausstellung mit den Erinnerungen an ihren Kreta Urlaub. Feeny, so empfand Anika, schien ihr seelenverwandt, sie hatten wilde Momente, existentielle Gespräche. Sie hörte zu, wenn Anika aus ihrer Zeit im freiwilligen sozialen Jahr berichtete. Dieses hatte sie in einem kirchlichen Institut für schwererziehbare Kinder verbracht. Dabei waren die meisten Kinder, Anikas Erfahrung nach, alles andere als schwer erziehbar – sie waren lediglich in den ersten beiden Tagen, nachdem sie ein Wochenende bei ihren Eltern, bzw. meist bei einem Teil der Eltern oder auch nur Erziehungsberechtigten, verbracht hatten, so innerlich durch, dass sie eine gewisse Zeit brauchten, um wieder anzukommen, bevor sie sich in den nächsten Tagen sich selbst annäherten. Die Kunst, mit ihnen umzugehen, bestand im Wesentlichen darin, ihnen Zuneigung zu zeigen, Struktur zu vermitteln und mit einer zupackenden Hand ihre inneren Aggressionen auszuhalten, sie mit ihnen durchzuarbeiten und gemeinsam zu erfahren, wie gut es ist, gegenseitig Vertrauen aufzubauen. Feeny hatte diesbezüglich keine Erfahrung, aber meinte, für ihr eigenes Leben aus Anikas Erfahrungen aus dem Umgang mit Kindern zu lernen, wie wichtig die Kombination zwischen Freiheit und Struktur sei. Fast überlagerte diese Erinnerung an den gemeinsamen Austausch mit Feeny die Begegnung am Institutsabend. Doch ihre Empfindungen brachten den Abend der Erstbegegnung zwischen Feeny und ihr hautnah zurück, und sie empfand diese Nähe nicht als Konkurrenz zu Bruno, eher als Ergänzung und Steigerung der Beziehung sowohl zu ihm wie zu Feeny.

              Der Raum war bereits gut gefüllt, gewiss – dachte Anika – waren etliche Studierende und ihre Partnerinnen und Partner anwesend, die die Ergebnisse der Fotoarbeiten des Institutsfotografen sehen wollten. Doch sie sah auch ältere und bekannte Gesichter aus der Universität, und zwar nicht nur Assistentinnen, sondern auch einige der Professorinnen und Professoren, die sonst eher selten Kunstveranstaltungen besuchten. Die meisten lebten nicht in München, sondern pendelten vom übrigen Bundesgebiet oder gar vom Ausland zur Uni nach München. Ein Grund für die gut besuchte Veranstaltung, dachte Anika, mag auch gewesen sein, dass sie klugerweise in die letzte Semesterwoche gelegt worden war, und durchweg alle mit ein wenig erschöpftem Gesichtsausdruck dreinschauten, wenn auch zugleich erleichtert wirkten. An die Eröffnungsrede des Dekans konnte sie sich nicht mehr genau erinnern, außer, dass dieser erwähnte, die Veranstaltung sei ein Musterbeispiel dafür, wie Lehrkörper, Studierende und Menschen aus der Stadt gemeinsam Kunst zu produzieren bereit und fähig waren, also nicht nur gelehrt wurde, was Kunst bedeute, sondern dass Kunst an dieser Uni gemeinsam gelebt und geliebt wird.

              Feeny wäre ihr gar nicht aufgefallen, wären Bruno und eine ihrer Kolleginnen, Pauline, nicht in ein intensives Gespräch vor einem der Ausstellungsstücke geraten. Beim Gang durch die Ausstellung richtete Anika, die ihr Studium an der Fakultät in München beendet und nach ihrem Doktorat, eine Postdoktorantinnen Stelle am Institut erhalten hatte, ihren Blick auf die gewählten Kleidungsstücke der Models. Sie erwog, wie der Fotograf diese für seine Shoots einsetzte, während sich Bruno und ihre Kollegin, die gut belesen in Literatur und zeitgenössischer Philosophie und Psychologie war, über die Dekonstruktion und Fragmentierungen der Posen erfreuten, sich kritisch und zugleich lobend über die Ausstellungsstücke äußerten und zu philosophieren begannen, weil sie bei manchen Exponaten den Einfluss der gerade aus Frankreich selbst nach München herüberschwappenden Postmoderne zu erkennen meinten. So verweilten sie an einem dieser weichgezeichneten Bilder, die ein Model zeigten, das, wie Bruno bemerkte, zufällig gerade neben ihnen stand und sich dieselbe Bilderserie betrachtete. Die junge Frau war anscheinend solo, denn sie verharrte allein vor der Wand, schmunzelte ein bisschen über sich selbst, während sie die verschiedenen Ablichtungen miteinander zu vergleichen schien.

              „Darf ich Sie fragen“, wagte sich Bruno, der mehr auf den anwesenden Körper fixiert war als auf die Ablichtungen desselben, während Pauline weiter auf Anika über die Verbindung zwischen François Lyotard und den Objekten einredete, „sind Sie das?“

              Die junge Frau wandte sich Bruno zu und antwortete ohne Zögern und fast ein bisschen stolz:

              „Die Fotografien konfrontieren uns mit Konturen und Disjunktionen – aber ich versichere Ihnen, ich bin mehr als ein unklarer nackter Schattenriss“, und strahlte ihn an.

