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Leben und Tod
in einer Hand


Roman

Leben und Tod in einer Hand

Roman
by
Markus Vinzent

         Anika-Zyklus Band 3

The Anika Cycle · Book Three

Spirale A – In die Geschichte

Presse

21 April 2025.

Professor Dr. Lea Mendel telefonierte.

            Wieder Presse.

            Infos nachreichen zum gestrigen Jubiläum.

            Zugleich meldete sich ihr Piepser in der Seitentasche ihres Arztkittels.

            An der Tür klopfte eine Kollegin.

            Ihre Assistentin Dr. Eva Bernstein legte den ausgedruckten Bericht auf den Tisch ihrer Chefin: „Das neue Sparprogramm der Regierung! Übernahme der jüdischen Kinderklinik durch die Charité?“

            Prof. Mendel warf einen Blick auf das Papier, hob ihre Augenbraun, nahm das piepsende Gerät aus ihrer Tasche, schaute kurz auf das Display: Rot. Sie wandte sich zu ihrer Assistentin:             „Dringend?“

            „Ja. Wichtiger als der Bericht. Ich glaube, wir verlieren Miri – es sei denn, die Spenderniere ihrer Mutter kommt doch noch.“

            „Verzögerungsgrund?“

            „Blutdruck. Und der Hämoglobinwert fällt weiter.“

            Sie nickte knapp.

            „Kümmern Sie sich um das Kind. Ich sehe nach der Mutter. Eine Minute.“

            Für einen Moment stand sie still, nur eine Sekunde, dann war sie schon im Flur verschwunden.

            Ohne weitere Anweisung.

 

Dr. Bernstein blieb zurück, sprang von ihrem Tisch auf, griff sich ihren Arztkittel, überlegte kurz, ob noch etwas zu erledigen sei, bevor sie nach dem Kind sehen würde. Auch ihr Herz raste.

            Das Büro und ihr Schreibtisch wirkten plötzlich verlassen, Inhalte schienen sich aufzulösen.             Der Drucker schnurrte noch nach, und der Bericht über das Sparprogramm schob sich wie von selbst unter andere Papiere, als Dr. Bernstein die Tür verschloss. Menschen waren wichtiger als Zeilen und Zeichen. Sie rannte zum OP-Bereich, in welchem Miri für die Transplantation vorbereitet wurde. Die Schwestern drückten ihr die Datenblätter in die Hand, berichteten den Stand, sie trat zu dem Kind, fühlte Puls und Hauttemperatur, öffnete die Pupillen, streichelte seine Wangen. Dann gab sie Anweisungen. Schon flog die Tür auf, Prof. Mendel stand vor ihr.

            „Danke, Miris Mama stabilisiert sich, ich übernehme, Sie können zurück ins Büro. Ich kümmere mich später um den Bericht. Und bereiten Sie die morgige Telekonferenz mit der Mao-Klinik vor, ich soll die Eröffnungsrede halten.“

            Dr. Bernstein bestätigte, dass die Aufträge bei ihr angekommen waren und drehte sich auf ihrem Absatz um.

            Auf ihrem Bildschirm im Büro blinkten Anfragen von Redaktionen. Die erste: „Für unseren Pressebericht – 100 Jahre Kinderklinik – brauchen wir noch Material zur Geschichte zwischen 1933 und 1945?“ Sie wusste, das musste jetzt sie übernehmen, bis Prof. Mendel zurück kam. Ihre Chefin hatte allerdings solche Fragen vorweggenommen und einen Kurztext vorbereitet, zwei neutrale Sätze, die alles Wesentliche verschwiegen, aber auf die von der Roten Armee am Ende des Kriegs lebend angetroffenen 93 Kinder hinwiesen. Dr. Bernstein sollte die rechte Antwort wählen, kopieren, abschicken – eigentlich.

            Ihre Finger schwebten über der Tastatur.

            Prof. Mendel hatte am Tag zuvor bei ihrer Rede diese Jahre nur kurz angedeutet, sie nicht aufrühren wollen. Dr. Bernstein ahnte, warum.

            Sie nahm sich die Unterlagen, die sie ihrer Chefin für die Jubiläumsveranstaltung vorbereitet hatte, darin ein Artikel zur Gründung, der sich unter ihrer Rede verbarg:

 

Berliner Morgenblatt, 20. April 1925

„Ein neues Kinderkrankenhaus der Israelitischen Kultusgemeinde eröffnet“

In schlichter und würdiger Weise beging die Israelitische Kultusgemeinde Berlin am gestrigen Sonntag die feierliche Eröffnung ihres neuen Rothschild-Kinderkrankenhauses in der Auguststraße.

