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Nicht alle Tage

Roman in zwei Teilen

von

Markus Vinzent

Teil II: Ja

Wenn nichts mehr geht

 

Irgendwann musste er des Nachts am Hotel angekommen sein. Der Portier hatte gemeint, sie hätten das Zimmer seinem Wunsch entsprechend verlängern können, er könne also ganz beruhigt schlafen gehen. Ihm war völlig entfallen, dass Anika sich auf den Weg in dieses Hotel gemacht hatte.

               Am nächsten Morgen, als er nach dem Frühstück im Hotel auf die Straße trat, hatte er nach dem Roller gefahndet, ohne an Anika zu denken. Er sah keinen Roller. Ob er in der Nacht ins Hotel gelaufen ist? Aber er meint sich, dunkel daran erinnern zu können, dass er nicht im Bus, sondern auf einem Roller von der Klinik zum Hotel gekommen sei. Doch es war kein Roller zu sehen. Vielleicht hatte ihn schon ein Frühaufsteher genutzt. Hatte er noch den Akku unterwegs gewechselt? René schaute auf seine App und war freudig überrascht, dass ihm die Minuten wegen des Akkuwechsel gutgeschrieben waren. Die Nacht scheint demnach nicht so düster gewesen zu sein, wie er sie in Erinnerung hatte. Nachts sind nicht nur alle Katzen grau, sie sind auch keine Katzen, sondern mutieren zu Raubtieren, die das Innere zerfleischen.

               René stieg in den nächsten Bus, der in Richtung Klinik fuhr. Allerdings wollte er auf halbem Weg aussteigen und Feeny einen Strauß Blumen besorgen – sie liebte Blumen, auch wenn er nicht wusste, ob er solche wegen ihrer Sepsis in ihr Zimmer bringen dürfe.

„Egal,“ dachte er, „wenn sie die Blumen nicht auf ihrem Zimmer haben dürfe, dann könne sie sich ihrer wenigstens erfreuen, wenn sie auf ihrem Weg zur Toilette am Aufenthaltsraum der Station 36 vorbeikommen würde – wissend, dass René ihr und der ganzen Station diese                Blumen gebracht hatte.“

               Als er an der Ecke aus dem Bus gestiegen war, bei der nach Google-Map ein Blumenverkaufsstand sein sollte, erblickte er sogleich einen eher improvisiert wirkenden Verkaufsstand, der wie ein aufgelassener Wohnwagen wirkte. Geschmückt war er mit frisch geschnittenen Tulpen, die man zu dieser winterlichen Jahreszeit eher nicht erwartet hätte. René bat die burschikose Verkäuferin, ihm einen Frühlingsgruß zusammenzustellen.

               „Wissen Sie,“ meinte sie, „für uns ist der Winter bereits vorbei – ist der Strauß für Ihre Frau?“

               René gab ihr zu verstehen, dass sie richtig getippt hatte.

               „Viele, die hier Blumen kaufen, bringen die Sträuße in die Klinik. Wie geht es Ihrer Frau? Ich frage nur, um die richtigen Farben herauszusuchen.“

               „Sie braucht eine Mischung – ernste Farben und solche, die Mut machen. Aber nicht nur solche.“

               „Sie wollen Ihre Frau verstehen?“ fragte sie.

               „Blumen sind wie Melodien, sie bestimmen nicht diejenigen, die sie sehen oder hören – sondern diejenigen, die sie sehen oder hören, sehen und hören, was in ihnen vorgeht durch das, was an Bildern in ihnen aufsteigt. Meine Frau ist schwer krank, aber sie hat noch nicht aufgegeben. Ich will, dass Sie beides spürt – wie ernst ich ihre Angst und Sorge spüre und teile, aber auch, dass ich mit ihr kämpfe und lebe, solange sie kämpft und lebt.“

               Die Verkäuferin drehte sich um und besorgte aus dem rückwärts gelegenen Lager einige Schnittblumen, die sie mit Grünzeug mischte, dazu violette Farben, auch ein paar zitronengelbe – mit Kunstfertigkeit fertigte sie das Gebinde und überreichte es René. Der roch an ihm, zahlte und wusste, dass er zunächst an seiner eigenen Zuversicht arbeiten musste, bevor er an Feenys Bett treten könne. Der Strauß in seiner Hand, half ihm, andere Melodien und Farben in seinem Innern auftreten zu lassen. Woher die Geigenmusik kam, konnte er sich nicht erklären, doch plötzlich wurde er erfüllt von einer bizarren, synkopierten Melodie, die eher wie ein Filmtrailer klang, der eine Mischung zwischen New York, Gipsy und Rap klang. Die Stadt schien ihn einzuholen, und mit ihr das Gedränge im Bus, Menschen, die zur Arbeit gedrängt wurden, Jugendliche, die im Bus noch ihre Schulaufgaben zu machen versuchten und Sekretärinnen, die bei diesem Gehoppel sich bemühten, Makeup und Lippenstift aufzutragen. Bei deren Anblick spürte er einen gewissen Groll aufsteigen – nahm man sich so wenig Zeit, um sich auf die anstehenden Aufgaben vorzubereiten? Wie wäre es, wenn die Ärzte, das Krankenhauspersonal ihre Vorbereitungen auf den letzten Drücker machen würden? „Nein“, sagte er sich, seine Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass er dem Umfeld, in welchem Feeny sich jetzt befand, nicht dilettantisch war, auch wenn die darin arbeitenden Menschen ständig einem enormen Druck ausgesetzt waren. Wann immer sie im Besprechungszimmer saßen – auch wenn dies oft nach Stunden Warten der Fall war – hatte Prof. Choukri immer alle Zeit der Welt. Nicht anders die Ärzte, das Krankenhauspersonal. Warten, das war das Zauberwort – Zeit das andere. René hatte erfahren, dass die Zeit, die im Alltag abgekürzt zu werden schien, verknappt durch die vielen Medien, die deren Verlängerung versprachen, durch Kalender, Diaries, Zeitsparmethoden, Planer, im Krankenhaus gedehnt, oft bis ins Unerträgliche und Unbegreifliche hinein gedehnt wurde. Er schaute auf seinen elektronischen Kalender – und erschrak.

               „Verdammt! Ich habe Anika vergessen – wo sie ist?“

               Die Blumen in der Hand wählte er ihre Nummer und schon meldete sich eine liebenswerte Stimme:

               „Ich sitze gerade in deinem Hotel beim Frühstück, bist du schon unterwegs?“

               „Ja, entschuldige – der Tag war anstrengend gestern, ich weiß gar nicht mehr, wie ich ins Hotel gekommen bin, und dann hatte ich dich völlig vergessen. Habe gerade für Feeny ein paar Blumen gekauft. Wenn du beim Frühstück bist, trink noch einen Kaffee, ich komme zurück ins Hotel und werde in einigen Minuten bei dir sein.“

               Es war eh die richtige Entscheidung, weil er vermutlich Feeny am Morgen noch gar nicht hätte besuchen können, weil morgens immer alle Untersuchungen durchgeführt wurden. Noch hatte er keine Nachricht von ihr oder auch von Prof. Choukri. Gleichwohl war er hin- und hergerissen, denn lieber hätte er vor Feenys Stationstür auf der Bank mit grünen Stahlgeflecht gewartet, als zurück ins Hotel zu fahren. Andererseits war er dankbar, dass Anika die Fahrt auf sich genommen hatte und nach Berlin gekommen war, um Feeny zu besuchen. Sie wusste noch nicht, dass Feeny septisch war und Besuche beschränkt waren.

Als er durch die Tür des Frühstücksraums trat, sah er Anika an einem hinteren Tisch sitzen, ihren Blick in ihren Kaffee gerichtet.

               „Vielen Dank, dass du gekommen bist – und entschuldige, dass ich dich gestern Abend und heute Morgen vollkommen vergessen habe.“

               „Mach dir bitte keine Sorgen darum, es zeigt mir nur, unter welchem Druck du lebst, wie angespannt die Situation ist und was Feeny und du diese Woche bereits durchgemacht habt.“

               René holte sich zunächst einen Kaffee, auch eine kleine Bowl mit Müsli und Früchten und setzte sich zu Anika.

               Anika griff seine Hand, drückte sie fest.

               „Sie wird es schaffen – sie hat schon so viele Krisen überwunden. Was sagen die Ärzte?“

               „Die ersten Einschätzungen waren ernüchternd, kritisch und besorgt. Doch gerade auf meinem Rückweg hierher erhielt ich eine kurze WhatsApp von Prof. Choukri. Er meinte, die Blutwerte hätten sich über Nacht stabilisiert und wir dürften etwas Hoffnung schöpfen.“

               Anika drückte seine Hand erneut, ermunternd, sie blickte ihm entgegen und beider Blicke trafen sich. Die Unsicherheit in seinen Augen war gewichen. Anika spürte seine Entschiedenheit.

               „Wie geht es dir“, fragte sie ihn.

               „Die letzten Tage waren anstrengend, vor allem, weil Feeny meinte, sie müsse nicht in die Klinik, aber ich glaube, sie war es einfach leid und konnte sich tagelang nicht überwinden, wieder den Gang in die Klinik anzutreten. Letztlich hatte sie dann doch die Entscheidung getroffen, was mich ein wenig erleichtert hatte.“

               „Wie siehst du die Situation?“

               „Ich habe schon so viele Situationen erlebt – und, wie so oft, habe ich kein Gespür und muss, wie Du, den Moment aushalten. Heute Abend wissen wir mehr.“

               „Glaubst Du, dass ich sie heute besuchen soll und kann?“

               „Nicht einmal diese Frage kann ich beantworten. Ich schlage vor, dass wir uns nach dem Kaffee aufmachen. Schau,“ er wies auf den Blumenstrauß, den er am Eingang des Frühstücksraums von einer Bedienung in eine Vase stellen ließ, „die Blumen habe ich heute morgen gekauft, du weißt doch, wie sehr sie Blumen mag.“

               „Mir gefällt die Mischung, die du ausgesucht hast, ich bin sicher, sie wird sich über sie freuen.“

               „Auch wenn wir die Blumen gar nicht in ihr Zimmer bringen dürfen – ich muss dir mitteilen, dass Feeny aufgrund der Sepsis nur unter Vorsichtsmaßnahmen besucht werden darf. Auch die Blumen müssen außen vor bleiben, wir werden sie in den Aufenthaltsraum der Station bringen – dort gibt es einen Schrank mit Vasen, von denen wir uns bedienen dürfen. Die Stationsschwestern sind so fürsorglich, dass sie sich um das Wässern der Blumen kümmern. Wenn Feeny ihr Zimmer verlassen darf, wird sie auch am Aufenthaltsraum vorbeikommen, so dass sie sich wenigstens an den Blumen erfreuen kann, von denen wir ihr erzählen können.“

               „Was bedeutet Sepsis?“

               „Die medizinischen Details kann ich dir nicht erklären, ich weiß nur so viel, dass es besorgte Blicke und trübe Augen bei den Ärztinnen und dem medizinischen Personal ausgelöst hatte, die mich darüber informierten. So viel habe ich gegoogelt, dass es eine Notfallsituation bedeutet, weil der Körper die Immunabwehr gegen das eigene Gewebe richtet und damit eine Schädigung der eigenen Organe einher gehen kann.“

               Anika schwieg und hörte zu. Sie wollte heraushören, worauf sie sich für diesen Tag einzustellen hatte. Ob sie Bruno Bescheid geben solle?

               „Hast du die Kinder informiert?“

               „Prof. Choukri hat mich darum gebeten – ich habe für die Nacht ein größeres Apartment im Hotel gebucht, denn die Kinder haben sich umgehend auf den Weg gemacht und fliegen gemeinsam von Manchester nach Berlin – sie werden am späten Nachmittag landen und dann direkt in die Klinik kommen.“

               „Lass uns aufbrechen“, meinte René.

               Anika griff nach ihrer Tasche und packte René am Arm, an welchem sie sich hochzog, ihm andeutend, dass sie an seiner Seite stehen wolle.

               Schweigend machten sie sich auf den Weg. René winkte nach einem Taxi, und sie machten sich auf die Fahrt zur Klinik.

               Gemeinsam auf dem Rücksitz streckte Anika ihre Hand aus und legte sie behutsam und zärtlich auf Renés Oberschenkel.

               „Es wird gut werden – ich glaube fest daran“, sagte sie leise.

               René hörte und verstand, seine Gedanken waren bei Feeny, was sie gerade durchleben müsse. Zugleich überkamen ihn Ängste, wie das Leben werden würde, wenn Feeny diesen Tag nicht überleben würde. Was würde er machen, wie würde er es den Kindern erklären, die mit Angst und Bangen, aber auch mit Hoffnung sich auf den Weg von England nach Deutschland gemacht haben. Wie würde ein Leben zu Dritt aussehen? Wie leben ohne Feeny, die die Mitte der Familie gebildet hatte? Hatte? René ertappte sich dabei, sich Feenys Tod vorzustellen, über diesen hinauszudenken, etwas, was er sich bisher immer zu denken verboten hatte. Aber plötzlich war das Gespenst im Taxi, saß in seinem Nacken, in seinem Kopf, vor seinen Augen. Er spürte einen deutlichen Druck auf die Hand, ein Ruck in seine Seite.

               „Wir sind da, müssen aussteigen, René.“

               Anika hatte gespürt, dass René weit, weit weg war mit seinen Gedanken, und sie hatte geahnt, womit René gerade beschäftigt war, sie hatte den Schweiß in seiner Hand gefühlt, in die sich die ihre gelegt hatte, bevor sie die seine in die ihre gedreht hatte.

Während René in seiner Tasche nach seinem Geldbeutel kramte, händigte Anika dem Taxifahrer einen Schein aus und sagte:

               „Stimmt so.“

               René war verwirrt, schaute Anika entgeistert an.

               „Komm“, schob Anika ihn an.

               Beide verließen das Taxi, überquerten die Straße und gingen auf das Pförtnerhäuschen der Klinik zu.

               René kannte die Prozedur bereits. Schlange stehen – wieder einmal warten. Diesmal ohne Nieselregen. Zwar war es kalt, aber wenigstens regnete es nicht. Den diensthabenden Pförtner kannte er noch nicht. Er schien, einen Pensionärs Job auszuüben. Es dauerte ewig, bis er die Daten einer jeden Besucherin und eines jeden Besuchers in die Datenblätter eingetragen hatte, noch langsamer als sein Kollege vom Vortag. Personalausweis überprüft, Station eingetragen, Uhrzeit, die zu Besuchenden. Wie konnte man so lange brauchen, um diese wenigen Informationen aufzulisten?

               Als Anika und René an der Reihe waren, fragte der Pförtner nach dem Wohnsitz.

               Anika gab den ihren durch – René schob seinen Personalausweis durch die kleine runde Öffnung des Pförtnerhäuschens. Der ältere Mann drehte den Personalausweis um, blickte skeptisch.

               „Wo wohnen Sie?“ war die kritische Frage. „Wieso steht hier: Kein Wohnsitz in Deutschland.“

               René wurde fixiert, wie wenn er von einer Maschine durchleuchtet würde. Er fühlte sich wie ein Immigrant an der mexikanisch-amerikanischen Grenze, kurz vor seiner Zurückweisung.

               „Was soll ich hier eintragen – ein Wohnsitzloser ist in meiner Form nicht vorgesehen“, meinte der Pförtner. „Ich habe ja schon viel gesehen, Wohnsitze in Istanbul, in Moskau, in irgendeiner syrischen Stadt, deren Namen kein Mensch aussprechen oder schreiben kann. Aber einen Wohnsitzlosen habe ich noch nicht gehabt.“

               „Schreiben Sie doch einfach unter Straße: Kein; und unter Wohnort: Wohnsitz.“

               Die Lösung schien dem Pförtner zu gefallen und in seine Kategorien zu passen. Also machte er sich daran, in ungelenken Großbuchstaben Renés Wohninformation in die Rubriken einzutragen: KEIN – WOHNSITZ – IN DEUTSCHLAND.

               Während der Pförtner seine Großbuchstaben zu malen versuchte, steigerte sich das Raunen zu einem lautstarken Protest in der Schlange von Menschen hinter ihnen, die nicht verstehen konnten und wollten, warum dieses Paar vor ihnen so lange brauchte und es nicht voran ging. Aus verstohlenen Blicken wurden giftige, die am liebsten diese Immigranten aus der Schlange entfernt hätten. Wie man solche Leute in eine Klinik lassen konnten? Die Frage klang aus den Beschwerden, ohne dass Anika und René den Wortlaut verstehen konnten.

               „Wohin wollen Sie, zum wem?“

               René erklärte, er müsse zur Station 36, seine Frau läge dort, sie sei schwer erkrankt und der Arzt habe die Erlaubnis gegeben, dass er bereits vor der regulären Besuchszeit auf die Station kommen könne, auch zusammen mit Angehörigen.

               Der Pförtner griff nach seinem Diensttelefon, fragte nochmals nach:

               „Station 36?“

               René bestätigte.

               Der Pförtner wählte, während es weiteren lautstarken Widerstand in der Schlange hinter Anika und René gab.

               Der Pförtner hielt das Telefon an sein Ohr, regungslos, lange, wohl, bis der Dauerton ertönte, der verdeutlichte, dass am anderen Ende niemand abnahm. Pflichtbewusst hing der Pförtner auf und nahm in aller Ruhe das Telefon erneut ab, wählte wieder eine Nummer und ignorierte sowohl die verzweifelten Blicke von Anika und René wie auch die immer lauter werdende Meute hinter den beiden.

               Wieder presste der Pförtner das Telefon an sein Ohr, um trotz des Lärms um ihn herum mitzubekommen, wann es von der Station abgenommen würde.

               Auch der zweite Versuch zeitigte keinen Erfolg.

               „Immer dasselbe – da soll man seine Arbeit machen – wenn auf der anderen Seite niemand abnimmt. Keine Zeit, zu viele Patienten, zu wenige Mitarbeiter, oder die sind zur Kaffeepause, und hier hat man nicht einmal Zeit, aufs Klo zu gehen.“

               Der Pförtner schien sich entschuldigen zu wollen, dass er seiner Aufgabe nicht nachgekommen ist oder nicht nachkommen konnte. Er drückte einen fetten Stempel auf die Besuchererlaubnis und händigte sie durch die kleine runde Öffnung.

               Anika nahm sie in Empfang und reichte sie René weiter. Der zeigte sie dem Sicherheitsbeamten, der zwei Meter weiter vom Pförtnerhäuschen beim Durchgang zur Klinik stand und prüfte, ob das Papier den alles entscheidenden Dienststempel aufwies.

               Ob Erleichterung oder Verärgerung – René und Anika ließen die Beschwerden der Schlange hinter sich und fühlten sich wie befreit und autorisiert, als sie das Häuschen hinter sich hatten und sich durch den ersten Innenhof zum nächsten bewegten, vorbei an eiligen Menschen in weißen, blauen und grünen Dienstkleidungen. Dazwischen ein Gewimmel an Besucherinnen und Besuchern, Menschen, die irgendwelche Ware lieferten.

               René kannte den Weg zur Station bei geschlossenen Augen, vorbei an der Universitätskapelle, in die Allee der Klinik, an deren hinteren Ende die Universitätsbibliothek für die Medizin lag. Auf halbem Weg rechts mussten sie abbiegen, um in das Gebäude der gynäkologischen Onkologie zu gelangen. Davor, zur Aufmunterung, das Coffeebike, an welchem er sich allmorgendlich einen starken Kaffee und am Nachmittag einen Cappuccino holte – und, an Tagen, an denen es Feeny besser ging, auch sie mit einem solchen, und zwar mit Reismilch und Caramelcreme, holte.

               Heute stoppte er nicht an diesem Bike, sondern ging, Hand in Hand mit Anika in das Gebäude, vorbei an den vielen Gesichtern, die ihnen zuriefen, „Wir leben noch“, hin zum Aufzug und von dort in den dritten Stock. Oben angekommen gelangten sie zur verschlossenen Stationstür. René läutete. Sie warteten. Keine Antwort. Das war er gewohnt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis irgendeine Krankenschwester oder ein Pfleger durch die Tür treten würde.

               So geschah es – eine Person, die auf einem Lastträger leere Wasserkanister aus der Station rollte, öffnete die Tür – René und Anika traten durch. René bewegte sich zum zentral gelegenen Stationsbüro. Die diensthabende Stationsschwester war unterwegs, während der Stationsarzt vor seinem Computer saß und sich Datenblätter betrachtete. René stellte sich in seine Nähe und wartete, weil er ihn nicht unterbrechen wollte.

               Nach einer Weile blickte dieser auf und sah René, der offenkundig darauf wartete, ihn ansprechen zu können.

               „Herr Weingarten – gut, dass Sie da sind – die Visite ist schon durch. Wir hatten uns die Werte Ihrer Frau betrachtet und diskutiert. Auch wenn wir es uns nicht recht erklären können, sind die Werte während des frühen Morgens besser geworden. Prof. Choukri, der gestern nach der Spätvisite von seinem Konferenzort Seoul darauf bestand, dass wir das Breitbandantibiotikum erhöhen, hatte wohl recht, dass wir Ihrer Frau diese größere Dosis gaben. Vielleicht war es das, oder aber der Körper Ihrer Frau hatte sich entschieden, er wolle überleben – jedenfalls scheint Ihre Frau heute morgen die kritische Phase der vergangenen Tage überstanden zu haben. Selbstverständlich ist es noch zu früh, eine definitive Aussage zu machen, aber Sie dürfen zunächst etwas hoffen. Wundern Sie sich bitte nicht – Ihre Frau ist noch septisch, also bitte, alle Vorsichtsmaßnahmen müssen eingehalten werden und leider müssen Ihre Blumen im Aufenthaltsraum bleiben, Sie dürfen auch nicht zu zweit ins Zimmer, eine oder einer nach dem oder der anderen, und begrenzen Sie bitte die Verweildauer. Aber wir sind alle etwas zuversichtlicher.“

               René wusste nicht, wie er all die Information aufnehmen sollte. Anika, die neben ihm stand und solche Arztinformationen vielleicht nicht gewohnt war, schien mehr mitbekommen zu haben als René dachte oder auch wünschte. Er drehte sich zu ihr, sie umarmte, drückte ihn. Er spürte ihre Tränen auf seiner Wange. Sie bewegten sich zusammen zum Aufenthaltsraum, setzten sich zueinander auf der Bank hinter einem Tisch, der wie ein Boomerang-Tisch der 50-er Jahre aussah, Anika legte ihren Kopf an seine Seite. Sie saßen für eine Weile, stille, hielten sich. Hielten sich. Was vor ihnen lag? René stand auf, öffnete den Schrank, griff sich eine der Vasen, ging zur Toilette, füllte die Vase mit Wasser und brachte sie zurück zum Aufenthaltsraum, wo Anika mit offenen Augen auf ihn wartete.