War es dieser forsche Ausdruck, ihr zupackender Blick auf Bruno, oder die Korrespondenz zwischen dem Model und der Dame, die gerade dabei war, Bruno anzumachen, die Anika anstachelte?

              Bruno hätte gerne geantwortet, doch Pauline bemühte sich, ihr Argument von der Beziehung zwischen Literaturwissenschaft, Philosophie und Fotografie auch ihm zu erläutern, was die von ihm Angesprochene feinfühlig bemerkte, sich mit einem Zeichen der Verabschiedung umdrehte und sich zum nächsten Ausstellungsstück bewegte. Anika bewegte sich mit ihr, stellte sich an ihre Seite und verwickelte sie in ein Gespräch, an deren Inhalt sie sich nicht mehr erinnerte, doch es war der Augenblick, als Feeny auf Anikas Bitte ihr ihre Visitenkarte reichte. In der darauffolgenden Zeit hatte sie Feeny und die Fotoausstellung völlig vergessen, bis sie zwei, drei Jahre später beim Aufräumen ihrer Schreibtischschublade auf Feenys Visitenkarte gestoßen war. Was aus diesem Model geworden war? Ob es neue Werke von ihr gab, die zu der von Anika organisierten provokativen Kunstausstellung „Aktfotografie in Bayern“ passen würden? Sie rief die Telefonnummer, die auf der Visitenkarte gedruckt war an, am anderen Ende meldete sich eine Stimme, die sich über den Anruf freute, sich auch an die frühere Begegnung erinnerte und begeistert davon erzählte, dass sie gerne bei dem Projekt mitmachen würde, außerdem erzählte sie von ihrem Body-to-Body Massagestudio, in welchem die meisten der jüngeren Arbeiten hingen und zu dem sie Anika einlud.

              Vor Anikas Augen bewegten sich die leichten Schaumkronen der See – die Wogen ließen das Model mit ihren Konturen neu vor ihr erstehen, die steil aufsteigende Linie, ihre feinen Augenbrauen, goldbraun hervorstechend, ihr ausdrucksstarkes, herausforderndes Gesicht, einen Hals, der ihr länger als gewöhnlich erschien, dann ihre sportliche Brust, feine Muskelansätze in den Oberarmen, und der punktbetonte Busen, einem der wenigen scharf hervortretenden Foki, die die kontrastierend zurückfallenden Bauchlinien und die nicht endend scheinenden Beinen ihre Richtung gaben.

              Der Fotograf hatte sie in Szene gesetzt. Anika war mitten in sie hineingenommen. Wie in manch anderen der Abbildungen spielte der Fotograf mit Licht und Schatten, Bewegung und eingefrorenen Positionen. Der Raum wurde zum Netz, was Länge und Festigkeit des Körpers nur betonte.

              Ihr Schritt vor den Ausstellungsstücken bestätigte die Aufnahmen und Anikas Eindruck, den sie von ihr gewann, mehr, aus der Art, wie sie sich darstellte und bewegte als durch die Worte, die ihr entfallen waren.

              Und, da sie einen Mini-mini-Rock trug, wuchsen ihre Beine noch weiter, schier bis ins Unendliche, insbesondere in den Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die perspektivisch wie Picasso Bilder, kombiniert mit De Chirico, wirkten und eine eschatologische Ewigkeit andeuteten.

              „Señora, Ihr Getränk“, riss die vertraute und zugleich aufmunternde Stimme sie aus der Vergangenheit in die Urlaubsgegenwart zurück, „und Ihre Oliven mit den Snacks“, fügte die professionell relaxte Bedienung hinzu. Selbst Bruno erwachte, schaute aus dem Winkel und bedankte sich für ihr Getränk, bevor er in den Liegestuhl zurücksank.

              „Muchas Gracias“, bemühte sich Anika, ihre Touristenspanischkenntnisse auszuprobieren. Doch hatte sie weder ihren Mojito noch die Oliven oder Nüsse angerührt, sondern blieb gefangen von dem Auftreten jenes Models. Wie sie dastand neben ihr, ihre Unmittelbarkeit, ihr Schritt, sie drückte für sie aus, was sie als Leben im Jetzt empfand. Kein Dünkel, keine Rücksicht auf Stand und Hierarchie, hier war eine Studierende, die ihr gegenüber als Assistentin und, wahrscheinlich, dachte sie, auch wenn sie schon Professorin gewesen wäre, wäre sie ihr nicht anders begegnet. Anziehend, erinnerte sie sich, auch wenn sie damals noch nicht wissen konnte, wozu die damalige Studentin alles fähig sein würde. Geahnt, allerdings, hatte sie es.