            Der leitende Stadtoberarzt Professor Dr. Ernst Abraham begrüßte im Hof des Hauses zahlreiche Gäste aus Verwaltung und Ärzteschaft, darunter die neu bestimmte Leiterin des Kinderkrankenhauses, Dr. Dinah Halberstam, den Vertreter des Städtischen Gesundheitsamtes, Dr. Alfred Baumgartner, den Chefarzt der Berliner Polizeisanität, Dr. Julius Hartmann, sowie den Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, Max Fürstenberg.

            In seiner Ansprache hob Professor Abraham hervor, dass das neue Krankenhaus „den schwächsten und verwundbarsten Gliedern unserer Gemeinschaft gewidmet“ sei und die Kultusgemeinde mit dieser Allgemeinklinik für alle Bekenntnisse „einen Beitrag zur Gesundung des gesamten städtischen Lebens“ leiste.

            Die Vertreter der Behörden dankten der Kultusgemeinde für ihr soziales Engagement und versicherten dem neuen Haus die „wohlwollende Unterstützung der städtischen Stellen“.

Im Anschluss an die Feierlichkeiten konnten die Anwesenden die modern ausgestatteten Stationen, Säuglingsräume und Behandlungszimmer besichtigen.

            Die Eröffnung fand bei strahlendem Frühlingswetter großen Anklang.

 

Ein hoffnungsvoller Anfang, dachte Dr. Bernstein, auf den ihre Chefin in ihrer Rede verwiesen hatte. Sollte sie eine Kopie des Artikels als Scan an die Presse schicken? Ob dies ausreichte, die düsteren Jahre zu erhellen? Etwas zögerlich blätterte sie das weitere Material durch. Vorgelesen hatte Prof. Mendel die frohe Nachricht des Anfangs der folgenden Nachricht:

 

Berliner Tageblatt, 11. Mai 1945

Erstes jüdisches Kind in Berlin geboren – ein Symbol dafür, dass neues jüdisches Leben wieder möglich ist. Die dunkle Zeit seit 1933 ist vorüber. Das Jüdische Kinderkrankenhaus Berlin war die einzige jüdische Einrichtung ihrer Art in Deutschland, die den Nationalsozialismus überstand. Ein Ort der Heilung und ein Ort des Schreckens. Hier überlebten in Kellern, geheimen Verbindungsgängen über 700 Kinder, Angehörige, Personal, Ärzte – trotz alliierter Bomben, trotz Gestapo und SS. Ein Hafen der Ankunft und ein solcher der Deportation. Und doch ein Symbol der Hoffnung.

 

Dr. Bernstein starrte auf die letzten Zeilen, in der schlechten Digitalisierung, leicht verschwommen. Ein Ort der Heilung und des Schreckens … Deportation – das konnte sie unmöglich an die Presse geben. Vor allem wegen der rechtspopulistischen Öffentlichkeit. Sie dachte an die Demonstranten.

            Schon tauchten vor ihr die Aufmacher in fetten Lettern auf:

            Von wegen Holocaust – Jüdische Kinderklinik bis zum bitteren Ende.

            Nazis und Juden unter einer Decke.

            Hat die Leitung der Jüdischen Kinderklinik deportiert? – Die Rechte fordert Akteneinsicht.

            Nicht jetzt, wo die Klinik selbst unter Druck stand, die Übernahmegerüchte durchsickerten, die Charité angeblich schon Strukturmodelle ausgearbeitet hatte, und ihre Chefin nicht wusste, wie sie die 60 Millionen Wasserschäden finanzieren sollte, die auch das Archiv betroffen hatten. Sollte das Geld des Westens schaffen, was die Nazis nicht vermocht hatten?

            Ihr Blick glitt zurück zur ersten Zeile:

            Erstes jüdisches Kind in Berlin geboren…

            Ein Satz aus einer anderen Welt.

            Der nach einer Jahrhundertwunde klang, nach einem ersten Atemzug, den es nicht hätte geben sollen. Nicht in Berliner, nicht nach deutscher Luft.

            Die wieder dünner wurde.

            Sie wollte den Artikel zur Seite legen, als sie am Rand etwas sah, das sie vorher überlesen hatte: eine Bildunterschrift, kaum zu entziffern, schief eingescannt:

            „Leitende Oberschwester J. Lewin mit dem Neugeborenen.“

            Dr. Bernstein runzelte die Stirn.

