Mein Vater, mein Verrat
Roman
Mein Vater, mein Verrat
Roman
von
Markus Vinzent
Kapitel 1 – Anika und Hulda
Einstehen
Ich wollte meinen Vater verteidigen, gestand ich mir ein. Und tat es Seite um Seite, Dokument um Dokument und Buch um Buch. Las und las weiter. Mit Unterbrechungen. Die ließen nicht innehalten, trieben mich weiter, trieben voran. Doch es war alles Verrat.
Hulda Mannheimer liebte ihn. Josef Maschka, mein Vater, musste sie geliebt haben. Er hatte ihr das Leben gerettet – sein Leben für sie aufs Spiel gesetzt, hatte sich um Hemd und Kragen gebracht – doch sie und mich letztlich verloren. Vielleicht aus Menschlichkeit. Vielleicht gegen sie.
1991, München, ich stand kurz vor meiner Promotion.
Am Institut für Kunstgeschichte hatte ich meine deutsche Doktorarbeit abgegeben und bereitete mich auf die Abschlussprüfung vor – ein Anruf.
Ich konnte kaum die Augen öffnen. Mein Telefon klingelte und klingelte. Es stand auf dem Nachttisch, riss mich aus dem Schlaf. Als ich nach dem Hörer griff, war ich zu spät dran. Totenstille. Legte mich zurück. Konnte aber nicht wieder einschlafen. Draußen war es noch düster. Stand auf, zog mir eine Hose und ein Hemd über meine fröstelnde Haut. Die Tankstellensäulen jenseits der Straße waren kaum zu erkennen, so schwer lag der Nebel über der Straße.
Erneut läutete das Telefon – dann eine Stimme, kurz, schneidend.
Was will jemand von mir? Mitten in der Nacht? Ein Journalist, wenn ich richtig verstanden hatte. Doch auch wenn ich gewollt hätte, hatte ich nicht mitbekommen, von welcher Redaktion er war.
Die geübte Stimme fragte nachdrücklich – nicht nach mir, sondern nach meinem Vater.
Warum nach ihm?
Vater war tot.
Meine Mutter war tot, vor ihm verstorben.
Kassel hatte ich verlassen, mit der Stadt auch meine Brüder.
Alles Frühere hatte ich weit hinter mich geschoben.
War froh, dass ich in München leben konnte.
Hatte einen schweren Kopf, weil es spät am Abend geworden war; ich hatte noch bis in die Nacht hinein gearbeitet. Von niemandem Fremdem war ich bisher auf Papa angesprochen worden. Der Anrufer fuhr mit wirren Behauptungen auf.
Er warf mir Ungeheuerliches an den Kopf:
Verstrickung,
Beteiligung.
Mein Vater: Oberführer.
Verschleppung von Juden.
Kommunisten.
Freimaurern.
Homosexuellen.
Sinti und Roma.
Seine Zuständigkeit: Beschlagnahmung von Kunst.
Büchern.
Musik.
Erinnerungen.
Was ich von all dem wisse – und bewusst verschweige.
Ich hörte und merkte, wie etwas in mir knickte – dachte daran, wie ich vier Jahre zuvor an seinem Grab stand. Sollte etwas von diesen Anschuldigungen wahr sein? Wie mit einem Schlag vor die Stirn hatte mich das Telefongespräch geweckt.
Ich war perplex, reagierte mit Schweigen, schluckte. Aber lauschte. Dann verteidigte ich Papa und – zugleich auch mich: „Ich bin Historikerin, schreibe über diese Zeit, über Menschen, die in die innere Emigration gingen. Wenn an diesen Vorwürfen etwas ist, bin ich die Erste, die sie nicht leugnen wird. Ich werde recherchieren. Melden Sie sich in ein paar Tagen, dann weiß ich vielleicht mehr.“
Die Stimme war verschollen, das Telefon abgrundtief tot. Der Apparat drohte dunkel auf meinem Nachttisch.
Tropfen fielen von meinen Wangen auf mein Bettlaken. Erregung, auch Trauer. Die Historikerin in mir pochte und rief: Mag sein, dass die Behauptungen falsch sind, eine Verwechslung vorliegt oder der Typ nur schlecht recherchiert hat. Doch Du darfst das Gehörte nicht ignorieren, es war die Rede von Archivmaterialien, die nach der Wende im Osten aufgetaucht seien. Die Ausführungen klangen zumindest plausibel, auch für Deine Ohren.
Ich grub in meinem Gedächtnis, schien mir aber gewiss, dass ich von einer solch möglichen Vergangenheit meines Vaters nichts erfahren hatte.
Oder hatte ich es nicht erahnen wollen?
Jetzt, wo ich über den Telefonanruf nach über dreißig Jahren reflektiere, kommen mir Situationen in den Sinn, die ich heute anders deuten würde und damals hätte anders deuten können. Doch ich sah mich an Papas Grab stehen, wie ein Kind weinen und glaubte damals, das Wertvollste verloren zu haben. Der Verlust, der folgte, schnitt jedoch tiefer als Tod und Abschied. Über die Jahre endete etwas, das ich nicht begraben hatte, und lebte weiter, was nicht von mir gegangen war.
Noch heute gärt das Telefonat in meinem Innern. Ich fühle nach, wie ich mich in diesem Augenblick dagegen wehrte, womit ich überfallen wurde. Und auch in den Tagen, Wochen und Jahren seither musste ich mich zwingen, die Dokumente und Belege zur Kenntnis zu nehmen, die ich am liebsten glatt gehebelt und beiseite geschoben hätte.
Schon nachdem ich den Telefonhörer aufgelegt hatte, verfingen sich meine Gedanken in den Noppen der Vergangenheit und rissen sich an deren Spreißeln auf, Momentaufnahmen zwischen mir und meinem Vater, meiner Mutter, meinen Brüdern sprangen mich an. Meine geistigen Hände, ihre Fingerspitzen gespreizt, strauchelten im Dunkel, wehrten den Gestalten, suchten sie neu zu ertasten, doch schien sie zu entgleiten. Ich knipste das Licht wieder an.
Drinnen und draußen war es noch dunkler.
„Between Dusk and Dawn“, erinnere ich mich, lautete später das Motto eines Mayballs in Cambridge.
Mein Blick wanderte vom Telefon zum Fenster. Nur ein schwachgelbes Licht von der Straße fiel auf die Zimmerwand. Auf ihr bewegten sich Schatten der sich gegen den Wind stämmenden Äste, sie blähten sich zu Monstern auf.
Ich wischte mir mit einem Tuch durchs Gesicht.
Mein Papa, ein Kriegsverbrecher? Einer, der auf der anderen Seite gestanden haben soll – nicht auf der Seite derer, die ich erforschte?
Ein Jahr später, 1992. Cambridge.
Mein Verrat vertiefte sich an meinem Tisch – zu klein für all die Papiere – auf der Veranda in Cambridge, meiner Collegebude.
Ich war dabei, an meiner zweiten Doktorarbeit, oder, wie man in Deutschland sagen würde, an einer habilitationsähnlichen Leistung, zu schreiben. Sie handelte von Frauen, deren Kunstschaffen von den Nazis als „entartet“ bezeichnet und die als Künstlerinnen verfolgt worden waren, eine Arbeit, die durch den Telefonanruf zunächst verlangsamt und von der Erforschung zu Geschichte meines Vaters überlagert worden war.
Dann hatte gerade mein Wechsel von München nach Cambridge dazu verholfen, mich wieder stärker meiner Habilitationsschrift zu widmen.
Und mit jeder Stunde, die ich mich in sie vertiefte, entfernte ich mich von jenem nächtlichen Telefonat und der Selbstqual, die die Auseinandersetzung mit meinen früheren Verletzungen bedeutete. Ich wollte nicht, dass meine wissenschaftliche Suche eine solche nach mir selbst werden würde. Historisches Schreiben, schärfte ich mir ein, setze Objektivität voraus. Und diese half mir, wieder durchatmen zu können. Desto mehr ich mich in das Exil der Künstlerinnen vertiefte, umso mehr spürte ich die Befreiung von dem väterlichen Albdruck.
Ich hatte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte studiert, wollte promovieren – doch im deutschen System ging das nur im Hauptfach. Eigentlich hätte ich mich viel lieber in Kunstgeschichte vertieft.
Dann erfuhr ich, nach einer deutschen Doktorarbeit in Germanistik könne ich mich nach Großbritannien bewerben, um dort eine weitere in meinem Lieblingsfach abzufassen. So hielt ich bereits während der ersten Dissertation Ausschau nach einem möglichen Thema für die zweite.
Über Recherchen in Berlin und London, dann im Kolonialarchiv von Nairobi war ich auf die Malerin und Bildhauerin Hulda Mannheimer gestoßen. Sie stammte wie ich aus Kassel, war dort in einer Halbmetallleiterfirma in die Lehre gegangen. Mir gerieten Dokumente zu ihr in die Hände, die ich in Kisten und auf Regalbretter gesammelt hatte und am Zusammenführen und Sortieren war. Nun saß ich in Cambridge, an einem der lauen Abende, vor mir die King’s College Chapel und das noch unbearbeitete Feld meiner Materialien.
Die Sonne senkte sich über das College, vergoldete die Spitzen des dunkelgrünen Rasens. Ich blätterte, ohne noch genau zu wissen, wonach ich in den Dokumenten suchte – bis mir auf einmal auffiel, was mit Hulda nur am Rand zu tun zu haben schien, mit mir jedoch viel mehr.
In einer der Mappen lag ein längerer, unbetitelter Bericht. Ich begann zu lesen, las weiter, begriff jedoch mit jedem Satz weniger.
Trank kalt gewordenen grünen Tee.
Schlug eine weitere Kladde auf.
Der Folioband mit der Studie zu den Baoulé-Masken, denen Picasso 1906 im Pariser Musée d’Ethnographie du Trocadéro begegnet war, trat wieder vor mich. Mein hiesiger Doktorvater hatte mir diesen Band bei meiner Bewerbung in die Hand gedrückt. Er hatte ihn in einem Stuttgarter Antiquariat erworben und sich bei meinem Auswahlgespräch in King‘s daran erinnert, dass er diesen Band besaß.
Er trug einen doppelten Vermerk, einen Ausscheidestempel, der fett über die Signatur der „Alliance israélite universelle“ gepresst war, und die Unterschrift eines Mannes mit Dienststelle ERR („Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg zur Erfassung und Sicherung des geistigen Feindgutes“) – darunter lautete die Aufnahmeregistrierung:
Die Hohe Schule
(in Vorbereitung)
- Bücherei –
Außenstelle Stuttgart
Institut für Biologie und Rassenlehre
Die Unterschrift war für mich klar lesbar: eindeutig von Papa.
Beamter war mein Vater sein Leben lang, sagte ich mir, wie aber konnte er in einer solchen Organisation arbeiten, funktionieren, ohne auszubrechen? War es das Universitätsumfeld, die Stadt Stuttgart? Wieso hatte er als Germanist mit dem „Institut für Biologie und Rassenlehre“ zu tun? War er nichts als ein kleiner Befehlsempfänger, der ausführte, was man ihn hieß? Dass ihn selbst dabei kein schlechtes Gewissen beschlich? Bei keinem Stempel, keiner Unterschrift, die er setzte? Mit jeder stahl er Menschen deren Besitz, Eigentum, vereinnahmte sie für eine Nazibibliothek, stellte sie für den Rassenkampf als Waffe gegen die von ihm Bestohlenen bereit? Die Fragen trieben mich um. Ich wollte verstehen, welchen Menschen, welchem System er und – wie ich bald las – auch Hulda sich ausgeliefert hatten.
Noch saß ich über den ersten Archivalien, die ich mir in Kassel, in England und in einem Abgleich des National Archives im englischen Kew mit dem in Nairobi besorgt hatte. Die hatten es bereits in sich. In Kew etwa fand ich ein erschreckendes Pamphlet. Ich legte zum wiederholten Mal die Mappe mit diesem Text auf meinen Tisch.:
Datum: 17. Mai.
Ort: Arusha, Kenia.
Provenienz: Paris.
Inhalt: Listen. Namen. Häkchen.
Bericht zu Frankreich: Ökonomie, semitische Infiltration, überstaatliche Mächte,
Kollaboration mit der Pétin-Regierung und jüdische Unterwanderung.
Unterschrift: Josef Maschka – wieder mein Papa.
Die Worte meines Vaters öffneten nicht nur eine historische, sondern eine persönliche Wunde. Ich hatte den Bericht zigmal gelesen. Der Kernsatz verfolgte mich bei Nacht: „… dass man blutsmäßig alle Juden, 175er, Neger … ausscheide … bis zum Ende führe.“
Ich wusste, was das hieß. Aber ich verstand diese Worte nicht. Sträubte mich, sie zu verstehen.
Ich meine: Nicht nur den Bericht, auch meinen Vater.
Gerade ihn.
Dann aber wälzte ich mich in meinem Bett, konnte nicht einschlafen, Papa tauchte links, tauchte rechts von mir auf, über mir und schien mich zu erdrücken.