              Bruno schien zu dösen, vor sich hin zu schlafen, während sie versuchte, sich in ihrem Liegestuhl zu strecken, sich in der Weite der See zu verlieren, doch ließen sie diese anfänglichen Bilder und Gedanken an Feeny nicht los. Dabei wollte sie sich von ihren Bildern lösen, auch von den Erfahrungen, die sie inzwischen mit ihr gemacht hatte. Die immer intensiveren Begegnungen, sie waren ihr wichtig. Brunos Eifersucht hielt sich in Grenzen, zumal er selbst vielseitig unterwegs war, regelmäßig auf seinen Ethikkonferenzen in der Welt präsentierte, entweder mit neuen Vorträgen auftrat, oder zusammen mit seinen Studierenden und Projektpartnern reiste oder in irgendwelchen politischen Gremien saß. Nach Beziehungen, die sie knüpfte und unterhielt, fragte er selten, und  er respektierte die ausgesprochene Übereinkunft, dass beide sich gegenseitig dieselben Freiheiten zugestehen wollten, was Beruf und Gestaltung ihres privaten Lebens betraf. Sie waren stolz darauf, eine Partnerbeziehung besonderer Art zu führen, die aus dem Rahmen des Gewöhnlichen herausfiel und mit der sich Anika wie Bruno ein Stück in der postmodernen Welt zu bewegen glaubten.

              Wenn da nicht Anikas Wunsch gewesen wäre, Bruno würde manchmal nachfragen, sie fragen, warum ihr die Beziehung zu Feeny so wichtig war. Bruno und sie hatten Rituale, sich näher zu kommen, romantische Beleuchtung bei einem kulinarischen Abendessen zu Hause in seiner Wohnung – Kerzen im Bad, Sekt auf einem Tischchen, intime Zweisamkeit – aber zum erfüllenden Zusammensein kam es nicht, so sehr sich beide anstrengten. Bruno schien zufrieden, doch in Anika bohrte diese Vorzufriedenheit. Ähnlich zuvorkommend empfand sie manche Diskussion. Bruno war hörfähig, zu hörfähig. Wenn sie dozierte, fragte er nach – doch sie würde sich wünschen, er hielte auch entgegen, konfrontierte sie. Ob es seine Unsicherheit war? Desinteresse gewiss nicht, aber Angst vor Gegensätzen? Wie sollten sie vollends zusammenfinden, wenn sie sich nicht zuvor auseinandersetzen konnten?

              Mit einem guten Schluck aus dem Bauchglas eisgekühlten Mojitos lehnte er sich zurück, schaute zufrieden in den blauen Himmel, streichelte den Arm von Anika und kehrte sich wieder zu sich selbst. Sie war nicht unglücklich in ihrer Beziehung mit ihm, aber es fehlte ihr das Feuer, das sie so gern in ihm lodern gesehen hätte und anfangs auch erlebt hatte.

              Sie waren sich erstmals bei einem wissenschaftlichen Ethikkongress in Paris begegnet, bei der zur Abendveranstaltung eine Diskussion zu Postkolonialismus und Kunstgeschichte stattfand, und sie beide im Panel miteinander saßen, um über die Benachteiligung von Frauen aus Entwicklungsländern im Wissenschaftsbetrieb der Universitäten Europas zu diskutieren. Brunos Blick ruhte stärker auf ihr als auf ihrer Nachbarin, die eine Kollegin aus Senegal war. Anschließend saßen sie vielleicht nicht zufällig beim Festmenü im berühmten Restaurant „Le Train Bleu“ nebeneinander, zusammen mit Kolleginnen und Kollegen.

              Die livrierten Kellnerinnen und Kellner umschwirrten sie, doch die Blicke der meisten wurden gebannt von den Gemälden an Decken und Wänden, die von Reisen zur Zeit der Belle Epoche erzählten und in die neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts entführten. Frauen mit Hüten, wie man sie von Toulouse-Lautrec kannte, galante Männer in weißen Anzügen, die mit ihnen an Bord großer Kreuzschiffe gingen, Küstenlandschaften, wie eine jetzt vor ihr lag.

Fast unbemerkt zunächst hatten sich ihre Knie unter dem schweren Tisch berührt.

              Anika wunderte sich über die patriarchale Welt des 19. Jahrhunderts, aber sie staunte auch, dass die zentralen Figuren dieser Gemälde nicht Männer, sondern höchst gewählt gekleidete Frauen waren. Kein Wunder, dachte sie, dass gerade die Frauen der Modewelt des 20. Jahrhunderts hier verkehrten, Coco Chanel, Brigitte Bardot, dabei hieß das Restaurant zunächst ganz schlicht „Buffet de la Gare de Lyon“, bevor es erst später, im Jahr 1963 in „Le Train Bleu“ umbenannt wurde, um an den berühmten gleichnamigen Zug der Compagnie Internationale des Wagons-Lits, die schon mit dem Orient-Express Kulturgeschichte geschrieben hatte, zu erinnern. Der Schnellzug, der Frankreich von seinem fast nördlichsten Punkt zu dem südlich gelegenen Nizza durchquerte, um dann weiter nach Rom zu befördern, war alles andere als auf kurze Zeiten ausgerichtet – er war vielmehr eine Zelebration des Unterwegsseins, genau das, was die großen Gemälde um sie herum feierten. Albert Maignan hatte in seinen mächtigen Bildnissen mehr Frauen dargestellt als Männer. Insbesondere liebte Anika die Stellungen, die den Männerbetrachtern despektierlich den Po zeigten, während die Dame mit beblümtem Hut gerade dabei war, ihr Kleid zurechtzurücken, völlig desinteressiert an den beiden Männern, in deren Gegenwart sie sich befand, der eine mit seiner Frau im Arm, die ihm offenkundlich nicht viel bedeutete, und der andere, hochnäsig dreinschauend, der zu erwarten schien, dass die Dame sich in seinen Blick bewegen würde.