„Geh du zuerst zu ihr,“ schlug René vor, „sie wird sich immens über deinen Besuch freuen – und ich denke, es wird ihr noch mehr Auftrieb geben, denn sie wird spüren, dass sie wieder aus der Routine in einen neuen Anfang taucht.“

               Anika stimmte ihm zu, außerdem freute sie sich, Feeny sehen zu dürfen. Als sie aufstand, gab sie René eine herzliche Umarmung.

               „Du bist nicht eifersüchtig?“

               „Natürlich – auf dich immer,“ sagte er fast spöttisch und mit einem Lächeln versehen, „komm, mach los!“

               Anika verschwand um die Ecke – und ließ sich auch nicht von den Anweisungen abschrecken, die an Feenys Zimmertür prangten: SEPSIS …

               Anika las die Anweisungen, kleidete sich komplett in Blau, von den Schuhüberziehern bis zum Kopfschutz, den Handschuhen. Sie klopfte an der schweren Tür, durch die man keine Antwort vernehmen konnte. Also trat sie zögerlich ein.

               Im Bett lag eine Patientin, das andere Bett war unberührt. Die Patientin hatte Schläuche an ihren Armen, einen weiteren, der unter dem Bett von ihrem Bauch wegführte. Ein anderer Schlauch ging von ihrer Nase weg. Sie hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen. An ihren Fingern waren Zangen angebracht, deren Kabel an die Monitorgeräte gingen. Über ihrem Kopf waren verschiedenste Bildschirme angebracht, die unregelmäßig irgendwelche Impulse aufzeichneten. Neben dem Bett standen mehrere Ständer, die mit weiteren Schläuchen an der Patientin andockten. Am Kopfende saß eine Krankenpflegerin, oder war es eine Ärztin, die die Monitore überwachte und Daten in ein großes Datenblatt eintrug.

               Als Anika eintrat, entschuldige sich die Dame.

               „Ich bin gleich soweit – nehmen Sie ruhig Platz, ich lasse Sie gleich mit Frau Weingarten allein – und sie wird auch bald aufwachen. Sie wird sich über Ihren Besuch freuen.“

               Anika spürte, dass es auf dieser Station menschlich zuging. Auch wenn alle möglichen technischen Apparate den ersten Eindruck überlagerten, es war dieser menschliche Ton der Krankenpflegerin oder Ärztin, jenseits aller dienstlichen Beflissenheit, die die Atmosphäre schuf.

               Anika rückte einen der Hocker, der am Spülstein des Zimmers stand, an das Bett heran und nahm Platz. Sie wusste von den Instruktionen, dass sie nicht zu nahe an die Patientin heranrücken durfte, dass sie auch keinen direkten Kontakt zu ihr aufnehmen solle. Also saß sie da, mit etwas Abstand. Ihren Augen konnte man keine Grenze setzen. Und so fixierte sie die Augen von Feeny. Die waren fest geschlossen. Desto beruhigender war es für Feeny, dass sie sah, wie sich Feenys Brüste sanft auf und nieder bewegten. Obwohl sie schlief, empfand Anika die Energie, die Feeny ausstrahlte. Wie würde sie erst auf sie wirken, wenn sie ihre Augen öffnete? René hatte ihr erzählt, welche Herausforderung es für ihn bedeutete, an Feenys Bett zu wachen, zu warten, bis sie sich rege – speziell deshalb, weil er es so gewohnt war und ist, dass ihr Präsenz solche Dynamik hatte. Auch wenn sie René verstehen wollte, hatte sie nicht recht nachspüren können, was er sagen wollte. Jetzt, da sie an Feenys Bett saß, in Blickkontakt, ohne Erwiderung des Blickes und dennoch mit dem Gefühl, dass Feeny mit ihr sprach, ahnte sie, was René empfand. Vermutlich wie René wollte auch sie nur ausharren, Feeny nicht unter Druck setzen, auch nichts von ihr verlangen, nicht einmal, dass sie ihre Augen öffnete. Sie wollte nur dasitzen, Zeit für Feeny haben und dankbar sein, dass sich ihre Brüste hoben und senkten. Mit Bewunderung, Dankbarkeit und einem Stück Ehrfurcht betrachtete sie die Finger von Feeny, die vorne in diese Zangen eingezwängt waren. Sie meinte, die Fingerspitzen dieser Finger auf ihrem Körper zu spüren, zwischen ihren Haaren, auf ihrer Haut, über ihren Brüsten, entlang ihres Rückgrats bis zu dem Punkt, an welchem sich beide Fingerspitzen, Feenys und die ihren trafen.

               In diesem Augenblick hoben sich Feenys Augenwimpern. Es war wie ein zärtliches Streicheln. Weich und müde, voller Gefühl, sanftem Streicheln, mit großer Zurückhaltung.

Anika antwortete mit einem leichten Augenaufschlag, ganz ohne Forderung, ähnlich verhalten. Doch ihr Augenkontakt hatte große Wirkung. Feeny versuchte, sich in ihrem Bett aufzusetzen, riss ihre Augen auf, als hätte sie nur auf diesen Moment gewartet. Fast, als hätte sie vergessen, dass sie an tausend Schläuchen und Schnüren hing, bewegte sie sich in ihrem Bett auf Anika zu, auch wenn sie etwas ermattet und angesichts der Hindernisse wieder in ihr Kissen zurücksank. Das Leuchten ihrer Augen war jedoch entfacht, die Augenlider gehoben, ihre Mundwinkel zogen sich hoch und sie hätte gerne etwas gesagt, wenn die Intubation sie nicht daran gehindert hätte. Anika stand auf, bewegte sich zu Feenys Bett und, weil es verboten war, die Patientin direkt zu berühren, streichelte Anika über Feenys Bettdecke. Feenys Beine hoben sich, sie streckte auch ihren Bauch Anika entgegen und ein frohes Lächeln strahlte über ihre Mundpartie.

               Feenys trüber Blick war wie verflogen – sie hatte den Eindruck, nach einem tiefen Schlaf in einem Paradies erwacht zu sein. Überhaupt fühlte sie sich zum ersten Mal in Tagen frisch und wie neu geboren. Anika. Sie konnte nicht glauben, dass Anika vor ihr stand. Welche Freude! Hinter Anika lachte die Sonne durch das Fenster, über Anikas Rücken hinweg. In ihr stieg die Sehnsucht auf, sich von all den Anbindungen zu befreien und aufzustehen und mit Anika zu tanzen. Sie bäumte sich auf, auch wenn Anika sie zu beruhigen versuchte, aber es gab nichts, was Feeny zurückhielt.

               In diesem Augenblick öffnete sich die Zimmertür und die Morgenvisite trat an ihr Bett – der große Stab. Prof. Choukri war von seiner Koreareise zurück und trat mit bestimmtem Schritt, wenn auch verschmitztem Blick in Feenys Zimmer, an der Seite seine Assistentinnen und Assistenten, das Krankenpersonal, auch die Studierenden. Mit üblichem kritischem Blick auf die Datenblätter war er noch mitten dabei, Anweisungen zu geben, die sich auf die vorangegangene Visite bezogen. Anika fragte, ob sie das Zimmer verlassen solle.

„Nein – nein, bleiben Sie ruhig hier – das gibt Frau Weingarten die Zuversicht, die sie braucht, und sie können dann ja auch ihrem Mann die Information weitergeben.“

               Anika lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und war ganz Ohr, hoffte sie doch für das Beste.

               Zunächst äugte der Onkologie Professor über die Datenblätter hinweg auf seine Patientin. Er deckte sie leicht auf, tastete ihren Unterleib ab, fühlte nach ihrer Stirn und sprach sie an:

               „Wie fühlen Sie sich, Frau Weingarten?“

               Feeny konnte nicht recht antworten wegen der Intubation, aber sie gab Prof. Choukri mit ihren Augen und dem Wenigen, mit welchem sie sich ihm verdeutlichen konnte, zu verstehen, dass sie seine Frage verstanden hatte, und dass sie das Gefühl hatte, es gehe bergauf.

               „Keine Sorge – wir sind sehr zufrieden mit dem Verlauf. Die Sepsis ist zwar noch nicht ganz überstanden, aber es scheint, sie haben den Gipfel überschritten und bewegen sich in die richtige Richtung.“

               Anika wollte ihren Ohren nicht trauen.

               „Wir können die Intubation beenden, Sie können auch die Bauchschläuche ziehen,“ gab Prof. Choukri in verschiedene Richtungen Anweisungen, „und, sobald die künstliche Ernährung abgesetzt ist, können Sie Frau Weingarten leichte Kost geben. Das Antibiotikum geben Sie weiter, wie vorgesehen, bitte lassen Sie auch die Krankengymnastik kommen, damit wir sie wieder so schnell als möglich fit bekommen.“

               Die Assistenten notierten.

               „Ich werde Sie heute Nachmittag nochmals besuchen, weil ich später heute zu einem Kongress nach London fliegen werde, sie aber zuvor noch einmal sehen will.“

Feeny antwortete mit einem Augenaufschlag.

               „Sie werden wieder werden“, meinte Prof. Choukri, und Feeny setzte erstmals ein breites Lächeln auf.

               Anika war perplex. Sie konnte nicht fassen, wie Feeny sich in wenigen Minuten entwickelt hatte.

               Kaum war die Visite vorbei, kamen die ärztlichen Mitarbeiter, stöpselten Feeny ab, gaben ihr die Medikamente und, sobald die Schläuche beseitigt waren, setzte sich Feeny im Bett auf und warf Anika einen wachen Blick zu. Jetzt, wo sie auch von der Intubation befreit war, öffnete sie ihren Mund und versuchte, Anika anzusprechen.

               Es gelang ihr nicht auf Anhieb, da ihre Stimme noch gebrochen war.

               „Sorry, Anika, … so schön, … dass du da bist“, brachte sie mit Unterbrechungen vor.

               „Ich kann dir gar nicht sagen, welche Freude du mir bereitest, dass ich bei dir sein darf und dass ich sehen kann, welche Fortschritte du machst.“

               „Ja, ein bisschen … benommen bin ich noch ….

               „Kein Wunder!“

               „Ich habe das Gefühl, ich hätte geschlafen tagelang … und mehrmals geträumt, mein Leben hätte ein Ende genommen … Man erzählt vom Licht am Ende. Ich habe kein Licht gesehen, aber … das Dunkel hat mich nicht geschreckt … eher angezogen … dachte, ich würde mich finden, im Dunkel, gerade, als ich mich … im Dunkel verlor. Nein, kein Licht, aber auch kein schreckendes Dunkel. Auch keine Farben.“

               „Mmmmhh, wo Farben für dein Leben so wichtig sind“, fügte Anika hinzu.

               „Farben im Leben, fürs Leben, aber das Leben gibt sich ins Dunkel, gibt sich auf, lässt mit den Farben auch das Licht hinter sich, doch es war ein bergendes Dunkel, wie eine Wolldecke, schwarze Schafswolle, sie drückte nicht, sie wärmte, gab Raum.“

               „Ohne Angst?“

               „Angst … eher vor dem gleißenden Licht, dem ich entfloh. Ich konnte nicht rückwärts blicken, die Farben verloren sich im Licht, hinter mir, aber nichts hielt mich zurück, das Dunkel war Nacht, aber sie war verlockend, zog mich an.“

               „Und die Rückkehr ins Licht.“

               „Du meinst, zu den Farben?“

               „Ja, vielleicht.“

               „Ohne Frage, das Dunkel wich dem Licht, so schnell sich Licht in Dunkel verflüchtigt hatte. Dunkel, so spürte ich, war der Grund des Lichts, nicht umgekehrt, Licht nur die äußere Hülle der Nacht. Einen Augenblick, ein Nu, empfand ich nichts, nicht mich, nicht Garnichts, nur nichts. Ich empfand nichts, doch, das stimmt nicht. Ich empfand den Verlust des Verlusts, es fiel mir nicht leicht, das Dunkel weichen zu lassen.“

               „Und jetzt?“

               „Ich bin noch ein bisschen langsam, versuche mich, an die Farben, das Licht, die Kontraste zu gewöhnen. In meiner Nacht war ich ich, ich war, nichts außer mir war ich, ich war wahr, ich im Nichts, war ohne Wahrnehmung. Wie soll ich das beschreiben?“

Sie suchte mit ihren Augen Halt in ihrem Zimmer.

               „Bin auch dankbar, mich wieder zu spüren, doch habe ich das Gefühl, mich erst suchen zu müssen, die Dimensionen, das Bett, während ich mich an das Licht gewöhne, dein Gesicht zu sehen. Wie bist du hierhergekommen?“

               „René hat uns Bescheid gegeben, gesagt, dir würde es nicht gut gehen.“

               „Ja, ich habe schwere Tage hinter mir, schwierig auch für René und die Kinder – aber, heute fühle ich mich etwas besser, es scheint aufwärtszugehen.“

               „René hat dir Blumen gebracht, einen vollen Strauß von Farben – auch wenn er sie nicht in dein Zimmer stellen durfte.“

Feenys Lippen bewegten sich, sie, die so dünn waren, nicht breiter als ein Bleistift, aber von leuchtender Farbe inzwischen, und zu einem leichten Lächeln sich hebend.

               „Die Blumen kommen aus der Nacht, ihre Farben ebenso, hältst du sie gegen das helle Fenster, werden ihre Farben schwächer, aber in meiner Nacht leuchteten sie, als ob ich René mit dem Strauß hätte kommen sehen.“

               „Feeny, wenn du aus deinem Zimmer hinaustreten darfst, wirst du die Pracht in Eurem Aufenthaltsraum sehen. Dort wartet René, weil wir uns abwechseln müssen mit unseren Besuchen.“

               „Bleib noch ein bisschen,“ bat Feeny, „deine Stimme tut mir gut, sie streichelt mich, auch wenn du mich nicht berühren darfst – ich weiß, wegen meiner Sepsis müssen wir Abstand wahren.“

               „Abstand ist nichts, was mich stört – weißt Du, es ist kein hässliches Wort, wie manche meinen. In meinem Leben war Abstand immer ein zentrales Moment in jeglicher Beziehung. Bruno hätte ich nicht kennengelernt, und ich hätte mich schon gar nicht auf ihn und mit ihm eingelassen, wenn ich die Gefahr gespürt hätte, dass ich mich in ihn hätte verlieren können. Dass er seinen kirchlichen Schutzschirm hatte, der ihn vor einer verschlingenden Intimität, vor Eheschließung, Kinder, Familie im ordinären Sinne und so weiter schützte, machte ihn für mich attraktiv. Er verkörpert all das, was ich wollte, schien und scheint mich vor all dem zu bewahren, wovor ich mich selbst bewahren wollte.“

               „Kannst du nochmals wiederholen, was du gerade gesagt hast? Auch wenn ich glaube, dass ich dir folgen konnte – aber, weil es so viel in mir selbst anrührt, mich so sehr trifft, weil es meine eigenen Empfindungen berührt, sag es mir nochmals, du tust mir so gut.“

               Anstatt ihre Worte zu wiederholen, stand Anika auf, bewegte sich gegen jede medizinische Vorschrift auf Feeny zu – sie hatte ja ihre blauen Handschuhe an, ihren Mundschutz, ihre Kopfbedeckung – sie musste in den Augen von Feeny wie eine Alien aussehen, sie berührte ihren eigenen Mund, natürlich mit Mundschutz und mit ihrem in Blau gehüllten Handschuhen, tippte auf ihre Lippen und führte ihren blauen Handschuhfinger auf die immer stärker rötlich sich färbenden Lippen von Feeny. Die erregte sich, warf ihre Augenbrauen auf, das Weiß ihrer Augen trat hervor, auch ihre Pupillen, es schüttelte sie sichtlich am ganzen Körper. Leben kehrte in sie, ihre Beine bewegten sich, ihr Unterleib. Ihr Geist hatte schon zuvor das Leben zurückerobert, doch die Kraft verlängerte sich in ihre Gliedmaßen.

               „Du bist mir mein Anker,“ sagte Anika, „du darfst nicht so tief sinken, dass ich dich verliere.“

               Feeny schüttelte ihren Kopf.

               „Die Dunkelheit ist kein Verlust – dieses Nichts hat keinen Tiefgang, es ist ein Nichts des Nichts, es ist ganz Dasein. Du bist immer da, ganz da, je dunkler, je näher.“

               „Strenge dich nicht zu sehr an“, versuchte Anika die Intensität etwas zu mindern, weil sie in Sorge um Feeny war.

               Wieder schüttelte Feeny ihren Kopf.

               „Ich bin nicht von Zucker – auch nicht von Wachs. Willst du René Bescheid geben, dass es mir besser geht?“

               „Wie gerne – ich bin auch schon so lange bei dir gewesen. Lass dein Mann auch ein wenig von dir haben.“

               Beide Frauen lächelten, auch wenn Feeny das Lächeln von Anika nur über deren Augenbrauen wahrnehmen konnte.

               Als Anika zu René hintrat, sah dieser bereits an ihrem aufgeräumten Blick, dass die Situation sich nicht dramatisiert hatte. Im Gegenteil, Anika wirkte entspannt, fast leichtfüßig. Sie schien auf den Blumenstrauß zu blicken und sich an ihm zu erfreuen. Er griff nach der Vase und stellte sie weg vom Fenstersims und in den Schatten, hin zum Schrank.

„Feeny ist wach geworden, René,“ begann Anika, „und sie wartet auf dich. Ich wollte euch diesen Augenblick nicht länger nehmen. Es ist so schön zu sehen, dass Feeny offensichtlich auf dem Weg der Besserung ist.“

               „Wirklich – hast du diesen Eindruck?“ fragte René noch verängstigt.

               „Gewiss – es war nicht leicht, die Stille auszuhalten, während sie schlief. Ich weiß nicht, wie du das aushältst. So neben ihr zu stehen, zu sitzen, zu wachen und, trotz der Nähe, keine Rückmeldung von ihr zu erhalten, außer, dass die Monitore mit ihren getakteten Geräuschen und den regelmäßigen Linien des Kardiogramms und der Aufzeichnung der Hinregungen anzeigen, dass Feeny lebt.“

               „Ich erlebe diese Situation ganz anders, wenn ich das gestehen darf. Für mich hat sich in den vergangenen Jahren so viel Distanz entwickelt, die ich oft als Bedrohung, dann aber auch wieder als Befreiung und Chance erleben durfte, dass ich die Zeiten der Stille, ganz in ihrer Nähe, als wahnsinnige Intimität empfinde. Manchmal spüre ich, auch als Mann, eine Erregung, die ich nicht immer erlebte, wenn wir gemeinsam intim miteinander waren. Hier, ganz in ihrer Nähe sind es keine großen Bewegungen, keine Übungen, keine Vorstellungen – es ist ihre brachial pure Nähe, ihre Anwesenheit und ihr Dasein, die mich ansprechen, mit der sie mich packt, sie ist einfach da. Da und nicht weg, noch – nicht – weg. Wenn Feeny die Augen öffnet, mir einen Blick zuwirft. Ich kann dir nicht sagen, mit welcher Intensität sie dies tut, wie sie mich trifft, mehr als der Heilige Sebastian jemals von Pfeilen getroffen worden sein kann. Sie trifft mich nicht nur ins Auge, ins Herz, sie trifft mich in meine Füße, meine Hände, meine Ohren, meine wertvollsten männlichen Organe. Sie ist nicht Patientin, sie ist diejenige, die mich ganz herausfordert. Und ich spüre, dass diese Begegnung am Bett keine einseitige ist. Intimität, das habe ich in den vergangenen Jahren mit ihr gelernt, ist am wenigsten ein physischer Akt. Das ist sie auch, aber sie ist viel mehr, ein Agieren zweier Seelen, vielleicht auch einfacher gesagt von vier Augen, oftmals gar kein Akt, sondern nur Dasein. Und wenn die Physis von Händen, von Haut, von Innerlichkeit dazu kommen, dann sind dies Zutaten. Das eigentliche passiert dort, wo gar nichts geschieht, nichts zu sein scheint, es nichts zu beschreiben gibt. Höre eine Gitarrenmelodie, du kannst nicht nachvollziehen, wo der Ton entsteht. Im Zupfen der Saiten, im Anschlag, im Hohlkörper der Gitarre, oder einfach im Einklang zwischen dir und der Musik, wie und woher sie auch immer kommt, und wohin sie auch immer verklingt. Feeny. Das ist immer auch Nicht-Feeny. Die Nähe zu ihr war und ist ihre Entfernung. Sie zu erleben hieß und heißt immer, sie gehen zu lassen. Diese Intimität üben wir, nicht erst seit ihrer Diagnose. Zugleich ist es die schwerste aller Übungen.“

               „René – bei aller Distanz – Feeny wartet auf dich, schenk ihr ein wenig Nähe, sie liebt dich so sehr. Die Visite war gekommen, als ich Zimmer war, und Prof. Choukri ...“

               René unterbrach Anika: „War er schon wieder aus Korea zurück?“

               „Ja, er scheint vom Nachtflug angekommen, sofort in die Klinik gefahren zu sein, obwohl er nicht übermüdet wirkte, außerdem bemerkte er, dass er am späten Nachmittag bereits weiter zu einem Kongress nach London reisen müsse.“

               „Unermüdlich ist er, unfassbar.“

               René stand auf, drückte Anika ein bisschen erleichtert und dankbar und bewegte sich zu Feenys Zimmer.

               René klopfte an ihre Tür – vor ihm noch das große Warnschild „Sepsis“. Die schallgedämpfte Tür ließ keinen Ton durch. Er öffnete sie mit aller Vorsicht, auch in Erwartung von medizinischem Personal, das nicht gestört werden wollte. Aber das Zimmer war leer. Das zweite Bett, das er in Feenys Zimmer erwartet hatte, stand da, am Fenster, aber es schien desinfektioniert, unbelegt, der Bettschrank offen – dieser Platz war ersichtlich unbelegt. Daneben, Feenys Bereich mit ihrem geschlossenen Bettschrank zeigte an, dass er eigentlich belegt war, aber ihr Bett war verschwunden. Keine Schläuche, kein Stand, die Monitore abgeschaltet, tot.