            J. Lewin?

            Sie kannte den Namen. Heute vom Posteingang? Oder aus der Archivliste von Unterlagen, deren Inhalt sie für Prof. Mendel im Archiv der Charité hatte einsehen sollen, die aber wegen des Wasserschadens noch nicht zugänglich waren?

            Ihr Blick wanderte zu der Liste, die noch auf der Ablage wartete. Auf der dritten Seite las sie den Eintrag: Nachlass E. Lewin. Derselbe Familienname, vielleicht Verwandtschaft der Oberschwester. Bevor sie weiter spekulieren konnte, meldete sich ihr Piepser: interne Nachricht der OP-Koordination.

            „Mutter instabil. Transplantation unsicher. Prof. Mendel nicht erreichbar.“

 

Dr. Bernstein führte die Hand zum Display. Es ließ sich nicht wecken. Blieb schwarz. Wie wenn sich die Welt von sich verabschieden wollte. Ein Moment, in welchem sie sich nicht drehte, nicht vorwärts, nicht rückwärts. Einfach stand.

            Sie zögerte. Gab dem Gerät, gab sich selbst den Augenblick.

            Schwarz.

            Nacht.

            Nichts.

 

Nach einem tiefen Atemzug versuchte sie es erneut. Das Display meldete sich zurück. Und gestattete den Blick auf die Nachricht, die ihr entgegenleuchtete: Gott sei Dank – Prof. Mendel war gerade aus einer anderen OP heraus, schon auf dem Weg zur Mutter.

            Sie sah erneut auf die verblasste Zeile in dem alten Artikel.

            Leitende Oberschwester J. Lewin.

            Sie konnte nicht sagen, warum – aber ihr wurde kalt. Eine Kälte, die nicht vom Flur, nicht von draußen kam. Etwas an diesem Namen…

            Hatte Prof. Mendel ihn jemals erwähnt? Oder absichtlich nie? Nein – dieser Name war bisher in keiner Akte aufgetaucht, auch nicht auf der Webseite der Klinik im Abriss zur Geschichte.

            Dr. Bernstein wusste, dass sie sich noch gedulden musste; die Kollegen hatten die beschädigten Archivteile in die Restaurierung gegeben. Ihr nicht sagen können, wann sie diese wieder einsehen könne.

            Sie überlegte sich einen geeigneten Satz für die Presseinformation.

            Nicht daran rühren, sagte sie sich. Nicht jetzt.

            Ihre Finger fanden den Rand des Deckels, die wellige Pappkante, die nach Jahrzehnten und dem jüngsten Wasserbruch nachgab wie alte Haut.

            Von draußen schallte ein Ruf:

            „Wir brauchen Prof. Mendel SOFORT!“

            Dr. Bernstein rief zurück: „Ist unterwegs!“

            Dann hörte sie gleich zwei Geräusche, eine Tür schlagen und ein leises Klopfen, kaum wahrnehmbar – nicht aus dem Flur, sondern aus der Tiefe des Kartons. Oder war es nur der Luftzug?

            Sie hob den Deckel.

            Ganz oben lag ein dünner Umschlag. Aufschrift: „Dr. Dr. Mavet – Wien 1924“.

Neuanknüpfen in Wien

1924. Wien.

            Dr. Dr. Chaim Mavet verließ das Hotel Bristol, die Konzerttickets in der einen Hand, die Handschuhe in der anderen. Er liebte die Musik des jungen, in Wien gefeierten Wunders Leonard Kornberg. Mit zwölf hatte dieser bereits ein pantomimisches Ballett geschrieben, ein Klavierwerk seines Lehrers Alexander von Zemlinsky orchestriert, zeigte schon damals die Einflüsse von Romantik, Moderne, schuf aber zugleich seine eigene Sphäre.

            An diesem Abend sollte eine seiner jüngsten Klaviersonaten aufgeführt werden, geschrieben zwei Jahre zuvor mit 17. Felix Weingartner würde sie spielen.

            Für Dr. Dr. Mavet war nicht nur dies Grund genug, bestgelaunt früh aufzubrechen.

Neben ihm ging seine Kollegin Dr. Hertha Lindhoff, Halbskopf größer als er – die er privat Hertha nennen durfte, im Dienst aber immer mit Dr. Lindhoff ansprach. Die Ringstraße pulsierte, im Gaslicht mischten sich Fiaker und luxuriöse Effinger-Automobile, über dem Stadtpark wehte ein milder Wind. Ihn interessierten die Verkehrsregelungen ebenso wie die Auslagen der vornehmen Geschäfte.