              Unter dem Tisch spürte Anika, dass ihr Fuß einen kleinen, wenn auch sanften Tritt erhalten hatte.

              Zurück zum Bild gekehrt, erkannte Anika, wie die danebenstehende Dame, lasziv an einen Tisch gelehnt, auf dem ein Strauß mit Rosablüten fein eingepackt lag, der Männergesellschaft den Rücken zuwandte und sich keinen Dunst um die Betrachter des Bildes scherte.

              Wieder schien sie eine Berührung am Fuß zu empfinden.

              Die andere Dame im Bild, die in der Mitte der Männerrunde stand, achtete mit einem intensiven Blick auf keinen dieser Dunkelgestalten, sondern fixierte eine Frau ihr gegenüber, vielleicht auch über sie hinaus die dahinterstehende jüngere Lady in weißer, fast durchsichtiger Bluse, die mit einem Fernglas Ausschau hielt, doch selbst wie eine Bühnenfigur wirkte.

Anikas Blick wanderte zur Decke, wo sie eine ähnlich freche Pose entdeckte, auch wenn sie in ihren Gefühlen mehr unter dem Tisch zugegen war. Wie aus einem runden Glasauge wanderte der Blick zum Himmel: um das Glasauge herumsaßen und standen Menschen, die in den Abgrund durch dieses Glasauge zu schauen schienen. Die Männer wirkten beschäftigt, gebückt, sitzend, zum Himmel starrend, während das Zentrum des Gemäldes zwei Frauen bildeten. Eine vornehme jüngere Dame in weißem Kleid und langer Schleppe, die Einzige, die mit dieser Wollenwelle über den Rand des Glasauges in das Innere des Restaurants hineinreichte. Das Kleid ließ ihre Schulter auf beiden Seiten frei, und auch der Rücken war entblößt, tief eingeschnitten. Um die Blöße noch zu verdeutlichen, reichte ihr die zweite Frau einen braunen Pelz, den sie über ihre Blöße zu reichte.

              Bruno war Anikas Blicken gefolgt, konnte jedoch nicht ausmachen, was sie an diesen Bildern so zu faszinieren schien. Stattdessen war er von Anika selbst gefesselt. Sie trug dünne, enganliegende Hosen mit afrikanischen Mustern, und er fragte sich, wie sie bei einem solchen Kongress orientalisierte Kleidung tragen konnte, wo sie doch kurz zuvor gegen postkoloniale Ausbeutung von Frauen und deren Recht auf ihre eigene Tradition argumentiert hatte. Jedoch interessierten und faszinierten ihn in diesem Augenblick eher ihre unter den afrikanischen Motiven hervorleuchtenden, schmalen, hohe und feuerrote Schuhe, passend dazu ihr rot-schwarzes Oberteil, das, anders als im Gemälde, bis zum Hals geschlossen, zugleich von so feiner Seide war, dass im Gespräch mit ihr, Brunos Kopf zur Seite und ihr zugewendet, die helle Beleuchtung der  goldfarbenen Lichtsäulen hinter den Tischen ihre Haut mit ihren Konturen für ihn transparent werden ließ.

              Sie musste die Berührung der Füße wahrgenommen haben. Bruno meinte später, er habe zunächst ihre Bewegung vernommen, die er zögerlich empfand, dann aber vorsichtig returnierte. Anika glaubte, der Anstoß sei von ihm ausgegangen – ein Dissenz, der sie miteinander über sich lachen ließ. Noch während sie die Tischkonversation zu den Fragen von Materialität, Kunst, der Gewinnung und der ethischen Implikationen diskutierten, entwickelte sich eine andere Diskursebene, auf der sich beide mehr mit Andeutungen als mit Eindeutigkeiten begegneten. Die Tischgemeinschaft schien ausschließlich dem Gespräch zur postkolonialen Kritik zu folgen, während Anikas Konzentration sich auf ihren Nachbarn zu verlagern begann, der selbst wiederum stärker mit dieser Ebene der Begegnung sich zu beschäftigen schien, doch zugleich an der intellektuellen Auseinandersetzung teilzunehmen versuchte. Ein Versuch, der sie desto stärker anstachelte.