               René stand da, schaute in die Leere, wusste nicht, wie ihm geschah. Die Leere gähnte ihn an, sein Blick verlor sich in den schwarzen Monitoren, keine pulsierende Linie, kein Gepiepe, da, wo er Feeny gestern verlassen hatte, war nichts. Er traute sich kaum, einen Stuhl zu suchen, war verstört, ob er einen solchen für sich erspähen sollte, ob die Leere bedeutete, dass er warten müsse, oder ob es der finale Moment war, der Augenblick, in welchem das Warten ein Ende haben würde. Er stand hilflos inmitten des Zimmers, zwischen einem noch nicht belegten Bett und einem anderen, welches sich still entfernt hatte. Kein Strom, keine Energie, kein Anzeichen von Leben, nicht einmal die Tasche mit den persönlichen Dingen von Feeny war geblieben. Nicht einmal ihr Laptop, nicht ihr Kabel, nicht ihr Handy, nicht einmal ihre Taschentücher, die sie so liebte, die Nähe dieser feinfühlig weichen Tücher.

               René war wie vor den Kopf gestoßen. Wohin schauen, wohin gehen? Hatte Anika nicht noch vor ein paar Minuten mit ihr gesprochen, ihm mitgeteilt, Feeny sei es besser gegangen, er brauche sich nicht zu sorgen?

               Sie war weg.

               Er traute sich nicht, zu Anika zurückzukehren, die im Aufenthaltsraum wartete. Was sollte er ihr sagen? Sie auch in Schock versetzen? Sollte er den Stationsarzt oder die Stationsschwester aufsuchen? Nur, dass sie ihm die Bestätigung dessen geben, was er befürchtete? Da stand er, stand da. Die Kinder fielen ihm ein, die auf dem Weg hierher sein würden. Was sollte er ihnen sagen, wenn sie jetzt an der Tür klopfen würden? Gut, dass man keinen Ton diesseits oder jenseits von diesen Türen hört. Aber Stille war keine Lösung. Was tun? Sollte er die Kinder anrufen? Was ihnen sagen? Noch wusste er nichts und wollte sie nicht beunruhigen. Sie waren aufgeregt genug nach seinem Telefonat, hatten sich gleich auf den Weg gemacht, um zu Mama zu kommen. Sie ahnten, dass es dringend war, Dad hatte sie noch nie gebeten, ins Krankenhaus zu kommen. Aber sie hofften. Und er hoffte. Aber sie hatten sich sicher darauf eingestellt, sich von ihr zu verabschieden. Zumindest ihm stand der Abschied vor Augen.

               Er gab sich einen Ruck – warum auch in solche depressiven Gedanken verfallen? Und raffte sich zusammen, obwohl er mitten in einem Zimmer stand, in dessen Mitte die größte Leere seines Lebens gähnte. Er stand da, verloren, ja aufrecht, jedoch nicht recht wissend, wohin er sich bewegen sollte.

               Die Zimmertür öffnete sich – eine Krankenhausangestellte trat ein und fragte, ob sie das Essen bringen solle. René zuckte mit der Schulter.

               „Ich weiß nicht, wohin meine Frau gekommen ist.“

               „Vielleicht zu einer Untersuchung“, gab die Frau zur Antwort.

               So nebensächlich diese Antwort zu sein schien – sie traf René und erlaubte ihm, sich etwas zu beruhigen.

               „Fragen Sie die Stationsschwester – sie wird Ihnen Auskunft geben. Um diese frühe Stunde werden die Patientinnen oft zu Regeluntersuchungen gebracht,“ fügte die Dame hinzu – und sie klang nicht, als ob sie es sagen würde, um ihn beruhigen zu wollen, weil sie offensichtlich seine Unruhe gespürt hatte.

               „Regeluntersuchungen – natürlich, das leuchtete ihm ein“, dachte er.

               René bedankte sich, verließ das Zimmer und, nachdem er sich all der Blaukleider entledigt hatte, wagte er sich, beim Stationszimmer anzustehen und auf einen aufmerkenden Blick der Schwester zu warten. Wie üblich, war das Zimmer nicht besetzt. An ihm vorbei lief ein Mädchen, das er auf 14, vielleicht auf 16 geschätzt hätte, aber sie musste ja bereits 18 sein, weil sie sonst in der Kinderkrebsstation gewesen wäre. Sie hatte keine Haare, auch ihre Augenwimpern waren gegangen. René ahnte, warum sie auf Station 36 war. Danach liefen die Transportbediensteten durch, die ein leeres Bett vor sich herschoben. Einige Zeit danach, kamen sie zurück, diesmal mit einer Patientin in diesem Bett. Sie sah eingefallen aus, abgedreht. Die Bediensteten schienen nicht nur beflissen, sondern auch eilig zu sein, zugleich machten sie einen Spaß mit der Patientin und versuchten, sie aufzumuntern. Während er noch dem im Flur verschwindenden Bett nachschaute, fragte ihn die Stationsschwester:

               „Herr Weingarten – sie suchen wohl Ihre Frau?“

               René atmete schwer.

               „Sie brauchen sich keine Sorge zu machen – im Gegenteil. Wir haben Ihre Frau nochmals zum Durchchecken geschickt. Ein Arzt wird Sie aufklären, sobald sie zurück ist. Sie müssen sich noch ein wenig gedulden, am besten warten Sie im Aufenthaltsraum. Und – haben Sie vielen Dank für den Frühlungsblumenstrauß, den sie dort aufgestellt haben. Mehrere Patientinnen haben sich bereits bedankt, ohne zu wissen, für wen der Strauß eigentlich bestimmt war und ist.“

               Es war weniger der Inhalt dessen, was die Stationsschwester rüberzubringen versuchte als ihre weiche Stimme, die René ein wenig beruhigte. Die Schwingungen ihrer Stimme fühlten sich wie eine Briese an – richteten seine inneren Augen weg von den eigenen Sorgen hin zur Weite, die über Horizonte hinausführten. Wenige Sekunden zuvor hätte er sich aus dem Fenster stürzen wollen, nur um dort anzulangen, wo er Feeny vermutete, doch jetzt setzte eine innere Ruhe ein, die mit leichter Hoffnung gepaart war, auch wenn sie kurz vor Zuversicht Halt machte. Er kämpfte und wollte doch nicht weniger kämpfen als Feeny, von der er wusste, dass sie allen Kampf der Welt kämpfte, nicht nur für sich, sondern auch für ihn, die Kinder, die Freunde.

               Die Schwester schaute ihm fest in die Augen, auch, weil sie offenkundig zu ahnen schien, wie es ihrem Gegenüber gerade erging. René bedankte sich. Ja, manchmal sei es schwer, sagte er, manchmal gäbe es Momente, in denen er nicht mehr wisse, wo oben und unten sei.

               Die Schwester stand von ihrem Stuhl auf, verließ das sichere Gehäuse ihres Stationsbüros, trat vor dieses und nahm René in den Arm, begleitete ihn zum Aufenthaltsraum, wo Anika mit erschrockenen Augen auf René gerichtet wartete.

„Bitte, Sie müssen Ihren Freund ein bisschen beruhigen – aber Sie brauchen sich beide nicht zu besorgen, die Ärzte gaben mir zu verstehen, dass die Patientin auf dem Weg der Besserung ist – es werden gerade Entlassungsuntersuchungen gemacht, weil Prof. Choukri noch meinte, bevor er aus dem Haus ging, wir könnten sie darauf vorbereiten, dass sie mit ihrer Frau zumindest übers Wochenende außerhalb des Krankenhauses sein können, aber Näheres wird Ihnen der Stationsarzt sagen. Sobald die Untersuchungen abgeschlossen sind und der Stationsarzt zurück auf Station ist.“

               René ließ sich auf dem Sofa neben Anika nieder. Er hätte sich so sehr gewünscht, die Zuversicht und Festigkeit zu haben, die er von Anika erspürte. Anika war erschrocken, als sie René mit seinem Gesichtsausdruck gesehen hatte. Aber sie hatte sich recht schnell gefangen, nachdem sie die beruhigenden Worte der Stationsschwester vernommen hatte, die sie nicht als Vertröstung empfand. Zugleich merkte sie, wie blank die Nerven von René lagen.

René wirkte skeptischer, fast ängstlich. Erinnerte sich an so viele Momente, in denen er Hoffnung schöpfte und enttäuscht wurde, dann wieder hoffte, um in dasselbe Loch zu fallen, das noch tiefer zu sein schien. Um sich davor zu bewahren, reagierte er eher zurückhaltend bei guten Nachrichten. Obwohl er sich diesen gar nicht verschließen wollte.

               Während er in Anikas Augen Halt suchte, öffnete sich die Tür zum Aufenthaltsraum und der diensthabende Arzt trat ein, schaute sich um, ob noch andere Personen im Raum waren, und fragte René:

               „Herr Weingarten – kann ich im Beisein Ihrer Bekannten über Ihre Frau reden?“

         Anika-Zyklus Band 4-2

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               René stimmte zu.

               „Die Situation Ihrer Frau hat sich über Nacht, ja buchstäblich über Nacht, zum Besseren gedreht. Während wir bei Einlieferung eine schwere Sepsis bei ihr feststellen mussten und auf Anordnung von Prof. Choukri ihr die obere Dosislinie der Breitbandantibiotika gaben, scheint sich der Körper gefangen zu haben, die Organe funktionieren wieder, die Blutwerte sind drastisch in den Normalbereich gewandert, und es scheint, dass Ihre Frau auf dem Weg der Besserung ist. Wir rechnen sogar damit, dass wir sie zum Wochenende entlassen können – natürlich, vorausgesetzt, die positive Entwicklung setzt sich fort und ihr Zustand stabilisiert sich weiterhin.“

               René blickte auf Anika, weil er sich nicht traute, verstanden zu haben, was er gerade gehört hatte. Anika hatte ein zuversichtlich, ja glückliches Lächeln auf den Lippen, um ihre Mundwinkel, und ihre Pupillen richteten sich auf René.

               Der Arzt fügte hinzu, bevor er den Aufenthaltsraum verließ: „Sie müssen sich noch ein wenig gedulden – ihre Frau ist noch zu einigen Untersuchungen, beim Ultraschall, dann wollen wir nochmals ein MRT machen, überprüfen auch noch die Blutwerte, aber, soweit ich von den Kolleginnen und Kollegen gehört habe, wird sie innerhalb der nächsten Stunde in ihr Zimmer zurückkommen. Und wenn alles erwartungsgemäß ist, dann empfahl Prof. Choukri, dass wir ihre Frau übers Wochenende entlassen. Es war sein Wunsch, dass sie nicht nach Großbritannien zurückfliegen, sondern in Berlin bleiben, sicherheitshalber, und weil ihre Frau nochmals zum Checkup für ein, zwei Tage in der kommenden Woche auf Station kommen soll, am besten von Montag auf Dienstag. Aber inzwischen - warum laden Sie ihre Bekannte nicht zu einem Kaffee in unsere Cafeteria ein? Ich rufe sie auf ihrem Handy an, wenn ihre Frau zurück ist.“

               Wie wenn René von einem Albtraum erwachen würde, schlug er die Augen auf: „Ja, was für ein guter Vorschlag“, dachte er.

               „Was für ein guter Vorschlag,“ sagte er zu Anika, „hättest du Lust auf einen Kaffee, vielleicht auch etwas Süßes?“

               „Gerne – vielleicht sogar ein Gläschen Sekt“, meinte sie, auch wenn es noch nicht einmal Mittag ist. Sie stand auf, nahm ihren Mantel und hängte sich bei René in den Arm.

Die Cafeteria in der gynäkologischen Onkologie war nicht die gemütlichste – eher einer Mensa gleich wie die in größeren Unternehmen, funktional mit Monitoren, auf denen ständig irgendwelche Werbung lief, mit einer langen Vitrine, an der entlang man sich Speisen und Getränke holen konnte, um am Ende bei einer Kassiererin das zu bezahlen, was man auf einem Tablett angehäuft hatte. Aber es war eine Cafeteria und kein Krankenzimmer. Und die Cafeteria war lichtdurchflutet. Durch die großen Fenster schaute man in einen Innenhof, der mit verschiedensten Bäumchen und Pflanzen begrünt war. Die jenseits liegenden Krankenflure waren kaum sichtbar. An den verschiedenen Tischen saßen Ärzte, Krankenpersonal, Patientinnen und Besucher. Auch Bauarbeiter, die mit irgendwelchen Renovierungsarbeiten beschäftigt waren, Techniker und Handwerker.

               Kaum hatten Anika und René am Tisch mit ihren beiden Tabletts Platz genommen, meldete sich Anikas Handy. Bruno fragte nach, wie es ihr ging. Doch das Telefonat schien sich noch um etwas anderes zu drehen. Anika stand auf, kehrte sich vom Tisch ab und verschwand in einem der Krankenhausflure.

               „War das die Empfehlung deines Anwalts? Auch wenn nach den Vorwürfen, die dir gemacht werden, du dir nicht selbst etwas an Schuld zurechnest?“

               Anika schien außer sich zu sein.

               „Lass uns heute Abend miteinander telefonieren – ich bin noch in der Klinik und kann hier im Flur nicht ungeschützt reden, wo Leute an mir vorbeilaufen.“

               Bruno schien einverstanden zu sein. Anika legte auf.

               Als sie zum Tisch trat, spürte René, dass irgendetwas geschehen war.

               „Willst du sagen, was passiert ist?“

               „Ach, es ist mit Bruno – wir hatten noch nicht die Kraft und dachten auch, dass es jetzt nicht der richtige Augenblick sei, über unsere Probleme zu sprechen, in den vergangenen Tagen, wo Du, die Kinder und wir alle so besorgt um Feeny waren. Ich habe jetzt auch noch nicht in Ruhe mit Bruno sprechen können. Mach dir keine Sorgen, aber lass uns das miteinander besprechen, wenn Feeny über den Berg ist.“

               René war dankbar, und Anika wusste, dass er sie am liebsten angehört und sich ihre Probleme zu seinen eigenen gemacht hätte. Aber sie wusste auch, wie kurzgepolt René durch den Schlauch der letzten Stunden und Tage war. Es wäre unmenschlich gewesen, hätte sie jetzt von Dingen gesprochen, die, gemessen an der Dramatik um Feeny, zwar nicht Peanuts, aber dennoch nicht von annähernder Bedeutung waren.

               „Ich verspreche dir, wir holen deinen und Feenys Rat ein – aber lass uns jetzt auf Feeny konzentrieren, ich habe Bruno vorgeschlagen, dass ich ihn heute Abend anrufe, wenn wir im Hotel sind und ich etwas mehr Ruhe habe als hier im Korridor des Krankenhauses.“

René verstand. Er schaute vom Kaffee auf, den er vor Anika und sich selbst auf den Tisch gestellt hatte – und konnte seinen Augen nicht trauen. Prof. Choukri stand an ihrem Tisch.

               „Entschuldigen Sie, ich wollte Ihre Kaffeerunde nicht stören.“

               „Waren Sie nicht längst auf dem Weg nach London.“

               „Sollte ich – ja, aber ich war nochmals in den OP gerufen worden, und meine Sekretärin hat den Flug verschieben können, jetzt muss ich noch ein paar Minuten warten, weil ich noch ein paar Unterlagen unterzeichnen muss, bevor ich wegkann. Ich habe Sie gerade gesehen, als ich auf dem Weg vom OP zu meinem Büro war, und wollte Ihnen nur kurz sagen – ich habe die Auswertungen der Untersuchungen heute morgen gesehen. Phänomenal. Ihre Frau weiß, was sie will – und sie will aus der Klinik, und das kann sie. Wir machen alles fertig, und sie können ihre Frau morgen früh abholen. Wir beobachten noch die Nacht, aber ich bin zuversichtlich, dass sie das Wochenende zusammen sein können. Allerdings rate ich, dass sie sie nochmals am Montag in die Klinik bringen, ich würde mir sie gerne nochmals ansehen, die Werte abchecken, bevor ich sie nach Großbritannien entlasse.“

René konnte seinen Ohren nicht trauen. Es war wie ein verspätetes Weihnachtsgeschenk und ein verfrühter Osterhase.

               „Was machen Sie hier?“ fragte er Anika?

               „Ich bin eine gute Bekannte und Freundin von Frau Weingarten“, antwortete Anika.

               „Woher kennen Sie sich?“ fragte Prof. Choukri.

               „Ich bin eine Kundin von Frau Weingarten, schon seit einigen Jahren.“

               „Mode, Handel?“

               „Nicht direkt – aber darüber können wir uns gerne später unterhalten.“

               Prof. Choukri setzte ein interessiertes Halbwissen auf, zeigte Neugierde, aber auch Geduld.

               „Und aus welcher Branche kommen Sie?“

               „Ich bin Kunsthistorikerin.“

               „Worüber arbeiten Sie?“

               „Derzeit forsche ich über Exilkünstlerinnen, die während des sogenannten Dritten Reiches verfolgt waren und versuchten, sich vor allem über die englische Route vor den Nazis in Sicherheit zu bringen.“

               „Spannendes Thema – wären Sie bereit, in unserer Gilde für Medizin und Kunst einen Vortrag zu Ihrem Arbeitsgebiet zu halten? Die Gilde wäre sicherlich höchst interessiert daran. Wissen Sie, Medizin und Kunst, Kampf gegen Totalitarismen, Gefühl für das, was Kulturen verbindet, ist etwas, was nicht nur wir in der Medizin brauchen, sondern, was auch Zukunft für Menschen verschiedenster Ausrichtungen brauchen. Ich mache die Erfahrung für die Bedeutung dieser Grenzüberschreitungen täglich – mit den Patientinnen, mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und international mit Kolleginnen und Kollegen.“

               „Gerne – ich weiß zwar nicht, ob ich so viel für Ihre Gilde beitragen kann, aber ich verschließe mich dem Vortrag sicher nicht, im Gegenteil, frage mich schon, was ich Ihnen vortragen könnte.“

               „Gut – ich melde mich bei Ihnen, Herr Weingarten, können Sie den E-               mailkontakt herstellen?“

               René sicherte ihm zu, während Prof. Choukri mit einem freundlichen Lächeln den Tisch verließ. Doch dann drehte er sich kurz um:

               „Suchen Sie noch den Stationsarzt auf, er wird Sie über die Details informieren“, dann stieg er die Treppenstufen zu seinem Büro hinauf.

               „Wow,“ sagte Anika, „was für eine Persönlichkeit, und welches Feuer für sein Fach!“

               „Manchmal ist er auch ein bisschen außer Atem, manchmal auch frustriert, aber immer direkt, offen, und, wenn er spürt, es ist wichtig, dann hat er alle Zeit der Welt und ein Ohr, das das Gras wachsen hört.“

               „Willst du etwas kleines Essen?“ fragte er Anika.

               Sie verneinte –„ich bin gerade froh, dass wir die guten Nachrichten erfahren haben, aus erster Hand und berufenem Mund.“

               „Dann lass uns noch den Stationsarzt aufsuchen, wenn du willst, gemeinsam.“

               „Gerne.“

               Der Stationsarzt nahm sich Zeit für sie, führte sie durch die verschiedenen Formulare hindurch, klärte sie über Risiken auf, gab Ihnen seine persönliche Telefonnummer, sollte sich etwas verändern, vor allem, sollte Feeny nochmals Temperatur entwickeln, auch bei einer leichten, sollte René sich bitte umgehend melden. René und Anika verstanden – es war eine Entlassung auf Probe, schon deshalb, weil, wie sie zu verstehen bekamen, es für einen so komplexen Fall wie Feeny kaum Vergleichserfahrungen mehr gibt. Eierstockkrebs hat so wenige Langzeitüberlebende, dass eine jede Patientin ein individueller Fall ist, für den es wenig bis keine Routinen gibt. Von daher der Mut, das Risiko und die Vorsicht.

               Der Arzt verabschiedete sich freundlich: „Wenn Sie noch Fragen haben, Sie erreichen mich über die Nummer, die ich Ihnen gegeben habe.“

               René fiel Anika in die Arme, er spürte, dass ihm Tränen in die Augen gestiegen waren, Schmerz- und Freudentränen.

               „Komm, los – Ihr habt etwas zu feiern!“

               René drückte Anika und ging die paar Schritte zu Feenys Zimmer. Es fiel ihm sofort auf, dass das Warnschild „Sepsis“ vor der Tür verschwunden war. Wie befreit, sich nicht gegenüber in Blaukleidung begeben zu müssen, klopfte er und trat durch die Tür. Er konnte sich kaum seinen Augen trauen. Feeny saß aufrecht in ihrem Bett, hatte ein Buch in der Hand – sie war bis auf einen kleinen Venenverschluss von allen Schläuchen und Anhängseln befreit – und schaute René fröhlich an.

               „Na, da staunst du – oder?“

               „Du gibst mir auch allen Grund“, meinte er scherzend zu seiner Frau, näherte sich und sie gaben sich einen langen Kuss.

               „Ist es dir auch so schwergefallen, dich ganz nahe zu wissen, ohne dass wir uns berühren konnten?“ fragte Feeny.

               René küsste sie ein zweites Mal, um zu bestätigen, wie sehr sie ihm aus seinem Herz sprach. Unterschwellig fragte er sich, wie es erst sein müsse, wenn er an ihrem Bett stehen würde und sie würde überhaupt nicht mehr antworten, nur still daliegen.

               Feeny musste seine düsteren Gedanken erspürt haben.

               „Besorg dich nicht – ich scheine es, nochmal geschafft zu haben, noch gehe ich nicht, und von erzwungener Distanz, die ich auch schrecklich empfunden habe, sind wir doch wieder zusammengekommen.“

               „Stimmt,“ meinte René mehr zu sich selbst als zu Feeny, „entschuldige, wenn ich manchmal etwas länger brauche, um diese Wenden nachvollziehen zu können.“

               Feeny streichelte ihn lieb.

               „Für mich ist das Wichtigste, dass du da bist – auch wenn ich schmerzlich empfinde, wenn wir uns nicht ganz nahekommen können. Aber du bist eine unglaublich wichtige Stütze, ich weiß dann, wofür ich kämpfe, und ich glaube, mein Körper hätte es nicht geschafft, ohne dich, ohne die Kinder.“

               „Und ohne Anika, die draußen wartet und extra nach Berlin gekommen ist, um dir ihre Kraft zu geben.“

               „Ja, ohne Anika und Bruno.“

               „Die Kinder sind auch unterwegs zu dir, denn noch Gestern hatte Prof. Choukri gemeint, es sei besser, wenn auch sie kämen.“

               „Sah es so schlecht um mich aus.“

               „Ich glaube, die Ärzte hatten wieder einmal große Sorgen um dich.“

               „Oh je,“ sagte Feeny etwas kleinlaut, „wenn es mir schlecht geht, habe ich gar keine Gelegenheit, über meinen Zustand nachzudenken, da geht es mir so, dass ich gerade noch das Allernötigste sehe, höre, schmecke und nicht über den Augenblick hinausblicke“, sie stoppte kurz.