Die Dokumente rissen an etwas, das viel älter war. An zu Hause, daran, dass ich mich vor jeder Nacht fürchtete, nicht, wenn das Licht gelöscht wurde, sondern wenn mein Bruder es brauchte, weil es seinen Genuss steigerte, mich dabei zu sehen, wie ich mich wand, wenn er mich mit seinen Erzählungen in seine Welt entführte, meine Hand in seiner, die er brauchte und die meine missbrauchte. Was ich verdrängte – ich hatte mir meine pelzige Zunge abgebissen, den Ekel heruntergeschluckt, die Augen vor ihm und der ganzen Familie verschlossen. Nun musste ich mich dorthin zurückkämpfen. Ich war die Schwester dreier Brüder. Eben die Jüngste im Haus. Das Nesthäkchen, die Spielpuppe, die wie die Wehrlose wirkte. Nun sollte ich bei jedem Schritt die andere Hand entdecken, die mich schützen sollte. War zugleich die Tochter, hatte dieselben Gene, war unter seiner Anleitung, auch der meiner Mutter. War im Schatten geboren, und wuchs heran, trotz dieses Umfelds, dessen ich mich lange nicht erwehren konnte.
Dennoch bohrte die Frage wieder in mir: Wie konnte derselbe Mann, der mich großzog, der mit mir im Wald spazierte und mir die Welt erschloss, der die Rede zum Jahrestag der Synagogenschändung in Kassel hielt, der als Ehrenbürger der Stadt beerdigt wurde – wie konnte mein Papa das schreiben, was vor mir lag?
Bei meiner weiteren Forschung stieß ich darauf und ich wollte es nicht glauben, ... es gab eine Verbindung zwischen der Künstlerin, deren Schicksal ich zu rekonstruieren begonnen hatte, und den Untaten von Papa. Klar, sie war aus derselben Stadt, Kassel. Papa und sie konnten sich begegnet sein. Aber ich entdeckte, dass da mehr als eine Verbindung zwischen beiden existierte, sie hatten eine Beziehung. Neben Mama, das konnte ich nur schwer nachvollziehen. Wie war dieser Mann fähig, er, der Nazi, der Teil einer Bewegung war, die Antisemitismus streute, Länder überfiel, Städte und Dörfer zerbombte, Millionen von Menschen ermordete, er, der in Paris Juden beraubte, verfolgte, vernichtete – wie konnte er sich zugleich für Hulda einsetzen? Hulda, die er liebte? Hulda, eine Jüdin. Auf Kosten von Mama, von uns? Und wie konnte Mama mit einem solchen Mann zusammenleben, der sie mit einer jüngeren Frau betrog – hatte sie davon nie etwas erfahren? Die Nebenbuhlerin vielleicht geduldet?
Ich hatte begonnen, Huldas weiteres Leben zu betrachten, die Geschichte ihres Exils, ihren Weg aus Deutschland über England nach Kenia in Vorbereitung meiner Bewerbung für Cambridge. Zunächst aus den wenigen Stadtarchivalien Kassels, die mir anfangs zur Verfügung standen: Hatte dann selbst Reisen nach London und Kenia unternommen, in der kurzen Zeit noch einige zusätzliche Materialien entdeckt – und zugleich gesehen, dass ich erst an der Oberfläche kratzte. Der Telefonanruf aus dem Jahr zuvor hatte mich dazu gezwungen, mich auf Antworten vorzubereiten, die ich selbst von mir forderte. Ich forschte, überstand weitere Anrufe mit den immer noch geringen Kenntnissen. Ich hatte mir zunächst geschworen, in einer künftigen Studie die Spuren weiterzuverfolgen. Dann aber, nach dem Rigorosum in München und in Vorbereitung auf Cambridge musste ich mich auf Hulda konzentrieren – und das zu meiner Entlastung. Ich wollte unbedingt meine Studien in Cambridge fortsetzen und konzentrierte mich, so gut ich konnte, hierauf.
Zugleich musste ich meine Münchner Doktorarbeit zur Drucklegung aufbereiten. In der verbleibenden Zeit warf ich mich auf die Erforschung von Huldas Schicksal, nicht ahnend und schon gar nicht hoffend, dass ich dabei Papa auf Schritt und Tritt begegnen würde. Auch wenn ich von dieser Möglichkeit nachts träumte und mich ein solches Szenario schreckte, zögerte ich keinen Moment, mit Blick auf Cambridge Huldas Geschichte auszugraben. Noch in der Nacht der Feier meiner Promotion mit den Münchner Freunden, Feeny und ihrem Mann René unter ihnen, machte ich mich daran, in die Exilgeschichte dieser begabten Bildhauerin und Malerin tiefer einzudringen, vom Jetzt zurückzuschreiten – und war doch längst in meiner eigenen Geschichte angekommen, ja stand mitten in ihr.
In den Folgetagen nach dem Rigorosum wühlte ich mich durch weitere Kisten und Listen und stieß auf eine Akte, die mir in einer anderen Abteilung des städtischen Archivs meiner Heimatstadt in die Hände gedrückt wurde und die weiter zurückreichte als alles, was ich zuvor gesammelt hatte:
Standesamt Kassel, Geburtsregister 1920
Nr. 147/1920
Kassel, den 14. Juli 1920
Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute der Geigenbauer Ernst Mannheimer, wohnhaft zu Kassel, Wilhelmshöher Allee 128, evangelischer Religion, geboren am 22. Oktober 1888 zu Hamburg, Sohn der Eheleute Abraham Mannheimer, Kaufmann (israelitischer Religion), und dessen Ehefrau Johanna Mannheimer, geborene Albrecht, evangelischer Religion, zuletzt wohnhaft in Hamburg,
und zeigte an,
dass von seiner Ehefrau Rebekka Mannheimer, geborene Hirschfeld, ohne Beruf (Hausfrau), israelitischer Religion, wohnhaft bei ihm, geboren am 9. Mai 1892 zu Kassel, Tochter des Kaufmanns Heinrich Hirschfeld, evangelischer Religion, und dessen Ehefrau Malka Hirschfeld, geborene Spiro (israelitischer Religion), beide wohnhaft zu Kassel,
am dreizehnten Juli des Jahres neunzehnhundertzwanzig, vormittags um Viertel nach acht Uhr,
zu Kassel, in der Wohnung des Anzeigenden,
ein weibliches Kind geboren worden sei, das die Vornamen Hulda (israelitischer Religion) erhalten habe.
Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben
(gez.) Ernst Oppenau
Der Standesbeamte: (Unterschrift)
Das Blatt lag vor mir. Der Ton war wie kaltes Wasser, das mir über die Haut lief. Er hatte etwas Anklagendes, dann wieder Beruhigendes. Der Text verriet mir viel. Ein ganzes Tableau tat sich vor mir auf. Ich verstand, die künstlerische Anlage schien Hulda über die väterliche Seite mitgegeben zu sein, ihre kaufmännische und mathematische Begabung, die, wie ich später entdeckte, nicht weniger zentral für ihr Überleben sein sollte, als diejenige, die sie zur Malerin und Bildhauerin befähigte, kam durch die mütterliche Linie. Auch wenn ihr Vater evangelisch war, wie viele Bewohner Kassels, stammte doch auch er aus einer Familie, die christlich-jüdisch geprägt war. War bei Hulda wie bei ihren Großeltern die Religionszugehörigkeit der Mütter wichtig, vielleicht ausschlaggebend? Ich sah: Ihre Akte trug keinen Todesvermerk.
Das Leben, das die Dokumente verschwiegen, begann in anderen Behältnissen: Dort tauchte Huldas Tagebuch auf, oder vielmehr Stücke desselben. Teile davon kannte ich aus den ersten Recherchen. Auf weitere Teile stieß ich Zug um Zug bei meiner Suche, in London und Nairobi, Ergänzungen fand ich in verschiedenen Galerien und Nachlässen. Leider ließ sich das Material nicht immer chronologisch gliedern und es blieben Lücken. Öfter waren die zeitlichen Bezüge nicht klar. Was ich fand, bemühte ich zu ordnen, blätterte durch diese und jene Aufzeichnungen und versuchte, mir Huldas Geschichte zu erschließen. 1939, 1938, 1937 – und musste lesen, dass Papa nicht erst spät an der blonden Künstlerin Gefallen gefunden hatte. Sie mussten sich schon früh begegnet sein, wohl als er Verantwortlicher der Partei war für die Hitlerjugend, die bündischen Jugendverbände, und wegen seiner Sprachkenntnisse auch für den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) und die ihm nahestehende Jugendorganisation des Schwarzen Banners (SB).
Ich fand in verschiedenen ihrer Tagesnotizen Hinweise auf Vorstellungen, die sie miteinander verbanden, blätterte in diesen weiter zurück und fand folgende Bemerkung:
„Führerprinzip jetzt auch im RjF und SB und im Deutschen Vortrupp – Gefolgschaft deutscher Juden. Schwarzer Banner. Marsch. Fahne voran.“
Wörter in Huldas Schrift. Eine Zusammenfassung. Daneben ein krakeliger Strich, vielleicht ein Fähnlein, vielleicht nur Eile. Ich sehe sie: vierzehn-, sechzehnjährig, schlank, das blonde Haar aus dem Gesicht gebunden, im Stechschritt singend:
Heertrommel – eisenhart Lied.
Eschenschlegel springt, ruft ins Glied.
1000 Schlachten – Mut!
Takt der Trommel, Blut.
Sieg erst, wenn das Banner weht.
Im Schritt. Im Schritt sie geht.
Jung, stolz – zu sicher.
Und ahnungslos im Sturm eigener Gewissheiten.
Das musste Papa gefallen haben. Auch dass der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten die „wahrhafte Jugendertüchtigung“ voll erfassen wollte. Diese Jugendliche sollten in jüdische Lager gebracht eine „Wehrerziehung“ durchmachen, damit sie befähigt würden, „in die Reichswehr“ zur Verteidigung und zum Kampf Deutschlands eingestellt zu werden. Es sei deren „höchste Ehrenpflicht und höchstes Ehrenrecht“ als deutsche Juden für Deutschland einzutreten.
Ich saß da, wie wenn ich den Telefonhörer in jener Nacht in Händen hielt. Die Dokumente, auf die mich der Journalist gestoßen hatte – er schickte mir Kopien zu – hatten mir gezeigt, dass Papa bereits Anfang der 30er Jahre Parteimitglied geworden war, dann bald Mitglied der SS und innerhalb der Organisation ein rasanter Aufsteiger.
In Huldas Tagebuch las ich:
„Meine Stimme rau vom Schreien:
Mädels im Kreis – Burschen dabei –
ej haj haj!
Küsse im Schatten – aj lomir tantsn! –
die Nacht, die Welt! Kein Zion. Kein Palästina. Nur wir.
Kam spät nach Hause, habe Joschi noch auf der Treppe gesehen, gut, dass er nicht gefragt hat, er fragt nie. Dafür liebe ich ihn, meinen Bruder.“
Eingeklebte Zeitungsausschnitte: „Reichsjugendtag in Kassel – neue jüdische Formationen.“ „Soldatische Haltung und jüdische Religion schließen sich nicht aus! Eine Sportjugend, mit Disziplin und Straffheit ausgebildet, bekennt sich am Lichterfest heldischer Ahnen zu soldatischer Härte.“
Blanker Hohn. Oder endlich Revolte?
Darunter: „Ich wollte meiner Mutter beweisen, dass ich nicht träume. Dass ich handle.“
Die Schrift in ungelenker Hand.
Der Satz bricht ab.
Tintenfleck.
Dann: „Im Traum höre ich Arie, wie wir meinen Vater nennen, und meine Mutter, die immer ihrem Mann zustimmt, außer dass sie öfters leise singt: Palästina! Auf nach Erez Israel! – dagegen wälze und wehre ich mich, es zieht mich nicht nach Zion. Ich bin Deutsche und freue mich auf unseren nächsten Jugendtag: Deutschland, unser Land, unser Blut! Aaron, der Jugendführer, ich sehe ihn vor mir. Er hat blaue Augen, wie ich noch keine gesehen habe. Ich will ihn nicht verlieren ... Stinkt nach verbrannter Jugend.“
Weiter vorne fand ich einen späteren Eintrag: 1937: „Paris, Ausstellung, Jussuf Amun.“
Ein Wuschelkopf.
Winkel und Linien. Ein expressionistisches Selbstporträt, gezeichnet mit J.A. Ich legte das Blatt zur Seite. Mich beschäftigte die Vorgeschichte mehr als die Zeit danach.
Wie kam Papa in Kontakt mit Hulda, wieso hatte er sich mit ihr eingelassen, sie und sich gefährdet und damit seine Familie aufs Spiel gesetzt? Die Antwort lag verstreut, in Bruchstücken, und ich sollte sie erst viel später zusammensetzen.
Plötzlich war meine Doktorarbeit über verfolgte Künstlerinnen im Exil doch, aber gegen meinen Willen zur Ergründung meiner eigenen Familie geworden – ein Thema, das mich erforschte, ehe ich es erforschen konnte. Was ich objektiv untersuchen wollte, war mir auf die Füße gefallen.