              Nach dem ausführlichen Abendessen mit mehreren Gängen fuhr die Gesellschaft in Taxis zum gemeinsamen Tagungshotel. Anika, weiter vertieft in die Fortsetzung des Themas zu Tisch, teilte das Taxi mit Bruno, der eher die andere Konversation fortsetzen wollte, sein Bein an das ihre lehnte und seine Hand auf ihren Oberschenkel platziert. Ungeniert ergrieff sie seine Hand und führte ihn ein Stück höher. Bruno schien überrascht von solcher Entschiedenheit, zumal sich in ihrem Augenzwinkern mehr andeutete. Im Hotel angekommen, stellten sie fest, dass ihre Zimmer schräg versetzt auf demselben Flur lagen. Und noch bevor Anika den Schlüssel herumgedreht und die Tür geöffnet hatte, warf sie ihm einen Blick zu:

              „Willst du noch ein Gläschen mit mir trinken?“ fragte sie.

              Bruno stellte seine Arbeitstasche in seinem Zimmer ab.

              „Gerne, ich bin noch so aufgedreht von unserer Diskussion und den Nachgedanken bei Tisch,“ lächelte er.

              Sie befanden sich in einem typischen Pariser Hotelzimmer. Trotz Sterne und anständigem Niveau mit geräumiger Eingangshalle, entpuppte sich das historische Zimmer als Kontrapunkt zum Parterre. Es war überdies unproportional geschnitten, wirkte höher als länger und war kürzer als breit. Außer dem Doppelbett gab es kaum einen Durchgang zwischen Schrank und Tür, zwischen Bett und Bad. Die Wände waren mit weichem, dunkelgrünem Tuch ausgeschlagen und abgesteppt, sie wirkten wie ein schalldämpfendes Tonstudio bei gleichzeitiger Bühnenarchitektur. Anika hatte den Schalter für die Seitenlichter umgelegt, womit sie die Zeichnung ihres Körpers voll in Szene setzte, und Bruno sah, was er zuvor bereits erahnt hatte. Anika trug nur einen Stütz-BH, der ihre Spitzen hervorhob, die unter der Seide deutlich nach vorne glänzten.

              „Weiß oder rot?“

              Bruno hätte fast die Frage überhört, blickte dann auf ihren Mund und entschied sich dennoch für „Weiß“.

              „Hmm,“ kommentierte sie den Probeschluck, „ein ausgewählter Chablis, den ich normalerweise eher zu Fischgerichten trinke“, und setzte sich in Ermangelung einer anderen Sitzgelegenheit auf die Bettkante, die andere Hand zu einer Geste ausgestreckt, mit der sie Bruno einlud, sich neben sie zu setzen. Sie stellte ihr Glas auf den Boden und schenkte Bruno ein eigenes Glas ein.

              „Prost,“ sagte sie, „schön dich kennenzulernen“ – sie waren schon im Taxi vom formalen Sie zum annähernden Du umgeschwenkt.

              „Ich habe noch selten so intensiv über die ethischen Rahmen und Grundlagen meiner Arbeit nachgedacht“, fuhr sie fort. „Du musst wissen, ich arbeite über die Zwischenkriegszeit und dann über die Migration von Schriftstellerinnen und Künstlerinnen zur Nazizeit, auch über ethische Implikationen des Kunstmarktes, ich bin eine Spezialistin über Kultur Schaffende, die in der Weimarer Republik verarmt waren und dann von denen, die sich Sozialisten nannten, im Namen des Volkes verfolgt wurden und zu flüchten versuchten, habe auch Philosophie studiert, aber bin eher an den historischen als an den philosophischen Grundlagenfragen der ethischen Bedeutungsebene interessiert. Doch heute ist mir aufgegangen, dass ich einen wichtigen Aspekt meiner Arbeit übersehen hatte und von dir viel lernen kann.“

              Bruno neigte sich ihr zu – er hatte verstanden, dass sie nicht nur auf der fachlichen Ebene kommunizieren wollte.

              „Ich kann dies zurückgeben – ethische Diskussionen sind oft Trockenübungen, aber bei der Diskussion am Abend ist mir deutlich geworden, welche politische Konsequenzen es hat, welche Kunst an welchem Ort geschaffen wird und auf welchen Wegen sie zu Kunst gestempelt wird – danke auch für deine historischen Ausflüge in die Zeit des Nationalsozialismus und seiner Auswirkungen, die offenkundig bis heute zu spüren sind.“

              Sie hätte ihn anspringen können, obwohl und vielleicht, weil er aus einer ganz anderen Richtung und Disziplin kam, und auch er schien sich nicht mehr zurückhalten zu wollen, als hätte er nur auf eine Katze gewartet, um seine Partnerin zu finden. Sie spürte zwar, dass er nicht von sich aus springen würde, vermutete aber, dass er nur auf ihre Avance wartete. Sie war es gewohnt, die Initiative zu ergreifen, ließ ihn also kaum das Glas Wein an nippen, als sich Wein und Körper miteinander verbanden. Sein Mund fühlte sich zart und rau zugleich an, ihre Zunge spielte mit ihm, die Nacht wurde lange, wenn auch nicht lange genug. Es war ihre erste Begegnung, gewiss, aber sie hätte sich mehr erhofft, war auch bereit dazu. Er schien sich gestört gefühlt zu haben, konnte nicht entspannen, vielleicht weil das Zimmer so hellhörig war – die Intimgeräusche der Nachbarn schwappten über, oder er hatte Angst, das Gequietsche ihrer Matratzen und ihre Empfindungen würden ebenso in deren Zimmer landen. Zärtlich, feinfühlig und besorgt war er, doch es fehlten ihr Wille und Biss. Anstatt sich in sie fallen zu lassen, begann er, sie zu fragen, was es ihr bedeute, mit ihm zusammen zu sein. Ermüdet von dem opulenten Dinner schliefen sie beieinander ein.