               „Entschuldige auch, ich hätte schon viel früher auf dich hören und die Klinik aufsuchen können – aber verstehe, ich hatte einen solchen Ekel vor allem Krankenhaus, ich wollte nicht wieder in ein Bett, von dem aus ich mich als Patientin erleben würde.“

               „Das war auch der Grund, warum ich dich nicht drängen wollte, aber ich bin doch froh, dass du selbst die Entscheidung getroffen hattest, zu gehen.“

               „Meinst Du, dass ich am Wochenende entlassen werden kann, wie es der Arzt mir gegenüber angedeutet hat?“

               „Ja, wir hatten gerade das Gespräch mit Prof. Choukri und anschließend mit dem Stationsarzt – auch wenn du weißt, dass ich vorsichtig bin, aber beide sind zuversichtlich, dass du zumindest übers Wochenende entlassen wirst. Wir sollen noch in Berlin bleiben und du sollst nochmal Montag und Dienstag zu Abschlussuntersuchungen kommen.“

               „Das ist in Ordnung“, meinte Feeny, froh und doch auch etwas enttäuscht, dass sich der Klinikaufenthalt noch in die kommende Woche ziehen würde.

               „Jetzt, wo die Kinder heute nach Berlin kommen – bemühe ich mich, dass wir hier in Berlin, nicht zu weit von der Klinik weg, eine gemütliche Wohnung fürs Wochenende finden.“

               „Du machst es schon recht.“

               René verließ das Zimmer, suchte Anika auf und teilte ihr mit, dass er sich gleich auf die Suche nach einer Wohnung im Internet machen will, und ob sie Feeny im Zimmer sehen möchte.

               Anika sprang auf, bedankte sich und wünschte ihm eine glückliche Hand für die Wohnungssuche.

               Während Anika in Feenys Zimmer verschwand, setzte sich René an sein Handy. Dabei sah er, dass die Kinder eine WhatsApp geschickt hatten, weil sie auf dem Weg vom Flughafen zur Klinik seien. René antwortete, dass sie sich derzeit keine Sorgen zu machen bräuchten, weil er gerade erfahren habe, dass Mama übers Wochenende mit ihnen zusammen in einer Wohnung und nicht in der Klinik verbringen dürfe.

               Alina quietschte vor Freude ins Telefon – Jan reagierte eher kühl, aber war nicht weniger froh als seine Schwester. In dieser Hinsicht hatte er die Konstitution von René geerbt, sich nicht dadurch einer größeren Enttäuschung auszusetzen, indem er sich verfrüht auf Hoffnung einstellen würde. Alina tanzte eher auf den Spuren von Feeny und konnte sich darüber begeistern, wenn es kleine Schritte nach oben ging.

               Beide Kinder waren aber offensichtlich so elektrisiert, dass das Handy von René sich meldete, das er gewöhnlich auf Vibrieren gestellt hatte. Alinas Stimme ertönte, sie war außer sich. Denn sie konnte kaum glauben, dass sie zur Klinik unterwegs waren, und nun hören durften, dass sie Mama am nächsten Tag von dort abholen dürfen. Jan übernahm und fragte, ob Dad denn schon eine Wohnung gefunden habe. Natürlich noch nicht, sagte René.

               „Aber wisst Ihr was – nutzt doch mal die nächsten Minuten, wenn ihr mit dem Bus unterwegs seid vom S-Bahnhof zur Klinik, dass Ihr nach ein paar Wohnungsmöglichkeiten, die Euch gefallen, Ausschau haltet.“

               „Machen wir“, sagte Jan und im Hintergrund hörte René, wie sehr sich Alina freute.

Alina und Jan. Beide saßen bereits in öffentlichen Verkehrsmitteln und waren inzwischen im Bus, auf dem Weg zum Universitätsklinikbereich. Beide suchten nach ihren Wunschwohnungen. Alina auf Airbnb, Jan auf Booking.com – sie bevorzugte etwas ausgefallene, meist hochindividualisierte Wohnungen mit Style oder wenigstens mit einem besonderen Kick. Jan war es wichtig, dass ein ordentliches Frühstück gereicht würde oder zumindest ein Bäcker und eine Metzgerei nicht fern von der Wohnung waren. Beiden war wichtig, dass Wellness, Sauna oder Sportmöglichkeiten existierten.

               Es dauerte nicht lange, bis entsprechende Links auf der WhatsApp von René eintrafen.

               Als René das Zimmer von Feeny betrat, war Anika dabei, unter Anweisungen Feenys, deren Rückenmuskeln zu massieren, während Feeny auf ihrem Bauch lag. Noch vor wenigen Tagen hätte sich Feeny überhaupt nicht auf ihren Bauch legen können, so schmerzte sie ihr Unterleib. Jetzt aber äußerte sie genüssliche Töne, während Anika mit ihren Fingern durch die Rückenmuskulatur fuhr, als ob sie von Feeny gelernt hätte, wie man den anderen glücklich machen kann.

               Mit einem Lächeln der Erleichterung setzte sich René auf einen freien Stuhl im Zimmer – denn, obwohl das Warnschild weggeräumt war, war das Zweibettzimmer doch noch nicht wieder mit einer weiteren Patientin belegt.

               „Anika, darf ich dich einladen, auch am Wochenende bei uns zu bleiben? Was meinst du Feeny?“

               „Das wäre ein großes Geschenk – zum einen würdest du die Kinder näher kennenlernen können, außerdem könntest du dich mit der Familie abgeben, wenn ich zwischendurch etwas müde werde und beim normalen Lebenstempo noch nicht so mitmachen kann.“

               „Ich will mich natürlich nicht aufdrängen,“ sagte Anika, „und Bruno wäre wohl nicht unglücklich, wenn ich zurückkäme.“

               „Wie schön, wenn du Bruno nicht allein lassen willst.“

               „Nein, nein – versteh mich nicht falsch,“ antwortete Anika, „im Gegenteil, Bruno hatte mich voll unterstützt, als ich ihm mitteilte, dass ich zu dir nach Berlin fahren würde.                Und er fügte hinzu: Bleibe, solange du willst!“

               „Gut, dann lass uns – falls ich nicht ausfalle – ein Wochenende Großfamilie sein,“ meinte Feeny.

               René konnte seinen Ohren und Augen nicht trauen. Feenys Stimme, ihr Gesichtsausdruck, ihre Bestimmtheit – es schien, dass sie sich wieder selbst gewonnen hatte und auftrat, als wäre nichts gewesen.

               „Hättet Ihr Lust, dass wir miteinander Karten spielen?“

               Anika schaute René an und der blickte auf Anika, beide waren noch etwas ungläubig, aber Feeny hangelte sich zum Schaltbrett am Bett, senkte das Bett nach unten, hob sich etwas unbeholfen, hielt das Krankenhaushemdchen über ihrem Po zusammen und stieg aus dem Bett in ihre Hausschuhe. Sie bewegte sich, wenn auch noch leicht schwankend, zu dem kleinen Tisch, der in der Nähe des Fensters stand. Augenscheinlich mit etwas Mühe, setzte sie sich auf den Stuhl, bemüht, das hinten offene Nachthemd so zu positionieren, dass sie nicht halbnackt dasaß.

               „In der ersten Schublade im Schrank ist meine Arbeitstasche, im vorderen Teil derselben findest du das Skatblatt“, gab sie René Anweisung.

               René bewegte sich zum Schrank, während Anika sich zu Feeny an das Tischchen setzte.

               „Nur gut, dass Ihr alle Skatspielerinnen und Spieler seid,“ sagte Feeny, „nichts ist so schlimm, als wenn ich so Nichts tuend im Bett liege und keine Gedanken fassen kann, die mir die Zeit vertreiben. Zeit, das kann das Quälendste des Lebens sein, genauso, wie es Leben überhaupt sein kann – und das Schönste ist, wenn die Menschen, die ich liebe, um mich sind, und wir etwas miteinander tun können.“

               René hatte die Karten gefunden und zum Tisch gebracht. Feeny nahm sie aus seinen Händen, mischte sie so gekonnt, als hätte sie seit Jahren in einem Casino gearbeitet, und teilte die Karten professionell aus.

               „Bei den Karten steckt auch ein Blöckchen mit einem Stift. Könntest du mir diesen bringen, Anika.“

               „Danke,“ sagte Feeny, „wer schreibt, bleibt, hatte mein Vater immer gesagt.“

               „Also schreibst Du“, meinte René.

               Sie griff nach Block und Stift und schrieb die drei Namen auf den Block.

               „Spielen wir um Punkte oder Geld? Ich schlage vor, um Verluste, die wir in eine Kasse stecken, damit wir sie demnächst gemeinsam verjubeln können.“

               Sie wies mit ihrem Zeigefinger auf die Hülle eines Parfums, das an ihrem Waschbecken stand, eine rote Mohnblume darauf geprägt.

               „Die ist leer, die können wir dazu verwenden“, meinte sie.

               Anika sprang auf und holte die kleine, leere Schachtel.

               „René, kannst du mir noch etwas Kleingeld aus meinem Geldbeutel holen, er befindet sich in der zweiten Schublade neben dem Bett in dem weißen Tischchen.

               Langsam war alles startklar und sie gaben sich dem Spiel hin. René hatte fast vergessen, dass sie sich in Feenys Krankenzimmer befanden.

               Die drei waren so vertieft in die erste, zweite und weiter Runden des Spiels, dass sie das zarte Klopfen an der Tür nicht vernommen hatten. Als diese sich öffnete, standen Alina und Jan im Zimmer. Beide hatten ihre Ankunft in Berlin so abgesprochen, dass Alina auf Jan am Bahnhof gewartet hatte, weil sie beide gemeinsam in der Klinik eintreffen wollten. Inzwischen hatten sie sich auch auf eine Unterkunft geeinigt, die sie Mamutschka und Dad auf ihrem Handy zeigen wollten, damit diese sie buchen sollten.

               Hier waren sie, sahen Feeny laut gestikulierend, kämpfend und die Regie führend beim Skat, während sie sich auf einen ganz anderen Kampf eingestellt hatten. Als Feeny wahrnahm, dass ihre Kinder angekommen waren, stand sie auf und bewegte sich mit offenen Armen auf sie zu, nahm Alina in die Arme, während ihre die Tränen kamen. Jan stand daneben, wartete kurz, fasste Feeny am Rücken und, als sie sich zu ihm drehte, nahmen umarmten sich beide – eine Wärme strahlte durch beider Körper. Jan spürte seine Mamutschka ganz nah bei sich, voller Leben, mit einem Blickaustausch, der ihn tief traf, dass auch er seine Bedenken überwand. Alina hatte sich schon an den Tisch bewegt, sich Anika vorgestellt und Dad in die Arme genommen.

               „Ihr seid aber schnell angekommen“, meinte René.

               „Schnell, gerne und glücklicher als zu dem Zeitpunkt, als ich losgefahren bin“, antwortete Alina schlagfertig.

               René gab ihr einen Schubs – „du Wilde – wir sind selbst überrascht, aber wie Du, genauso glücklich.“

               Arm in Arm kamen Jan und Feeny zum Tisch – „lasst uns die Karten zur Seite legen,“ meinte Feeny, „und noch ein bisschen erzählen. Wie war es in der Schule, und wie war die Fahrt, ihr Beiden“, begann Feeny.

               Die Kinder erzählten ihre Erlebnisse der vergangenen Tage, und dass sie zunächst in großer Sorge waren, als Dad anrief, aber auch, dass die Verantwortlichen beider Schulen, genauso wie ihre Freunde, mit denen sie das Wochenende geplant hatten, Verständnis dafür zeigten, dass sie nach Berlin reisen wollten. Alina war noch deutlicher, weil sie eingeplant war, am Tag der Offenen Tür ihres Internats für die Eltern künftiger möglicher Schülerinnen und Schüler ein Klavierkonzert zu geben – und nun eine Mitschülerin fragen musste, für sie einzuspringen. Die Verantwortliche für den Musikzweig der Schule hatte sie sofort unterstützt und sich dafür eingesetzt, dass sie von der Schulleitung für dieses Wochenende frei bekam. Auch Jan hatte seine Wochenendplanung zu ändern, was aber weniger problematisch war, weil er sowieso angedacht hatte, das Wochenende nicht im Internat, sondern mit Freunden zu verbringen.

               Feeny war von Glück erfüllt, von den Kindern und ihrem Leben zu hören, fühlte sich wieder mitgenommen und empfand sich als eingegliedertes Teil der Familie, was sie in den vergangenen Tagen und Wochen vermisst hatte. Ihr Eindruck war es, dass ihre Erkrankung nicht nur sie selbst lähmte, überschattete und ausblendete, sie sprang auch auf ihr Umfeld über, trübte deren Wahrnehmung von ihr ein und isolierte sie im Maße, wie diese ihr gegenüber Rücksicht zu nehmen versuchten. Sepsis. Das war nur eine Umschreibung des Zustandes, in welchem sie sich seit Tagen, Wochen, Monaten und nun schon Jahren befand.

Als sich die Tür wieder öffnete, rollte eine Krankenhausmitarbeiterin den mehrstöckigen Wagen mit Essen herein – unausgesprochen schien dies das Ende der Besuchszeit und der Beginn der Nacht im Krankenhaus anzudeuten.

               „Es ist Essenszeit – und, ehrlich gestanden, hat mich unser Skatspiel ein wenig ermüdet, aber, lieben Dank, dass Ihr die Zeit mit mir verbracht habt, und entschuldigt, wenn ich Euch noch langweile, weil ich noch nicht so recht drauf bin.“

               „Was? Recht drauf? Ich bin ganz erstaunt, wie fit du bist“, sagte Anika.

               Die Kinder zeigten ihre Zustimmung, sie konnten kaum fassen, was sie sahen, hatten sie sich doch auf eine ganz andere Situation eingestellt.

               „Ich finde das auch,“ sagte René, „und, eine gute Nachtruhe – auf, dass es dir weiter besser geht – wir können uns ja morgen früh per WhatsApp abstimmen, wann und wie es dann weiter geht.“

               „Genau“ mühte sich Feeny, ihm einen warmen Blick zu geben.

               René gab ihr einen Kuss, die Kinder herzten sie vorsichtig und Anika streichelte ihr nochmals über den Rücken und sagte ihr leise ins Ohr: „Ich bin so froh, dass ich den Tag heute mit dir erleben durfte, danke.“

               Die Abschiedsumarmungen waren wie Silvesterwünsche – eine neue Zeit schien geschlagen zu haben. Feeny wirkte glücklich, wenn auch etwas ermattet von dem reichen Besuch, den vielen Gesprächen und der Wendung zum Besseren, die sie in den vergangenen Stunden empfunden hatte, bestätigt von den Ärzten.

               Zurückgekehrt zum Hotel, bemühte sich René um die Schlüssel für das Zimmer der Kinder, die sich zwei Pizzen auf ihr Zimmer bestellten und sich einen Film am Fernsehen anschauen wollten – natürlich ohne Erwachsene. René verabschiedete sich von ihnen und bedankte sich, dass sie gleich von soweit hergekommen waren.

               „Sicher Dad,“ sagte Jan, „wollten doch da sein, wenn es nötig ist.“

               „Gut, dass es dann doch nicht so nötig scheint.“

               „Besser so als anders“, antwortete Jan.

               Alina war mit ihren Gedanken noch bei Mum.

               „Warum muss sie jetzt allein sein?“

               „Die Ärzte wollen sie noch ein wenig beobachten über Nacht“, erklärte René.

               „Außerdem braucht sie die Ruhe,“ meinte Anika, „weißt Du, heute waren wir schon eine große Truppe, das braucht Kraft – und deine Mum muss sich noch ein wenig schonen. Aber, wenn es ihr weiter besser geht, dann darf sie vielleicht zum Wochenende mit Euch und uns zusammen sein.“

               Alina schaute Anika noch etwas skeptisch an – noch kannte sie sie ja nicht, aber sie hatte den Eindruck, dass Mum eine wirklich nette Freundin hatte, die sie sehr mochte.

               Jan prüfte gerade auf seinem Handy, welchen Film sie am Abend schauen könnten, auch, weil er sich mit Alina zurückziehen wollte, und seinem Dad und Mamutschkas Freundin den Abend zu überlassen. Er ahnte, dass die beiden sich noch einiges zu erzählen hatten, was sie am Tag erlebt hatten. Und dann war es nicht so häufig, dass er seine Lieblingspizza ans Bett gebracht bekam, ohne sein Taschengeld anpacken zu müssen. Wie gut und günstig – eine richtige Pizza anstelle des Internatsessens, und dann noch frei Haus.

Er bewegte Alina, die sich gerne noch mit Anika unterhalten hätte, weil sie herausfinden wollte, welche Art Freundin Mum sich ausgesucht hatte, die sie im Krankenhaus besuchen durfte – denn sie wusste von Mum, dass sie sparsam mit Freundschaften in den vergangenen Monaten geworden war. Mum hatte ihr erklärt, dass sie eigentlich gerne mit Freundinnen und Freunden zusammen war, aber im Augenblick nicht die Kraft für Freundschaften hatte. Freundschaften, so hatte Mum erklärt, kann man nicht nur haben, um von ihnen etwas zu erhalten, sondern man muss auch selbst etwas in Freundschaft investieren, und dazu habe sie nicht genug Geduld, oft nicht die rechte Stimmung und überhaupt, sei sie oft zu müde dafür. Alina fühlte mit Mum, und war desto erstaunter, dass sie heute so aufgedreht war. Das musste, meinte Alina, an Anika liegen.

               Jan drängte sie.

               „Komm, lass uns in unser Zimmer gehen – ich habe schon die Pizzen per App bestellt, und die werden bald kommen, da wollen wir schon im Bett liegen.“

               „Du hast Recht“, lenkte Alina ein, auch wenn sie noch interessiert war, was Anika zu erzählen gehabt hätte.

               Beide verschwanden über die Treppe.

               Anika setzte sich an die Bar. René nahm auf dem Barhocker neben ihr Platz. Beide schauten sich in die Augen, und René wagte, seinen Kopf an ihre Schulter zu legen. Er schwieg. Sie schwieg ebenfalls.

               Mit großer Zurückhaltung und Feingefühl näherte sich die Barkeeperin dem etwas ungewöhnlichen Pärchen.

               „Darf ich Ihnen etwas anbieten?“

               Keiner der beiden antwortete – auch wenn Anika ihre Augen hob und signalisierte, dass sie sie verstanden habe und baldmöglichst reagieren möchte. Sie vermied jedoch die leiseste Regung, um René nicht das Gefühl zu geben, sie sei nicht ganz bei ihm und er dürfe sich nicht völlig auf sie und in sie verkriechen. Sie spürte seinen schweren Atem und die Last der letzten Tage. Waren ihre Wangen feucht wegen der Wärme im Hotel und seiner Haut, oder mischten sich ihr Schweiß und Tränen von ihm? Sie legte ihren Arm um seine Schultern und drückte ihn sanft. Wieviel kann man als Partner aushalten, wieviel kann man mit durchmachen? Wieviel Kraft blieb einem nach Monaten, Jahren, nach Tagen wie in dieser Woche? Sie fühlte sich als Außenseiterin, die zwar von Feenys Schicksal berührt war, innerlich und körperlich affiziert, aber sie hatte Tage und Wochen, wo sie nicht so unmittelbar mit der Dramatik befasst war wie René. Zwar war Feeny jeden Tag vor ihren Augen, sie wachte oft nachts auf, träumte von ihr, ihr rannen Tränen, sie konnte kaum mehr einschlafen, und selbst wenn Bruno neben ihr lag, beruhigte sie dies kaum in Momenten, wo Feeny wie ein Monster vor ihr erschien.

               Auch jetzt schwebte sie vor ihr. Sie sah, wie sich Feeny ins Bett schleppte, vorbei am Essenswagen, unsicher nach der Bettleiste griff, sich mit aller Kraft über die Bettkante hochzog, schweren Atems nach links rollte und auf dem Rücken zu liegen kam, mit angezogenen Beinen, weil das Ausstrecken Schmerzen verursachen würde. Die Bilder des Tages gingen ihr durch die Gedanken, der dunkle Morgen, der langsame Wechsel vom Grau zu den Geräuschen im Flur, der sich steigernden Hektik auf der Station, sie noch abgeschottet von allen und allem, unterbrochen von der Nachtschwester, die zum x-ten Mal Blutdruck maß, mit einem lächelnden, wenn auch übermüdet und etwas gezwungenen Blick, die sie dennoch am Arm streichelte und fragte, wie die Nacht gewesen war. Ja, ok, soweit ok. Für beide soweit ok, hatte sie den Eindruck. Ob viel Zeit zwischen der Nachtschwester und der Morgenschwester war, blieb nicht in ihrer Erinnerung. Die Bilder wechselten zu schnell, auch wenn sie sich meistens wie Zeitlupe anfühlten. Das eine ging, das andere ließ auf sich warten, dazwischen aber schien kein Übergang, sondern nur Nacht. Die Morgenschwester war mehr mit ihren Zahlen und den Listen beschäftigt als die Nachtschwester. Doch auch sie hob ihre Augen, nachdem sie die letzten Nummern in irgendwelche Spalten geschrieben hatte, legte das Zahlenpaket auf das Sideboard des Krankenbettes, griff ihre Hand und schaute in ihre Augen – erkennbar nicht, um weitere Daten zu erheben, sondern, weil sie durch ihre Augen in ihr Inneres blicken wollte, weil sie von Mensch zu Mensch, von Frau zu Frau mit ihr fühlte, auch mit ihr litt und leiden wollte.

               „Ich freue mich für Sie“, fing sie an. Sie dürfen heute zumindest übers Wochenende nachhause. „Auch wenn ich mich für Sie freue, wollte ich Ihnen doch sagen, dass ich Sie morgen vermissen werde – ich gehe gerne als erstes bei meiner Morgenschicht in Ihr Zimmer – Sie sind eine der Patientinnen, die mich aufmuntert, mir die Kraft gibt, in die anderen Zimmer zu gehen, in denen ich oft von mir geben muss, mich nicht selten ausgelaugt fühle, wenn ich die Tür schließe – bei Ihnen spüre ich einen Unterschied. Hier empfinde ich, dass ich von Ihnen Kraft erhalte. Das mag simple, naiv, vielleicht verrückt klingen, weil ich natürlich Ihre Daten und Ihre Lage kenne, nehmen Sie es mir deshalb nicht übel, wenn ich so von mir rede.“

               Feeny schaute sie etwas verdutzt und überrascht an. Dann aber auch mit einem dankbaren und im nächsten Augenblick mit einem professionellen Blick.