In den Folgetagen wühlte ich mich durch weitere Archivlisten, fand Material in Moskaus Sonderarchiv. Auch in Kiew. London. Besonders ergiebig eine Nachuntersuchung in Nairobi.

Anika-Zyklus Band 1
Zwischen Dämmerung und Morgengrauen
1992. Cambridge.
Je mehr ich über Hulda herausfand, desto tiefer rutschte ich in meine eigene Geschichte. Ich begann, nach Hulda zu suchen – nicht mehr nur als Forscherin, eher als Zeugin ihrer und meiner eigenen Stimme, marterte mich, grub in den Gedächtnisflözen – tags, während ich die Spur Huldas verfolgen wollte und dazwischen Fußabdrücke Papas nicht ignorieren konnte, die ich mitverfolgen musste –, nachts wenn sich beide ungefragt auf meine Fersen setzten. Es gab so viele Kreuzungen auf dem Weg in die Vergangenheit, an denen ich Halt machen musste, während ich viel lieber davongerannt wäre. Aber ich musste mich zwingen, anzuhalten, zu fragen, in welche Richtung Spur und Fußstapfen führten, ob ich sie nicht kurz zuvor verloren hatte, verlieren wollte? Es plagte mich noch mehr, wieso an dieser, an jener, an tausend Kreuzungen, an denen ich zum Halten kam, diese Geschichte keinen anderen Verlauf genommen hatte, als den, den ich verfolgen musste. Warum nur diesen?
Waren meine drei Brüder bereits Abbilder der verkorksten Beziehung von Mama und Papa, oder waren sie nur einfach, wie sie waren, der mir nächste um neun Jahre älter als ich? Der Mittlere, drei Jahre jünger als dieser, näher im Alter an mir, der mir nahekam, immer wieder, immer näher, wenn ich mich recht entsinne, seit ich sechs, sieben, vielleicht acht war. Nachdem ich mich ihm entwunden hatte, versuchte er es nochmals. Ich war inzwischen achtzehn. Die beiden anderen, die ihn ermunterten, seine Übergriffe förderten, manchmal zusahen, sich daran freuten, sich über mich lustig machten – heute weiß ich, dass es mehr war, sie hatten ihr eigenes Vergnügen daran, anders als er. Nur ich musste zusehen, mitspielen, mit mir Spielen lassen. War zwar nicht aus Stroh oder Holz, aber Opfer war ich nicht für sie. Für niemanden in der Familie. Obwohl niemand mich sah, konnte ich mich doch nicht unsichtbar machen, auf Jahre nicht.
Papa musste es gewusst haben, das ahnte ich bereits damals. Er bat meinen Bruder, wenn er dazukam, mich zu lassen. Schickte ihn, schickte sie aus meinem Schlafzimmer. Dann schloss er die Tür, ohne Worte, still und leise. Er sprach überhaupt nicht viel. War kein Lehrer am Esstisch.
Mama gegenüber hatte ich mich nicht getraut, das Thema anzusprechen. Sie war stolz auf meine Brüder, verwies mich auf sie als meine Vorbilder. Sie würden mich einführen, wie man erwachsen wird und was es heißt, eine Frau zu sein.
Sie nutzte mich auf andere Weise. Als ihre Vertretung und Aufsicht der Leihbibliothek im evangelischen Krankenhaus, was mir erlaubte, alles, was an Geschichte vorhanden war, zu lesen, auch die paar dort vorhandenen Bücher zur Philosophie, zur Geschichte und zur Kunst, und einige Klassiker und Romane.
Oder an meinen schulfreien Samstagen kommandierte sie mich zum Fensterputzen. Manchmal den gesamten Morgen lang. Und sie wurden nie sauber genug. Zeigten Schlieren, auch wenn ich keine sah. Aber meine Brüder sahen sie, wie meine Mutter. Nur mein Vater war längst mit den sauberen Durchblicken zufrieden. Doch Mama entschied. Dann musste ich nochmals drübergehen. Ein Aschenbrödel musste es in einer Familie geben, das könne man nicht ändern.
Der Einzige in der Familie, von dem ich mich nicht benutzt fühlte, war Papa, mein Papa. An Sonntagnachmittagen lud er mich zu Erkundungen ein, meist allein. Dann wurde er gar gesprächig. Zeigte mir die Büste von Louis Spohr. Klagte, dass man diesen Ehrenbürger Kassels heute kaum noch kannte. Ein bedeutender Geiger, Komponist, Hofkapellmeister sei er gewesen, ein treuer lutherischer Protestant. Er habe den Taktstock erfunden. Weil ohne Ordnung keine Musik erklänge, erst recht nicht in einem Orchester, das nur funktioniere, wenn einer den Rhythmus vorgäbe. Bei seiner Gedenkrede auf die Zerstörung der städtischen Synagoge habe er Spohr erwähnt, weil er in seinem Orchester in Kassel jüdische Musiker aufgenommen hatte, nicht ohne Kritik aus der Stadt. Ich folgte ihm – nicht wissend, dass er mir damals seine Weltsicht erklärte, nicht die meine. Oder, wie ich sehr viel später lernte, meine auch, nur dass sich mir diese damals nicht erschloss.
Als ich Papa vor einer Tafel im Museum fragte, warum die Spohr-Gesellschaft im Jahr 1934 aufgelöst wurde, stand er lange still neben mir. Man habe versucht, die Musikorganisationen national zusammenzuführen, erklärte er, ganz im Sinn Spohrs, wie er meinte, hatte der doch über hundert Jahre zuvor den „Deutschen National-Verein für Musik und ihre Wissenschaft“ gegründet. Es sei seine Vorstellung von Musikkultur gewesen, wie ein Musikbeamter Kreativität aus Gehorsam zu formen. So wie er in der Schulklasse Geschichtsverständnis nicht aus dem chaotischen Fragengewirr von Überzwergen, sondern nur aus der Konzentration von Hörenden und Aufmerksamen hervorbringen könne.
Seine Erklärung leuchtete mir ein, vielleicht weil mir vieles Unklare nicht als solches erschien. Nur der leicht nach vorne geneigte, strenge Kopf der Büste mit den schmalen Backen und zu schmalen Lippen schüchterte mich ein, ließ nicht zu, dass in meinem Kopf dabei Musik entstand. Doch klangen mir noch die Erläuterungen meines Vaters im Ohr, als ich nach seinem Tod in die Karlsaue spazierte. Sah die Fulda vor mir stille fließen, spürte Papa an meiner Seite und meine Augenblicksfreiheit, die mich für diese Momente die Enge, die ich zu Hause erlebte, vergessen ließen.
Auch wenn es nicht immer eng dort war. Meine Brüder waren nicht nur die nächtlichen Monster. Sie gaben mir auch das Gefühl, dass sie sich um mich kümmerten, sich mit mir beschäftigten. Malten mir Sommersprossen ins Gesicht, färbten meine Haare rot, banden sie mit Draht zu Zöpfen, drehten sie hoch – ließen mich auf dem Tisch in meinem Röckchen tanzen, Pippi Langstrumpf spielen und gaben mir den kleinen Onkel als Holzpferd, Herrn Nilsson als Stofftier.
Oder sie machten Mutproben mit mir, hoben mich mit meinem Kleidchen auf den Kirschbaum, hießen mich, höher hinaufzuklettern, dann packten sie mich an meinen Füßen, ließen mich von einem der Äste mit dem Kopf nach unten baumeln, bis ich zu schreien aufhörte, meine Höhenangst überwunden hatte. Oder ich wurde mit meinem kleinen Fahrrad zwischen drei Sporträdern der Brüder gepackt, wir fuhren von früh morgens bis in den späten Nachmittag an der Fulda entlang nach Hannoversch Münden. Vor der letzten Etappe, bei der es auch noch bergauf ging, fiel ich einmal vor Müdigkeit samt Fahrrad in einen Straßengraben, verlor einen Zahn. Als wir am Abend mit dem Zug zu Hause ankamen, ich mit meinem abgebrochenen Zahn in meiner Hand, ernteten nicht meine Brüder den Schimpf der Mutter, sondern ich wurde von ihr gescholten, weil ich nicht auf mich aufgepasst hatte. Eigentlich hätte ich spätestens damals lernen müssen, auf mich zu achten und vorsichtiger zu sein, als ich es später tatsächlich war.
Der Druck, das Elternhaus zu verlassen, war groß. Nach dem Abitur machte ich ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Anstalt für schwererziehbare Kinder, wie diese damals hießen. Schon in den ersten Wochen zeigte sich mir, dass die meisten Kinder meiner Gruppe zu Unrecht so bezeichnet wurden. Manche Kinder erfuhren entweder kaum Erziehung an den Heimwochenenden. Sie waren sich schlicht allein überlassen, die Eltern waren beruflich unterwegs, geschieden, niemand nahm sich Zeit für sie. Oder sie kamen emotional aufgewühlt am Sonntagabend zurück, waren erziehungsgestresst, überbehütet oder zwischen Vater, Mutter und Geschwistern hin- und hergerissen. Ich hatte das Gefühl, in ihrer Haut zu stecken.
Dem Stress entkam ich, weil ich mich mit Helmut, einem Erziehungskollegen, befreundete. Das gelang ohne schlechtes Gewissen. Zwar war ich Hals über Kopf in einen anderen verliebt, aber der war weit weg, außerdem ein katholischer Geistlicher, der mir in der Schule auf dem Hof begegnet war, während ich Kinder zum protestantischen Religionsunterricht brachte. Mit Bruno, wie er sich mir vorstellte, hatte ich nicht mehr als eine Nacht verbracht, im Zimmer einer Klassenkameradin, die Internatsschülerin war. Ihm sollte ich aber später im Leben wieder begegnen.
Helmut hatte ich von meinem Seitensprung berichtet, ich hätte ihn nicht vor ihm verbergen können. Aber er war vergebend, geduldig, zärtlich, wir versöhnten und verstanden uns und waren uns sehr nahe. Tageserfahrungen besprachen wir, philosophierten miteinander. Und anders als bei meinen Brüdern hatte ich das Empfinden, einem Mann nicht unterlegen zu sein. Er lauschte meinem Gitarrenspiel, begleitete mich zu einem Pink-Floyd-Festival, lieh mir seine Jacke, als es zu regnen anfing, und wir kuschelten uns eng aneinander in unserem kleinen Zelt, das er während des Unwetters für mich aufbaute.
Gegen Ende des Freiwilligen Sozialen Jahres jedoch war mir klar – er war mir zu lieb, hing zu sehr an mir, nicht, wie die Brüder an mir zu Hause klebten, aber auch er brauchte mich, brauchte mich so sehr, dass er litt, in Tränen ausbrach und mich anflehte, als er merkte, dass ich mich von ihm trennen wollte. Als er mir mit Selbstmord drohte, um mich zu halten, hatte er das letzte Band gekappt, das mich noch an ihn band. Ich war damals kaum fähig zu unterscheiden, was Nähe und was Bedürftigkeit unterschied. Doch so viel verstand ich von meiner inneren Stimme, dass Trennung das Beste für uns beide und vor allem für mich war.
Wieder stand ich auf der Straße und wusste nicht, wohin, nicht, weil ich nicht wusste, was kommen würde, sondern weil ich mit letzter Kraft einer neuen Zwangslage entkommen war. Diesmal einer härteren, weil ich sie mir selbst geschaffen hatte.
Ich musste weg. Weg aus Kassel, weit weg von zu Hause, weg aus mir. Ich wollte mich neu finden. Hatte mich in München für das Studium von Philosophie, Germanistik und Kommunikationswissenschaften beworben und einen Platz erhalten.
Schon in der zweiten Woche wusste ich, die Kommunikationswissenschaften waren nichts für mich, aber ich hatte eine Engländerin aus Cambridge, Veronica, kennengelernt, die mir von Kunstgeschichte vorschwärmte und mich in eine Vorlesung mitnahm. Ich war verzaubert von ihr und ihren beiden Drillingsschwestern, die alle dasselbe Fach wie sie studierten, verzaubert von ihnen und dem Studienfach. Noch konnte ich mich umschreiben, mit Kunstgeschichte zumindest im Nebenfach – und hatte gleich zwei Lieben gefunden.
Die nächsten Wochen waren ein Taumel. Philosophie, in der ich letzte Sicherheiten zu hinterfragen lernte, sogar solche, die mir völlig unbewusst und unbekannt waren. Mit Germanistik unterwarf ich mich einem Lesemarathon, in welchem ich mir die hundert wichtigsten Werke der vergangenen zweihundert Jahre erschließen sollte und auch erschloss. Aber Kunstgeschichte führte mich in eine Welt, bei der ich mir selbst begegnete: in einer Welt, die über Körper und Geist, über Gestaltung und Sinne, und die ich mir als Frau kreativ aufschließen konnte, in Ausstellungen, die wir zu kuratieren lernten, im Gespräch mit Künstlerinnen und Künstlern, mit Mode und Modellen, mit Medien und Verlagen, mitten in München, zwischen Nacht und Tag und viel öfter in der morgendlichen Dämmerung, wenn wir von nächtlichen Veranstaltungen oder Feiern durch das Morgengrau zur Vorlesung schlenderten.