              Kaum war er am Morgen aufgewacht, setzte sie ihr Katzenspiel fort. Zeit zum Müde Sein und Aufwachen war ihm nicht gegeben. War es der Beginn einer wilden, mit großen Abständen seltenen Beziehung, die mit jener Begegnung in Paris begann?

              Anika prostete Bruno zu und die beiden Mojito Gläser berührten sich wohlklingend. Sie legte sich zurück, schaute auf Bruno, der sich weiter der Ruhe ergab und verfiel wieder in ihre Gedanken.

              Als sie erneut ihr Glas ergriff, setzte sie ein katzenartiges, vereinnahmendes Lächeln auf ihre Lippen und fragte Bruno:

              „Geht es dir gut?“ Sie hatte das Gefühl, Bruno sei nicht nur in sich versunken – eine Erfahrung, die sie häufig machte und daher gewohnt war –, sondern sie spürte, dass ihn etwas bedrückte.

              Bruno schwieg.

              „Du musst es mir nicht sagen, wenn es dich schmerzt.“

              „Doch, doch, es hat eigentlich mit dir zu tun, Anika – und auch du musst nicht mehr sagen, als du zu sagen bereits bist – aber, so wie du mich nachdenklich empfindest, geht es mir schon seit zwei, drei Tagen mit dir, ist es lediglich, weil unser Urlaub zu Ende geht?“

              Anika schwieg.

              „Oder ist es mein neuer Job, der meinen Eindruck von dir trübt?“

              Es war eher eine unbekümmert bekümmernde Frage, weil Bruno einen Schatten um Anika ahnte, ohne ihn greifen zu können. Zugleich wollte er nicht gegen ihren Willen ihre Zunge lösen, sie nicht drängen, sondern ihr die Entscheidung lassen, weiter zu reden oder zu schweigen. Zum Zeichen für seine wache Bereitschaft, auch etwas Unangenehmes aufzunehmen, setzte er seine Sonnenbrille ab.

              „Weißt du,“ es folgte eine Pause, „es hat mit Feeny zu tun.“

              „Ok?“ unterbrach Bruno, „deine ewige Freundin“, ulkte er etwas, um ihr zu zeigen, dass er – wenn auch nicht hundertprozentig ehrlich – weder eifersüchtig noch naseweis sein wollte, „dreht es sich um sie und René?“

              „Nein, nur meine ewige Freundin,“ konterte Anika.

              „Ich weiß ja, was sie dir bedeutet, aber das ist ok“, sagte er fast kleinlaut.

              „Nicht in der gleichen Weise, wie du für mich Bedeutung hast,“ antwortete sie schnell, „einfach anders“, setzte sie hinzu.

              Es könnte ein Satz gewesen sein, dachte Bruno, den er selbst hätte sagen können.

              „Mach dir keinen Kummer um mich,“ fügte Bruno an, „ich spüre, wie sehr du mich magst, und ich weiß, dass deine Freundschaft mit ihr nicht zu meinen Lasten geht, außerdem hat sie ja einen lieben Partner“, was fast zu kühl und nüchtern klang und Anika auch ein wenig verschreckte.

              „Ich wollte nicht über die Beziehung mit ihr reden,“ sagte Anika, „sondern darüber, dass sie mir vor drei Tagen eine Mail schickte, in der sie schreibt,“ ihr blieben die Worte im Hals stecken, „es gäbe den Verdacht, dass sie Krebs … Eierstockkrebs habe.“

              Bruno blickte wie erstarrt. Er kannte Feeny – aus ihrem gemeinsamen Urlaub, der allerdings geraume Zeit zurücklag. Seither hatte er sie und René allerdings aus dem Blick verloren, weil er selbst zu beschäftigt war. Er erinnerte sich, dass Anika ihr bei der Fotoausstellung, die sie gemeinsam besucht hatten, kennengelernt und sie irgendwann später bei einer von ihr organisierten Ausstellung zur Teilnahme eingeladen hatte. Seither waren sie in Kontakt, bis Anika sie und ihren Partner zu ihrem Kreta Urlaub einlud, und seither, ab und an Zeit mit ihr verbrachte. Er war froh, dass Anika mit ihr eine Freundin außerhalb ihres universitären Umfelds hatte, mit der sie sich verstand, gerade wenn er selbst auf Dienstreisen unterwegs war oder für einige Monate eine Fellowship in einer entlegenen Universität irgendwo in der Welt verbrachte. Bruno und Anika hatten keine Kinder, lebten eine Partnerschaft, bei denen beide ihrem Beruf nachgingen, sie sich den Haushalt in den kurzen Zeiten teilten, die sie beruflich miteinander verbringen konnten, und in denen sie sich gegenseitig unterstützten. Feeny hatte offensichtlich einen anderen Zugang zu Anika, so wie diese eine besondere Beziehung zu René zu haben schien. Sie schwärmte von dessen Geschäftsgewandheit, auch seinem kritischen Geist, und vor allem seiner Unkompliziertheit im Umgang miteinander. Auch Bruno hatte seine anderen Beziehungen, intellektuelle und solche, die darüber hinaus gingen. Freunde und Beziehungen bedeuteten beiden viel, doch keiner von ihnen bohrte aus Rücksichtnahme auf den anderen nach, auch wenn sie offene Ohren hatten, wenn sie sich gegenseitig von dem erzählten, was sie beschäftigte, besorgte und bewegte.