               „Rücken Sie näher zu mir – ich möchte Ihnen das Kompliment zurückgeben, nicht weil ich es zurückgeben will, sondern, weil ich Ihnen sagen möchte, wie sehr ich schätze, hier liegen zu dürfen und mich nicht nur zwischen Maschinen befinde, die über mich wachen, sondern Menschen mir begegnen wie Sie und Ihre Kollegin, die sich vor ein paar Minuten mit einer Zärtlichkeit verabschiedet hat, und das nach einer langen Nacht, und dann öffnen Sie die Tür und spenden mir ein Stück Zeit Ihres Lebens. Und das, obwohl ich in den letzten Tagen das Gefühl hatte, niemandem, auch Ihnen, nicht einmal am Morgen bei Ihrem Start, auch nur eine Unze Energie geben zu können. Ich fühlte mich so platt, so leer, dass ich nicht einmal für mich und meinen eigenen Start die Kraft hatte. Und dann sind Sie da, strahlen mich an, nachdem Sie aufmerksam all Ihre Zahlen auf der Reihe haben, noch zig Zimmer und Patientinnen auf Sie warten, die Ärzte rufen, die Krankentransporteure schon darauf warten, bis sie Ihre Patientinnen fahren können und und und. Ich kann kaum sagen, wie elend ich mich fühle, dass ich nicht nur selbst an Krebs erkrankt bin, sondern meine Krankheit auch noch auf die überschwappt, die sich um mich mühen.“

               „Dafür sind wir aber doch da, Frau Weingarten. Genau dies habe ich mir als meinen Beruf gewählt. Schon als junge Frau. Meine Mutter war an Eierstockkrebs erkrankt. Sie hatte mit dieser Erkrankung nicht viele Jahre leben können.“

               „Ich weiß, ich darf nicht klagen.“

               „Deshalb habe ich dies nicht gesagt – ich wollte im Gegenteil sagen, dass ich bereits in den wenigen Monaten, in denen ich sie begleiten durfte, erlebte, welch unglaublich wichtige Arbeit das Pflegepersonal im Krankenhaus erledigt. Wenn weder meine Schwester noch ich meine Mutter besuchen konnte, hatte ich immer das Empfinden, dass sie in besten Händen war. Sie war dankbar, dass sie diese Hände und Blicke hatte, die ihr halfen, wenn sie das Gefühl hatte, nichts geht mehr. Das waren die Augenblicke, in denen in mir als Abiturientin reifte, dass ich Medizin studieren wollte. Dass es dazu nicht kam, lag zuletzt daran, dass ich am Bett meiner Mutter saß, anstatt mich auf mein Abitur vorzubereiten. Dann hatte ich einen Notendurchschnitt, der mich noch auf lange Zeit auf ein Medizinstudium hätte warten lassen. Wie eine Eingebung sagte ich mir dann eines Nachts, dass mein eigentlicher Wunsch die Zuwendung am Krankenbett sei, und dass ich Frauen, wie meiner Mutter, auf diesem Weg durch die Erkrankung an Eierstockkrebs dienen möchte, aus Dankbarkeit auch für meine eigene Mutter – und, auch jetzt nach Jahren, weiß ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Sie erfüllt mich.“

               Feeny hatte sich inzwischen aufgerichtet, die Morgenschwester bei der Hand genommen, ihr über den Handrücken gestreichelt und, indem sie ihr in die Augen schaute, rannen ihr Tränen über die Wangen.

               „Danke auch für die schöne Botschaft, dass ich übers Wochenende aus der Klinik darf.“

               „Ja, ich bereite schon die Papiere vor und lasse den Stationsarzt abzeichnen, dann können Sie und Ihre Angehörige die Entlassungspapiere bei mir abholen.“

 

„Ja, ich hätte gerne einen Prosecco – und bringen Sie bitte gleich zwei“, sagte Anika zur Barkeeperin, und wandte sich zu René.

               „Wie wenn du meinen Wunsch von den Lippen abgelesen hättest,“ sagte er, „denn, wenn Feeny etwas gewollt hätte, das wir heute Abend tun, sie hätte uns zum Prosecco eingeladen.“

               Am nächsten Morgen wachte René mit dem Biepen seines Handys auf. Feeny schrieb, der Stationsarzt habe ihre Wochenendentlassung unterschrieben, und sie dürfe aus dem Krankenhaus. René schickte die WhatsApp weiter an Anika und die Kinder und schlug vor, dass sie zunächst auf das Frühstück verzichten und Feeny vom Krankenhaus abholen, um gemeinsam zum Frühstück zu gehen. Er ahnte zwar, dass das etwas optimistisch war, denn vom Arztschreiben bis zu den Entlassungspapieren würde es wohl dauern, aber er war so angestachelt von Feenys Nachricht, dass er es nicht mehr abwarten konnte, sie zu umarmen und aus der Klinik zu bringen.

               Die Reaktion der Kinder und von Anika waren nicht weniger enthusiastisch. Nur wenige Minuten später trafen sich alle im Flur vor dem Hotelausgang. René hatte schon ein Uber geordert, das bereits vor dem Hoteleingang auf sie wartete. Da es in unmittelbarer Nähe der Klinik keine Hotels gab, dauerte es doch einige Minuten, bis sie zum Klinikeingang gelangten. Um diese Zeit gab es dankenswerterweise noch keine Schlange am Pförtnerhäuschen, und René konnte den übernächtigten Porter schnell überzeugen, dass der größere Familientross nur gekommen war, um seine Frau von der Klinik abzuholen. Der Pförtner machte sich nicht einmal die Mühe, irgendwelche Papiere auszufüllen oder bei der Station anzurufen, es waren auch noch keine weiteren Sicherheitsbeamten da, die überprüften. Also konnten sie reibungslos die erste Hürde meistern und bewegten sich zum Trakt der gynäkologischen Onkologie. Über den Fahrstuhl, in welchem man eine Fußballmannschaft hätte befördern können, er war eben für mindestens zwei fahrbare Betten ausgerichtet, gelangten sie zur Station und dort vor der Glastür wartete bereits Feeny, angezogen für nach draußen und mit ihrem Rollkoffer an der Hand. René konnte kaum glauben, dass sie nicht nur den Arztbrief in der Hand hatte, sondern auch die Entlassungspapiere.

               Stolz wedelte sie mit ihnen, umarmte die Kinder, Anika und René und rief:

               „Kommt, wir machen los, habt Ihr schon gefrühstückt?“

               „Natürlich nicht, wir sind sofort zu dir aufgebrochen“, flunkerte Anika und Jan meldete sich:

               „Ich hab schon solch einen Hunger!“

               „Na, dann lasst uns mal aufbrechen und ein schönes Café suchen, bei dem Ihr gestärkt werdet“, sagte Feeny, und Alina meldete sich:

               „Ich hatte schon auf dem Weg nach einem organischen Café Ausschau gehalten – dort gibt es Bowls, da wirst du dich freuen“, sagte sie zu Feeny.

               Feeny drückte sie an sich, nahm sie bei der Hand, und René orderte erneut ein Uber, der sie zu diesem Café fahren würde.

               „Ich kann es kaum glauben,“ sagte Feeny, „gestern Abend, als Ihr gegangen wart, hatte ich das Gefühl, ich würde komplett durchhängen und die Temperatur sei zurückgekehrt. Aber die Nachtschwester hatte mich mehrmals gemessen, Blutdruck genommen und auch der Stationsarzt bestätigte mir später nochmals, als er durch das Zimmer kam, dass ich weiter auf dem Weg der Besserung sei.“

               „Nach all dem, was du die letzten Wochen erlebt hast, wundere ich mich nicht“, meinte René.

               „Ich bin so froh, dass es dir besser geht“, sagte Jan.

               Im Café wanderte die Speisekarte und Alina war stolz, als sie die Superfoodbowls sah.

               „Dürfen wir uns eine solche teilen?“ fragte sie Feeny.

               „Auf jeden Fall – und wenn wir noch hungrig sind, bestellen wir uns noch etwas Süßes danach.“

               „Was für eine gute Idee“, meine Anika, und zu Jan gewandt:

               „Würdest du auch eine solche mit mir teilen?“

               Jan war etwas verlegen, aber René sprang ein:

               „Gerne, ich kann ja später mit Jan noch etwas Herzhafteres dazu essen, wenn er nicht satt sein sollte.“

               Jan war zufrieden, denn er konnte sich Weißwürste bestellen mit einer großen Butterbrezel, und hoffte darauf, mit seinem Vater zusammen anschließend noch die Hälfte eines anderen Gerichts verspeisen zu können.

               „Was habt Ihr für den Rest des Tages geplant?“ fragte Feeny.

               „Wir wollten sehen, wie es dir geht, und es von dir abhängig machen. Aber zuerst, dachten wir, gehen wir zum Hotel, damit du deine Sachen im Zimmer abstellen kannst, und, lass uns dann miteinander überlegen, wie wir den weiteren Tag verbringen.“

               Alle stimmten zu.

               „Lasst mich bitte die Rechnung übernehmen,“ meinte Anika, „ich bin so glücklich, dass ich bei Euch als Familie sein darf.“

               Feeny meldete sich und bedankte sich bei Anika, „du warst mir eine solche Stütze,“ meinte sie, „so wie die Kinder und René, ich weiß gar nicht, wie ich Euch danken kann.“

               „Lass das mal meine Sache heute sein“, betonte Anika.

               Sie spazierten durch das Hoftor des Hotels, in welchem sie die Familienwohnung gemietet hatten, groß genug auch für die Kinder und Anika, René half Feeny einchecken, während die Kinder im Hof herumspionierten. Trotz Winterzeit leuchete die Sonne über Berlin und, ob Wind oder Windstille, es fühlte sich eher wie ein früher Frühling an als der Anfang des Winters. Nachdem René und Feeny vom Zimmer zurückgekommen waren, stand die Frage im Raum – was jetzt mit der gemeinsamen Zeit tun. Jan hatte eine Idee:

               „Schaut, im Innenhof stehen Leihfahrräder – die Sonne scheint, sollten wir nicht eine kleine Radtour durch die Stadt machen?“

               „Klasse Idee,“ meinte Feeny, „ich weiß zwar nicht, ob meine Beine mitmachen – denn im Krankenhaus hatte sich herausgestellt, dass meine Schmerzen im rechten Bein auf eine Venenverengung zurückgehen, die mit meiner Krankheit zu tun haben könnte. Aber ehrlich gesagt, spüre ich davon nur mehr wenig seit ich gestern anfing, im Zimmer und auf dem Flur auf und ab zu gehen. Ich hatte sogar auf dem Stehfahrrad am Ende des Krankenhausflures ein paar Übungen gedreht – und fühlte mich eher besser dabei als zuvor im Bett.“

               Jan freute sich, Alina war weniger begeistert, weil sie keine große Radfahrerin war, aber Mum zu liebe würde sie sich auch auf den Drahtesel schwingen. René war ebenfalls nicht der begeisterte Radfahrer, der Jan war – während Feeny schon als junges Mädchen ans Fahrradfahren im Ort gewöhnt war. Auch Anika schien dem Fahrradfahren nicht abgeneigt, wurde sie doch bereits früh von ihren Brüdern ins Fahrradfahren eingeweiht. Bei einer solchen Tour hatte sie gar einen ihrer vorderen Schneidezähne eingebüßt und darüber hinaus den Spott der Brüder geerntet. Begeistert war sie nicht von dem Gedanken, im Winter auf ein Fahrrad zu steigen, aber sie spürte, dass Feeny sich ausprobieren wollte und darauf hoffte, ihre Stenose am Bein mit der Drehbewegung abhelfen zu können.

               Die zustimmenden Blicke machten gegenseitig die Runde – und René fragte, ob sie fünf Räder für den Nachmittag ausleihen dürften.

               Beim Hotelempfang händigte man ihm die Schlüssel aus und wies sie kurz in die Räder ein. Berechnet würde nach Stunden, insgesamt war es mehr als ein moderater Preis. Und schon ging die Reise los, weil Jan bereits eine kleine Tour zusammengestellt hatte, auf einer Fahrradroute entlang der Spree, von dort Richtung Bernauer Straße, weil sie das verbliebene Stück Berliner Mauer sehen wollten. Es war erstaunlich, wie viele Menschen an diesem Dezembernachmittag an der Spree unterwegs waren, zu Fuß, zu Rad, auf Rollern. Das Erstaunlichste aber war, dass sich Feeny mit den anderen zusammen auf dem Rad fortbewegte, wie wenn sie die Woche über auf dem Stehfahrrad für diese Tour trainiert hätte. Sie liebte es, vorwegzufahren mit Jan neben sich, soweit es der zwischendurch enge Pfad an der Spree entlang zuließ. Anika folgte Feeny und René bildete mit Alina die Schlusslichter. Auf halbem Weg, den Jan ausgetüftelt hatte, hielten sie an, setzten sich auf eine breite Treppe, die zur Spree hinabführte, nachdem sie eine Picknickdecke ausgebreitet hatten, die René im Hotel mit den Fahrrädern ausgeliehen hatte. Zwar hatten sie keine Snacks dabei, dafür aber freute sich jeder an den Wasserflaschen, die an die Fahrräder geklemmt waren und die Jan vor Abfahrt gefüllt hatte.

               „Ich hätte nicht geglaubt, dass mir das so viel Spaß macht“, warf Feeny in die Runde,

„und dich so fit zu sehen“, fügte René hinzu.

               „Ja, Mamutschka, du beeindruckst mich“, sagte Jan und Alina stimmte ein.

               „Na, nun übertreibt mal nicht,“ wandte Feeny ein, „ich versuche, mit Euch mitzuhalten, aber die Luft und die Bewegung, vor allem aber Eure Gesellschaft tut mir gut. Wisst Ihr, die letzten Tage habe ich allein im Zimmer gelegen, zuerst hatte ich wegen der Sepsis keine Nachbarin, und dann zum Wochenende wollte man wohl niemand Neues mehr zu mir aufs Zimmer legen. Zwar war ich froh, meine Ruhe zu haben und nachts durchschlafen zu können, ohne nachbarliche Schnarch Geräusche, ohne störende Besuche am Nachmittag, aber es sind dann doch auch einsame Momente, die es gibt, wenn man so im Bett liegt, und nicht über den Fensterrand hinausschauen kann und, wegen der Sepsis, nicht einmal das Zimmer verlassen darf.“

               Alina schmiegte sich an Feeny, um sie spüren zu lassen, wie sehr sie mit ihr fühlte, litt und sich um sie sorgte. Feeny drückte sie fest an sich – „alles gut, meine Liebe, mach dir keine Sorgen, es war nicht so schlimm, wie es manchmal klingt, wenn man Krankenhaus hört – und ich wurde bestens versorgt, die Schwestern, die Pfleger und die Ärztinnen und Ärzte kümmern sich um mich und tun alles, was sie können, dass ich wieder auf die Beine komme.“

„Sollen wir nochmal los machen,“ fragte Jan, „wir haben noch ein bisschen vor uns, vor allem, weil die Rückfahrt auf der anderen Seite der Spree nicht ganz so eben ist wie der Weg, den wir gekommen sind, denn sobald wir über die Brücke drüber sind, geht es durch den Wald zurück, nach den Bewertungen zu urteilen, die schönere, wenn auch etwas anstrengendere Strecke.“

               „Dann lass uns die mal erforschen“, antwortete ihm Feeny. Und schon sprangen alle auf ihre Fahrräder und steuerten über die Spreebrücke Richtung Wald. Tatsächlich war die Strecke recht krumm und bucklig, wenn auch nicht wirklich anspruchsvoll. Doch mussten sie zwischendurch das eine oder andere Mal absteigen und die Räder einen Hügel hochdrücken. Feeny hielt durch, atmete zwar ab und zu schwer, musste auch mal ausruhen und sich auf einen Stein setzen. Aber sie war die erste, die wieder aufstand und die Truppe zum Aufbruch bewegte.

               Jan hatte eine Strecke gewählt, die keine fünf Kilometer umfasste, es war also weder für Alina noch, wie zu erkennen war, für Feeny eine Überforderung. Gleichwohl fielen sich Alina und Feeny dankbar in die Arme, als sie in den Hof des Hotels zurückgekommen und von den Fahrrädern abgestiegen waren. Stolz zeigte Jan den Mitradlern auf seinem Telefon die Strecke, die sie zurückgelegt hatten, auch die Bilder, die sie an der Mauer aufgenommen hatten.

               „Jetzt lade ich euch alle ein – kommt, lasst uns einen schönen Kaffee miteinander trinken, und die Kinder bekommen eine heiße Schokolade oder was sie sonst gerne möchten“, sagte Feeny voller Freude und gab René einen Kuss. „Und wer eine Massage braucht, der melde sich bei mir an“, fügte sie hinzu.

               „Da bin ich die Erste“, sagte Anika.

               „Ich auch“, sagte Alina.

               „Na, dann kommt mal mit aufs Zimmer, wenn wir mit dem Kaffee fertig sind“, spaßte Feeny.

               Sie suchten sich einen größeren runden Tisch im Kaffeebereich des Hotels, stöberten in der Karte und bestellten Kaffee und Kuchen für die Erwachsenen, Jan bestellte sich ein Wurstbrötchen und Alina einen Germknödel, weil sie wusste, dass Mum den immer zusammen mit Dad am Sonntag gegessen hatten, als sie noch keine Kinder hatten, und sie wollte doch so gerne tun, was ihre Mum getan hatte.

 

„Hey, du schläfst ja noch“, flüsterte Feeny René ins Ohr. Sie war schon eine Weile wach, hatte das späte Morgengrauen miterlebt, das sich länger dahinzog – sie wusste, es war Anfang des Winter, dabei liebte sie es, mit der Sonne im Sommer wach zu werden. Aber sie hatte in den vergangenen Tagen und überhaupt in den vergangenen Wochen so viel geschlafen, im Krankenhaus, zu Hause, dann wieder im Krankenhaus, übers Wochenende zu Hause, dann wieder im Krankenhaus, dass sie mehr als glücklich war, das Gefühl zu haben, durchgeschlafen zu haben, ohne Nachtschrecken, ohne geblähten Bauch, ohne Druck auf ihre Blase, einfach so – und dann noch, auf Tuchfühlung mit demjenigen, den sie ihr ganzes Leben lang geliebt, fast zu viel geliebt und sogar ein bisschen verehrt hatte.

               Sie war sich ihrer als Frau gewiss, auch als Business Woman, und doch achtete sie darauf oder hörte wenigstens in sich hinein und führte Selbstgespräche mit René, was er in dieser oder einer anderen Businessentscheidung getan hätte oder tun würde. Selbstverständlich hatte sie diese Gespräche nicht mit ihm geführt – nicht, weil er ihr das Gefühl gegeben hätte, er wisse die Antwort, auch nicht, dass er ihr Vorschläge gemacht hätte, wie sie ihr Geschäft besser führen könne. Die Begleitung von Entrepreneurs war eine seiner Stärken, sie fühlten sich nicht bevormundet, sondern wirklich begleitet. Sein Leitspruch war, dass er lieber falsch investierte als Recht gehabt zu haben mit Ratschlägen. Er war alles andere als ein Lehrer. Vielmehr ein Begleiter – und sie hätte sich öfter gewünscht, dass er sich mehr für ihre Unternehmung interessiert hätte. Stattdessen las er Businesspläne von Fremden, schätzte die Chancen ein, sah Lücken und diskutierte mit diesen meist jüngeren Entrepreneurs, wie sie ihre Ideen und ihre Umsetzung optimieren könnten. Eine Diskussion, soweit sie es miterlebte, auf Augenhöhe, ohne Besserwisserei. Manchmal aber hätte sie sich ein bisschen Besserwisserei gewünscht. Gerade, wenn sie empfand, dass sie Zeit und Geld hätte sparen können. Aber sein anderes Motto war: Erfahrung kannst du nicht weitergeben, sondern, wie das Wort sagt, kannst du es nur selbst durchleben und deine eigene Erfahrung machen. Er hatte ja recht, aber bitter war es dennoch. Warum musste sie krank werden, hatte sie sich zuviel Stress gemacht? Das Geschäft, die Kinder, der Mann – und er war nicht wenig anstrengend, dachte sie.  Ob ich das denken darf, dachte sie – sie begann sich, im Zirkel zu drehen, dann drehte sie sich wieder zu seinem Ohr:

               „Hey, du schläfst ja noch“, seine Augendeckel hoben sich unmerklich. Sie wagte ihre Hand nach ihm auszustrecken, so, wie sie es nur selten bei ihm wagte, aber so, wie sie es professionell zu tun gelernt hatte. Erwartungsgemäß schien er wie eine Tarantel gestochen wach zu sein.

               Sie hatten seit Monaten, seit Jahren, ja, sie konnte sich gar nicht daran erinnern, keinen Sex miteinander gehabt. Sie konnte nicht. Nicht dass sie ausgelaugt, müde, von der Chemo mitgenommen war. Es war ihre Verobjektivierung. Sie hatte den Eindruck, dass sie seit ihrer Diagnose mehr und mehr zum Objekt verkommen war. Die intimsten Bereiche, in denen sie Frau war, waren ihr genommen, waren in den Händen anderer, in tausendfacher Vergrößerung unter dem mikroskopischem Blick anderer, sie war nicht mehr selbstbestimmt, fühlte sich behandelt im wahrsten Sinn des Wortes. Doch die vergangenen Tage hatten sie zu sich selbst kommen lassen. Sie spürte, dass sie am Abgrund gewandert war, mehr nach unten gebeugt und von unten gezogen. Bei dieser Gradwanderung, die sie erstaunlich unberührt ließ, stellte sich bei jedem Schritt die Frage, rechts oder links, auf oder ab. Und ohne diese Frage zu beantworten, ging sie voran, ignorierte die Wahl und lernte, dass es bei jedem Schritt mehr auf sie ankam, alles rechts und links, alles auf und ab bei Seite zu lassen und sich nur auf den Schritt selbst zu konzentrieren. Sie wurde bei jedem kleinen Schritt mehr sich selbst, sah weniger und weniger nach rechts oder links, nach auf oder ab. Je länger sie schritt, desto mehr sah sie sich selbst. Nicht wie in einem Spiegel, sondern sich durch sich selbst. Und sie spürte sich nicht nur wie von außen, sondern entdeckte ihr Inneres. entwickelte ein Empfinden, ein neues Empfinden für ihre Sinne, ihre Haut. Die Injektionen, die sie täglich erhielt, um das Blut flüssig zu halten, waren lange Zeit unangenehm, in den vergangenen Tagen waren sie nicht weniger störend geworden, aber sie zeigten ihr an, dass sie empfindet, dass sie lebt und dass, bei jedem Schritt der Gratwanderung sie noch ein Empfinden für sich hatte. Fast verlangte sie am Morgen nach dieser Selbstwahrnehmung.