Oft wurden die Nächte länger als die Tage waren. Wechselnde Partnerschaften. Veronica hatte einen Freund. Zusammen mit den beiden und ihrer Schwester Valerie, einer ihrer Drillingsschwestern, machten wir die Stadt unsicher, unterhielten uns über England, feierten in der Studentenbar, teilten das Bett, rauchten, tranken und nahmen am Morgen Aspirin auf dem Weg zur Uni.
Dann, einige Wochen später, wir waren mit der Gruppe meiner Kunsthistorikerinnen in der Pinakothek, um ausgewählte Objekte zu betrachten, Notizen zu diesen machen, kam es zur Wiederbegegnung. Neben mir stand ein junger Mann, älter als ich. Weil ich mit meinem Block beschäftigt war, mich ohne zu überlegen umdrehte, stießen wir zusammen.
Wir lachten, entschuldigten uns, blieben aber dann doch stehen. Ich war gebannt, keine Begegnung hatte mich bislang bis in die Fußspitzen berührt, als ob mich ein Blitz ins Innere getroffen hätte. Wusste gar nicht, was ich noch sagen sollte, ob ich mich überhaupt regen wollte. Schaute ihn nur an. Auch er schien überfahren, bewegte sich jedenfalls nicht weiter. Er betrachtete das Bild hinter mir, oder sah er auf mich und nicht auf dieses? Was suchte er? Und was wollte ich? Wir begannen zu lachen, als wir uns in die Augen sahen und uns beide an die gemeinsame Nacht erinnerten. Er fragte, ob ich mit ihm einen Kaffee trinken möchte. Ich stimmte gerne zu, und wir machten uns gemeinsam auf den Weg zur Cafeteria des Museums.
Meine langen Jahre mit Bruno hatten begonnen. Und sie begannen in einem Hoch, ohne dass ich damals um die Tiefs wusste, die kommen würden.
Vielleicht lag es daran, dass ich später, ich war bereits dabei, meine erste Doktorarbeit an der Uni München zu schreiben, eher zufällig eine Begegnung machte, die, wie sich herausstellen sollte, mein Leben verändern würde. Ich stolperte über Feeny.
Feeny war mir bei einer Ausstellungseröffnung begegnet. „Nightshadows – Frauenbilder zwischen Licht und Dunkel“. Sie war eines der abgelichteten Modelle. Verführerisch, lasziv, selbstbewusst. Studierte Mode und Design an der Fachhochschule, hatte allerdings erst begonnen. Verdiente aber bereits ihr eigenes Geld. Auch mit eigenen Kreationen. Es war eine kurze, intensive Begegnung. Als ich mich später an sie erinnerte, sie als Modell für eine von mir kuratierte Ausstellung zu gewinnen suchte, lud sie mich in ihr Studio ein, zeigte mir ältere und jüngere Arbeiten mit und von ihr. Das Studio diente ihr auch als Massagesalon. Sie offerierte mir eine Probe aufs Haus. Ich hatte dankbar angenommen, litt damals unter Rückenproblemen, saß zu viel und zu lange an meinem Schreibtisch. Vielleicht waren es auch Verspannungen, die mit meiner nicht immer einfachen Beziehung mit Bruno zu tun hatten, vielleicht war es ihr Blick, der in mir etwas öffnete, was ich längst verschlossen glaubte. Und als ich glaubte, mich wieder zu erkennen, träumte ich, mir sei Bruno begegnet, als Feeny mir den Beginn ihrer Beziehung mit ihrem Freund René erzählt hatte.
Ich verließ morgens das Wohnheim, kam an der Pforte vorbei, dort klebte eine Postbenachrichtigung mit meinem Namen am weißen Brett. Fast hätte ich sie überlesen, blieb stehen, kehrte um. Es war wirklich mein Name. Den Absender hatte der Postbeamte offensichtlich verschrieben. Kannte keinen „Reger“. Ich nahm den Zettel, eilte in die Uni und überlegte, wer mir ein Paket schicken würde. Niemand aus der Familie. Es war auch keine Bestellung unterwegs, auf die ich gewartet hätte. Die Spannung stieg, auch wenn ich während der Vorlesung über Rebecca Horn und Cindy Sherman und ihre selbstinszenierte Körperkunst das Paket völlig vergaß. Erst als ich am Nachmittag die Treppe zur Pforte hinaufging, traf mich die Erinnerung, ich machte eine Kehrtwende und ging zum Postamt, um das Paket entgegenzunehmen.
Es war eine große Bananenkiste, gut verpackt, aber schwer. Mit Mühe schleppte ich sie in mein Zimmer. Machte sie vorsichtig auf – vor mir breiteten sich Bücher auf dem Boden aus, all die Titel, die auf meiner Germanistik-Leseliste standen, viele davon, die ich in der Bibliothek nicht fand, weil sie andere ausgeliehen hatten und wir alle dieselben Romane und Novellen lesen sollten. Hier hatte ich plötzlich meine eigenen Bücher, den Anfang meiner Bibliothek. Obenauf ein kleiner Zettel – Für die langen Nächte, in denen du wieder zu viel denkst. Lass dich von diesen Stimmen begleiten – sie widersprechen dir, aber sie meinen es gut. B.
Den „Mann ohne Eigenschaften“ in der linken Hand, den Zettel in der rechten, las ich die Zeilen, einmal, zweimal. Rätselte mehr und mehr. Der Ton war vertraut, die Andeutungen lockend. B. – Bruno?
Ich faltete den Zettel, behutsam, versuchte, ihn aus der Hand zu legen, doch er klebte an meiner feuchten Haut, schien unter und in ihr zu sein.
Die Bücher rochen nach ihm, nach seinem Pfeifentabak, die neuen noch nach Druckerschwärze. Madame Bovary, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Über den Prozeß der Zivilisation. Eine alte Ausgabe von Das andere Geschlecht mit Randnotizen in Bleistift. Auf manchen Titelblättern seine Schrift. Hier und da, wo ich sie aufschlug, eine Anmerkung von ihm, ein Fragezeichen.
Zwischen zwei Seiten ein zusätzliches Blatt, leer – oder fast leer.
Auf der Rückseite, kaum sichtbar, die Spuren eines Satzes, der ausradiert worden war. Mit bloßem Auge konnte ich lesen: Für D. Hielt das Papier gegen das Licht, sah nur Fragmente:
„… ich nicht verlieren“ – mehr nicht.
Ich fragte mich, wen er gemeint hatte. Dich? Mich? Sich? Eine Verflossene? War das Paket ein Köder, mich zu angeln?
Ich legte das Blatt mit dem mir fremden D. zurück, so, dass die Schrift nach innen zeigte. Nahm meine kleine Polaroidkamera, machte ein Bild, bei dem dieses Blatt ausgeblendet war, und packte es, sobald es entwickelt aus dem Apparat herauskam, in ein Trauercouvert, das ich noch von der Beerdigung von Papa hatte. Nahm einen goldenen Filzstift, schrieb auf die Vorderseite Brunos Adresse, auf die Rückseite: München bei Nacht musst du selbst ausprobieren. Ich brachte das Couvert auf die Post.
Ich saß eine Weile nur da und blickte auf die Bücher – sie lagen vor mir wie eine Prüfung, die ich noch nicht bestanden hatte.
Am Abend wollten Veronica und ich ausgehen, ihre Schwester Valerie war zurück nach England gereist. Ich war noch mit dem Zettel auf meinem Schreibtisch beschäftigt, mit den Bänden, die ich nach dem Geburtsjahr der Autoren auf meinem Regal zu ordnen begann. Demonstrativ stellte sich Veronica vor mich.
„Na, gehen wir endlich?“
Selbst wenn ich den Zettel hätte wegwerfen können, vergessen, die Bücher standen vor mir, existierten, hatten schon in mir zu leben begonnen. Und meine Karte zu Bruno war unterwegs.
„Nimmst du mich so mit?“, fragte ich Veronica.
Ich hätte es schon wissen können – sie schüttelte heftig ihren Kopf mit ihren blonden Haaren, die den meinen glichen.
„So? Sicher nicht“, war die kurze Antwort. Ihre Kleidung, typisch englische Miniaturausstattung für eine Tour durch verschiedene Bars. Ich wusste, dass ich mich nicht nur umziehen, sondern eher auskleiden musste. Sie musterte jedes Stück, gab ihre Kommentare, bis wir beide zueinander passten. Bei den ersten Schritten fühlte ich mich unsicher, noch stärker so bei den ersten Blicken. Als ob meine Brüder hinter den nächsten Ecken oder Büschen hervorschauen würden.
Am nächsten Tag war ich die Einzige von uns beiden, die das Zimmer in der Nacht oder eher gegen Morgen benutzt hatte, wenn auch nicht allein. Wir lagen uns in den Armen, meine Nachtbegleitung streichelte mich, machte mir Komplimente. Sein Niederbairisch war voller Wärme, seine schulterlangen, braunen Haare kitzelten mich. Wenn wir auch wenig Schlaf hatten, strotzten wir doch mit Plänen für den Tag – zum Weißwurstfrühstück brachen wir auf in den Englischen Garten, breiteten eine Decke an der Isar aus, ruhten beieinander, weil wir am Abend wieder fit für die Nacht sein wollten. Auch diese war ausgelassen, tanzten bis ins Morgengrauen und folgten dem Rhythmus des Vortags, begannen erneut unseren Morgen am Chinesischen Turm, während manche um uns herum bereits das Mittagessen einnahmen.
Als wir uns am Abend frisch machen wollten für einen weiteren Streifzug, stand Veronica in der Tür des miteinander geteilten Zimmers. Sie nahm mich zur Seite, während meine Begleitung in unserem Bad verschwand.
„Heute müssen wir uns miteinander absprechen – ich habe schon ein Alternativquartier für die Nacht“, sagte Veronica.
„Wie das?“
„Ich denke kaum, dass ich vor morgen Nachmittag zurückkommen werde, er hat mich für heute in seine Studentenbude eingeladen.“
„Er? Sicher?“
„Aber, noch wichtiger – mich hat vorhin die Pforte angerufen – deine Karte muss heute Morgen bei Bruno angekommen sein. Er ließ mitteilen, dass er mit dem Nachtzug nach München unterwegs sei und im Morgengrauen am Hauptbahnhof ankomme.“
Ich fror ein, auf der Stelle – blickte erschrocken zum Bad.
„Und jetzt?“
„Tja – lass dir was einfallen, sag, ich hätte etwas ausgemacht, ohne dass du es wusstest. Sag, dass du mit mir gehen musst.“
Es war mir peinlich. Unendlich peinlich, dass ich selbst mit bestem Schauspiel meinen Ton nicht verbergen konnte. Aber er hatte schon in dem Moment begriffen, als er durch die Badetür trat. Warf mir nur noch einen kurzen, verächtlichen Blick zu. Dann zog er davon, eher wie ein geschlagener Hund und knallte nicht einmal die Tür zu.
Schweißgebadet lag ich in meinem Bett, war so erschlagen, dass ich meine Augenlider nicht öffnen konnte. Bei einem späteren Besuch bei Feeny erzählte ich ihr die Erfahrung und das Nachtgesicht. Wir lachten herzlich miteinander. Vielleicht war es kein Traum. Vielleicht war es das Erinnern an einen Traum, den jemand anderes in mir geträumt hatte.
Unterwegs bei Tag und Nacht
1992. Cambridge.
An diesem Abend las ich noch lange in Huldas Tagebuch, wollte wissen, wie sie im Unterschied oder schlicht im Vergleich mit mir ihre Jahre des Erwachsenwerdens erlebt hatte. Auch als ich einzuschlafen versuchte, vibrierte ihre Schrift noch in mir, die Tintenspuren mancher Verletzungen brannten auch in meinen offenen Wunden.
Gleich am Morgen öffnete ich erneut ihre Tagebucheintragungen. Ich war bereit, mit ihr weiterzugehen. Wie mit Bruno am Bahnhof, stand ich mit Hulda am Straßenrand – ihre nächste Reise führte uns nach Italien.
Ich blätterte um – und plötzlich sah ich mich nicht mehr in München, nicht mehr in Cambridge, sondern befand mich mit Hulda auf dem Weg nach Italien zu Anfang des Jahres 1936.
Gespannt las ich: Bevor Rom sie verschlingen konnte, führte sie ihr Leben durch ein anderes Labyrinth.
Am liebsten wartete Hulda schon frühmorgens als Anhalterin, den Rucksack auf dem Rücken, den Arm und die Hand leicht erhoben, sobald sich in der Ferne ein Fahrzeug näherte. Mit ihrem scharf geschnittenen, etwas länglichen Gesicht und dem grazilen Körper den Bildern ihres Tagebuchs nach zu urteilen, erinnerte sie mich an eine apulische tarantata-Tänzerin. Dazu passte die sparsam gefasste, eng auf der Haut liegende schwarze Georgette-Bluse, im Rücken frei, und darunter das nach unten sich weitende Kleid mit großen weiß-roten Blüten. Nur der blonde, lange Haarwurf verriet, dass sie nicht von der italienischen Halbinsel, sondern aus nördlicheren Regionen stammte. Sie fand bald Wagen, die sie nach Nürnberg, München, nach Bozen, nach Venedig und schließlich nach Rom brachten.