              „Was heißt das für sie? Und wie geht es dir dabei?“ versuchte Bruno einfühlsam zu sein.

              „Ist noch zu früh, etwas Genaues zu sagen, sie war offensichtlich erst beim Hausarzt, doch der hat sie zu einem Radiologie Termin angemeldet“, drückte sich Anika zurückhaltend aus.

              Bruno schaute besorgt nach Anika – war er doch das eine oder andere Mal eifersüchtig, wenn Anika ihn lange nicht gesehen hatte, und Anika just an den Tagen, an denen er selbst frei hatte, eine Verabredung mit Feeny hatte. Es fuchste ihn schon, dass seine Zeit jetzt noch knapper bemessen zu sein schien, nachdem er sein neues Amt antreten würde und Feeny offenkundig größere Aufmerksamkeit von Anika einforderte. Zugleich wollte er Anika unterstützen, statt Ansprüche an sie zu stellen. Auch sie war stark in ihren Job eingebunden, nahm nicht nur ihre Lehre, sondern genauso ihre administrativen Aufgaben ernst und liebte ihre Forschung. Beide wussten, dass sie sich nacheinander sehnten, sobald sie auseinander gegangen waren. Und umgekehrt brauchten beide die Freiräume, die es ihnen überhaupt ermöglichten, aufeinander zuzugehen.

              „Soll ich noch mit Buchen warten?“ fragte Bruno sie. Beide hatten nämlich just an diesem Morgen beschlossen, ihren nächsten gemeinsamen Urlaub zu planen, denn ihr letzter Tag auf Teneriffa war angebrochen, und am nächsten Tag sollte es für Bruno zurück nach München und für sie nach Frankfurt gehen. Anika würde nämlich gleich weiterfliegen nach London, wo sie die nächsten Wochen verbringen würde, um im Staatsarchiv nach Akten zu suchen, die die Geschichte während der Nazizeit dorthin emigrierter verfolgter Kunstschaffender aus Deutschland erhellen könnten. Bruno erwarteten in München einige anstrengenden Wochen, musste er sich doch in sein neues Tätigkeitsfeld innerhalb der diözesanen Hierarchie in Eichstätt einarbeiten. Er hatte erst kürzlich die Ernennung zum Weibischof erhalten, nachdem er die vergangenen Jahre als Lehrstuhlinhaber für Ethik an der Ludwig-Maximilian-Universität verbracht hatte. Die alte Position hatte ihm Flexibilität in seiner dienstlichen und privaten Lebensgestaltung gegeben, mehr als was das neue Amt ihm wohl erlauben würde. Andererseits sah er in seinem neuen Tätigkeitsfeld die Möglichkeit, seine politische Aktivität auszuweiten, nicht nur in den Gremien der Bundespolitik, wo er in verschiedenen Kommissionen wie dem Ethikrat und dem Sportrat und in etlichen Ausschüssen saß, sondern auch innerhalb der eigenen Institution, in der er versuchen wollte, seine alternativen Vorstellungen einer menschen-, und vor allem frauenfreundlicheren Kirche umzusetzen.

              All das war aber seit der E-Mail, die Anika von Feeny erhalten hatte, wie in einen Nebel gekleidet worden und in weite Ferne gerückt. Noch war ihm unklar, wie sich Feenys Zustand auf Anika und ihre Beziehung auswirken würde. Sollte sich die Erkrankung bestätigen, würde sich Anika wohl intensiv um ihre Freundin kümmern müssen.

              Seinen beruflichen Neuanfang hätte er sich anders vorgestellt. Zugleich aber dachte er daran, dass er mit diesem erzwungenen Freiraum auch selbst etwas anfangen müsse, den Neuanfang sinnvoll zu gestalten.