Sie streichelte René, über seine Oberschenkel, zwischen diesen, schmiegte sich an ihn, wärmte seine empfindlichen Partien, küsste seine Ohrläppchen – und wollte ihm zeigen. Ich lebe, ich liebe und ich liebe dich.

               Er reagierte – es war eine lange Zeit, seit sie so nah beieinander waren, und er hatte fast aufgegeben, daran zu glauben, dass er ihr noch einmal so nahe sein dürfte. Auch jetzt schwankte er, sich auf sie und ihre Nähe einzulassen, oder sie zu blocken. Sich ihr öffnen bedeutete, die Fallhöhe zu vertiefen. Zu oft hatte er in den vergangenen Jahren erlebt, dass er sich ihr näheren wollte und nach anfänglichen Signalen auch verstand, dass sie sich auf ihn einlassen wollte, aber sie endeten in der emotionalen Sackgasse. Es war nicht, weil sie sich eingestehen musste, nicht mehr sie selbst zu sein, es war nicht, weil er sich wie ein männlicher Krüppel fühlte, all das war es auch, aber das Entscheidende war, dass die größere Nähe einen viel intensiveren Schmerz hervorrief, provoziert vom Gedanken, sich wieder loslassen zu müssen.

               An diesem Morgen war es anders – Feeny strahlte ihn an, mit jeder Bewegung leuchteten ihre Augen mehr, ihr Mund fand den seinen, sie forderte und durchbrach selbst seine größten Bedenken, nahm ihm seine Krücken und … erstmals gelang es ihr, aus ihrer Profession ihren eigenen Mann zu verführen.

               „Du bist eine unbezähmbare Raubkatze.“

               „Stimmt nicht – ich bin nur, was ich bin. Nur, was ich bin, darf ich oft nicht sein, kann ich oft nicht sein. Aber meine Zähne hat man mir noch nicht gezogen.“

               „Auch nicht dein Fell, nicht dein Blick, nicht deine Tatzen, nicht dein Griff.“

               Sie zog ihn zu sich.

               „Lass uns noch ein bisschen beieinander sein – der Kaffee kann noch ein wenig warten, Anika wird sich schon mit den Kindern beschäftigen.“

               René streichelte durch ihre Haare, auch wenn diese wegen der regelmäßigen Chemos seit ihrer Diagnose nur mehr wenige Zentimeter lang waren, nicht mehr so lange wie früher. Er spürte den Widerstand, dann aber auch, wie sie sich unter seinen Fingern umlegten und er dankbar war, sie zu fühlen, weil es eine besondere Herausforderung für ihn war, wenn Feeny weder Haupthaare, noch Brauen, noch Schamhaare, noch irgendwelche andere Härchen auf ihrer Haut hatte. Er kuschelte sich an sie. Seit langem konnten sie erstmals die Nähe miteinander aushalten, ohne Angst vor dem Killerschmerz.

               Sie zwickte ihm in den Po –

               „Hey, auch wenn du nicht mehr schläfst – ich möchte dir sagen, wie sehr ich dich liebe – nicht nur, weil du es mit mir in den vergangenen Jahren ausgehalten hast, sondern vor allem, weil ich mir kein anderes Leben hätte vorstellen können. Dass ich so tief fallen kann, wie in den letzten Tagen – und dass ich mich dennoch getragen weiß, von dir und den Kindern, die ich mit dir haben durfte, auch mit den Freunden wie Anika, auch Bruno, auch meinen Angestellten. Was für ein Privileg, dass ich ein solches Leben mit dir gemeinsam führen durfte – und, lass uns hoffen, auch noch ein bisschen führen darf.“

               René lauschte, er war überrascht, über soviel Offenheit, soviel Nähe – er war auch überfordert und wusste gar nicht, was er antworten sollte.

               „Ich mach mich jetzt fertig und – ich weiß nicht, wie du dich fühlst – ich würde gerne eine richtige Radtour machen heute.“

               „Lass uns erstmal die Kinder fragen, auch Anika.“

               „Ok, aber komm, lass uns aus dem Bett hüpfen – der Tag liegt vor uns!“

               Schon war sie im Bad und unter der Dusche. René wusste kaum, wie ihm geschah.

Als Feeny und René zum Kaffeetisch kamen, saßen Anika mit Alina und Jan bereits zusammen und unterhielten sich eifrig. Anika erzählte von ihren Entdeckungen, die sie in Polen gemacht hatte, auf den Spuren weithin vergessener Künstlerinnen und Künstler. Die Kinder hatten zwar über Feeny schon manches aus der Welt der Mode und Künste erfahren, aber Anikas Welt war ihnen fremd und klang mehr als spannend für sie. Jan war ein begeisterter Krimifan, und, was Anika zu erforschen schien, hörte sich an, wie der Vorspann zu einer ganzen Netflix-Serie.

              „Kinder – ich habe bereits die Fahrräder für uns alle gebucht, Jan, kannst du herausfinden, wie wir zum Wannsee kommen können, natürlich mit den Fahrrädern, um dann gemeinsam um den See zu fahren?“

              Alina wusste nicht, wie ihr geschieht, Anika war erstaunt und blickte Feeny an, um sich zu vergewissern, ob sie richtig gehört hatte. Sie griff sich an ihre Beine, fühlte eine Schwere, ein Ziehen in ihrem Bauch. Sie fragte sich nach dem gestrigen Tag – wer war die Kranke? Feeny, oder nicht sie selbst?

              Jan zückte sein Handy und versuchte, über die BahnApp herauszufinden, wie und wann sie mit Fahrrädern von Berlin zum Wannsee kommen könnten. Sie hatten am Vortag schon eine Teilstrecke zurückgelegt, doch alle fragten sich, ob Feeny nach der gestrigen kleinen Tour eine richtige, ausgedehnte weitere Tour machen wolle und könne, und warum ausgerechnet zu diesem See?

              Das Leben schien sich zu drehen.

              „Keine Sorge, ich fühle mich fit – zwar ist die Sonne verschwunden und es ist winterlich geworden, aber mir haben die Luft und die Bewegung der Beine so gutgetan – die Schmerzen sind spurlos verschwunden,” sagte Feeny, „ich würde so gerne den Wannsee sehen – in mir steigen Winterbilder aus der Vergangenheit auf – und denke an unsere Hochzeit am Starnbeger See. Die Kinder wissen natürlich, warum, aber damit Du, Anika, verstehst, warum mir der Starnberger See so wichtig ist: meinem Gefühl nach ist er vielleicht der romantischste aller Münchner Seen. Vielleicht, weil die östliche Seite für Besucher nicht oder nur an ganz wenigen Stellen zugänglich ist, denn der größte Teil des Ufers ist privates Eigentum, er hat einen solchen Glanz des Abseitigen. Diese Seite des verborgenen Sees gibt ihm eine verwunschene Gestalt. Ammerland, das halbwegs zwischen Norden und Süden am See an diesem Ostufer gelegen ist, ist ein verträumtes kleines Dörfchen, in welchem René und ich unsere Hochzeit gefeiert hatten.“

              „Wie seid Ihr auf einen solch entlegenen Ort gekommen?“

              „Es war wohl meine romantische Ader.“

              „Kaum zu fassen,“ meinte Anika, „mit Ammerland gibt es eine weitere Verbindung zwischen Euch und uns – was mit der Geschichte von Bruno zusammenhängt“, sagte Feeny.

              „Die Familie seines Großvaters und Vaters wurde gegen Ende des Krieges aus dem Saarland evakuiert – und sie wurden nach Ammerland verbracht. Die erste Erfahrung bei der Ankunft in Starnberg war eine Enttäuschung. Zusammen mit anderen saarländischen Familien siegen sie aus dem Zug, und das nach einer langen Fahrt quer durch halb Deutschland, oder, wie seine Großmutter immer sagte, quer durch das Reich, weil sie nicht akzeptieren konnte und wollte, dass das Saarland von Hitler zurückgegliedert wurde und die dummen Saarländer auch noch mit über 90% am 13. Januar 1935 für diese Rückgliederung gestimmt hatten. Sie wäre viel lieber eigenständig geworden, jedenfalls lieber französisch geblieben als zum Hitlerreich zu gehören. Da standen sie auf dem Bahnsteig in Starnberg, rochen den Kartoffeldampf aus der Suppenküche aufsteigen. Einen Augenblick, so hatte Bruno ihr erzählt, ertappte sich seine Großmutter dabei, ihre Kritik am Reich in Frage zu stellen. Im nächsten Augenblick musste sie mit anderen Saarländern hören und erleben, dass sich die Nachricht herumgesprochen hatte, mit diesem Zug sei eine Ladung Saarfranzosen abgeladen worden – und in Reaktion hierauf schloss man sofort die Deckel der Suppenküche, wimmelte die Hitlerfeinde ab und begann, auf sie zu schimpfen und sie vom Essensempfang wegzuprügeln. Die Familie hatte Glück, denn vor dem Bahnhof wartete ein Leiterwagen auf sie – der Großvater von Bruno, Gemeindeschreiber, hatte über den Ortsbeamten von Ammerland Kontakt aufgenommen, und dieser hatte den Schreiner des Dorfes beauftragt, für seinen Amtskollegen und dessen Familie zu sorgen und sie vom Bahnhof abzuholen. Als der Schreiner den Tumult auf dem Bahnsteig wahrnahm, bahnte er sich einen Weg mit dem vorbereiteten Schild, auf dem der in großen schwarzen Lettern „Recktenwald“ stand. Brunos Großvater hatte seinen Retter erspäht und der Familie gelang es, mit dessen Unterstützung sich zum Leiterwagen mit Gespann durchzuschlagen. Ihr Gastgeber hatte sich für die unfreundliche Begrüßung seiner Mitbürger entschuldigt und seine Gäste und ihr weniges Gepäck umgehend auf seinen Wagen gepackt und sich mit ihnen aus dem Staube gemacht. Bruno hatte mir auch erzählt, dass er als sechzehnjähriger Jugendlicher mit seinem Vater die Schreinerfamilie aufsuchte, zumal eine Cousine von ihm sich in den Schreinersohn verliebt hatte und sie nach dem Krieg heirateten und inzwischen Kinder miteinander hatten. Doch der eigentliche Grund, warum Brunos Vater nach Ammerland reiste, waren weniger die alten Erinnerungen oder die geschlossenen Familienbande, sondern das feudale Nachbargebäude, das an die Wiese der Schreinerei angrenzte.

              In diesem größeren Anwesen, das zur Dorfstraße hin lag, residierten drei jüngere Damen, nur wenige Jahre älter als Brunos Vater – alle drei unverheiratet. Die älteste der drei Damen war eine in Bayern bekannte Schriftstellerin, die dicke historische Romane veröffentlichte und in lesbischer Lebensgemeinschaft mit ihrer Partnerin lebte, die als Hausangestellte getarnt war und offiziell im alten Pförtnerhäuschen am Geländeeingang lebte. Die nächst jüngere Schwester war Privatgelehrte und verbrachte die meiste Zeit mit Recherchen im ehemaligen Kaiserlichen Patentamt in München , das seit 1919 Reichspatentamt hieß. Die jüngste Schwester hatte es Brunos Vater allerdings angetan. Zwar war dieser bereits mit seiner späteren Frau, Brunos Mutter, eng befreundet, aber während der Zeit der Evakuierung waren sie getrennt, und zwischen Brunos Vater und der jüngsten der drei Schwestern hatte sich eine enge Beziehung entwickelt. Er war angetan von der Kulturbeflissenheit der Schwestern, der bezaubernden und belesenen jungen Frau und einem Haus, das voller Bücher und Kunst war. Bruno erinnerte sich, dass er bei einem Besuch mit seinem Vater in Ammerland – er war gerade sechzehn Jahre alt –in einem Zimmer von diesem Palais schlafen durfte, das mit mehreren mannshohen Kinderstuben aus dem Anfang des Jahrhunderts ausgestattet war. Über seinem Bett hingen Bilder, von denen ihm sein Vater erklärte, dass es Originale von Kandinsky, Marc und Heckel seien. Damals hatten ihm diese Namen nichts gesagt, doch als er mir diese Geschichte erzählte, musste mein Blick wohl eingefroren sein – zumal er selbst inzwischen gelernt hatte, unter welchen Bildern er in jenen Tagen eingeschlafen war. Seit der Zeit wollte er mir zeigen, wo er die vielleicht schönsten Tage seiner Jugendzeit in Bayern verbracht hatte – die Schwestern hatten einen privaten kleinen Strand am Starnberger See, auch ein Bootshaus, und Bruno verbrachte Stunden mit Rudern auf dem See, las, wurde von der jüngsten Schwester verwöhnt, und staunte an den gemeinsamen Abenden, an denen er erfahren durfte, dass sein Vater nicht nur glücklich zusammen mit seiner Mutter war, sondern auch andere Freundschaften pflegte, die ihn offensichtlich sehr glücklich machten.“

              „Dann währt Ihr fast noch Überraschungsgäste unserer Hochzeit geworden!“ alberte Feeny und René und freute sich mit den beiden Damen – die Kinder lauschten voller Neugier.

              „Also auf,“ drängte Feeny, „wie haben tausend Gründe, nach Ammerland zu fahren, aber jetzt geht es erstmal am Ostufer des Wannsees entlang!“

              Während der längeren Fahrt am See hatte Feeny Gelegenheit, neben Anika herzufahren, während René mit den beiden Kindern ein gutes Stück vorweggeradelt waren.

              „Hat sich schon etwas getan, was die Anschuldigungen gegen Bruno betrifft?“

              „Nicht wirklich, aber er wäre gern mit mir nach Berlin zu dir gekommen – musste aber in Eichstätt bleiben, weil der Personalchef zusammen mit einem Pfarrer, der zugleich eine psychotherapeutische Ausbildung hat, sich mit ihm besprechen wollten. Angeblich soll er bei einer Jugendfahrt, bei der er mit einer gemischten Gruppe in der Türkei unterwegs gewesen war, die Jugendlichen abends in ein türkisches Bad gebracht habe, bei der die Jungen und Mädchen gemeinsam gebadet hätten, unbekleidet, wie in einer Sauna. Eines der Mädchen sei noch unter 18 gewesen sei, und sie habe sich bei der Diözese über Bruno beschwert, nachdem sie erfahren habe, dass er Weihbischof geworden war.“

              „Und nun?“

              „Keine Ahnung, Bruno kann und will es nicht bestreiten – denn er weiß, er hatte die Verantwortung für die Gruppe, auch wenn er sich nicht mehr daran erinnern kann, warum die Jugendliche an jenem Abend mitgegangen war, denn er hatte, soweit er sich erinnert, der Gruppe mitgeteilt, was sie erwartet, es war eine Option und niemand war verpflichtet, mitzugehen. Gleichwohl weiß er und dazu steht er, dass er aus heutiger Sicht und Erfahrung anders hätte handeln müssen.“

              „Wie wird es weitergehen?“

              „Auch hier wissen wir noch wenig. Er hat sich einen Anwalt genommen, aber der meinte, in der jetzigen Situation mit den endlosen Berichten zu Missbrauchsfällen der katholischen Kirche, sehe er wenig Chancen, dass er ganz ungeschoren davonkomme. Die Frage sei, ob es andere Vorwürfe gäbe, und, falls es ein Einzelfall bliebe, wo der Fall verhandelt würde.“

              „Ich fühle mit ihm und mit dir – aber wenn du sagst, es war eine Ferienfreizeit, war er überhaupt verantwortlich für die Gruppe?“

              „Ja und nein – es war keine offizielle Veranstaltung von Gemeinde oder Dekanat. Der Ursprung war eine Band, die miteinander in der Freizeit am Freitagabend Musik machte, und bei der es neben den Bandmitgliedern, die aus Jungs und Mädchen bestand, auch ein Chor gab – und diese Truppe wollte die von ihnen bei Gigs verdienten Geldern miteinander in einer Freizeit ausgeben. Bruno war der Schlagzeuger der Band.“

              „Seine kirchlichen Oberen sind jedoch der Meinung, dass es für einen Geistlichen keine Privatsphäre und keine Freizeit gibt – er sei immer im Dienst und müsse sich darum auch in seinem gesamten Leben an die Moralvorstellungen der Institution halten und diese vertreten.“

              „Dann verstehe ich, dass er mit dieser Institution nicht übereinstimmen kann.“

              „Das ist tatsächlich so – er war ja Professor für Moraltheologie und philosophische Ethik und hatte seinen Studierenden versucht, aufzuschließen, welche unterschiedlichen ethischen Ansätze es gibt und dass die Institution nicht wie in einem totalitären System zu folgen ist, sondern dass man auf seine eigene Intuition und vor allem auf das eigene Gewissen zu hören hat. Ich bin sicher, dass er dafür einstehen wird, auch wenn es ihn eine berufliche, persönliche oder finanzielle Einbuße bedeuten würde. Die Jugendliche, die sich beschwert, ist auch zu verstehen – wenn sie damals zu etwas verleitet wurde, was sie geschädigt, betroffen und noch nach Jahren traumatisiert, dann war das gewiss nicht richtig, und, so wie ich Bruno kenne, wird er das zugestehen und, soweit es überhaupt gut zu machen ist, offen angehen. Er ist nicht jemand, der nicht selbstkritisch reflektiert und Fehler nicht eingesteht. Mal sehen, ob die Jugendliche den direkten Kontakt mit ihm wünscht – heute gibt es ja die Option des Täter-Opfer-Ausgleichs.“

              „Oh nein, womit Ihr Euch beschäftigen müsst.“

              „Tja, weißt Du, wer sich wie Bruno einer solchen Institution unterwirft, mit seinem ganzen Leben sich ihr verschreibt, der darf sich nicht beklagen, wenn ihn die eigenen Zwänge einholen.“

              „Bist du ihm gegenüber nicht zu hart?“

              „Ich glaube nicht, im Gegenteil, er hat sich eine Partnerin gewählt, von der er sich immer wünschte, dass sie ihn kritisch begleite, das ist für uns beide essentiell.“

              „Dennoch hast du nicht infrage gestellt, dass er in dieser Institution arbeitet, lebt und nicht nur sich selbst, sondern auch dich unter äußere und innere Zwänge bringt?“

              „Wenn du jemanden liebst, das weißt du nicht weniger als ich, dann versuchst du nicht, den Partner zu verändern, sondern ihn zu verstehen, kritisch zu begleiten und auf dem Weg, den er sich wählt, zu stützen, soweit es richtig und vertretbar ist. Letztlich muss er für sich entscheiden, ich kann ihm nur ein Spiegel sein, in welchem er sich deutlicher erkennt als er sich ohne diesen Spiegel sehen würde.“

              Sie fuhren entlang des Ufers, leicht bergauf – und die Kinder mit René waren bereits oben am Hügel und warteten, bis die miteinander parlierenden Damen hinaufgeradelt kamen.

              „Na, wie geht es Euch beiden?“ fragte René.

              „Wie du siehst, sind wir zu sehr in unser Gespräch vertieft, als dass ich mir Gedanken um meine Beine oder irgendwelche anderen Körperteile machen konnte“, fuchste Feeny zurück.

              Sie radelte auf René zu und drückte sich an ihn, um ihm zu signalisieren, wie sehr sie die Tour genoss und zugleich, dass er ihr den Freiraum gegeben hatte, dass sie sich mit Anika unterhalten konnte. Er deutete ihr an, dass er verstand und sich nicht weniger freute, mit relaxten Kindern, die ihre Mama im Hintergrund radeln sahen, voranpreschten und sich mit Daddy und seiner Fitness messen wollten, unterwegs zu sein.

              Den Hügel hinab ging es mit weniger Anstrengung. Anika und Feeny konnten ihr Gespräch fortsetzen.

              „Habe ich dir bereits erzählt, dass ich eine neue gute Freundin gefunden habe?“

              „Nicht, dass ich mich erinnere, wo und wen?“

              „Im Krankenhaus, sie lag neben mir bei einem meinem vergangenen Krankenhausaufenthalt, nicht dieses Mal, weil ich wegen der Sepsis alleine bleiben musste, ich meine denjenigen davor – sie war eine wunderbare Gesprächspartnerin, wir verstanden uns vom ersten Augenblick.“

              „Wie heißt Sie?“

              „Lina. Und ich finde, sie ist hübsch für ihr Alter, hübsch und stolz, und das, obwohl sie ihre Haare wegen der Chemo verloren hat. Doch nicht nur das, sie hat so viel aufgrund ihrer Krankheit erlebt – aber dennoch ihren Humor und ihre Hoffnung nicht verloren.“

              „Bewunderst du sie deshalb.“

              „Ja, sie ist kaum älter als ich, aber hat schon einen 23-jährigen Sohn, der fast mit seinem dualen Studium fertig ist und bereits in einem großen internationalen Unternehmen arbeitet. Wichtiger noch, er kümmert sich rührend um sie. Ein bisschen, so habe ich das Gefühl, ist sie mir voraus – leider auch in der Entwicklung der Erkrankung.“

              „Wie das?“

              „Die Details habe ich nicht ganz verstanden – aber, soweit ich es bisher verfolge, arbeitet sie leidenschaftlich gerne und versucht, ihre Arbeitsstelle im Reisebüro so lange zu halten, wie sie kann. Allerdings hatte dies auch zur Folge, dass sie nach ihrer Eierstockkrebsdiagnose in den ersten beiden Jahren sich im Kreiskrankenhaus in ihrer Nähe behandeln ließ, bis diese nicht mehr wussten, was tun, und sie sie nach Berlin ins europäische gynäkologische Krebsszentrum überwiesen. Trotz dieser Erfahrung lässt sie sich weiterhin am liebsten in zuhause in Hannover betreuen und vertraut mehr den lokalen Ärzten als denen der Charité in Berlin.“

              „Aus dem, was du erzählst, spüre ich, wie dich diese Entscheidung von Lina beunruhigt.“

              Feeny gab ihr auf dem Fahrrad zu erkennen, wie sehr sie ihr aus dem Herz sprach.