Sie war verliebt – in den Süden, in Italien, in Rom. Oder, genauer: in eine singend-raue Stimme – oder in den Mann, der sie zu besitzen meinte. Sie war ihm bei einer Feier im Deutsch-italienischen Club in Berlin begegnet. Dem Abend folgte eine arabisch-italienische Nacht in seinem Atelier. Ihr Auftritt im Club war ebenso provokant wie unvergesslich: Um die Taille gebundene Holzscheite klackten, über dem Kopf balancierte sie zwei breite, hölzerne Äxte – die eine silbern, die andere schwarz gefasst. Sie war das lebende Emblem des italienischen Faschismus.
Beim Betreten des Hinterzimmers im Hotel Savoy stand sie sofort im Mittelpunkt, zog Blicke auf sich, erregte die einen, verunsicherte die anderen. Vor allem zog sie den eines Mannes auf sich, der in weißem Kaftan aufgetreten war. Sein dunkler Teint, leichter Stoppelbart und getönte Brille gaben ihm das unverwechselbare Aussehen, als sei er direkt aus dem Wadi Hammamat in Ägypten eingeflogen.
Als er das deutlich jüngere, adrette Mädchen nach ihrem Namen und nach mehreren Getränken an der Bar, zu der er sie eingeladen hatte, auch nach ihrem Alter fragte, bog sie die Daten zurecht. Er kam ihr mit den seinen entgegen. Die Unterschiede zwischen ihnen verschwammen im Dämmerlicht der Tanzfläche – dort schien die Altersdifferenz dahin zu schwinden.
Am Klavier saß Friederike in einem durchgehenden, schwarzen Kleid, das vor den Schultern geschlitzte Öffnungen hatte, durch die ihre marmorne Haut leuchtete. Eine Kette mit kräftigen Perlen bildete den Übergang zwischen Stoff und Hals, darüber saß ein aufmerksames Gesicht, das aus Litauen hätte stammen können, mit so gleichmäßigen Haarwellen, dass sie kaum natürlich waren. Neben ihr spielte Hans auf seinem Akkordeon, eine Zigarette im Mund, auch wenn er aussah wie dreizehn.
Hulda hatte sich ihr Kleid zu Hause selbst gebastelt. Als sie es anprobierte, trat ihr Vater ins Zimmer. Er musste das Klopfen, das Zurichten der Holzstücke auf dem Hof von seiner Werkbank aus gehört haben.
„Du hast hoffentlich nicht das trocken gelagerte Holz aus dem Schuppen genommen?“
„Nein, keine Sorge, ich weiß, welche Stücke frisch sind und welche anderen du für die Geigen brauchst.“
„Und was soll das?“ Er tippte gegen eine Holzscheite am Bauch, versuchte, über ihre Haut hinwegzusehen.
„Das italienische Abzeichen“, sagte sie.
„Welches Abzeichen?“
„Das von Mussolini“, antwortete sie.
„Wie kommst du auf so eine Schnapsidee? Das sind unsere Feinde.“
„Du bist altmodisch, Tate. Im Deutsch-italienischen Club in Berlin gibt es kaum Zionisten, dort treffen sich Deutsche und Italiener, Menschen wie du und ich hier im Haus. Die Freunde lieben Deutschland, Italien, unseren Boden, unsere Familien.“
„Aber du bist Jüdin.“
Sie dachte an ihren Namen. Die Vaterlose.
Jetzt stand sie vor einem Mann, der ihr erstmals fremd wirkte, der weder fragte noch hören wollte.
„Zuerst Deutsche,“ antwortete sie ihrem Vater, „außerdem nur Halb-Jüdin – oder wie ich seit November heiße: Mischling zweiten Grades. Und die Freunde sagen, ‚Mussolini stützt Juden‘, anders als Hitler, aber der wird unseren Wert noch zu schätzen lernen.“
„Das glaubst Du nicht. Aber naja, die Berliner Freunde werden es wissen“, knurrte er. „Ich bin nicht altmodisch. Aber ich bin wachsam.“
In der Tür erschien die Mutter. „Sag du bitte Deiner Tochter, was du davon hältst, dass sie als Faschistenlümmel auftreten will!“
„Ernst, du musst die Jugend verstehen“, sagte die Mutter ruhig.
Sie zeigte meist Verständnis für Hulda: „Sei froh, dass sie mit Leuten zusammen ist, die sie mögen, die in Berlin Einfluss haben. Jetzt, wo sie sich nicht mehr unter dem Schwarzen Banner treffen können, lass sie sich doch mit Gleichgesinnten treffen. Das sind gute Leute. Auch wenn unser Ziel Eretz Israel ist.“
„Ist es?“, fragte Hulda. Auch, weil sie wusste, dass ihr Vater ihr zustimmen würde.
„Gute Leute?“, setzte der aber dazu: „Faschisten sind sie, diese Deutschen und die Italiener.“
„Nicht alle Faschisten sind gleich“, warf Hulda ein, „die Gestapo ist auch hinter dem Club meiner Freunde her.“
„Also doch gefährlich,“ und an seine Frau gerichtet, ohne dass er sie anschaute: „Sag wenigstens was zu ihrem Kostüm!“
„Tja, Hulda“, ihre Mutter musterte sie – aber sie musste sich überwinden, schaute an ihr vorbei und fügte mit angezogenen Backen hinzu: „Na also, ein bisschen mehr könntest du darunter anziehen, mit Sechzehn bist du kein Kind mehr.“
Ihr Mann wandte sich ohne weiteren Kommentar um, überließ die Kleiderordnung den Damen und zog sich in seine Geigenwerkstatt zurück.
Hulda wachte im Atelier auf. Noch lag ein Hauch seines Parfüms in der Luft, gemischt mit der Süße des Tabakrauchs, dem intensiven Moschus Jussufs und einer Mischung aus Schweiß und anderen Körpersäften auf ihrer Haut, die sie und ihn unter der Bettdecke verbanden, auch wenn er bereits dabei war, die Staffelei zu richten und Wasser und Tusche zu mischen.
„Setz dich hier auf die Bank“, wies er sie mit bestimmendem Ton an.
Hulda erhob sich mit dem Leintuch, das sie um ihren Körper drapierte.
„Ich habe schon eingeheizt, du dürftest nicht frieren.“
Sie ahnte, was er damit sagen wollte, legte halb geniert das Tuch auf die Bank und setzte sich darauf.
Fasziniert glitt sein Blick über ihre Füße, die Gelenke, die gestreckten Beine hinauf zu den Hüften, zur Scham. Auch wenn sie kaum einen Ansatz von Bauch hatte, zog sie diesen unwillkürlich ein, als seine Blicke ihn streiften, ihre Brüste taxierten, ihre Schultern, Arme und Hände, ihre Haare, Mund, Nase, Augen, Kopf und Scheitel.
Mit einem Schritt trat er von ihr und der Staffelei zurück, bewegte sich um sie herum, tarierte ihre Dimensionen, als prüfe er ein Instrument, das in wenigen Momenten zu klingen beginnen sollte. Sie fror nicht, fürchtete sich auch nicht, aber es schauerte sie.
Noch nie hatte sie jemand so intensiv betrachtet, sie so seziert, sie bis in alle Details auseinandergelegt und studiert. Auch unter diesem Mikroskop arbeitete ihre Haut – sog ihn auf, wölbte sich ihm entgegen: eine Landschaft mit Furchen, Graten, verführerischen Kreuzungen und winzigen Kratern. Wäre er Mediziner, hätte sie das Skalpell gesetzt – tief und ganz. Er hielt Tuschepinsel in der einen Hand, das Brett mit schwarzem Pulver und Wasser in der anderen. Wie angewachsen waren sie, so fest hielt seine Instrumente. Erst auf ihren Wunsch trat er mit diesen auf sie zu.
„Darf ich?“, fragte er zögernd, allerdings mit einem festen Schritt auf sie zu und ohne auf eine Antwort zu warten.
Griff nach ihren Oberschenkeln,
drückte sie seitwärts,
zog Fuß und Unterbein an.
Streckte ihren Rücken, indem er die Schulterblätter zurückschob.
Setzte ihre Hände in eine andere Position,
öffnete ihre Front und
bewegte ihren Kopf zur Seite.
Sie schaute durch das Fenster auf einen Balkon einer über die Straße gelegenen Wohnung. Dort war eine Frau damit beschäftigt, am frühen Morgen Wäsche aufzuhängen. Sie schaute eher gelangweilt zu ihnen herüber und wunderte sich offenkundig nicht, dass eine junge oder gar sehr junge Dame ihr bei der Hausarbeit zusah, während sich ein Mann um die Sitzhaltung einer Nackten kümmerte.
Sie traute sich nicht, ihren Mund zu öffnen, die Anspannung zu lösen.
Jussuf peilte an der Staffelei vorbei – erstmals entspannt:
„Hast du gut geschlafen?“
Sollte sie antworten?
„Ich brauche den frischen Ausdruck. Die natürliche, unverbogene Kraft. Keine Verkrampfung. Kaffee habe ich aufgestellt. Wir machen nur ein paar Skizzen.“
Hulda blieb still sitzen, öffnete nur leicht ihren Mund, wie er ihr sie bat und ihr andeutete. Er verfiel in Schweigen und ignorierte ihr Kostüm, das links zu ihren Füßen lag und über welches sich der Kaftan schlang. Anfang und Ende des nächtlichen Spiels, als sie sich auszogen ... bewunderten. Verwöhnten. Zur Arbeit aufstanden.
Jeder Punkt, jeder Strich des dünnen, spitzen Tuschepinsels in der Hand traf sie, als ob dieser auf ihrer Haut, nicht auf Papier, ansetzte, sich in sie hineinbohrte. Er fuhr an ihr entlang, zeichnete über ihre Muskeln, streifte ihre Härchen, ihre Lippen, ihre Brauen. Mit ihren Augenwinkeln, ihren Posen, dirigierte sie die Bögen und Linien, ihre atmende Brust formte sie, und ohne Arme oder Beine zu bewegen, ließ er ihre Schatten und Winkel ziehen und führte seine Pinsel in die entsprechenden Richtungen.
Jussuf war fasziniert. Schweiß trat ihm auf die Stirn, sammelte sich zu Tropfen, lief die Wangen hinab. Ihm gegenüber saß sie – unbeweglich saß sie, saß intensiver, als er je ein Modell vor sich hatte sitzen sehen. Sie reizte ihn, stachelte ihn an, ließ ihn ringen, stöhnen, kämpfen; das Hemd wurde nass, auf dem Boden bildete sich eine kleine Lache vor ihm.
Sie saß – er focht.
Sie: eine Giostra, Fantasia, der moment de la vérité vor der Bewegung.
Er: in agonistischer Nervosität – sie: in höchster Konzentration.
Kein Gramm Müdigkeit der Nacht.
Im Sprung wie eine Gepardin, ihre unendlichen Beine gespannt, gummihaft, gekreuzt und gespreizt bis zum Schmerz.
Im Katzenblick hielt sie die Welt an, das Opfer fixiert.
Fest die Beute im Griff – das zuckte, bewegte sich, vermeintlich frei, scheinbar Herr der Lage.
Ging hin und her, auf und ab, mit starkem Schritt, mit lautem Fletschen, doch hielt nichts. Es war, als ob es mehr als tausend Stäbe gäbe.
Er riss mehrere Blätter von seinem Staffeleiblock, sie segelten in alle Richtungen. Dann streifte er sich das Hemd vom Leib, griff nach einem Hammer, schleuderte die Staffelei beiseite, wuchtete einen Stein zwischen sich und sie – und schlug, als müsse er sich aus ihm befreien. Spitze Brocken landeten in den Ecken des Ateliers, es staubte, er schnaufte, ächzte, wütete, wie sie in der Nacht nicht hätten wilder toben können. Sie notierte später im Tagebuch: „Er war nicht mehr bei sich.“
Auch ihr liefen Schweißperlen über die Schläfen, obwohl sie verharrte. Die Tropfen verloren sich in den Haaren. Die Geräusche des Hammers wurden dumpf, rhythmisch, die Schläge dröhnten wie ein Dieselmotor – bis sie meinte, sie säße längst nicht mehr dort.
Die Berliner Zeit endete abrupt. Jussuf Amun, der als Araber, nicht als Jude bekannt war, hatte eine Einladung nach Rom in die Villa Massimo erhalten, ein Stipendium für drei Monate. Sie hatten vereinbart, dass sie nachkommen würde, sobald er sich eingerichtet habe. In einem der nicht enden wollenden Telefonate hatte er ihr berichtet und sie inständig gebeten, die Reise anzutreten. Er sei ausgelaugt, habe nur Anfänger und Anfängerinnen vor sich sitzen, die ihn innerlich und äußerlich vertrocknen ließen.
Und das in der Hitze Roms.