            Chaim blieb vor einem Hutmacher stehen, betrachtete die präzisen Linien des Filzes, die handgezogenen Kanten.

            „Jüdische Werkstatt“, sagte er leise.

            Hertha bestätigte: „Man sieht es an der Qualität.“

            „Generationen gelerntes Handwerk und Tradition.“

            Beide hatten sich während ihres Einsatzes in einem Lazarett in Breslau während des Krieges 1916 kennengelernt. Sie war ihm aufgefallen mit ihren langen braun-schwarzen Haaren, die über den weißen Kittel der Krankenschwester fielen. Eine frische Abiturientin, die sich auf ihr Medizinstudium in München vorbereitete und bis zum Studienbeginn praktische Erfahrung als Krankenschwesternhelferin sammeln wollte. Er hatte sich freiwillig zum Heer gemeldet, wollte vor Ort chirurgische Praxis vertiefen und Menschen helfen. Er hatte bereits seine Approbation als Arzt erhalten und war dabei, seine Doktorarbeit als medizinischer Anthropologe über Knochenfunde aus seiner Pfälzer Heimat in der Nähe von Ludwigshafen zu verfassen. Der Altersunterschied von sechs Jahren wurde durch das erhabene Erscheinen von ihr ausgeglichen, ein ungleiches Paar, das sich gerade in seiner Verschiedenheit gefiel.

            Sie setzten ihren Weg fort, und während sie den leichten Anstieg der Straße nahmen, der zum Schwarzenbergplatz führte, sprach Hertha über ihre Zeit in München, wo sie zum Ausgang des Krieges und danach studiert hatte und dort ebenfalls approbiert und promoviert worden war. Sie erzählte mit Begeisterung, wie sie die Ernsthaftigkeit ihrer Professoren und deren Bemühen um Kriegsversehrte und Kranke im Krankenhaus bewundert hatte, was sie erstmals bei Chaim im Lazarett in Breslau hatte erleben dürfen. Er war der Erste, bei dem sie gelernt hatte, was es heißt, mit ganzem Herzen Arzt zu sein.

            Chaim schaute sie etwas verlegen an. Das Lob war bei ihm angekommen, dabei wollte er eine Frage stellen, hielt aber Schweigen für einen tieferen Ausdruck der Verbundenheit, die sich zwischen ihnen während ihrer gemeinsamen Zeit im Ringen um Verwundete, Verstümmelte und Sterbende entwickelt hatte. Dass diese Bande sich auch hier, bei ihrer Wiederbegegnung in Wien, zu der er Hertha der gemeinsamen Musikliebe wegen eingeladen hatte, wieder einstellten, beflügelte ihn, während er ihr lauschte. Sie schien nicht weniger als er bereits den Weg zum Konzerthaus zu genießen.

            Er erzählte von seinen Plänen, in naher Zukunft für eine Forschungsphase nach Wien zu kommen, um für einige Wochen an anthropologischen Beständen zu arbeiten, die ihm der dortige Institutsleiter zugesagt hatte. Ein Grund mehr, warum er sie nach Wien eingeladen hatte. Und er sagte – ohne sich bewusst zu sein, welche Unsicherheit er in ihr Gespräch einbrachte – mit einer Art beiläufigem Stolz, dass er aus Mainz ein Angebot erhalten habe, das er ernsthaft in Betracht ziehe. Dies böte ihm die Möglichkeit, seine ethnographischen und anthropologischen Forschungen mit der Entwicklung einer Gesundheitsfürsorge für den Volksstaat Hessen, vielleicht über diesen hinaus auch für Preußen zu entwickeln. Letzteres sei seine wirkliche Ausrichtung.

War sie es? Mit Verve hatte er Hertha seine, ihre, die gemeinsame Zukunft entworfen und blieb doch mitten im Atemholen stecken, wie wenn er sich am Nichts der Luft verschluckt hätte. Er würgte, suchte sich zu fangen. Obwohl es nur ein winziger Stolperer zu sein schien, von außen betrachtet, hatte Hertha die Unsicherheit bemerkt. Doch noch bevor sie ihn ermunternd, stützend am Arm berühren konnte, hatte sich Chaim bereits wieder gefasst und warf sich erneut der Zukunft entgegen.

            Nur diese mächtige politische Kraft, führte er weiter aus, habe Zukunft und würde die Welt der Medizin verändern können. Er habe schon eine Vorstellung davon, ein Grundlagenwerk für die ärztliche Tätigkeit im öffentlichen Dienst zu schreiben, möglicherweise ein Weg, ganz nach oben zu kommen, vielleicht in Berlin eine Anstellung zu erhalten und über die Hauptstadt des Reiches international Anerkennung zu finden.