              „Du musst wissen, Anika, als ich diagnostiziert wurde, hatte man mir eine Lebenserwartung von zwei bis drei Jahren gegeben, und nur, weil ich in London von einem der besten Chirurgen in diesem Gebiet operiert worden bin und dann im weiteren Verlauf der Krankheit von vorzüglichen Onkologen betreut wurde, die in der Spitzenforschung unterwegs sind, die neuesten Trends kennen und über eine reiche Erfahrung an kompliziertesten Fällen verfügen, lebe ich noch. Es schmerzt mich so sehr, zu sehen, dass Lina die Bedrohung nicht zu wahrzunehmen scheint, auch nicht die Chancen, die sie hat, wenn sie den Spezialisten vertrauen würde.“

              „Bist du dir da so sicher?“

              „Wenn ich dieses Vertrauen nicht hätte – könnte ich gleich aufgeben,“ meinte Feeny, „ich habe selbst in den ersten Monaten und Jahren lernen müssen, dass mein Leben nicht mehr vorrangig in meinen eigenen Händen lag und liegt, nicht mehr nur zumindest, oder vielleicht sogar, kaum noch an dem hing, was ich tat oder nicht tat – oder, wenn ich an Lina denke, eine bittere Lektion war diejenige, dass ich mir eingestehen musste: Nicht das, was ich für richtig halte, sei es Essen, seien es Routinen, sei es, was ich für gut oder praktisch zähle – all das waren Dinge, bei denen ich meine Einschätzungen und Urteile zu überprüfen hatte, mir gegenüber selbstkritischer werden musste, anstelle des Vertrauens in mich, mein Vertrauen in meine ärztliche Gegenüber setzen lernte und mich daran gewöhnen musste wie dies, auf Zahlen zu achten, auf Werte, Erfahrungen in Statistiken umzusetzen und zugleich mich auf das reife Bauchgefühl und die professionelle Kenntnis dieser mir oft fremden Menschen einzulassen.“

              „Konntest du mit Lina nicht über deine Einschätzung sprechen?“

              „Nicht wirklich – sie schien die Erfahrenere zu sein, sie war auch betont die Selbstbestimmtere, und sie konnte über sich lachen und ging voller Zuversicht ihrer Zukunft entgegen. Vielleicht auch, weil sie schwere Monate und Jahre hinter sich hatte – kaum hatte sie ihre Diagnose erfahren, hatte sich ihr Mann von ihr getrennt. Zugegeben, es war ihr zweiter Mann, eher ihr Lebenspartner. Ihr erster Mann war bereits bald nach der Geburt ihrer beiden Kinder gestorben und sie hatte diese allein großgezogen. Dann aber hatte sie ihren neuen Mann kennengelernt – er war zu ihr in ihr Haus gezogen, als ihr Sohn ins Studium gegangen war, die Tochter war bereits aus dem Haus. Und sie müssen eine gute Zeit miteinander gehabt haben, denn sie erzählte von ihrem Mann mit großer Intensität. Doch nachdem sich ihre Diagnose Eierstockkrebs bestätigt hatte – sie hatte es ihm am Abend erzählt, als er von der Arbeit gekommen war – war er am nächsten Abend nicht nachhause gekommen. Kein Wort. Kein Abschied. Keine Erklärung. Er war nicht gekommen. Einfach verschwunden. Nichts. Sie stand da, nicht nur ohne ihre Kinder, die im Studium waren und die sie nicht belasten wollte. Der Partner, mit dem sie die vergangenen Monate hatte und mit dem sie vielleicht noch Jahre hätte besitzen können, und sie erzählte von Urlauben, die sie gemacht hatten, von gemeinsamen Hobbies wie Tangotanzen, von gemeinsamen Freunden. Er war weg. Und mit ihm diese Zukunft. Spurlos gegangen, auch wenn er die Spuren ihres gemeinsamen Lebens als schmerzliche Erfahrungen in ihr hinterlassen hatte. Un doch war sie sich selbst und setzte sich mit ihrer Erkrankung auseinander. Wie die meisten Frauen, die wir mit dieser Krankheit geschlagen sind, war sie Stage 3-, ihre Prognose nicht besser als die meine. Sie konnte nicht verstehen, warum er sie verlassen hatte. Ich versuchte, mich in sie hineinzufühlen und spürte selbst nur eine Leere, die mich so anstarrte, dass ich ihr kaum zuhören konnte, wenn sie von diesen Tagen der Trennung erzählte – über mich selbst legte sich ein Schatten der Angst, die Vorstellung, dass sich mein Partner, meine Kinder, meine Freunde von mir, wie im Nu trennen würden – mich beschlich ein Eindruck, mein Tod könnte mich bei lebendigem Leib überkommen. Lina und ich saßen manchmal beieinander und weinten, was uns beiden guttat.“

              Der Weg ging gerade bergauf, weiter durch den Wald.

              „Feeny, es ist wie hier beim Fahrradfahren – wir sind gemeinsam unterwegs, und ich könnte mit dir weinen.“

              „Nicht deshalb erzähle ich dir davon – sondern eigentlich deshalb, weil ich dir sagen wollte, wie sehr ich dir dankbar bin, dass – als ich von meiner Diagnose erfahren hatte, meine Familie zu mir hielt, aber auch Menschen wie Du. Du warst die erste Kundin, die mich mit Bauchnaht sah und die mir Vertrauen in meinen nackten Körper gab. Ich vergesse nicht, dass ich für dich weiterhin der Anlaufpunkt sein durfte, und du dich nicht von meinen Metastasen anspringen hast lassen. Du hast mich weiter aufgesucht, ich hatte den Eindruck, dass ich bei dir meine alte Kraft und Ausstrahlung besaß, wenigstens gabst du mir mit deinem Vertrauen diese Zuversicht.“

              Beide traten kräftig in ihre Pedale. Anika schaute zu Feeny und war erstaunt, dass ihre Partnerin trotz ihrer Erkrankung den Weg hinauf schaffte und noch dabei sprechen und erzählen konnte.

              „Ich wusste zwar von deiner Erkrankung, weil du so offen warst, mir davon zu berichten, aber mit deiner Persönlichkeit hast du sie überstrahlt. Als du die erste große OP hattest und ich nach deiner ersten Genesung wieder zu dir kommen durfte, hatte ich deine Narbe nicht wirklich wahrgenommen. Deine Hände, deine Finger, deine Haute und deine Wärme. Ich empfand dich noch näher bei mir, in mir und ich in dir. Du warst noch offener und hattest mich noch tiefer an dir teilnehmen lassen, so mein Gefühl.“

              Sie radelten weiter in den Wald hinauf, bis sie eine Lichtung erreichten, die sich zum kleinen Ort Wilhelmshorst hin öffnete, und schon passierten sie das Ortsschild.

               Mit einem Lächeln hob Anika an: „Du wirst es nicht glauben – aber hier war ich schon gewesen, sogar mehr als ein Mal. Denn ich hatte bei meinen ersten Recherchen zur Geschichte des Nationalsozialismus eine Magisterarbeit geschrieben zu einem leider weithin vergessenen Schriftsteller, der hier lebte: Edlef Koeppen.”

              „Kenne ich nicht”, meinte Feeny, „was hat er geschrieben?”

              „Berühmt wurde er für seinen pazifistischen Roman ‘Heeresbericht’, mit dem er autobiographisch seine Kritik am Ersten Weltkrieg literarisch verarbeitete. Zugleich war innovativ, denn etwa zeitgleich mit Alfred Döblins ‘Alexanderplatz’ entwickelte er eine Montagetechnik, um Propaganda und Fiktion zu entlarven.”

              „Auch mich führt unsere Radeltour in die Vergangenheit – ich meine das Ufer zu sehen, an welchem das Hotel am See lag, in welchem wir unser Hochzeitsfest feierten.”

              Feeny schaute sich um zu René, der immer noch zwischen den beiden Kindern radelte. Feeny hielt an und auch Anika stoppte ihr Fahrrad. Als René mit den Kindern herankam, stieg Feeny ab, lehnte ihr Fahrrad an ein weißes Gatter, gegenüber einem Steg, der von einem Hotelrestaurant in den See führte.

              „Komm,“ forderte sie René, die Kinder und Anika auf, „lasst uns auf den Steg gehen!“ Ich erzähle euch von den Erinnerungen, die das Ufer hier bei mir wachruft.”

              Der Steg schien etwas wacklig, aber bot doch keine Gefahr. Alina freute sich, durch die breiten Ritzen der Holzdielen zu schauen und die verschiedenen Fische zu erspähen, die sich im klaren Seewasser tummelten. Nur Jan störte die Idylle. Er warf Kieselsteine nach den Fischen, die diese im Nu verschwinden ließen.

              „Oh nein“, beschwerte sich Alina und machte Anstalten, dass sie Jan ins Wasser stoßen wollte – was Feeny alarmierte.

              „Kids!“

              Auch René warf Alina und Jan einen ernsten Blick zu, doch, nachdem beide schmunzelten und dann in heftiges Lachen ausbrachen, waren auch die Erwachsenen erlöst.

              „Seht, hier, so wie wir jetzt stehen, mitten auf einem Steg im See am Ufer einer Winterlandschaft hatten wir 1993 unsere Hochzeitsbilder gemacht, ich im langen blauen bayrischen Hochzeitskleid mit goldenen Schuhen und René im samtgrünen Anzug und grünen Hosen. Unser bester Freund und Trauzeuge machte als Fotograf die Aufnahmen.               Noch letzte Woche hätte ich nicht geglaubt, mit Euch nochmals diese Erinnerungen nachleben und zusammen lachen zu können.“

              Kaum hatte sie das gesagt, warf Jan einen noch größeren Stein vom Steg ins Wasser und die gesamte Mannschaft war nass.

              Doch statt zu schimpfen, fing nun auch Feeny an zu lachen. Sie hielt sich den Bauch, der sie schmerzte, doch der Schmerz verlief sich in ihrem Gesicht und das Lachen überstrahlte die Züge ihres Schmerzes. René erkannte zwar auch die Schmerzwinkel um den Mund von Feeny, aber auch ihn überkam ein Schmunzeln, das in Lachen überging. Die Situation war urkomisch – hätte er sich vor so vielen Jahren vorgestellt, dass er einmal mit Feeny und ihren Kindern und einer Freundin auf einem Steg wie in Ammerland stehen würde und, nachdem, was sie in der vergangenen Woche, in den vergangenen Monaten und Jahren durchgemacht hatte, einfach hier stehen und gemeinsam aus Herzenskräften lachen könnte, er hätte sich für verrückt gehalten. Das Leben war nicht totzukriegen, so lange Leben da war. Feeny hing sich in die Arme von Anika, gab Alina und Jan einen dicken Kuss und drückte auch René herzlich.

              „Ich hab mir – und Ihr habt mir einen großen Wunsch erfüllt. Als ich unseren Hochzeitstag in dem Hotel am See mit René gefeiert hatte, hätte ich mir nie vorstellen können, wie glücklich ich sein könnte, gerade nach einer Woche wie der vergangenen. Mein Leben war voller Überraschungen. Und es hat mehr Überraschungen zu bieten gehabt, als ich mir hätte erträumen können. Kommt, ich lade euch alle zu einer heißen Schokolade oder zu einem Kaffee und für die Erwachsenen zu einem Sekt ein. Los, ante portas!“Die Kinder jubelten, Jan warf den Rest der Steine in den See, die aufspritzten, andere sprangen mehrfach über die Oberfläche.

              Als es schon Abend wurde erreichten sie den Bahnhof. Sie brauchten nicht lange zu warten, bis sich eine S-Bahn näherte und die etwas ermüdete Gruppe samt ihren Leihfahrrädern aufnahm und nach Berlin zurückbrachte. Vom Bahnhof war es nicht weit zurück zum Hotel.

              „Mamutschka, weißt Du, wieviel Kilometer du heute auf dem Fahrrad geschafft hast?“

              „Keine Ahnung.“

              „Weit über elf Kilometer,“ sagte Jan stolz und verwies auf sein Handy, mit dem er die Tour am Wannsee entlang getrackt hatte, „mehr als doppelt so viel als gestern.“

              Im Hotel angekommen griff René zum Handy und rief Bruno an – er hatte im Gespräch mit Anika und Feeny am Abend im Hotel, nachdem die Kinder in die Betten gegangen waren, von Brunos prekärer Situation erfahren. Auch wenn er sich selbst kein Urteil in der Sache erlauben wollte, weil er die Umstände nicht im Detail kannte und das, was er gehört hatte, auch nicht verstand, wollte er Bruno mitteilen, dass er ihm vertraue und an seiner Seiten stünde.

              Als Bruno die Telefonnummer von René aufleuchten sah, nahm er gleich ab. René zog sich in einen Nebenraum zurück, weil es im Gastraum des Hotels zu laut war.

              „Oh Mann, sagte René, dir muss es beschissen gehen, oder?“

              „Am meisten ärgere ich mich über mich selbst, René – weil ich, meines Erachtens, keine Entschuldigung habe. Ich habe damals einen oder vielmehr viele Fehler gemacht. Wie mit vielen persönlichen Fehlern entschuldigt auch hier die Tatsache nicht, dass du Fehler erst im Nachhinein realisierst und einsiehst, vielleicht sogar erst einsehen kannst. Aber ich hätte damals bereits so weit blicken und spüren müssen, dass es nicht recht war, Minderjährige auf eine Freizeitfahrt mitzunehmen und sie in eine Situation zu führen, in denen sie körperlich und seelisch verletzt werden konnten und, wie diese Frau, die sich jetzt beschwert, wohl auch verletzt wurden.“

              „Gleich wie – ich kenne mich weder in den juristischen Details aus, noch scheinst du nach so vielen Jahren den genauen Vorgang zu kennen, zumal, so habe ich dich verstanden, du dich nicht selbst der jungen Dame genähert hattest und sie nicht durch dich persönlich zu Schaden kam. Ich wollte dich anrufen, weil Anika ein paar Andeutungen gemacht hat, warum du nicht nach Berlin mitkommen konntest.“

              „Ja, das tut mir so schrecklich leid – gerade jetzt, wo es Feeny nicht gut geht, wäre ich gern mit Anika an Eurer Seite gewesen.“

              „Stattdessen musst du dich um dich selber kümmern, und ich kann dir nur von Feeny mitteilen, dass sie derselben Meinung wie ich ist, dass das wichtiger ist und dass du dich derzeit, auch um Anika willen, um dich selbst kümmerst und versuchst, diese Sache ordentlich durchzustehen und zum bestmöglichen Ausgang zu bringen. Außerdem ist Anika an unserer Seite, wofür wie alle dankbar sind, denn in einer solchen Situation dreht man sich als Familie schnell um sich selbst und findet keinen Weg aus dem Zirkel. Von Feeny soll ich dir ausrichten, dass sie sich besser fühlt, sich auch bei dir bedankt, dass du an sie denkst und für die Zeit auf Anika verzichtest, gerade jetzt, wo du ihre Nähe selbst so gut gebrauchen könntest.“

              „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Es ist so gut, Freunde wie Euch zu haben.“

              „Dasselbe kann ich von dir und Anika sagen. Schon deshalb rufe ich dich an, damit du erzählen kannst, wie es jetzt um dich steht, und wie es weiter gehen soll.“

              „Die Sache mit der Anschuldigung wird gewiss noch eine Weile ins Land gehen. Ich hatte heute ein Gespräch mit meinem Anwalt und er war der Meinung, dass ich – wie ich es vom ersten Tag an angegangen war – weiter verfolgen sollte, schlicht dazu stehen, was gewesen war und eingestehen, dass ich meiner Aufsichtspflicht nicht nachgekommen sei. Soweit empfand ich das in Ordnung. Doch dann fügte er hinzu, dass die Dame mich auch beschuldigt, dass ich in diesem türkischen Bad selbst beim Übergriff mitbeteiligt gewesen sein soll, sie behauptet, ich habe sie zusammen mit den Badehelfern mit Seife eingerieben, mit Wasser abgewaschen und sei mit meiner Hand tief in ihre Scheide eingedrungen . Ich kann dir versichern, dass ich dies nicht getan hatte, auch wenn sie es behauptet. Zugleich empfahl mir der Anwalt, sogar diese Beschuldigung als Täter zu gestehen, weil ich dann womöglich mit einer milderen Strafe wegkommen würde, milder jedenfalls, als wenn ich die Tat bestreiten würde. Denn im Falle, dass ich auf meiner Unschuld, was diesen Übergriff betrifft, bestünde, so meinte er, würde es eine Verhandlung mit dem Opfer geben, auch ein mögliches psychologisches Gutachten – falls sich keine Zeugen für oder gegen die Beschuldigung fänden – und, je nachdem wie ein solches Gutachten ausfiele, könnte es dann zu einer Haftstrafe ohne Bewährung kommen. Also, so seine Empfehlung war, besser etwas gestehen, auch wenn ich es nicht getan hätte, um mit einem vereinfachten Verfahren und einer gegebenenfalls geringeren Strafe wegzukommen, als sich einem ungewissen, längeren, teureren Verfahren mit möglicherweise drastischerem Ergebnis und größerer Öffentlichkeit auszusetzen.“

              „Das klingt zwar pragmatisch, vielleicht sogar vernünftig, geht aber gegen meinen Gerechtigkeitssinn und klingt in meinen Ohren völlig absurd.“

              „Tja, das sagst du mir als Moraltheologen! Ich denke nicht anders als du. Soll ich meine Prinzipien von Wahrheit und Gerechtigkeit aufgeben, nur um meinen Hals aus einer ungerechtfertigten Schlinge zu lösen? Zugleich muss ich an das Opfer denken – und frage mich, wieso sie zu einer solchen Aussage kommt.“

              „Kannst du Zeugen finden, die sich zur damaligen Situation äußern können?“

              „Keine Ahnung, aber ich habe begonnen, einige derer, die damals mitgereist waren, aus meinem Gedächtnis und dann im Internet zu recherchieren, um sie meinem Anwalt als mögliche Zeugen zu benennen. Was dabei rauskommen wird, muss ich abwarten.“

              „Nochmals, ich kann dir nur zusagen, dass ich dich unterstütze, womit auch immer.“

              „Das kannst du vielleicht tatsächlich – denn gestern war die Polizei mit mehreren Beamten gekommen, und sie haben all meine elektronischen Geräte beschlagnahmt, deshalb hast du mich auch heute nicht auf meinem Handy, sondern nur über Festnetz erreicht. Auch meinen Laptop haben sie mitgenommen. Ob du einen Ersatzlaptop hättest?“

              „Ja, hab ich, weil ich mir vor wenigen Tagen einen neuen Laptop gekauft habe – ich war nämlich zu einem Entrepreneurgespräch mit einem jungen Team in einem polnischen Hotel gewesen und am nächsten Morgen vergass ich meinen Laptop im Zimmer, was ich erst bemerkte, als ich ihn bei der Sicherheitskontrolle am Flugplatz aus meiner Arbeitstasche nehmen wollte und ihn nicht fand. Da ich aber zu Beginn der Woche unbedingt einen Rechner brauchte, habe ich mir einen solchen per Übernachtexpress besorgt. Inzwischen hat mir das Hotel jedoch mein bei ihnen vergessenes Gerät zugeschickt, so dass ich jetzt einen Laptop übrig habe, den ich dir gerne ausleihen kann.“

              „Wunderbar – gib ihn Anika bitte mit, wenn sie zurückkehrt, ich kann dir nur von Herzen danken.“

              „Keine Ursache!“

              „Ich will euch jetzt nicht länger von der viel wichtigeren Aufgabe abhalten – steht Feeny zur Seite und sag ihr, Anika und euren Kindern ganz liebe Grüße, auf dass Feeny diese schweren Tage übersteht.“

              „Mach ich Bruno, und dir viel Kraft, auf dass wir uns bald wieder alle zusammen sehen können.“

              „Hat dir Bruno die Geschichte erzählt?“ fragte Anika.

              „Vertrackt,“ meinte René, „hoffentlich findet er Zeugen, die ihn entlasten können – denn mir leuchtet die Empfehlung seines Anwalts zwar ein, aber das klingt wie eine Perversion des Rechts.“

              „Bruno sieht ja ein, dass er einen schweren Fehler begangen hat, aber ich kann nicht glauben, dass er getan hat, was die Dame behauptet. Er war unüberlegt, die Minderjährigen an diesem Abend mitgenommen zu haben, aber dass er sich selbst inmitten aller anderen Jugendlichen so exponiert hätte und überhaupt, dass er sich einer Minderjährigen so genähert und in sie gedrungen wäre, kann ich mir nicht vorstellen. So kenne ich ihn nicht und, ich glaube, er wäre der erste, der ein solches Fehlverhalten zugeben würde.“

              „Das glaube ich auch, denn er kann sich gut in Menschen hineindenken und leidet deshalb ja auch mit dem Opfer, deren Empfinden er gar nicht bestreitet, wie ich vom Telefonat mitbekommen habe.“

              „Dass diese Sache in den letzten Tagen, gerade als wir zusammen in Malta waren, hochgekommen ist, setzt allerdings auch unsere Sorgen in Perspektive. Angesichts wirklicher Bedrohungen, wie du, Feeny, sie erlebst und wie ihr sie als Partner und Familie durchleben müsst, sind die Sorgen, die uns Plagen geradezu gering.“

              „Das mag stimmen, aber Sorgen kann man nicht gegeneinander abwägen – was immer dich trifft, trifft dich in voller Härte. Die eigene Sorge bewirkt vielleicht, dass du empfindsamer wirst für die Sorge des Freundes, oder, wie in diesem Fall, des Freundes und von dir, Anika. Weil ich weiß, was es heißt, mitbetroffen zu sein.“

              „Oft frage ich mich, wer hilfloser ist, die oder der Betroffene, oder die Mitbetroffenen,“ sagte Feeny, „ich fühle mich manchmal so elend, nur weil ich sehe, wie die Kinder, wie René, wie Du, Anika, Bruno, wie andere Freunde leiden, nur weil ich habe, was ich habe und das nicht von mir abschütteln kann. Ja, ich leide öfter an dem Schmerz, den ich meinen Nächsten zufüge als an meinen eigenen Metastasen. Die drücken mich, ich spüre sie hier und da, fühle Blähungen und, wie in den vergangenen Tagen, Schmerzen, die mich am Gehen hindern. Aber ein Blick in die Mienen der Kinder oder in die Trauer von René oder dir, Anika, und meine eigene Schmerzen haben sich in Nichts aufgelöst. Ich hätte nie glauben können, dass ich mich auf ein Fahrrad setze – und dann hocke ich auf diesem Gestell, meine Beine drehen sich, und mit dem Strahlen von Jan bewegen sie sich wie von selbst.“

              „Unfassbar“, sagte Anika.