Ohne sie könne er nichts mehr schaffen. Nachts und mehr noch Tags träume er von ihr, ihren Augen, ihren Formen, ihren Bewegungen und ihrer Herausforderung. Sie wusste, dass sie nicht mehr warten dürfe. Außerdem gestand sie ihm, dass sie ihren Meister vermisse. Mann und Künstler.
Am selben Abend hatte sie im Deutsch-italienischen Club eine Mitfahrgelegenheit nach Leipzig gefunden, von dort reiste sie weiter als mutige und attraktive Anhalterin. Ihre Haarfarbe verriet nicht ihre Herkunft, sondern wies sie als fesche Arierin aus. Sie war ohne Umschweif am nächsten Tag bis nach München gekommen.
Immer noch, auch nach Wochen, pochte Jussufs Rhythmus in ihrem Kopf und ihrem Körper. Jetzt, auf dem Weg zu ihm, schlug ihr Herz desto mächtiger in diesem Enklang. Sie schaute durchs Fenster auf anhebende Berge der Alpen. Die Spitzen glichen sich der anbrechenden Nacht an, aus dem Dunkel funkelten Sternblitze, nicht Stein oder Wiesen, sondern das tiefe Blau von Fels und Himmel eröffneten einen Raum, der so wenig zu scheiden war wie Jussuf und sie im Taumel, als Abgrund und Entrückung ineinander fielen. Sie meinte, sich in diesem einen Punkt zu bewegen, obwohl sie noch kaum Italien erreicht hatte. Außer Blau und Nacht war nichts. Aber dazwischen lag alles.
Wie der Aufenthalt in Rom mit ihm werden würde?
Noch war sie nicht einmal auf dem direkten Weg dorthin. Die Autos, die sie anhielt, entschieden über die Route.
Die Nächte verbrachte sie meist alleine. Manchmal in einem Gasthaus, andere in einer Scheune, oder in einem Nebengebäude eines kleinen Hofs. Geld hatte sie sich als Modell in Berlin erarbeitet, bei Jussuf und anderen Künstlern. Auch eigene kleine Skulpturen und Bilder hatte sie verkauft. Sie war nicht knapp dran, auch weil sie sparsam mit dem Erwirtschafteten umging. Am Münchner Stadtrand übernachtete sie in einer Herberge, die ihr die Freunde in Berlin empfohlen hatten. Geführt von Freunden der Freunde. Die Eigentümer ließen sie sogar kostenlos im Stroh liegen, und reichten ihr am Morgen Semmel und Zwetschgenmus.
Dann stand sie erneut an einer Straßenkreuzung, wartete auf Automobile und erhaschte die Aufmerksamkeit eines Fahrers. Der Wagen steuerte direkt auf sie zu, sie schrak auf, wich einen Schritt zurück. Bevor sie die Hand heben konnte, sah sie eine Bremsspur. Aus dem Wagen sprang ein junger Mann. Stellte sich höflich vor:
„Leone Terni.“
Sie stieg ein. Ein komfortables Gefährt, dachte sie mit etwas Erleichterung, ein aufgeräumter junger Mann, frisch rasiert, der Duft seines Gesichtswassers wehte zu ihr auf den Beifahrersitz. Sie fühlte sich nicht unwohl in seiner Gegenwart, auch wenn sie dieses dumpfe Ziehen im Unterleib kannte, das sie jedes Mal begleitete, wenn sie in einen fremden Wagen stieg.
Herr Terni wirkte respektvoll und warb vornehm in italienischem Charme. Sie schätzte ihn auf etwa dreiundzwanzig sein. Und gesprächig war er, erzählte, er sei auf dem Weg nach Venedig, wo am nächsten Abend ein großes Konzert stattfinden würde. Aus der Seitentasche zog er ein Werbeplakat und reichte es ihr. Venedig: Nachtkonzert auf dem Markusplatz.
„Hast du Lust, mitzukommen?“
„Klar. War noch nie in Venedig.“
„Zwischenstation für heute Abend ist Bolzano, bei Kameraden, wenn du einverstanden bist.“
„Warum nicht?“, antwortete sie, Ziel war besser als Stillstand.
Während er fuhr, lenkte er das Gespräch auf seine Heimatstadt Livorno.
„Aus Livorno mit einem solchen Wagen? In meinem Sprachkurs hatte ich Livorno als Stadt von Industrie, Arbeitern, Freidenkern und Juden kennengelernt.“
„Nicht ganz falsch“, lachte Leone, „aber keine Arbeiter ohne Fabriken und keine Fabriken ohne Besitzer, keine Besitzer ohne Banken und …“
„Keine Banken ohne Juden“, alberte Hulda, ohne den Blick von der Straße zu nehmen.
Beide spaßten miteinander. Hulda besah sich die Armaturen: Lancia Augusta. Sie kannte sich bei Autos zwar nicht aus, aber sie konnte sich nicht erinnern, je in einem solch feinen Wagen gesessen zu sein. Innen und außen war er tiefblau lackiert, blanke Chromspangen blinkten. Sie streckte sich, versuchte, über die Motorhaube hinwegzusehen, aber der Wagen war größer als sie es gewohnt war. Sie saß tief in den weichen, ledernen Sitzen, die mit einer schokoladenfarbenen Patina überzogen waren. Ternis Rasierwasser mischte sich mit Maschinenöl- und Zigarettengeruch.
„Leone,“ führte er sich ein, „Sie können mich gerne mit meinem Vornamen ansprechen.“
„Ganz meinerseits,“ sagte Hulda, ohne ihren Namen zu nennen, „wir können uns gerne Duzen“.
Leone bot ihr eine Zigarette an, sie lehnte ab: „Danke, Zigarillo gern, aber ...“
„Du bist auch aus keiner Arbeiterfamilie.“
Sie schüttelte den Kopf. Er lachte kurz auf, verhielt sich, als hätte er ihre Herkunft bereits abgehakt und gab ihr einen Klaps auf die Schulter, dann drehte er den Knopf. Schon erschallte Musik, eine Stimme.
Verblüfft fragte sie: „Was ist das?“
Mit einer gewissen Genüsslichkeit, die sie zurückhaltend werden ließ, erklärte er ihr, langsam, als würde er ein Kunstwerk vorführen: „Radio, ein Magneti-Marelli-Empfänger, hat mein Vater nachrüsten lassen.“
„Ein Radio im Auto?“
„Du hast es erfasst.“
Perfekt war das Gerät nicht – leicht schief eingebaut, ein Kabel führte entlang der Karosserie zu einem Draht, der beständig vibrierte und bei jedem Straßenloch ausschlug. Aus dem Lautsprecher rauschte es, dann kam Marschmusik.
Leone drehte weiter an dem Knopf, bis ein Sprecher zu hören war. Er verrauschte, weil sie mit offenem Fenster fuhren. Sie betrachtete ihren Fahrer näher. Jetzt erst bemerkte sie, dass er eine dunkelblaue Uniform trug.
„Bist du bei der Feuerwehr?“
Er amüsierte sich über die Frage.
„Rate weiter“, sagte er – zu schnell, zu sicher.
„Entschuldige – ich spreche zwar Italienisch, aber dies ist meine erste Italienreise.“
„Dafür sprichst du erstaunlich gut, höre ich einen deutschen Akzent heraus, vielleicht sogar mit jiddischem Einschlag?“
Hulda fühlte sich ertappt. Hatte sie sich verraten? Die Frage hatte keinen Stich – noch nicht. Ob sie vertrauen könne? Um ihn zu testen, sagte sie: „Nu, wenn du so gut hörst, sag mir, woher ich komme.“
Er hielt inne: „Nu“, sagte er instinktiv und lächelte.
Das Nu war genug, um ihn als Aschkenasi zu verbuchen. Entspannt lehnte sie sich zurück:
„Ich heiße Hulda. Komme aus Deutschland, aus Kassel, falls du die Stadt kennst, ziemlich im Zentrum des Landes. Welche Uniform trägst du?“
„Kennst du Betar?“
„Wie ich sagte, Italien ist mir noch fremd.“
„Hat nicht direkt mit Italien zu tun. Betar ist eine jüdische Jugendbewegung. Ich hatte ihren Gründer, Wladimir Jabotinsky, letztes Jahr in Livorno gehört und, weil mein Vater ihn zu uns nach Hause zum Essen eingeladen hatte, lernte ich ihn persönlich kennen. Er ist ein irrer Typ, ein vollkommen irrer Typ, auch bewundernswert.“
Und Leone erzählte nicht, er predigte – von Jabotinskys Zeit in der jüdischen Legion im Ersten Weltkrieg, die dieser gegründet hatte. Und schwärmte von seiner zionistischen Idee eines jüdischen Staates am Jordan. Der Spruch des Abends, den sich Hulda leicht merken konnte und niederschrieb, lautete: שני גדות לירדן, זו שלנו וזו גם כן. Sie fügte dahinter die Übersetzung an, die sie mit drei Fragezeichen ausstattete: „Zwei Ufer hat der Jordan, das eine ist unser, und das andere ebenso ???“
Hulda zuckte kurz zusammen, blitzschnell ging ihr die Frage durch den Kopf, ob sie ihm erzählen sollte, dass sie zum Schwarzen Banner gehörte. Sie biss sich auf die Zähne und hoffte, dass er es nicht bemerkt hatte. Besser nicht, dachte sie. Er würde sie wohl aus dem Wagen werfen, wenn sie ihm entgegenhielte, dass sie die zionistische Idee für Verrat an der Heimat hielt – ob an Deutschland oder an Italien, und für Verrat am Judentum, wie sie es in ihrer Jugendgruppe gelernt hatte. Noch war der Messias nicht gekommen – ein eigener jüdischer Staat erschien ihren Freunden als eine säkulare Idee, als purer Kommunismus. Sie gefährdet Tradition, Heimat, Familie, soziale Kontakte und Berufsmöglichkeiten. Es war schlimm genug, empfand Hulda, und sie dachte an ihre eigene Mutter, dass es immer mehr jüdische Stimmen gab, die das Erkämpfte und Angestammte für ein jüdisch verbrämtes Eretz Israel eintauschen wollten und damit Antisemiten Vorschub leisteten, gegen Angehörige der israelitischen Religion zu Hause vorzugehen, die ihre eigentliche Heimat liebten. Schlimmer noch, Zionisten untergruben ihrer Meinung nach die immer schon gefährdete jüdische Stellung in der Gesellschaft, weil sie sie als unzuverlässige Staatsbürger erwiesen.
Er hatte seinen linken Arm aus dem Fenster gelehnt, die Hand am Lenkrad, die rechte auf der Konsole dazwischen. Mit ihrem Bein berührte sie diese, ihre eigene nach draußen gestreckt, schaute in die Sonne und ließ die Berge Südtirols an ihnen vorbeigleiten. Leone drehte sich um zu ihr, besah sie: schlank, dunkle Bluse, weit geöffnet, die Haare vom Fahrtwind aus dem Gesicht geweht –, er sonnte sich sichtlich in der Vorstellung, wie die Freunde erstaunt schauen würden, wen er zum Übernachten und zu Konzert und Feier diese berauschende junge Dame mitbringen würde.
Das Krächzen im Lautsprecher legte sich, eine Fanfare brach durch.
Eine Männerstimme verkündete „Erste Siege über Abessinien ... das Heldentum von Oberbefehlshaber Pietro Badoglio und seiner italienischen Truppen, der Regia Aeronautica Italiana...“
Hulda verstand nicht jedes Wort, hörte aber Fetzen wie „Bomben ... Ausräucherung“ und Pathos.
Die Nachrichten hellten Leone auf, als wären sie gute Wirtschaftszahlen: „Addis Abeba gehört wieder zum italienischen Königreich“, sagte er, als hätte er es selbst erobert und riss die Arme dabei hoch, indem keine Hand am Lenkrad blieb.
Hulda erschrak und wusste nicht, ob sie sich mehr über die Nachrichten, seinen Siegesschrei oder die Tatsache besorgte, dass der Wagen frei nach vorne steuerte und dabei einen leichten Linksdrall zu einer hohen Böschung aufwies.
„Du warst dort?“ sagte sie verwundert, um ihre Bedenken zu überspielen.
„Noch nicht. Aber vielleicht mache ich mich eines Tages auf den Weg dorthin. Betar wird Kolonien brauchen – wer weiß?“
Hulda und ihre schwarzen Bannerfreunde hatten oft in ihren Camps über die zionistische Bewegung, ihre Ziele und Wege diskutiert, auch gestritten, aber ihr leuchtete nicht ein, warum sie als Jüdin die Politik unterstützen solle, die eigene Heimat von Deutschland, oder auch Italien, dessen zu berauben, was sie nur geworden war, weil ihrer Auffassung nach Jüdisches zusammen mit Christlichem und vor allem der aufklärerischen Revolution des neunzehnten Jahrhunderts eine unvergleichliche Kultur geschaffen hatte, die ihr Erziehung, Schule, Bildung und als Frau eine nie dagewesene Freiheit bereitet hatte. Sie erlebte eine Verbindung von Kunst, Musik, Literatur, Philosophie, Medizin, Naturwissenschaften und auch Ökonomie wie sie aus der Geschichte noch nie dagewesen war. Sie hatte sie auch nur in Deutschland erlebt, während ihre eigene Familienangehörigen weiter im Osten bei Familienbegegnungen ein gänzlich anderes Leben führten – wie sie meinte, ein viel weniger entwickeltes und gewiss für ihre Nichten ein viel eingeschränkteres. Wieso sollten Juden oder Halbjuden, Frauen wie sie selbst, ausgerechnet nach Abessinien, nach Nordafrika oder nach Palästina in die Wüste auswandern, in der sie nur verschleiert in patriarchalen Gesellschaften überleben könnten?