            Hertha hörte aufmerksam zu. Sie schwankte, wie sie ihn verstehen sollte. Bislang hatte sie immer geglaubt, er wolle Arzt und nichts anderes sein. Jetzt hörte sie heraus, dass er in der Forschung bleiben wollte, vielleicht sogar zum Beamten tendierte, aber auch höhere Ambitionen hegte. Dabei hatte er erst vor einigen Monaten seine eigene Praxis in Ludwigshafen eröffnet. Sie kannte Berlin nur flüchtig, war noch nie in Mainz oder Ludwigshafen gewesen. Doch was Chaim skizzierte, klang nach entschiedener Suche, wenn auch nicht klar war, wohin sie führen sollte. In mancher Hinsicht erinnerte sie sich an Breslau, seinen kompromisslosen Einsatz, dann aber an ihre Diskussionen, ob es darum gehen solle, Verwundete wieder kriegstauglich zu machen, oder ihnen die Chance zu geben, der Gefahrenfront zu entkommen. Sie hatte die letzte Position vertreten, er zunächst die andere, bis er sich schließlich doch der ihren angeschlossen hatte.

Vielleicht, sagte sie nach einer kurzen Pause, biete ihm die Stelle in Mainz die Möglichkeit, nicht auf Leid nur reagieren zu müssen, sondern vorbeugend Krankheiten zu verhindern, ob es Prävention sei, was ihn reize, und damit dem Beruf die Richtung zu geben, die er von Anfang an gehabt habe.

            Sie erreichten den Eingang des Konzertsaals, und während die Menge der Besucher sich sammelte, blieb Chaim einen Moment stehen, drehte sich zu Hertha um: „Was sind deine nächsten Pläne?“

            „Ich würde mich gerne auf dem pädiatrischen Gebiet weiterbilden, gehe aber auch mit dir. Mein Ziel ist es, mich gemäß meiner lutherischen Prägung für die Gesundheit der Kleinen und Kleinsten einzusetzen. Das kann ich an verschiedenen Stellen tun. Mein Traum wäre es, in einem Kinderkrankenhaus zu arbeiten.“

            Chaim wiegte seinen Kopf: „Wir haben viel vor. In Ludwigshafen gibt es eine Kinderklinik, nicht weit von der B.A.S.F. entfernt. Ich könnte versuchen, meine Stellenverhandlung mit einer solchen für dich zu verknüpfen.“

            „Meinst du: wieder näher zusammenrücken und gemeinsam die Karriere erstreiten, wie wir im Krieg gekämpft haben?“

            „Nicht ohne Blessuren!“

            „An welche denkst du? Deine Hinwendung zu den Christen?“

            „Du hast es auf den Punkt gebracht. Mein Pazifismus war für  mich eine Wende, auch hin zu dir, zwei Schockwellen für meine Familie. Doch der Schwerverwundete, überzeugter Baptist, der lieber sterben wollte, als den Feind, der auf ihn zielte, zu erschießen und damit unrettbar vor uns lag und unter meinem Messer starb – er hat mein Leben verändert. Hat mich auf eine Straße gesetzt, auf der ich nur nach vorne und nicht rückwärts gehen konnte.“

            „Und doch wurde es unser gemeinsamer Weg. Ich habe damals schweren Herzens das Lazarett verlassen, als ich zum Studium nach München wegging, auch in Sorge um dich.“

            „Ohne diese Erfahrung wären wir heute nicht hier.“

            „War auch nicht einfach, eher ein Ringen.“

            „Und unsere Entscheidung.“

            Als sie wenig später im Konzertsaal auf ihren Plätzen saßen und die ersten Takte der Sonate erklangen, spürte Chaim, wie sich in ihm eine Ruhe ausbreitete, die er seit ihrem Weggang aus Breslau kaum gekannt hatte. Sie schienen nicht nur im selben Saal zu sitzen, dieselbe Musik zu hören und an ihre frühere Zeit anzuknüpfen. Hertha lehnte sich an ihn. Die feinen Bewegungen beider fanden zueinander und zeigten ihren Einklang. Weingartner spielte die romantischen Passagen weich, scheute sich aber auch nicht, die gelegentlichen modernen Brüche zu betonen und Harmonie mit Disharmonie zu kontrastieren. So lauschten sie dem Wechsel von Klarheit und Dunkel und spannen weiter an jenem Faden, der die kommenden Jahre bestimmen sollte.

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