Zurück in der Klinik

 

 

Prof. Choukri trat in seinem gewohnten festen Schritt an Feeny’s Bett heran, neben ihm sein Gefolge an Oberarzt, Assistenzärzten, Krankenschwestern und Studierenden.

              „Sie sehen erholt aus,“ eröffnete er das Gespräch, „wie haben sie das Wochenende mit Familie verbracht?“

              Er hatte von Feeny gewusst, dass sie geplant hatte, mit Familie in Berlin zu bleiben, weil die Zeit zu kurz gewesen wäre, nach England zu fliegen, außerdem hatte er ihr dringend empfohlen, sich nicht zu weit von der Klinik zu entfernen. Wenig erstaunlich waren entsprechend auch die Mienen von Oberarzt und Assistenzärzten eher skeptisch, und sie wunderten sich über die direkte und optimistische Weise, wie ihr Chef die Patientin ansprach. Und das, obwohl sie ihn inzwischen eigentlich kennen müssten. Doch gerade deshalb waren sie desto erstaunter.

              Als ob er den Ton richtig getroffen hätte, antwortete Feeny:

              „Es waren wunderbare Tage, wenn auch kurz, dafür aber intensiv – und so schön, die Kinder wieder drücken zu können, auch meinen Mann und eine liebe Freundin – außerdem, sie werden es nicht glauben, ich wurde am Samstag überredet, eine kleine Tour mit dem Fahrrad durch den winterliche Wald zu unternehmen, und, weil es meinem Bein so gut tat, dass der ziehende Schmerz fast völlig verschwand, leihten wir für den gesamten Sonntag Räder aus, fuhren mit der Bahn an den Wannsee, besuchten den Ort, an welchem ich vor Jahren das Haus einer Schriftstellerin suchte und fand, über welche ich meine Doktorarbeit geschrieben hatten, und fuhren dann mit den Rädern über elf Kilometer am See entlang.“

              Prof. Choukri schaute nur kurz auf, runzelte die Stirn, bevor er in lautes Gelächter ausbrach.

              „Da sehen sie, wandte er sich an seine Begleitung, kaum entlässt man sie, macht sie Purzelbäume und erfreut sich des Lebens. In der vergangenen Woche hätten einige der Kolleginnen und Kollegen nicht mehr damit rechnen wollen, dass Frau Weingarten das Wochenende erlebt, und jetzt fährt sie mit dem Rad durch die halbe Mark Brandenburg.“

Feeny wusste die Offenheit von Prof. Choukri zu schätzen. Sie selbst hatte nicht nur gespürt, wie haarscharf sie am Tod vorbeigeschlitten war, auch sie hatte einige Momente in den vergangenen Tagen, an denen sie sich die Frage gestellt hatte: Will ich noch, kann ich noch, oder reicht es mir jetzt? Allein die Vorstellung, dass sie ihre Kinder nochmals sehen würde und auch René in die Arme schließen könnte, ließen sie durchhalten, noch ein weiteres Mal alle Kraft aufbringen und sich nicht einfach gehen zu lassen. Wären Anika und René nicht abwechselnd bei ihr gewesen, hätte sie dieses Mal die Kraftakte nicht mehr aufbringen können, zumindest war das ihr Gefühl. Desto stolzer blickte sie jetzt in die freudigen Augen eines Arztes, der nicht nur Zahlen kannte, Daten und Medikamente diktierte, sondern oftmals auch nachdenkend wurde, minutenlang schwieg und überlegte, während vor seinem Besprechungsraum eine lange Schlange von Patientinnen und ihren Angehörigen wartete. An diesem Morgen allerdings war jede Müdigkeit, jede Nachdenklichkeit von seinem Gesicht verschwunden. Er ergriff ihre Hand und gratulierte Feeny und sich selbst und seinem ganzen Team. Nun waren auch die Gesichtszüge des Personals, das hinter ihm stand, langsam am Entspannen.

              „Wir können die Pflaster abnehmen, überprüfen sie nochmals die Blutwerte, wir machen noch einen Ultraschall“, ordnete er an, und zu Feeny gewandt, bat er:

              „Können sie sich bitte noch am Bauch frei machen, ich würde gerne Ihren Unterbauch abtasten und die Nieren untersuchen.“

              Feeny deckte sich auf, schob ihr Krankenhauskleidchen nach oben, während die Schwester ihre privaten Teile verdeckte. Prof. Choukri tastete zunächst sanft, dann mit gewohntem Handgriff über die verschiedenen Unterbauchteile, hob sie auch ein wenig nach links und nach rechts, indem er um sie griff und die Nieren untersuchte.

              „Auch ihr Bauch ist übers Wochenende weicher geworden. Wenn sich der Zustand heute weiter stabilisiert und die Werte entsprechend sind, können sie morgen nachhause gehen.“

              Nachhause – Feeny hätte Prof. Choukri umarmen können. Das war das schönste Wort, es klang wie ein Zauberwort in ihrem Ohr.

              „Ich werde heute Abend nochmals zur Visite zu ihnen kommen, dann haben wir auch die Laborwerte der vergangenen Woche, und ich kann die Dynamik besser abschätzen und mit ihnen die weiteren Schritte besprechen.“

              Feeny nickte, auch wenn sie ein wenig in Sorge war, was diese Reizworte „Dynamik“ und „weiteren Schritte“ bedeuten würden. Allerdings hatte sie das Empfinden, dass sie es einmal mehr geschafft hatte, und, auch wenn sie wusste, dass jeder Tag ein weiterer Abschied in ihrem verkürzten Leben bedeutete, so war sie einfach dankbar, dass sie das Wochenende in dieser Unbeschwertheit und Ausgelassenheit erleben durfte und sogar noch die Mannschaft im Krankenhaus zu einem kräftigen Lachen gebracht hatte.

               Nachdem sich die Visite verabschiedet hatte und das Frühstück beendet war, wartete Feeny bereits gespannt auf ihren Besuch. Wie von ihr erwartet, riss Alina als erste die Tür auf, noch bevor René an der Zimmertür klopfen konnte. Alina sprang zu ihr ans Bett und Feeny legte sofort die Bettdecke zur Seite. Während Jan, René und Anika ins Zimmer traten, bat Feeny Alina, aus ihrem Kleiderschrank die Teile herauszunehmen, mit denen sie ihre Mama anziehen wollte. Alina war zielsicher, schloss den Schrank auf und schaute durch die verschiedenen Schubladen. Sie traf die richtige Auswahl, ein leuchtend schwarzes Samthemdchen und dazu passend eine rot-schwarze Leggins, die wie ein Feuerwerk aussah. Mum hatte diese Kombination im umgekehrten Partnerlook mit René in einem Versace-Outletcenter gekauft – Dad das Feuerwerkshemd und eine schwarze Hose. Sie wusste, dass Dad diese Kombination sehr mochte, weil sie ihn immer wieder an die gemeinsamen Silvesterfeiern erinnerte, an denen sie beide öfter diese Kombination trugen. Alina schien nicht nur den Geschmack ihrer Mum, sondern auch den von Anika getroffen zu haben.

              „Stammen die Teile aus deiner eigenen Kollektion?“ fragte Anika.

              Feeny schmunzelte – „Nein, so berühmt bin ich noch nicht, sie sind von Versace designed, aber er ist eine große Inspiration für mich. Wie er Luxus und Eleganz miteinander verbindet, ohne Bourgeois zu wirken, was er mit mutigen, sogar kühnen Mustern erreicht. Schon immer habe ich barocke Männermode gemocht, dann auch, weil René Farben liebt.”

Anika fügte hinzu: „Die antiken Elemente sind Schlüsselmotive, die Versace aus der griechischen Mythologie nimmt. Sie erinnern mich sofort an Kreta.“

              Feeny zeigt auf den linken Arm ihres Oberteils: „Wenn du genau hinschaust, erkennst du das Haupt der Meduse, eine unfassbare Farbenpracht und zugleich Sinnlichkeit und Reiz.“

              Anika und René merkten, wie Feeny ins Schwärmen kam, und Alina hörte mit spitzen Ohren zu, während Jan sich mehr für die technischen Geräte interessierte, die hinter Feenys Bett blinkten, leuchteten und irgendwelche Werte auf Monitoren zeigten.

              „Versace ist aber nicht der einzige, unglücklich gestorbene Modedesigner.“

              „Warum“, fragte Anika.

              „Der Ärmste wurde vor ein paar Jahren vor seinem Anwesen in Miami Beach erschossen.“

              „War er nicht aus Italien?“

              „Das schon, er wurde auch in Mailand auf dem berühmten Cimitero Monumentale beerdigt, dort, wo Giuseppe Verdi, sein leidenschaftlicher Interpret Arturo Toscanini und auch die expressive Dichterin Alda Merini begraben sind.“

              „Wenn du sagst, dass er nicht der einzige unglücklich Modedesigner war – an wen denkst du noch?“

              „Ein weiterer wichtiger Impulsgeber für mich, Yves Saint Laurent. Ja, er war und ist sogar noch bedeutender für mich, denn aufgrund seiner Homosexualität und seiner Partnerschaft mit Pierre Bergé war es ihm gelungen androgyne Elemente in die Damenmode einzubringen. Was bei Versace Verspieltheit mit Luxus gepaart war, ist bei Saint Laurent maskuline Rafinesse und Eleganz. Dabei hatte ich mich in seinen Stil schon deshalb verliebt, weil er seine Farben und Formen oft aus seinem Liebelingsland Marokko entnahm. Dort, in Marrakesch, hatten die beiden 1980 ein Haus und einen Garten gekauft, der von dem in Marrokko wirkenden französischen Künstler Jacques Majorelle in den 20er und 30er Jahren angelegt worden war. Wie Majorelle marokkanische Sujets bevorzugte, Landschaften, Gebäude, Menschen und ihre Lebensweisen und die Lebensvielfalt in diesen Garten mit exotischen Pflanzen, Teichen, bunten Pavillons und Springbrunnen einbrachte, so zog auch Saint Laurent Inspirationen aus diesem Garten, den er mit seinem Partner pflegte und gestaltete. Wenn immer ich in Marrakesch bin, ziehe ich mich in diesen Garten zurück. Auch wenn er von Touristen geliebt wird, finden sich doch viele schattische Plätzchen, an denen man die Gedanken über Farben und Formen schweifen lassen kann. Am meisten aber liebe ich den Grabstein von Yves und seinem Partner Pierre. Und wenn ich besonders traurig sein möchte und zugleich in meiner Trauer an meine Liebsten denken will, dann lese ich die Liebesbriefe, die Paul an seinen verstorbenen Partner Yves geschrieben hat. Kaum lese ich einige Zeilen, kommen mir die Tränen, doch sie wirken so beruhigend und so kühlend wie der Springbrunnen nicht weit vom Grab der beiden.“

              Alina griff nach dem Arm ihrer Mum – sie war es zwar gewohnt, dass diese gerne erzählte und dann kaum ein Ende fand, aber sie war zugleich bewegt und fühlte , dass Mum nicht nur traurig klang, sondern zugleich hoffnungsvoll strahlte. Ganz verstanden hatte sie nicht alle Ausführungen, aber irgendwie wusste sie, dass sie die richtige Kleidung aus dem Schrank gezogen hatte, was sie freute.

              „Ich seh schon,“ führte Feeny fort, „ich langweile euch mit meinen Modesachen – wie wäre es, wenn wir gemeinsam Romey spielen würden, drüben am Tisch beim Fenster?“

              „Au ja“, stimmte Jan zu, der sich sogleich auf die Suche nach dem Spiel mit den Steinchen machte.

              „Schau, dort unten beim Nachttisch“, wies ihn Feeny an.

              Feeny zog die Silvesterpartykleidung an und die Gesellschaft nahm am Tisch platz – dankenswerterweise war Feeny noch ohne Mitpatientin in ihrem Zimmer und es waren damit auch genügend Stühle vorhanden, dass sie sich alle um den kleinen Tisch setzen konnten.

              Sie spielten stundenlang, zwischendurch war das Mittagessen gereicht worden, auch die Kinder bekamen Tee und einen heißen Kakao.

              Erst gegen Nachmittag bat Feeny, dass sie sich ein wenig ausruhen möchte.

René, Anika und die Kinder verabschiedeten sich und suchten auf dem Krankenhauscampus das Restaurant auf der ersten Etage des langen Gebäudes auf, in welchem die Kinder sich eine Speise wählten und Anika mit René gemeinsam Kaffee und Kuchen verköstigten. Um sie herum saßen Ärztinnen und Ärzte, Patientinnen und Krankenhausangestellte, eine bunte Mischung, die zeigte, dass es ein Haus war, in welchem alle gemeinsam am Leben arbeiteten, wenn auch an verschiedenen Stellen.

              Feeny war eingeschlafen und hatte gar nicht bemerkt, dass Prof. Choukri neben ihr Bett getreten war. Als dieser sie ansprach, kam sie langsam zu sich und wirkte etwas erstaunt, weil sie ihn alleine im Zimmer sah.

              „Ich bin noch nicht zur Visite da – aber ich wollte sie etwas fragen. Denn ich hatte die Anfrage eines Konsortiums, das sich weltweit bemüht, eine Eierstockkrebspatientendatenbank aufzubauen und Kliniken und Ärzten die Möglichkeit gibt, individuelle Patientenprofile und Daten auzutauschen, auch Medikamentationen und Erfolgsverläufe, so dass eine individualisierte Therapie möglich werden soll. Da sie bereits vor einigen Wochen zugestimmt hatten, an dieser Studie mitzumachen, war die Anfrage, ob sie über ihre Erfahrungen in einem kurzen Film darüber berichten würden? Das Team käme auch zu ihnen nach Manchester und würde die Aufnahmen dort und hier in Berlin machen. Vielleicht wollen auch Mitglieder ihrer Familie über ihre Erfahrungen mit der Therapie berichten. Das könnte andere Patientinnen ermutigen, sich an der Studie zu beteiligen, denn wir bräuchten noch etwas mehr Unterstützung.“

              Feeny, die noch etwas Mühe hatte, den Überlegungen ihres Arztes zu folgen, verstand aber soviel, dass sie dessen Bemühen, um eine Verbesserung der Therapie und überhaupt um ein breiteres Bewusstsein für seine Anstrengungen zu erwirken versuchte.

              „Meinen sie, ich sei die richtige Patientin? Gerade, wo ich in den letzten Wochen eher durchhing?“

              „Therapie – das wissen sie wie ich inzwischen, heißt bei Eierstock im seltensten Fall Genesung, sondern, wir sind ja bereits zufrieden, wenn sie ein lebenswertes Leben leben dürfen und können, gleich, wie lange dieses geführt werden kann.“

              „Ich kann ihnen gar nicht sagen, wie wichtig für mich das vergangene Wochenende war. Die Gespräche mit meiner Freundin, das Zusammensein mit meinem Mann, den Kindern. Was gibt man für solche zwei Tage? Aller Einsatz ist es wert. Wir hatten so herzlich miteinander gelacht, sie können nicht glauben, wie mein Mann staunte, als ich auf das Fahrrad stieg, und ich hatte den Respekt sogar meines Sohnes, als ich ohne zu Mäckern die Waldwege hochgefahren bin. Und tatsächlich ging es mit jedem Meter besser. Der Geruch der Tannen, das Feuchte Grün der Wiesen, das Parfüm meines Mannes, ich rieche es noch, weil solche Gerüche mehr in der Erinnerung als in der Nase stecken.“

              „Soll ich der Filmcrew Bescheid geben?“

              „Ja, bitte, ich bin auch zuversichtlich, dass ich in den nächsten Tagen nicht nur Fahrradfahre, sondern auch wieder normal laufen kann, und überhaupt wieder ins Leben zurückkehre.“

              „Den Eindruck habe ich auch – lassen sie mich ihnen aber auch noch einen Tipp auf ihren Weg geben, außerhalb der Visite, ich habe mir ihre Werte angesehen. Sie sind insgesamt ok und es besteht vermutlich auch in den nächsten Tagen und Wochen keine ernsthafte Gefahr, aber an einigen Werten können wir ablesen, dass ihre Erkrankung an Fahrt aufgenommen hat. Es ist m.E. noch zu früh für eine drastische Intervention. Hier müssen wir immer abwägen – greifen wir zu früh ein, dann lege ich sie wieder ins Bett und mache sie auf Tage, Wochen und vielleicht Monate krank, während sie ansonsten doch einigermaßen normal ihr Leben leben können, zusammen mit Familie, mit Freunden, ihren Beruf ausüben, durch die Welt fliegen und Menschen kleiden und ihnen das Leben bereichern. Wenn wir allerdings zu spät eingreifen, könnten wir eine Dynamik verpasst haben, die wir nicht mehr stoppen können. Ich schlage deshalb vor, wir bleiben auf Tuchfühlung, wenn sie – wie in den vergangenen Tagen Fieber entwickeln, das längere Tage anhält, auch auf 38 Grad steigt, oder wenn sie starke Schmerzen entwickeln, die anhalten und kaum erträglich sind, melden sie sich umgehend. Ein Bett ist immer bereitet.“

              „Gibt es dann Optionen?“

              „Optionen gibt es, und ich werde ihnen sagen, wenn ich der Meinung bin, dass uns die Optionen ausgehen. Aber soweit sind wir noch nicht. Übrigens, wenn wir schon von öffentlichen Auftritten sprechen – wären sie auch bereit, in meiner Podcastreihe eine Gesprächsparterin zu sein? Ich habe begonnen, alle drei Wochen eine interessante Persönlichkeit zum Gespräch zu laden, um uns miteinander auszutauschen, was uns im Innersten antreibt zu tun, was wir tun und wie wir es tun.“

              „Sie schmeicheln mir,“ sagte Feeny, „ich weiß zwar, dass ich gerne tue, was ich tue, ich bin auch ein Frau mit Selbstbewusstsein, aber ob ich mich als Persönlichkeit bezeichnen würde?“

              „In meinen Augen sind sie nicht nur eine außergewöhnliche Patientin, eine meiner wenigen Langzeitüberlebenden, sie sind für mich selbst ein Rollenmodell, wie sie ihre Lebenszeit gestalten. Wenn ich bei meinen Arztterminen manchmal müde werde, niedergeschlagen und nur schwer die Kraft für die nächsten Patientinnen aufbringe, dann aber ihren Namen auf der Liste sehe, spüre ich die Energie, die von ihnen ausgeht, noch bevor sie das Besprechungszimmer betreten.“

              „Wir brauchen uns nicht gegenseitig auf die Schultern zu klopfen – ich ahne, wie fordernd ihr Job ist, und kann ihnen nur zurückgeben, dass es zwar immer Herzklopfen bedeutet, bei ihnen einen Termin wahrzunehmen, und ich schon deshalb gerne meinen Mann mit dabei habe, weil ich nach den ersten negativen Daten und Bemerkungen, die sie ja selten verbergen, innerlich abschalte, auch wenn ich es nicht möchte. Ich halte es einfach nicht aus und klicke weg. Dennoch gibt es mir Halt in meinem Leben, weil ich weiß, wenn sie sagen, was sie gerade gesagt haben, dann gehe ich wenigstens mit einer gewissen Zuversicht in den nächsten Tag und in die darauffolgende Woche.“

              „Danke, für ihre Bereitschaft – ich melde mich. Ich muss zurück in den Op, aber wir sehen uns heute Abend nochmals zur Visite.“

              Feeny legte sich zurück in ihr Kissen. Die ersten Jahre hatte sie sich gescheut, über ihre Krankheit zu reden. Sie hatte sich auch zum Prinzip gemacht, in der weiteren Familie wenig darüber zu sprechen, auch im Büro, mit ihren Angestellten und Kundinnen und Kunden sprach sie nicht darüber, weil sie sich selbst sein wollte, nicht nur die Patientin.

              Mut brauchte es, sich der Öffentlichkeit zu stellen, aber es diente auch der Selbstvergewisserung, und sie hatte das Gefühl, dass zu ihrer eigenen Krankheitserfahrung in der Öffentlichkeit zu stehen, ihr helfen könnte, sich dieser Krankheit bewusster zu werden, sich nicht nur mit ihr auseinanderzusetzen, sondern auch gegen sie zu kämpfen und ihr selbst und gegebenenfalls anderen zu helfen, mit ihr leben zu lernen.

              Dann klang in ihr nach, dass Prof. Choukri von mehreren Wochen, vielleicht von Monaten sprach, bevor wieder eine invasive Chemotherapie oder OP erfolgen würde. Das bedeutete wohl, dass sie weiterhin mit der eher erträglichen Immuntherapie auskommen würde. In ihr stieg der Gedanke auf, nach ihrer Krankenhausentlassung möglichst bald in den sonnigen Süden aufzubrechen. Sie wusste natürlich, dass René nicht soviel Zeit erübrigen könne, weil er beruflich eingespannt war und auch einer von ihnen beiden an den Wochenenden sich um die Kinder kümmern müsse. Aber vielleicht könnte sie ja Anika fragen, ob sie Zeit mit den Kindern verbringen könne. Es würde ihr jedenfalls gut tun – hatte die Immuntherapie, die sie seit einigen Monaten erhielt, doch die unangenehme, wenn auch nicht gefährliche, Nebenwirkung, dass ihr alle Nägel, die Fingernägel wie die Fußnägel, aus den Betten herauseiterten. Als sie mit Familie im Spätsommer in Kroatien in Urlaub waren, bemerkte sie, dass die Mischung zwischen Sonne, Wind und Meerwasser in wenigen Tagen dazu führte, dass sich die Eiterwunden ein gutes Stück zurückgebildet hatten, sich jedoch wieder verschlimmerten, als sie zurück in England waren.

              Während sie vor sich hin sinnierte, öffnete sich die Tür und die Visite trat ein. Nach einigen Details, die Prof. Choukri mehr seinem Entourage zur Kenntnis gab, wandte er sich Feeny zu und sprach die erlösenden Worte: „Morgen dürfen sie nachhause, ich meine nachhause, nicht nur in ein Hotel in Berlin, sondern nach England. Der Oberarzt wird ihnen den Entlassungsbrief ausstellen, und wir sehen uns in einigen Wochen, machen sie bitte einen Termin mit meiner Sekretärin aus.“

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