Absurd, dachte sie, und lächelte doch zu dem in Anzug neben ihr sitzenden Leone hinüber, der tief den Rauch aus seiner zigsten Zigarette inhalierte und offensichtlich über ihre gemeinsame Fahrt, einen vor ihm liegenden fröhlichen Abend im Kreis seiner Freunde nachdachte. Sie hielt ihre Gedanken bei sich, weil sie nicht ein, zwei nette Nächte mit günstigen Übernachtungen und ein fröhliches Fest in einer ihr noch unbekannten Stadt gefährden wollte. Dies schienen ihr ausreichende Mitfahrziele für einen geringen Preis der Bekanntschaft zu sein.
Am Eingang von Bozen bog Leone nach rechts über den Corso Libertà, die Via Giulio Cesare in die Via Orazio ein, wo sie an einer Reihe stattlicher Häuser vorbeikamen, die nicht lange zuvor erbaut zu sein schienen.
„Also hier wohnt die neue Elite?“
Leone sagte nicht wenig stolz: „Das unter dem Duce errichtete italienische Viertel.“
„Ich habe mich schon über die Straßennamen gewundert, dachte ich doch, wir wären noch in Tirol und in Bozen spräche man Deutsch.“
„Ja und nein – nach dem Sieg über die österreichisch-ungarischen Truppen wurde Südtirol 1919 italienisch und in den letzten Jahren entstand diese fast ausschließlich durch aus dem Süden kommenden Familien besiedelte Neustadt.“
„Darum leben deine Freunde hier.“
„Ja, sie waren hierher gezogen, weil die Militärverwaltung für den Flugplatz am Galgenbühl italienische Mitarbeiter brauchte. Dort ist die norditalienische Logistik und an dieser Stelle werden Flugzeuge bestückt, bevor sie auf die Kolonialbasen in Abessinien fliegen.“
„Und Deine Freunde haben nichts dagegen, wenn du ohne zu fragen eine wildfremde Person mitbringst?“
„Person? Eine attraktive Frau wie Dich!“
Hulda errötete leicht, aber sie wusste, welchen Wert er ihr beimaß.
„Überhaupt nicht“, fuhr er fort, „wir funktionieren als Einheit. Wir alle sind Kameraden vom Betar. Heute Abend ist ein Besuch im Kinosaal geplant, danach gehen wir in eine Gaststätte in der Altstadt. Du bist herzlich eingeladen.“
„Na dann!“
Als sie angekommen waren, half Leone ihr mit ihrem Rucksack aus dem Wagen. Die Wohnungstür öffnete sich und sie wurden mit lauten Stimmen begrüßt. Leone stellte seine Gefährtin kurz vor, ließ durchblicken, dass sie zwar Deutsche sei, aber in den wesentlichen Fragen stünde sie auf der richtigen Seite. Die beiden Freunde hatten ihn verstanden, hießen Hulda herzlich willkommen und offerierten ihr ein Glas Lambrusco.
Es sollte feuchtfröhlich weitergehen.
Schon in guter Stimmung spazierten sie bald hinüber zum Siegesmonument.
„In nur zwei Jahren nach der Grundsteinlegung hat der Duce an dieser Stelle dieses Denkmal errichten lassen.“
Sie umrundeten das Denkmal, Hand in Hand bildeten sie eine kleine Menschenkette von Bewunderern. Hulda schmunzelte, denn sie erkannte auf Anhieb, dass alle Säulen, die sich nach oben streckten und den Architrav mit der Inschrift trugen, stilisierte Liktorenbündel waren.
Für einen Moment stellte sie sich vor, wie die Jungs schauen würden, wenn sie sie im Kostüm sähen, mit dem sie in Berlin aufgetreten war.
Sie zögerte kurz – holte aber dann die Fotos aus ihrer Geldbörse und gab sie herum, sie verrieten nicht, in welcher Gesellschaft sie aufgenommen worden waren – oder zeigten nicht mehr, als dass es sich um eine italienische und deutsche Gesellschaft handelte.
Das Gelächter der Jungs kam prompt und laut; genau darauf hatte sie gesetzt. Sie lösten die Hände, zogen sie in ihre Mitte, hängten sich bei ihr ein und im schleppenden Gleichschritt liefen sie, witzelnd und schon leicht beschwingt, die Via Vittoria hinunter zum Cinema Vittoria.
Gleich zu Beginn lief das Giornale LUCE. Die Wochenschau pries die Erfolge der Regia Aeronautica in Abessinien: Zangenangriffe, Vorstöße, Vormarsch.
Bei jedem Abwurf leuchtete ein Blitz auf, gefolgt von einem hochschießenden Rauchpilz, man sah einen Fahrzeugtross, den der Treffer verschluckte, danach blieb nur ein schwarzer Krater und johlende Männer neben ihr, die sich kaum noch in den Klappstühlen halten konnten und sie am liebsten auf ihren Händen nach oben geworfen hätten.
Hulda hielt sich fest an Stühlen und Armen, ihr Rock flog auf.
Im Halbdunkel flüsterten sie sich zu, dies seien die neuen italienischen Bomben – mit Senfgas gefüllt.
Hulda schwieg – sie wollte nicht anecken – beugte sich aber leicht zu Luigi und stellte die leise Frage: „Was meint Senfgas, was ist das für ein Stoff?“
Luigi zischte zurück, sie solle leiser sein: Staatsgeheimnis. Doch, sagte er kaum hörbar, man habe erzählt, dass man die neuen Kampfmittel zuerst an Vieh und Kamelen ausprobiert habe – und in Dörfern. Nach ein paar Tagen, murmelte er, sei dort kaum noch etwas herumgekrochen, alles mausetot.
Hulda konnte nicht loslassen mit Fragen – während sie sich nach außen beherrscht gab, sackte ihr innerlich das Herz ab. Sie wollte sich nicht ausmalen, was an der Front geschah. Sie musste es auch nicht: Auf der Leinwand lief Il cammino degli eroi, der Film von Corrado D’Errico aus dem Vorjahr. Er zeigte drastisch, worum es an der Front ging.
Wochenschau und Film wirkten: Die Jungs sprangen auf, sangen und reihten sich in den Strom der feiernden und jubelnden Soldaten ein, die mit geschwungenen Gewehren durch die Gassen zum zentralen Platz Bozens marschierten. Dort war man dabei, bereits eine Bühne aufzurichten – offenbar war auch hier für den nächsten Abend eine Siegesfeier geplant.
In einer Seitengasse fanden sie eine überfüllte Taverne, die zu einem Hotel gehörte. Sie drängten sich durch die Menge und bestellten einen Fiasco an der Theke, an der sie sich einen Platz erstritten hatten. Leone flüsterte Hulda ins Ohr, sie solle eine Bedienung bezirzen, damit er ihnen einen Tisch freiräume. Hulda hatte verstanden. Sie schlängelte sich zu dem sichtlichen Capo Cameriere, schmiegte sich an ihn und fragte in ihrem Italienisch mit deutschem Einschlag, ob er etwas frei für sie und ihre Begleitung habe.
„Frei?“ fragte er Hulda und ließ seinen Blick weniger über die Tische als über andere Kanten fahren, nahm sie bei der Hand und führte sie in einen Nebenraum, in dem es zwar ebenfalls hoch her ging, aber in einer Ecke einen freien Tisch gab, auf welchem eine große Kuhglocke mit „Stammtisch“ darauf eingraviert stand.
„Der ist für Euch – ich werde bei Schichtende dazu kommen!“
Kurz darauf stand eine bauchige Chianti-Flasche mit Strohgeflecht neben der Glocke. Sie füllten die Gläser und stießen – ohne Zögern – auf den König, den Duce und den Capo Cameriere an.
Luigi rückte näher zu Hulda, auch er verschmähte die Richtung nicht, die der Capo eingeschlagen hatte. Schon bei Huldas Ankunft an der Wohnungstür hatte er sie so betrachtet, dass sie wusste, woran sie bei ihm war.
Gleichzeitig wollte sie Leone nicht düpieren – er hatte sie eingeführt, achtete auf sie, und seit er das Foto gesehen hatte, brannte er förmlich: sprach ihr gegenüber zu schnell, kam ihr höflich zuvor, noch ehe sie überhaupt etwas sagen konnte.
Im Freudengetümmel des Raumes glitt das Gespräch schnell von Abessinien nach Palästina ab. Die Jungs sprachen von der bevorstehenden Abfahrt der Sara 1, dem neuen Schulschiff – und berieten sich, ob sie an Bord gehen und sich dort ausbilden lassen sollten. Wer mitfuhr, sagten sie, kam ohne Ticket und ohne Anheuern nach Erez Israel. Betar habe dafür in Italien eigens eine Seefahrtsakademie gegründet; finanziert habe das, so erzählten sie stolz, ein belgischer Industrieller.
Hulda verstand die Lust auf See, auf Abenteuer, auf Welt – aber was sie an politischen Hoffnungen hörte, erschien ihr als Traumwerk, im Kern sogar gefährlich für das Land ihrer Väter. Sie sagte nichts. Sie lächelte, spielte mit – und ließ die Jungs gewähren, die sich bereitwillig betören ließen.
Tief in der Nacht erschien auch der Capo, wohl der Einzige im Raum, der noch nüchtern war. Im Arm trug er eine weitere Flasche Chianti, die mindestens drei Liter fasste. Nicht nur an diesem Tisch schenkte er die Gläser voll, auch die Nachbartische profitierten von der Einladung. Man lag sich in den Armen und schwelgte von einem neuen Italien, von Größe und Ruhm, von einem Reich, das sich über das Mittelmeer hinaus erstrecken und den alten Glanz Roms wiedererwecken sollte. Hulda sang mit und wollte nicht Spielverderberin sein, auch nicht gegenüber dem großzügigen Freier. Alle waren vergnügt, die Welt war in Ordnung oder schien von Tag zu Tag in eine höhere Ordnung gefügt zu werden, der man sich gerne hingab.
Irgendwann, es musste wohl schon im Morgengrau gewesen sein, waren sie wohl aufgebrochen, denn sie fanden sich zu Viert in der Wohnung der Freunde wieder.
Für den Rest der Nacht wurde Hulda das Schlafzimmer angeboten, während sich die Drei auf dem Sofa und Boden einrichten wollten. Am Ende aber saßen sie noch gemeinsam im Kreis und ließen die letzte Flasche wandern, die Luigi aus der Küche gebracht hatte. Luigi kippte bald als Erster nach hinten und schlief mit leisen Lauten ein; kurz darauf der Nächste. Nur Leone blieb wach.
Leone fragte seine Nachbarin und schien plötzlich wieder völlig nüchtern: „Hulda – was machst du eigentlich? Studierst du? Oder warum willst du auf deiner ersten Reise durch Italien in Rom? Ich könnte dir im Norden Italiens noch vieles über Venedig hinaus zeigen, Bologna, Ravenna.“
Ihre Zunge war schwer, doch sie hatte das Gefühl, noch klar genug zu sein, sich nicht zu verhaspeln: „Ich bin Künstlerin. Ich male, arbeite mit Stein – und verdiene Geld mit Modellsitzen.“
Leone legte den Kopf schräg; er hätte sie eher auf der Schule verortet – wegen ihres Aussehens, Alters, ihrer Sprache und ihres Tons – aber Künstlerin passte auch zu ihr. Dann setzte er nochmals die Frage hinzu: „Warum Rom?“
„Ich arbeite mit einem arabischen Künstler zusammen – er hat ein Stipendium in Rom. Wir wollen ein paar Arbeiten gemeinsam entwickeln.“
„In welche Richtung?“
Hulda wich aus: „Kennst du dich in Kunst aus?“
„Nicht gut“, gab er zu, „ich weiß nur, dass unsere Bewegung vielen Künstlern neue Möglichkeiten eröffnet. Das Siegesdenkmal…“
Hulda schnitt ihm das Wort ab und wurde mit jedem Atemzug klarer im Kopf: „Kunst hat immer einen politischen Rahmen – sie blüht unter manchen Bedingungen, unter anderen verdorrt sie. Aber ich bin Künstlerin, weil Kunst über das Tagesgeschehen hinausweist, Kunst ist wie Religion. Manchmal kann sie noch Leben geben, vielleicht sogar nur dann, wenn die Politik den Menschen verhungern lässt.“
„Politik braucht aber Kunst – das meinte ich mit dem Siegesdenkmal. Menschen müssen Größe sehen, Richtung erkennen.“
Hulda antwortete trocken: „Du sagst das. Und deshalb hat man wohl zusätzlich eingraviert, was man zu sehen hat, sie zeigte auf die Postkarte, die sie am Museumsportal erworben hatte: HIC PATRIAE FINES SISTE SIGNA: HINC CETEROS EXCOLVIMVS LINGVA LEGIBVS ARTIBVS.“
Sie überlegte kurz und meinte dann: „Gute Kunst braucht eigentlich keinen Titel. Das römisch gedachte Mal markiert die patria und ihre Grenze – und ist zugleich durchlässig. Heimat ist nicht nur Ort oder Raum, sie ist auch Zeit: Vergangenheit, Jetzt, Morgen. Warum muss man da noch dazuschreiben, dass man die anderen in Sprache, Gesetz und Kunst erzogen habe? Wer auf dem Platz steht, sieht und spürt es ohnehin in den Steinen.“
„Erziehung geht nicht ohne Vorgaben.“
„Die äußere – ja. Aber die blättert oft wieder ab. Was unter die Haut gehen soll, braucht eine andere Sprache: ohne Buchstaben, ohne Grammatik. Oft Stille. Die versteht man in jeder Zeit, in jeder Zunge und sogar ohne.“
Sie rückte nah an ihn heran. Noch bevor er zur nächsten Frage ansetzen konnte, legte sie ihre Lippen auf seine – leise, sicher – und sie sanken wie die anderen zu Boden, lagen nebeneinander und schliefen ein.