              Er hatte sich kurz nach dem Frühstück im Internet etwas kundig zu machen versucht, doch schon die ersten Webseiten hatten ihm nichts Gutes bedeutet. Eierstockkrebs war anders als etwa Brustkrebs eine eher seltene Frauenerkrankung mit verglichen drastisch schlechteren Prognosen. Achttausend Frauen erkrankten demnach jährlich allein in Deutschland an dieser Krankheit, doch schien es keine Regeluntersuchung für sie zu geben. Wenn Bruno richtig verstand, war die Erkrankung auch nicht durch Checkups beim Frauenarzt festzustellen, so dass Feeny erst durch ihre Symptome darauf gekommen sein musste, den Hausarzt aufzusuchen. Wie Anika ihm erzählte, war Feenyin den vergangenen Wochen beruflich unterwegs gewesen, hatte im Süden von Marokko mit Genossenschaften von Berberfrauen ihre nächste Modekollektion erarbeitet, bei der es dieses Mal um traditionelle Wollstoffe ging, in die sie organisch gefärbte Seide hineinweben lassen wollte. Eigentlich wollte sie erst Anfang der folgenden Woche zurück nach Großbritannien reisen. Offensichtlich hatte sie diesen Aufenthalt verfrüht abgebrochen. Doch genaueres wusste Anika noch nicht. Auch wenn sie der E-Mail nichts Näheres über Feenys Zustand entnehmen und Bruno mitteilen konnte, las Bruno doch im Internet, dass fast alle Frauen mit dieser Erkrankung im schlechtesten Stadium diagnostiziert würden – zum einen, weil sie zuvor kaum Symptome aufwiesen, kaum Übelkeit oder Schmerzen irgendwelcher Art, zum anderen, weil selbst beim Auftreten solcher Symptome Ärzte und Frauen eher an andere Krankheiten dachten, weil sie sich durch die Regeluntersuchungen in falscher Sicherheit wogen. Anika vernahm von Bruno – sie selbst hatte nicht den Mut, zu recherchieren – dass den Informationsseiten zu entnehmen war, Eierstockkrebs umfasse ein breites Spektrum verschiedener Krebstypen, von langsam wachsenden low-grade Karzinomen hin zu aggressiven Formen. Dies leuchtete ihr zwar ein, doch hatte sie nicht verstehen wollen, warum Frauen diesem Krebs einfach nur ausgeliefert sein sollten.

              Trotz ihrer Besorgnis meinte sie zu Bruno:

              „Du hast mich gefragt – weil ich dich gefragt hatte. Lass uns unseren Urlaub nicht mit dieser E-Mail beenden. Es ist ja noch nicht aller Tage Abend, und Feeny hat nur den Erstverdacht des Hausarztes – lass uns hoffen und mit dieser Hoffnung diesen letzten Tag gestalten.“

              „Recht hast Du,“ bestätigte Bruno, „es ist vielleicht verfrüht, sich zu viele Gedanken zu machen und schon zu recherchieren, warten wir erstmal ab.“

              Es war aber leichter gesagt als getan. Denn auch wenn Anika die Gedanken von sich weisen wollte, bohrten die wenigen Zeilen in ihr. Sie rief die E-Mail wieder auf, las sie nochmals, was ihre Ängste jedoch eher steigerte. Auch wenn sie nicht gleich reagieren konnte und wollte, schrieb sie Feeny doch ein paar Zeilen zurück.

              „Danke, dass du mir geschrieben und mir deine schlechte Nachricht mitgeteilt hast. Ich denke fest an dich, und drücke dir all meine Daumen …. Sag Bescheid, sobald du mehr weißt, ich hab Sehnsucht nach dir.“

              Ihr trat vor die Augen, dass sie sich zuhause bei medizinischen Kollegen aus ihrer Universität erkundigen könne, wo Feeny vielleicht eine weitere Untersuchung und eine Zweitmeinung angeboten würde. Anika war zwar erst wieder seit zwei Jahren an der LMU, nachdem sie ihre fünf Jahre lang auf ihrer ersten Professur an der Uni Köln gewesen war, aber aufgrund ihrer Gremienarbeit war sie gut verdrahtet mit Kolleginnen und Kollegen der Medizin, außerdem wusste sie, dass sie sich auf Bruno verlassen konnte, der ebenfalls in seinem Kontaktkreis nach Tipps für die richtige Behandlung fragen wollte, zumal er auf Bundesebene im Ethikrat tätig war und gute Kontakte zu Medizinprofessoren und -direktoren verschiedener Unikliniken Deutschlands und im Ausland hatte, außerdem war er auch bekannt mit solchen, die Grundlagenarbeit und pharmazeutische Entwicklung in der Krebsforschung betrieben. Vor allem fragte sich Anika besorgt, ob Feeny, die inzwischen schon seit einigen Jahren mit ihrem Mann René und ihren beiden Kindern in Großbritannien lebte, die entsprechende Versorgung erhalten könne. Zwar hatte sie weiterhin ihr Geschäft mit einer Niederlassung ihres Modeworkshops in München, welchen sie jeden Monat aufsuchte, betrieb auch weiter ihren Salon in dieser Zeit, verbrachte aber doch mehr Zeit in jenseits des Kanals. Anika wusste von der kritischen Versorgungssituation des staatlichen Gesundheitswesens (NHS) im Königreich

Bruno ahnte nur, was Anika durch Kopf und Magen ging. Umgekehrt sorgte sich Anika darum, Bruno seinen letzten Urlaubstag vermiest zu haben.

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