Am nächsten Abend stellten sie in Venedig den Wagen am Stadteingang ab und gingen zu Fuß weiter – Richtung Markusplatz. Die Menge wurde dichter; sie mussten sich regelrecht hindurchdrücken. Leone hielt ihre Hand fest, besonders auf den schmalen Brücken über die Kanäle zwischen den Palästen.
Je näher sie dem Festplatz kamen, desto massiver wurde das Gedränge.
„Weißt du überhaupt, wohin wir müssen?“
„Du wirst schon sehen. Vertrau mir – du wirst es nicht bereuen.“
Seine Gewissheit wirkte: Sie ließ sich von ihm durch die Masse ziehen. In der blauen Uniform strahlte er Autorität aus; er schob Körper zur Seite, drängte voran und fand immer wieder einen Spalt, durch den er sie hindurchführte.
Sie erreichten den grell ausgeleuchteten Platz. Leone bog in eine Seitengasse ab und führte sie durch einen dunklen Gang zum Hintereingang eines Palazzos – er kannte den Weg.
Nach wenigen Schritten traten sie auf die von einer Balustrade eingefasste Terrasse, die im Flutlicht von allen Seiten gleiste. Rechts und links standen Standarten; vor ihnen erhob sich eine Rednertribüne mit einem übergroßen Mikrofon am Pult.
Die Menschenmenge brauste, aus Tausenden von Mündern klang:
Giovinezza! Giovinezza!
Primavera di bellezza…
Leone übergab ihre Hand einem Nachbarn, der in dieselbe Uniform gekleidet war wie er.
„Warte hier, bis ich fertig bin!“
Hulda blieb auf der Terrasse zurück, zwischen Standarten, Kabeln und Männern mit Kopfhörern, die Mikrofone prüften. Unter ihr drängte die Menge weiter zusammen; aus der Tiefe stieg ein heiseres, dann lauter werdendes Singen – Faccetta nera, bell’abissina… rollte wie eine Welle über den Platz, dann mischte sich von einer Seitengruppe ein weiteres Lied hinein, Faccetta nera, gehässig fröhlich, triumphal.
Hulda wartete – im Lichtkegel, aber ohne Auftrag.
Schließlich sah sie ihn wieder – jetzt in voller Statur, im flutenden Licht.
Die Scheinwerfer zogen scharfe Kanten um seinen Körper, Fliegen irrten um sein Gesicht, als hinge ein unsichtbarer Honig in der Luft.
Leone stand am Pult, gestikulierte, seine Stimme trug über den Platz, laut und verheißend: Er pries die Siege in Abessinien, die Neuerungen der italienischen Kriegsführung, die Strategie – und stellte alles unter das Zeichen der frisch geschmiedeten Allianz zwischen Italien und Deutschland.
Er endete mit einem Fontane-Zitat – einem, das Hulda kannte und das sie früher einmal gemocht hatte: „Keiner ist ein schlechter Mensch – aber im Unterschied zur überlegenen weißen Rasse gibt es den Untermenschen, ohne Schwung, ohne Stolz.“
Der Platz brach in Jubel aus – ein einziger Aufschrei, der die Rede verschluckte und sie zur Tatsache machte.
Hulda erblich.
Ohne dass sie begriff, wie, stand sie plötzlich selbst im Lichtkegel – umringt von Fotografen, Mikrofonen, Männern mit Kamerageräten wie Waffen und Helfern. Kabel wurden herangeschleppt, Stative hochgezogen, Mikrofone ihr zugedreht.
Man wollte ein Wort von ihr – eine Antwort auf die Fanfare des Mefaked Terni.
Sie wusste, was das hebräische Wort „Mefaked“ bedeutete – Führer.
Und sie wusste zugleich, dass damit Leone gemeint war, auch wenn ihr Verstand sich dagegen wehrte. Sie rettete sich in ein gebrochenes, halb deutsches, halb italienisches Gestammel, bis die Reporter sich von ihr abwandten und andere um sie herumstehende Besucher befragten. Bemüht, zu verschwinden, entzog sie sich dem Scheinwerferlicht und schlug den Weg zurück zum Eingang des Palazzos ein, woher dem sie gekommen war – und wartete dort im Schatten.
Es dauerte Ewigkeiten, bis die Bühne sich leerte. Aus der Distanz sah sie ihn Hände schütteln, sich verbeugen, wie er an die Brust gezogen wurde – von beleibten Männern und nicht minder robusten Frauen mit zuversichtlichen Blicken. Er wirkte wie der erwartete Meteor, den die Garde nun in ihre Zukunft tragen wollte.
Zuletzt trat ihm eine schmale, schwarzhaarige Frau entgegen. Braun-, eher khakifarbenes Hemd, knielanger marineblauer Rock, um den Hals ein blau-gelbes Tuch, dazu geschnürte Stiefel, Kniestrümpfe, Barett – Hulda erkannte sofort, dass dies nicht die erste Begegnung war.
Die Betarot, ebenfalls eine Angehörige der Betar, fiel ihm um den Hals, beglückwünschte ihn – und als sie ihm, hinter der Mütze verdeckt, einen langen Kuss gab, wandte sich Hulda abrupt ab und verließ im Stechschritt den Platz dieses Vaterlandsverrats. Sie rannte vom Platz – und irgendwann fand sie sich in einem Lastwagen wieder, ohne zu wissen, wie sie eingestiegen war.
Ihr war gleich, wo sie die Nacht verbringen würde.
Die Fahrt in dem klapprigen Camion zog sich. Der in sich gedrungene Fahrer schwieg. Sie war erschöpft. Rom hatte er als Ziel genannt, doch er wirkte, als kenne er eher die Richtung als Strecke und Ort. Der Speck im Nacken glänzte, er roch, als hätte er seit Stunden keinen Halt gehabt – keine Waschgelegenheit, kein Wasser, keine Pflege. Jedes Mal, wenn er den Gang mit Gewalt einlegte, rappelte und erzitterte die Kabine. Vielleicht fuhr der Wagen nur noch aus Gewohnheit. Der rüttelnde Kampf gegen den Schlaf hielt ihn wach; auch Hulda, die durchgeschüttelt wurde. Doch kein Blick traf sie.
Hulda saß dicht unter der Plane, die das Fahrerhaus überspannte; die Vibration kroch ihr vom Scheitel bis in die Sohlen. Ihr fiel Leone ein – und sie musste einräumen, dass sie ihm in dieser Nacht verfallen wäre. Die Erregung saß ihr noch in Haut, Armen und Beinen, doch gleichzeitig schoss dieselbe schroffe Abneigung in ihr hoch, sobald das Bild des Kusses in Uniform vor ihr stand. Der Geruch von Öl und Gummi bestätigte ihr, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte, Leone verlassen und in den von ihr angehaltenen LKW gestiegen war.
Sie dachte an Rom – an Berlin – und wieder an Rom.
Irgendwann musste sie eingenickt sein. Mit flimmernden Augen kam sie gegen Morgen zu sich. Der Alte saß unverrückt hinter dem Steuer, als hätte man ihm eine Bohnenstange an den Rücken gebunden, den Blick starr auf die Straße geheftet – ohne jede Pause, ohne ein Zittern.
„Nicht müde? – Könnten wir beim nächsten Café halten? Ich müsste …”
Erstmals löste er den Blick von der Straße; ein müdes Lächeln zog über seine Lippen.
„Eingenickt, Signorina?”
„Ich würde Sie gern auf einen Espresso einladen – als kleinen Dank für die Fahrt durch die Nacht.“
„Werden Sie erst einmal groß und passen Sie auf, mit wem Sie fahren. Wären Sie meine Tochter gewesen, hätte ich die ganze Nacht nicht geschlafen. Auch so habe ich nicht geschlafen. Was machen Sie allein auf der Straße – ohne dass Sie müssen?“
„Müssen schon – nur nicht so.“
Er nickte langsam; er hatte verstanden.
„Von zu Hause weg?“
„Nicht direkt. Ich bin auf dem Weg zu einem Freund – aus Berlin, mit Stipendium in der Villa Massimo.“
„Die deutsche Kunstakademie kenne ich – ich fahre öfter Material zwischen dem Reichsministerium in Berlin und der Villa hin und her. Ein Zufall.“
„Und heute auch dorthin?“
„Tatsächlich, ja.“
„Dann kennen Sie das Haus?“
„Kennen wäre übertrieben. Ich habe mit der Verwaltung zu tun und sehe die Künstler nur, wenn ich deren riesige Steine oder Skulpturen transportiere.“
„Wie ist es dort?“
„Aufgeräumt. Organisiert. Seit unser Duce und der Deutsche die Achse geschmiedet haben, bin ich ständig auf der Strecke. In Berlin wie in Rom finde ich am Ende jeder Tour ein ordentliches Essen in der Kantine. Du wirst sehen – wir gehen dort nicht hungrig raus.“
Er merkte, dass er unmerklich vom Sie ins Du gerutscht war; als gehörte sie bereits zur Fuhre.
„Dann kann ich also mit?“
„Wenn du beim Abladen mithilfst.“ Ein Anflug von Heiterkeit huschte über sein Gesicht.
„Und dein Freund ist dort?“
„Freund ist zu viel gesagt. Ich kenne ihn erst seit Kurzem – eigentlich bin ich nur sein Modell und lerne vom Zuschauen.“
„Die Figur hast du – aber pass auf.“ Der Ton bekam etwas Väterliches. Leiser, vertraulicher:
„Die Villa ist das deutsche Zentrum faschistischer Propaganda.“
„Wie meinen Sie das?“
„Wir waren beim Du – da laufen nur braune und schwarze Kotzköpfe herum – der Duce, Dazzi, Zanelli. Die Stipendiaten sagen, viele von denen sitzen auch in der Jury. Von eurer Seite, Bruchfeld und Breker. Vor Kurzem habe ich einen Teil des Hausstands von Richard Scheibe in Berlin abgeholt und hierher gefahren. Ihn mit.“
„Scheibe? Sagt mir nichts.“
„Soll berühmt sein. War furchtbar besorgt und pingelig, als ich eine noch unfertige, lebensgroße Figur – einen nackten Krieger mit Stahlhelm, der sich auf ein Schwert stützt – in den Wagen hievte. Diese Künstler sind derart empfindlich. Am Ende ist es doch nur Beton, Stein oder Gips. Noch schlimmer war es, als ich das Ungetüm später nach Frankfurt – oder war es Nidda, irgendwo dort in der Nähe – schaffen musste. Mit Künstlern arbeiten? Überleg dir das gut.“
Der Lastwagen rollte in den Hintereingang der Villa Massimo.
Er öffnete ihr die Beifahrertür. „Dort drüben ist der Haupteingang, hier vor uns links die Tür zur Kantine. Vielleicht sehen wir uns dort.“ Er wies auf die Seitentür der Villa.
„Vielen Dank – ja vielleicht komme ich später in die Kantine.“
„Würde mich freuen – auf jeden Fall, pass gut auf dich auf!“
Mit einem leichten Kopfnicken, einem mezzo sorriso, zog er die Mütze ab und hielt sie an die Brust. Sie reichte ihm die Hand, warf ihm einen flüchtigen Blick zu. Unter den Pinien lag gedämpftes Licht.
„Es war mir ein echtes Vergnügen, Fräulein.“
„Ganz meinerseits.“
Sie hielt seinen Blick einen Moment länger als erwartet.
„Und… auf Wiedersehen.“
„Bis bald.“
Er verbeugte sich leicht, wandte sich ab und ging zur Ladefläche – das Lampenlicht lag noch auf seinem Rücken, ehe er im Halbdunkel verschwand. Der Lastwagengeruch wich abrupt dem Kalk und Marmor der Villa Massimo.

